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Walter Benjamin: Was Johann Heinrich Voß im nachfolgenden Brief seinem Freunde Jean Paul mitteilt, führt den Leser an die Quelle der deutschen Wiedergeburt von Shakespeare. Johann Heinrich Voß an Jean Paul Heidelberg, 25. Dezember 1817 Der heutige und gestrige Tag haben mich zurückversetzt in die
früheren Jahre der Kindheit, und ich kann noch gar nicht heraus.
Ich weiß noch, mit welcher Ehrfurcht ich des Christkindes gedachte,
das ich mir als einen violetten kleinen Engel mit rotgoldenen Flügeln
vorstellte, aber seinen Namen wagte ich nicht auszusprechen; bloß
gegen meine Großmutter konnte ich's, die mir noch ehrwürdiger
schien. Mehrere Tage vor dem Heiligen Abend war ich still in mich gekehrt,
aber nie ungeduldig. Rückte aber die heilige Stunde heran, da wuchs
die Ungeduld fast bis zum Zerspringen des Herzens. O wie viele Jahrhunderte
vergingen, bis endlich die Glocke erschallte. - In späteren Jahren
gewannen meine Weihnachtsfreuden andere Gestalt, seitdem Stolberg in
Eutin lebte, den ich ganz unaussprechlich liebte, in dessen Gegenwart
zu sein, ich, der spielfrohe, jedem Kinderspiele vorzog, dessen Händedruck
mich bis ins innere Mark durchschauerte. Dieser Mann gab mir sehr früh
Unterricht im Englischen, und als ich vierzehn Jahre alt war, forderte
er, ich sollte Shakespeare lesen und mit dem Sturm anfangen. Das geschah,
etwa sechs Wochen vor Weihnachten, und am zweiten Weihnachtstage war
ich bis an die Maske von Ceres und Juno gekommen. Damals war ich sehr
kränklich. Meine Mutter hatte Stolberg gebeten, er möchte
mich dann und wann auf Spazierfahrten mitnehmen. Das geschah an diesem
Tage. Eben wollte ich anfangen, die Maske zu lesen, da hielt der Wagen
und Stolberg rief mir freundlich zu: "Komm, lieber Heinrich."
Und ich, wie ein Rasender stürzte ich hinaus und in den Wagen hinein.
Nun wogte und wühlte es in meinem Herzen. Himmel, wie schwatzte
ich dem armen Stolberg die Ohren voll von Shakespeare; und der freundliche
Mann ließ sich alles gefallen, und war nur froh, daß Shakespeare
bei mir Feuer gefangen. Als wir zurückfuhren, war meine einzige
Sorge, der Wagen möchte vor zwölf Uhr, unserer Essenszeit,
an unserer Tür halten. Aber Gottlob! es schlug halb eins, als wir
noch bei der Fissauer Brücke waren. Nun durfte ich bei Stolberg
essen. Ich saß neben ihm, und weiß noch die Gerichte. Wie
schmeckte mir nun Shakespeare, als ich in der Dämmerung zu ihm
zurückkehrte. Seit der Zeit sind Shakespeares Sturm, Weihnachten
und Stolberg in meiner Phantasie ununterscheidbar verschmolzen oder
in eins gewachsen. Kommt der heilige Christ, so muß ich, durch
innere Notwendigkeit getrieben, den Sturm lesen, wiewohl ich ihn auswendig
weiß, und auf der Zauberinsel jedes Gräschen und Hälmchen
kenne. Und das, teurer Jean Paul, soll heute Nachmittag von neuem geschehen.
Fiele meine Todesstunde aufs Christfest, sie würde mich bei Shakespeares
Sturm überraschen. |
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