Nr. 20, Dezember 1999
 
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Buchkunst
Lyrik

Kurzprosa
- Mannix Flynn

- Alf Gaschocke

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Die Marginalie
 

 

Mannix Flynn

‘Ne tolle Frau

Zuhause half ich meiner Ma in der Vorweihnachtszeit immer, die Christbäume zur Camden Street hochzuschaffen, die sie an ihrem Stand verhökerte. Das Geziehe und Geschleife, Tannen auf der Straße ‘rauf und ‘runter zerren, ich haßte das. Alle paar Meter mußte man ‘ne Pause einlegen und sich mit den Zähnen Tannennadeln aus den Händen ziehn. Ich half auch mit, die Dinger an den Mann zu bringen, und pries sie den Leuten an wie warme Semmeln. Jedesmal, wenn ich ‘ne neue Fuhre im Kinderwagen zu Ma's Bude ‘raufschob, kam ich mit vor wie der letzte Idiot. Alle Kinder in unserem Wohnblock schauten mir nach, und mein Kopf leuchtete wie ‘ne Ampel, so peinlich fand ich das. Manchmal purzelten mir die Tannen vom Kinderwagen ‘runter und rollten auf die Straße. Dann brach gewöhnlich der Verkehr zusammen. Busfahrer kriegten Schreikrämpfe, und man wurde halb taub von all dem Gehupe. Die ganze Straße war minutenlang blockiert, und keiner konnte vor oder zurück. Die Passanten drängelten sich auf den Bürgersteigen und gafften wie blöde, daß ihnen nur ja nix entging. Und ich stand mittendrin im allgemeinen Chaos, bemühte mich, die verdammten Tannen auf meinen Kinderwagen zurückzuhieven, die Hände gespickt mit Nadeln, die Birne glühend rot. Ich konnte von Glück sagen, daß nie ein Stier in der Nähe war. Wenn ich sie dann endlich meiner Ma brachte, wartete sie schon auf mich, die Arme in die Hüften gestemmt und mit einem Ausdruck in den Augen, der besagte: "Alles in Deckung! Gleich knallt's, gleich explodiert sie." "Du!" pflegte sie mich anzuschnauzen, "du saudummes Schwein du! Über ‘ne Stunde steht ich mir hier die Beine in den Bauch. Ich könnte die Bäumchen längst verkauft haben. Jesus, Maria und Joseph, womit hab ich das verdient? Warum muß ausgerechnet ich ‘ne ganze Blase Versager in die Welt setzen?" Jeder, der an uns vorbeiging, schaute Ma an, als wär sie übergeschnappt oder besoffen, oder weiß der Teufel was. Oft kippte ich nur die Tannen vor ihr auf die Straße und machte mich aus dem Staub, bevor sie sagen konnte: "Gerard, sei so lieb, lauf doch bitte noch mal ‘rüber und bring mir ‘n halbes Dutzend her, du weißt schon, die mittelgroßen, das wär dann schon alles. Ja, so ist's brav, bist ein Schatz." Aber ich hörte meistens gar nicht hin und war die Grafton Street ‘runtergepest, ehe sie den ersten Satz zu Ende gebracht hatte.
Der Morgen war frisch, der scharfe, kalte Wind zerzauste meine eben von Ma frisierten Haare und pfiff durch die Christbäume, die an den Kellergeländern im Hof lehnten. Sie erstreckten sich den halben Wohnblock entlang, nach vorn ‘raus immer sieben bis acht und nahmen ‘ne Menge Platz in Anspruch. Ein richtiges Tannenwäldchen, simsalabim, mitten in Dublin. Ma lud gerade Obst und Gemüse auf ihre Karre. Meine Aufgabe war's, alle kleinen Bäume ‘rauszusuchen und zum Markt zu bringen. Diesmal machte ‘s mir nicht so viel aus, ringsum schlief noch alles. Keine Zuschauer, keine Peinlichkeit. Ma war guter Laune und summte vor sich hin. Ich drang in unseren Privatnadelwald ein. Als ich ungefähr ‘n Dutzend mickriger Tannen ‘rausgefischt hatte, bemerkte ich, daß meine Ma mit dem Hausmeister sprach. Ich unterbrach meine Arbeit, ging zu ihnen hin und stellte mich neben Ma. Der Hausmeister teilte ihr mit, daß der Innenhof vom St- Patrick's Haus als Spielplatz für die Kinder aus der Gegend angelegt worden wär und er sie auf Anordnung der Stadtverwaltung auffordern müsse, die Christbäume umgehend zu entfernen. Der Mann redete ganz schön geschwollen daher, aber irgendwo hatte er recht. Im Hof standen so viele Tannen ‘rum, daß man ‘ne Axt brauchte, um sich ‘nen Weg durchzuhauen. "So, jetzt halten Sie mal die Luft an, guter Mann, und sperren Sie die Ohren auf, ich sag's nämlich nur einmal: die Bäumchen da sind mein Lebensunterhalt. Mit dem Geld, das ich an ihnen verdiene, ernähre und kleide ich meine Kinder, klar? Ich krieg' von nirgendswoher ‘ne Unterstützung, ich mach' alles alleine, kein Schwein hilft mir dabei. Verstehn Sie, das is ‘ne ehrliche, anständige Arbeit, nich so'n windiger Job, wie Sie einen haben, den lieben langen Tag nix als ‘rumstehn und ‘rumschnüffeln und Drinks von Leuten schnorren, die selber nich wissen, wie sie am 1. die Miete bezahlen sollen. Also stehln Sie mir nich meine Zeit, machen Sie daß Sie wegkommen. Haun Sie ab zu Ihren Verwaltungsfritzen und erzähln Sie denen ruhig, was ich Ihnen gesagt hab." "Äh --." Er wußte zuerst nicht, was er darauf antworten sollte. "Mrs. O'Neill, ich tu' doch nur, was mir gesagt wird. Das ist nun mal mein Job. Ich muß schließlich auch meine Brötchen verdienen, wissen Sie." "Ach, papperlapapp. Die Bäumchen bleiben, wo sie sind, bis ich Zeit und Muße finde, sie woanders hinzuschaffen, und damit basta. Das könn' Sie Ihren Bonzen ausrichten. ‘N Spielplatz! Daß ich nicht lache! Schaun Sie sich doch mal hier um! Das Kind möcht ich sehn, das sich in diesem Drecksloch wohlfühlt. Etwa die Kinder von Ihrem Boß? Würden die vielleicht hier spielen wollen? Kommen Sie, dampfen Sie ab, ja? Sie gehn mir auf den Geist. Ich hab zu tun. Ich kann's mir nicht leisten, meine Zeit zu verplempern wie Sie." Ich sah, wie der Mann sich völlig verdattert umdrehte und wegging. Ich wollte was dazu sagen, aber es fiel mir nix ein. Er hatte so 'nen seltsam torkeligen, gleitenden Gang. Auweia, jetzt hat die den echt zur Schnecke gemacht, dachte ich. Ich sah zumeiner Ma auf, die unbekümmert die letzte Kiste Tomaten auf ihren Karren wuchtete. Ich fühlte, wie mein Herz plötzlich warm wurde und sich ein glückliches Lächeln auf meinem Gesicht ausbreitete. Sie fing wieder an, ihr Lied zu sumen. Ich stimmte mit ein, weil ich froh war, echt froh, daß ich so ‘ne tolle Frau als Mutter hatte.

Aus: Mannix Flynn, Nothing To Say. Übersetzung: Frank T. Zumbach


Alf Gaschocke

Das Konzert
Lautmalerische Paraphrase in 11 Abstimmungen

1. Schwehlicht kehlicht Bramarbasistorium - Wühl de Parfüm inde lauschende Nutria, anne kölschfrische Schürfkrägen. Tuscheln und Knistern von Zwillingsgeschwistern. Das Ehepaar Hinzkunz stellt verhaltensgestörte Tochter vor. Foyer. Marmorschlieren an den Absätzen der Troddelschuhe, Minibriketts, Schnallenschnallen. Stackelt und hallt. Didak-tak. Didaktaktak. Macintosh. Swart, swat. Tümmel, tuschel, Klingelzeichen.Und ´rin.

2. Da de tatüta. Schrumm in der Schräge. Das Tasthorn ansetzen. Malz in der Gehörgrube, gerinnt nach quietschendem Bohren. Netzlicht der Übertaster. Durchgestammel zu nummerierten Plätzen, kleine, rote Mumien. In der Falte steht doch schwärzlichst: Parkett rechts - wo also nun. Nein, aber das ist mein Platz, und das ist mein Platz, und das mein Platz. Gestörte Blicke. Wenn überfreundlich, zerbirst das Makeup. Gesirre, Getuse, Geschramme. Endlich. Da wären wir. Wuff! Hier, halt mal. Und das. Und das.
Alte, überschminkte Schwanenhälse vor uns, die nach Plüsch duften. In den Logen paart sichs Paar zu Paar. Man stöckelt sich in Schweigen. Jetzt geht zum erstenmal das Hustengespenst reihum.

3. Letzte Minute. Zeit zur Besinnung. Das Programm riecht nach Bohnerwachs. Namen, die keiner kennt. Schraben, Schlieren. Insekten auf der Rampe. Die Töne verpuppen sich. Risibisi, muhä, romromrom, schursewurse. Ein letzter, abgehackter Dudelton. Das Gerede dimmt ab. Die Lichter werden gelb und verhuschen in Augenspiralen. Stirngeballe zu konzentriertem Hörvermögen. Und jetzt!

4. Frau Hirsemaiers Täschchen geht auf. Perlen fiepen und glucksen über das Linoleum, abwärts, abwärts, wie Limonadenflasche in Lichtspielhaus, freilich: ungleich dezenter. Ogottwassollichmachen, denkt sie und geifert Nervenviren durch die halbanteilnehmende, halb mürrische Stuhlreihe. Lauter Ahnungslosigkeiten. Gespreiz, Gezeig. In kosmetische Wickel verpackter Terror. Erbsenmänner.

5. Schnelles Heranschreiten des Dirigenten. Kurze Verbeugung in das antosende Handtellerprasseln. Nur netzbehandschuhte Hände klingen nicht. Er baut sich als Schatten vor Podesten auf, tröpfchenperlig im Gegenlicht. Der elektrische Sekt verebbt. Durch die einsetzende, klamme Stille bohren sich erste Hustanfälle. Achselnaht kracht - Skelettarm ragt gebietend gegen verloschene Lüster. Ruhe, biederes Volk! Offenbarung steht bevor!
Brillant kurzes Taktstockstakkato und - -

6. - da schrummelt es auf von den emsigen Hölzern, schrillt aus Trompetenhälsen ins reelle Licht. Erhabener Lärm quillt aus dem Graben. Huster an den schönen Stellen. Waldeslust mit Grillenstreichern und Hörnertiefe. Ein Männlein steht im Walde. Der Dirigent. Renkt, fusselt, Halm im Winde, weist mit steingemeißeltem Gesicht hierhin: Bombardonbadon!, dorthin: Filou, filou, und schon streichen und blasen alle wieder gemeinsam, unisono, ehrfurchtgebietend. Verstehs nicht, aber finds trotzdem schön, malt sich auf den Gesichtern der vorderen Reihen. Nicht in Frage stellen. Neisingelasse .... Gulduhr ....

7. Beginnende Ermüdungserscheinungen. Rüschen scheuern Oberbusen wund. Binder würgen scheurig rosa. All die kleinen Drangsale des Alltags nehmen überhand. Das Erhabene provoziert auf Dauer. Husten. Geräusche machen, nur Geräusche machen, mit dem ganzen Raupenleib dagegen ankämpfen. Vollbartkruscheln. Magengrollen. Der Darm sagt `miep´. Später reichen Lesefrüchte. Zu früh klatschen.

8. Holzpracht, Fiedelplissee, Harfenerlös. Die Musikalischen machen die Augen zu. Wie spät? Pst. Fanfaren künden das Ende an. Eine paffen. Beinevertreten. Schnudeln. Man kennts eh von der Platte her. Meine zehnte Sechste. Pause. Luft. Sekt. Schnitten. Büffee. Das ewige Anstehen. Fred hat endlich Abitur gemacht. Dreckiger Witz. Entenbrüstchen, zwinker, zwinker, har, har. Denhättensemalsehensollen. Börsenkurse. Dax. DER DAX. Meine serbische Putzfrau. Meine taubstumme Sekretärin. Mein Gehirn aus Löwensenf. Winnigrätt. Am Montag entlass´ ich Stuntz. Es klingelt schon. Trink deinen Sekt aus, Schatz.

9. Bis man sich wieder hingesetzt hat! Fängt schon an. Licht schwillt ab. Auf Dösen umstellen. Kamasutra. Kamikaze. Kannitverstahn. Stilmöbel der Lutherzeit. Einfach umgestylt. Und die Grundgebühr - is a scho drin. Wir sehen uns ja demnächst. In den neuen Bundesländern. Dias von der Ostseeküste. Emmerich stinkt aus dem Hals. Geht schon los. Eine Dreiviertelstunde noch. Uhrenvergleich. Heldenblick. Glänzender Solist. Das Orchester stöhnt richtig. Sagt mir aber nix. Zuhause sein. Die eigenen vier Wände. Denkrimisehnumnulluhrzehn. Blick ins Programm. Wann man klatschen muß.

10. Aus. Applaus. Nicht mehr klatschen, schnell zu den Mänteln. Drängeln, Schurren, mit den ersten Ausgeplimpten die Treppe hinab, vor der Walze. Untermischen. Gestossenwerden. Eifriges Schweigen: Jeder will zuerst hinaus. Blasses Schusselchen krakt Stoffrochen vor. Reif fürs Altersheim. Ewiges Abehäkele. Menschenschwarm. Wartezeiten.
Garderobenschein vorzeigen. Mein Schal. Endlich Kühle, Nacht, Dampf vor den Mündern. Ringsum kreischt das Stadttier.

11. Taxi!

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