Nr. 20, Dezember 1999
 
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Kommentar
Gastkolumnen:
- G. S. Troller
- A. Odenwald

 

 

Georg Stefan Troller

Bloß nicht auffallen

Was ist das wichtigste Wort für den Parisbesucher, der am Leben der Metropole teilhaben möchte? Ohne Zweifel der Ausdruck "branché". Branché heißt informiert sein, "in" sein, dazugehören. Zu wem? Zu den Leuten eben, die ihrerseite branché sind, die etwas darstellen und etwas bewegen. Nicht im Politischen oder Geschäftlichen, Gottbewahre, sondern im Lebensstil. Branché unter Parisern ist dieses Jahr zum Beispiel Jean-François Revels Buch "Der Mönch und der Philosoph". Revel, ehemals Journalist und politischer Kommentator, gilt heute, seitdem er in die Akademie aufstieg, als Philosoph - ein Übergang, der sich - siehe Lévy oder Glucksmann - in Frankreich reibungsloser vollzieht als anderswo. Und wer sollte der genannte Mönch sein? Kein anderer als Revels eigener Sohn, Matthieu Ricard, nunmehr zum rotgewandeten tibetischen Lama mutiert. Der gegen seinen französisch-cartesianischen und besserwisserischen Vater den Glauben jener bereits zwei Millionen Franzosen verteidigt, die den Buddhismus jeder anderen Religion vorziehen. Und jeder zehnte von ihnen muß das Buch gekauft haben, das sofort nach dem Erscheinen zu einem der Bestseller des Jahres aufstieg.

Branché sein heißt natürlich auch, die richtigen Leute zu kennen. Schwerer denn je im heutigen Paris, wo es keine literarischen Cafés mehr gibt und keine Salons. Der letzte, den ich kannte, gehörte eigentümlicherweise einer Amerikanerin, der um die Jahrhundertwende vielgeliebten lesbischen Dichterin Natalie Barney. Ihr charmantes altes Haus, in einem verwunschenen Garten gelegen, läßt sich zumindest von außen betrachten auf Nr. 20, Rue Jacob. Eine Straße, in der übrigens, leicht zu finden, drei der hübschesten Pariser Hotels liegen. Das originellste der Gegend, so branché, wie man nur sein kann bei arrivierten Künstlern, steht allerdings nur um die Ecke: L'Hotel, 13, Rue des Beaux Arts. Hier war es, wo Oscar Wilde sein berühmtes letztes Wort gesprochen haben soll - und zwar an die Zimmertapete gerichtet: "Einer von uns beiden muß gehen."

Branché sind weiterhin die bisher "unmöglichen" Stadtviertel des Pariser Nordens und Ostens. Nicht am Montmartre, Montparnasse oder in Saint-Germain des Prés lassen sich Kids und Künstler heute blicken, sondern in jenen bisher unbeleckten Regionen der Araber, Schwarzafrikaner und Vietnamesen. Ist die früher recht anrüchige Bastille-Gegend schon längst von Galeristen und Noctambulisten entdeckt (zum Beispiel die einst so "heiße" Rue de Lippe), so zeigt man sich nun in den vielen Bars und Restaurants um die Rue Oberkampf. Auch der Quai de Valmy, der Kanal St. Martin, ja sogar die ansteigenden Arbeiterviertel von Belleville sind gefragt. Zwar hat man dort viele der alten billigen Wohnquartiere abgerissen, doch entstehen jetzt an ihrer Stelle eigentümliche Lokale wie (Ecke Rue Piat / Rue des Envierges) das Resto Rital, mit einem der schönsten Blicke über Paris. Weiter unten, längs des Boulevards, hat sich das altberühmte "Elysée-Montmartre", nach einer spannungsreichen Geschichte als oft gemaltes Tanzlokal der Belle Epoque, später als Kino, Boxarena undsoweiter neuerdings zum beliebten Rockertempel gewandelt (72, Boulevard de Rochechouart).

Auch Erotik findet heute bevorzugt im Norden und Osten statt. So das berühmteste der Partnertauschlokale (in die man allerdings meist nur zu zweit Eingang findet), das Cléopatre (17, Avenue d'Italie). Ähnliches bietet, sogar in einem Haus aus dem 14. Jahrhundert, der Pluriel Club (13, Rue François Miron) sowie das Bar-Bar, das einzige Pariser Lokal für Sadomasochisten - Gerät wird gestellt (9, Rue de Crussol). Einen witzigen Einkaufsladen für Fetischisten, der sich Demonia nennt, findet man Nr. 10, Cité Joly.

Branché ist es schließlich, Ausschau zu halten nach unzugänglichen oder unheimlichen Pariser Orten. So sind etwa die Katakomben wieder in Mode gekommen, nicht so sehr die "offiziellen" mit Eingang an der Place Denfert-Rochereau, als vielmehr die nie ganz erforschten unter dem 6. Arrondissment. Verschlungene Gänge, die im Krieg von der deutschen Besatzungsmacht angelegt oder ausgebaut wurden, mitsamt einem ganzen Lazarett (unter dem Luxembourg-Park), Munitionslagern, Befehlsständen undsofort. Die verborgenen Eingänge - einer liegt hinter einer Plakatwand in der Rue Monsieur le Prince - werden nächstens von allerhand Jugendlichen benutzt, die unten ihre Rockkonzerte erschallen lassen oder Schwarze Messen lesen.

Beliebt neuerdings die Begehung der - leider spärlichen - Überreste der einhundertfünfundneunzig Freudenhäuser, die einst alle Pariser Volksschichten und zuletzt noch die deutschen Besatzer beglückten. Bevor eine "Ehemalige" kurz nach dem Krieg ihre Abschaffung erzwang. Die besten Adressen: das frühere "Aux belles poules", auf Nr. 32 der nach wie vor vielbesuchten Rue Blondel; ein Klerikerbordell auf Nr. 26 der kirchlichen Rue St- Sulpice; und im "One two two" (122, Rue de Provence) soll Göring sein eigenes Zimmer besessen haben. Ein weiterer unheimlicher Ort: das ehemalige Haus der Gebrüder Goncourt (67, Boulevard de Montmorency), das nach der Versteigerung der berühmten Kunstsammlung seit vielen Jahren leersteht und verfällt, während sich die Behörden um die Besitzverhältnisse streiten. Überwachsene Gemäuer, ein rostiges Gitter, eine nie beantwortete Klingel gehören zum Melancholischen dieses Hauses, das einst solche Größen wie Flaubert, Turgenieff oder Zola als Gäste sah.

Schließlich der eigentümlichste Ort von Paris, zu Füßen von Mitterands allzu aufdringlicher Neuen Bibliothek. Ein verfallener Betonblock, "Le Frigo" genannt, da ein ehemaliges Kühlhaus, beherbergt hinter seinen über und über mit Graffiti gezierten Mauern zahllose Künstler. Darunter den - auch von einer deutschen Galerie vertretenen - J. M. Frouin. Dem es gelang, eine schon fast verschrottete Dampflok der Wehrmacht von Polen quer durch die damals noch bestehenden beiden deutschen Staaten nach Paris zu bringen und hier in seinem Keller aufzustellen. Warum eine Lokomotive? Dies ist der Ort des einzigen Pariser Konzentrationslagers (ein weiteres stand im Vorort Drancy), wo während des Krieges zusammengefangene Juden tausende beschlagnahmte Kunstwerke aussortieren und in Waggons nach Deutschland verfrachten mußten. Die Baracken, in denen dies geschah, sind vor einigen Monaten, ohne daß man sie je dem Publikum zugänglich gemacht hätte, abgerissen worden. Die Geleise liegen noch immer. Das "Frigo" ist zugänglich von Nr. 91, Quai de la Gare (François Mauriac).

Dieses ganze Viertel rund um die Neue Bibliothek, früher als Slum verschrien, gilt übrigens jetzt als kommendes Künstlerviertel, vor allem wegen der billigen Mieten. So weist die neugegründete - noch auf keinem Stadtplan verzeichnete - Rue Louise Weiss nicht weniger als sechs Galerien für Avantgardekunst auf. Und am nur wenige Schritte entfernten Seine-Ufer liegt gegenüber der Nr. 11, Quai François Mauriac, das "Batofar" vor Anker, ein rotgestrichener Schleppkahn, der unter Jugendlichen als billiger Tanzklub beliebt ist. Gespielt wird natürlich amerikanische Musik: Pop, Techno, Heavy Metal. Etwas Eigenständig- Französisches, gar ein Chanson aufs den internationalen Hitlisten, gibt es schon lange nicht mehr - auch wenn die (zumeist afrikanischen) Métro-Musikanten noch immer gern schmachtfetzig ihre Piaf oder ihren Brel herunternudeln, als stammte das von der gemütvollen Jahrhundertwende.

Nichts Genialisches beherrscht derzeit Paris - diese Stadt, sonst nach Neuem süchtig, wirkt im Moment kleinkariert, provinziell. Keine revolutionären Ideen locken die Bewohner, deren Anzahl neuerdings wieder auf zwei Millionen geschrumpft ist, höchsten ein Fußballsieg oder eine unmögliche Koalition von Familienverbänden, die gegen die soziale Gleichstellung der Homosexuellen protestiert. Während wichtigere Aufmärsche, zum Beispiel des notorisch unterbezahlten Krankenhauspersonals, vom Aufgebot der schwer überbewaffneten Sicherheitspolizei geradezu erdrückt werden. Bezeichnend für diese gewiß vorübergehende Mittelmäßigkeit der Metropole: daß es, laut der Zeitschrift L'Express, derzeit als "branché" gilt, nicht "branché" zu sein. Also: nicht aufzufallen, nicht anzugeben, sich nicht hervorzutun. Mit anderen Worten, nicht als Pariser kenntlich zu sein.



Andreas Odenwald

www.sorglos.de

Der Computer-Crash, den die übrige Welt fürchtet wie das jüngste Gericht, ist uns herzlich wurscht. Andreas Odenwald über die neue deutsche Leichtigkeit

Wenn in der Neujahrsnacht, nachdem wir die Korken haben knallen lassen, überall das Licht anbleibt, die Züge regulär verkehren und der Bankautomat brav Geld rausrückt; wenn in den Krankenhäusern die vorsorglich bereitgestellten Notstromaggregate ausgeschaltet bleiben; wenn die Flugzeuge die Orientierung behalten und nicht vom Himmel fallen; wenn keine russische Atomrakete sich versehentlich in Richtung Washington auf die Reise macht - dann haben wir Deutschen allen Grund, ein zweitesmal anzustoßen.

Nicht so sehr darauf, dass das von digitalen Schwarzsehern erwartete Computer- und Zivilisations-Chaos ausgeblieben ist. Daran haben wir doch ohnehin nicht geglaubt, oder? Nein, zu feiern gilt es dann ganz neue deutsche Charaktereigenschaften, die uns das Ausland bisher so nicht zugetraut hat: südländische Sorglosigkeit, unerschütterlichen Optimismus, Nicht-bange-machen-lassen.

Da hat man uns jahrzehntelang eingebleut, wir seien ein Volk von Pessimisten, untergangstrunken, von Zweifeln und Ängsten geplagt. Und nun das: Heiter und gelassen, weit entfernt von jeder Panikmache marschiert, nein: tänzelt das Land diesem einen Datum entgegen, vor dem man sich in anderen Ländern auf diesem Planeten fürchtet wie vor dem jüngsten Gericht.

Wir amüsieren uns köstlich über die wunderlichen Dinge, die sich auf der übrigen Welt abspielen: Die Amis, hochgradig hysterisch, legen sich in den Wäldern Vorratsbunker an. Ein nie dagewesener Ansturm auf die Waffengeschäfte der USA hat eingesetzt; es wächst die Furcht vor Räubern und Plünderern, die den erwarteten Zusammenbruch der gesellschaftlichen Ordnung gewissenlos ausnutzen.

Japanische Behörden schicken regelmäßig Merkblätter mit Katastrophen-Tips an die Haushalte. In Indonesien läßt der Chef einer Fabrik für Taschenlampenbatterien seit einem Jahr Sonderschichten fahren.

An der norwegischen Küste ist der Filialleiter einer Bank dabei beobachtet worden, wie er und seine Familienangehörigen sich in ihrer freien Zeit eine Arche nach biblischem Vorbild zimmern. Wie einst Noah will der Mann, "wenn es so weit ist", seine Liebsten, seine Tiere und viel Nahrung an Bord nehmen und sodann in die rettende See stechen.

Augenzwinkern in Schottland: Der Besitzer einer Whisky-Destille hat versprochen, wenn "es" denn passiert, persönlich die Fässer per Hand zum Kunden zu rollen. (Dass seine Abfüllanlage computergesteuert ist, hat er dabei diskret verschwiegen.)

Eiserne Härte in China: Um zur höchsten präventiven Sorgfalt anzutreiben, befiehlt die Parteiführung den Chefs der nationalen Fluggesellschaften, am 31. Dezember und 1. Januar in ihren Maschinen mitzufliegen.

In Deutschlands Kneipen und Kantinen, auf Partys, am Stammtisch und im Fitneß-Center aber kommt das Thema "Millennium-Bug" (Jahrtausendwanze) so gut wie gar nicht vor. Bis auf die Schar der Fachleute, der EDV-Spezialisten, Daten-Gurus und Computer-Freaks ist der Crash zur Jahrtausendwende, ob er nun kommt oder nicht, den Germanen ziemlich wurscht. Man hat darüber gelesen. Und man weiß als aufgeklärter und wohlinformierter Zeitgenosse um das Problem. Doch unerschütterlich vertrauen wir den Fachleuten. Die werden's schon richten.

Wir wissen selber, was ein Gesprächsthema ist und was nicht. Ist es nicht viel wichtiger zu diskutieren, wo die große Silvester-Sause steigen soll: Auf den Bahamas? In London? In New York? Auf der anderen Seite der Welt, an der Datumsgrenze, wo man mit einigem Geschick gleich zweimal feiern kann?

Auch viel interessanter: Was zieht man an? Das bauchnabelfreie Millenium-Top der Hugo-Boss-Damenlinie oder den futuristischen Astronautenanzug von Helmut Lang?

Man kann sich natürlich auch darüber aufregen, daß viele exotische Millennium-Reisearrangements eindeutig zu teuer sind, weshalb so mancher zähneknirschend dem allgemeinen Trend entsagt und doch lieber zu Hause feiert.

Nicht die schlechteste Entscheidung. Denn nach Mitternacht wird es hier garantiert richtig spannend. Die verregnete Sonnenfinsternis war nichts dagegen.

Prost Neujahr!

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