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Jean Paul
Die wunderbare Gesellschaft in der Neujahrsnacht
Wir haben alle schon verdrüßliche Geschichten gelesen, die
uns mit der lieblichsten Irrhöhle voll Verwicklungen bezauberten
und ängstigten und uns unruhig nach einem hellen Ausgang bogenlang
herumgreifen ließen, bis endlich die unerwartete Zeile "als
ich erwachte" uns die ganze Höhle unter den Füßen
wegzog. Bei dem zweiten Lesen fanden wir dann alles durchsichtig und
hell und waren nicht mehr zu peinigen. Eine solche trockne Historie
ist gottlob meine von der wunderbaren Nacht-Gesellschaft nicht; ich
war leider bei der Erscheinung derselben so wach als jetzt und saß
am Fenster.
Vorher muß sich der Leser einige Personalien von mir gefallen
lassen, damit mein erbärmliches Benehmen gegen die Nacht-Sozietät,
das meinen Mut mehr verbirgt als zeigt, zu erklären ist. - Nachmittags
am Valettage des ein Jahr lang sterbenden Säkulums ging ich von
3 bis 8 Uhr nachdenkend in meinem Schreibzimmer auf und ab, weil ich
vor Migräne nichts schreiben konnte; und hatte besonders über
den unabsehlich-langen, um die Erde kriechenden Strom der künftigen
Zeit meine schwermütigen Gedanken, wovon ich am Neujahrstage die
besten ausklauben und niederschreiben wollte für dieses Werkchen.
In die hinter fünf, sechs Jahrtausenden liegende Vergangenheit
zurückzuschauen, gibt uns mutige Jugend-Gefühle; sie kommt
uns als unsere antizipierte Kindheit vor; hingegen vorauszublicken weit
über unsern letzten Tag hinweg und unzählige Jahrtausende
herziehen zu sehen, die unsern bemooseten Spiel- und Begräbnisplatz
immer höher überschneien und auf uns neue Städte und
Gärten und auf diese wieder neuere und so ungemessen fort aufschlichten,
dieses ewige, immer tiefere Eingraben und Überbauen verfinstert
und belastet uns das freie Herz. Dadurch verdorret uns die Gegenwart
zur Vergangenheit, und sie wird von totem Schimmel traurig überzogen.
Der Geist des Menschen hasset nach seiner Natur die Veränderung,
erstlich weil er sie außer sich nur bei großen Schritten
und nie in ihrem ewigen Schleichen wahrnimmt, und zweitens weil er sie
in sich weniger merkt, wo er der unveränderliche Schöpfer
seiner eignen ist; dem Regenbogen und Lauffeuer in und außer sich
sieht er nicht an, daß immer nur neue Tropfen und neue Funken
sie bilden.
Und gerade am Nachmittage, wo ich mein Inneres mit Trauertuch ausschlug
und den Flor anlegte für das einschlummernde Jahrhundert, was ich
ganz allein in meinem Schlößlein zu Mittelspitz - Hermine
war in der Stadt bei einer kranken Freundin und wollte erst nachts heimkommen,
"obwohl noch in diesem Jahrhundert", nach dem gewöhnlichen
säkularischen Scherz, den der Mensch nicht lassen kann - ich saß
oben einsam in meinem Museum, unsere Magd war unten im Bedientenzimmer
- wegen der grimmigen Kälte lagen alle Lehnsmänner meiner
mittelspitzischen Krone in ihre Schneckenhäuschen eingespündet,
und das dunkle Dörfchen war still. -
Mir war nicht wohl, sondern etwa so in meiner Haut, als hätte sie
mir Nero harzig anpichen und annähen lassen, um mich in seinem
Garten zu lanternisieren. Ein ätzenderes Sublimat für flüssige
Gelehrten-Nerven konnte wohl schwerlich erdacht werden, als rechte Dezemberkälte
ist; jeder Schnee ist ein Märzschnee, der sie abfrisset, der Frost
ist ein Baumheber für unsere Wurzeln, kurz, wenn Todes- und Fieberkälte
ein Autodafé ist, so ist Winterkälte ein Autillodafé.
Leben kann man ohnehin nicht, nur leiden. So schächten nun Frost
und Migräne gemeinschaftlich alle Entschlossenheit in mir, die
ohnehin zur Winterszeit in keinem Wesen zunimmt, das nicht gerade ein
Wolf ist.
Beklommenheit umspannte mein Herz, ich sah den Menschen trotzig mit
dem Schwerte in der Hand unter einem über dem Haupte fechten und
sah das Haar nicht einmal, das es trug. Noch engbrüstiger setzte
ich mich nach dem einsiedlerischen Essen in die Fenster-Ecke, bedeckte
die Augen mit der Hand und ließ alles an mir vorüberziehen,
weswegen der Mensch das Leben eitel und nichtig nennt - schnell eilten
die künftigen Jahrhunderte, wie Fixsterne vor dem Sternrohr, vorbei,
endlich kamen lange Jahrtausende und trieben ein Volk nach dem andern
aus den Städten in die Gräber; die Generationen verfolgten
einander wie fliegende Strichregen und schossen in die Grüfte herunter
und rissen den Himmel auf, worin der Todesengel sein Schwert durch die
Welten hob und keine Sterbenden, sondern bloß das Sterben sah.
-
Während dieser Phantasien war mir einige Malegewesen, als hört'
ich leise Worte; endlich vernahm ich nahe an mir diese: "Die drei
Propheten derZeit"; ich tat die Hand vom Auge -- die wunderbare
Nacht-Gesellschaft war im Zimmer. Ein langer, totenblasser, in einen
schwarzen Mantel gewickelter Jüngling mit einem kleinen Bart (wie
der an Christusköpfen), über dessen Schwarz die Röte
des lebendigen Mundes höher glühte, stand vor mir, mit einem
Arme leicht auf einen Stuhl gelehnt, worauf ein erhaben-schöner,
etwa zweijähriger Knabe saß und mich sehr ernst und klug
anblickte. Neben dem Stuhle kniete eine weißverschleierte, mit
zwei Lorbeerkränzen geschmückte Jungfrau, von mir weggekehrt
gegen den hereinstrahlenden Mond, eine halb rot, halb weiße Lankaster-Rose
in der Hand, eine goldene Kette um den Arm - die Lage vor dem Knaben
schien ihr vom schwesterlichen Zurechtrücken seines Anzugs geblieben
zu sein. Sie glich mit der niedergebogenen Lilie ihrer Gestalt ganz
Lianen, wie ich sie mir denke, nur war sie länger. Auf dem Kanapee
saß eine rotgeschminkte Maske mit einer seitwärts gezognen
Nase und mit einer Schlafmütze; neben ihr ein unangenehm mageres
Wesen mit einem Schwedenkopf und feuerrotem Kollet, höhnisch anblinzelnd,
das nackte Gesicht enblößend, weil die Lippen zu kurz waren
zur Decke, und ein Sprachrohr in der Hand.
Himmel! Wer sind sie, wie kamen sie, was wollen sie? - An Räuber
dacht' ich nicht im geringsten - so nahe der Gedanke auch lag, es konnten
ja während unsers Dialogs Helferhelfer mich ausstehlen, mir die
Juwelen einpacken und das Federvieh aus den Ställen treiben -;
die edle feierliche Gestalt des bleichen Jünglings vertrat mir
sogleich diesen kleinlichen Argwohn. Ob es nicht Wesen entweder der
zweiten Welt oder meines Gehirnglobus sind? Wahrlich diese Frage hatt'
ich später zu tun. Sonderbar wars, daß sie mir alle ganz
bekannt vorkamen, sogar die Stimme der Maske, indes ich mich doch keines
Namens entsann.
Aus einem gelinden Nervenschlag - nicht aus elender Mutlosigkeit - muß
es abgeleitet werden, daß ich unvermögend war, mich zu regen,
geschweige zu erheben, als der hohe Jüngling winkte und langsam
sagte: "Tritt in das Reich der Unbekannten und frage nicht, wir
verschwinden mit dem Jahrhundert - das eine Jahrhundert erntet der Mensch,
das nächste erntet ihn - der Engel der Zeit*
fliegt mit sechs Flügeln, zwei decken ihren
Ursprung, zwei decken ihren Ausgang, und auf zweien rauscht sie dahin
- Heute heben wir die Flügel auf, die auf ihrem Antlitz liegen!"
- "Schaudert nicht, mein Herr" (sagte die Maske und ihrzete
mich, wie Leute tun, die lange in Frankreich und Italien gewesen sind)
- "wenn alles Erscheinung hienieden ist, so ist der Schauder darüber
auch eine und nicht sehr erheblich - der Ernst ist ein wahrer Spaßvogel
und der Spaß ein Sauertopf, ich stehe mit beiden auf freundschaftlichem
Fuß - Bossu versichert, in der Nacht sei keine Tragödie zu
verlegen; das wollen wir heute sehen, wenn der Polterabend des Jahrhunderts
verstummt in einer Minute um 12 Uhr, nämlich in der sechzigsten."
-
"Mein Name ist Pfeifenberger" (redete der widrige Schwedenkopf
mich durch das angesetzte Sprachrohr an) - "Wir sind die drei Propheten
der Zeit und weissagen Ihm, mein Freund, so lange, bis das Jahrtausend
dezembrisiert ist. Ich spreche zuerst."
Die Jungfrau schwieg, der Knabe sah unwillig gegen den Schwedenkopf,
der schöne Jüngling hatte die Hand der Jungfrau genommen und
beschauete auf dem Ringe ein herrliches großes Auge, dem gleich,
unter welchem sonst die Maler den Allsehenden vorstellten.
Pfeifenberger fing an: "In der künftigen Zeit wird freie Reflexion
und spielende Phantasie regieren, keine kindischen Gefühle; man
wird keinen Namens- und Geburts- und Neujahrstag mehr feiern und kein
Ende des Jahrhunderts, weil man nicht weiß, wenn es schließet,
ob bei dem ersten Viertel- oder letzten Glockenschlage, oder ob bei
dem Ausgehen oder bei dem Anlangen des Schalles; und weil in jeder Minute
100 Jahre zu Ende sind. Auch wird die Erde, eh sie verwittert, noch
oft von anno 1 an datieren, wie die Franzosen - Die Juden und Priester
werden aufhören, und die Völker, die Weiber , die Neger und
die Liebe frei werden - Sprachgelehrte werden in alten Bibliotheken
nach einer Edda und nach einer Bibel forschen, und ein künftiger
Schiller wird das Neue Testament lesen, um sich in die Charaktere eines
Christen und Theisten täuschend zu setzen und dann beide aufs Theater
- Griechenland wird wie Pompeji den Schutt der Zeit abwerfen, und von
keiner Lava übergossen, werden seine Städte in der Sonne glänzen.
- Große Geschichtsforscher werden, um nur etwas von den Begebenheiten
und Menschen des barbarischen, kleinstädtischen, finstern Mittelalters
(so nennen sie das aufgeklärte Jahrhundert) zu erraten, sogar einen
daraus übrig gebliebnen homerischen Hans Sachs studieren, von dessen
Werken ein künftiger Wolf erweisen wird, daß sie von mehreren
Sängern zugleich gemacht worden, z. B. von einem gewissen Pfeifenberger
- Was freilich Seine opuscula omnia anlangt, mein guter Freund"
(- hier lächelte das Eisfeld; denn zu einem Eisberg war das Ding
nicht kräftig genug) "so wird es dem besten Literator, der
sich zum Studium bis ins 20. Jahrhundert zurückgewühlet hat,
nicht glücken wollen, mit irgendeiner Notiz von Ihm und Seinen
Schreibereien auszuhelfen."
- Es wäre mir in dieser Gespensternacht nicht zu verdenken gewesen,
wenn ich von diesem Überläufer aus dem jenensischen Amizistenorden
in den Inimizistenorden einige Male geglaubt hätte, den lebendigen
Teufel vor mir zu haben. Aber seine Hoffnung, daß die kultivierte
Zukunft keinen Gott und Altar mehr haben werde, wie bei den Juden nur
unpolierte Steine zum Altare taugten - sein vernünftiger Frost,
worin keine Blumen mehr wachsen als die aus Eis - seine perennierende
Aufgeschwollenheit, die ihn gegen jede Rüge verpanzert, wie nach
dem Plinius sich der Dachs durch Aufblasung gegen Schläge verwahrt
- und seine Bitterkeit, die jetzt die sanftesten Neuern (mich selber
ausgenommen) mehr an als in sich haben, so daß sie wirklich so
gut zu genießen sind als die Staren, denen man, bevor sie gebraten
werden, bloß den bittern Balg abzieht -- alles dieses zeigte leicht,
daß er mehr zu den sanften Neuern zu schlagen sei als zu den Teufeln
selbst.
Obgleich die Pfeifenbergerische Bosheit wieder Lebensfeuer unter
meinen vom Gespensterhauche kalt geblasenen Nerven anschürte: so
machte doch die Kälte, womit der Schwedenkopf menschliche Gesichter
in Brot bossierte und die Physiognomien einem schwarzen Spitz unter
dem Kanapee zu fressen gab, mir es schwer, ihm wie einem rechten Menschen
zu begegnen. Ich fing denn so gefasset, als ich konnte, an: "Ich
antwort' Ihm, mein Pfeifenberger, auf Seine Weissagungen nur mit Still-
und anderem Schweigen, besonders puncto meiner. In kalte Zeiten, wo
die Menschen nichts mehr im Herzen haben als ihr Blut, verlang' ich
nicht einmal hinein; leider sind jene von der ewig wachsenden Volksmenge
des Erdballes zu fürchten, die wie eine große Stadt und Reise
und aus gleichem Grund Kälte gegen Menschenwert mitteilt; der Mensch
ist jetzt dem andern nur im Krieg so heilig wie sonst im Frieden, und
im Frieden so gleichgültig wie sonst im Kriege. Übrigens bescheid'
ich mich gar gern, daß Jahrhunderte, ja Jahrtausende kommen, die
mich nicht lesen. Wie bisher, so muß künftig mit der Ausdehnung
und Durchkreuzung der Wissenschaften, mit dem Veralten der Schönheiten
und mit der Übung des geistigen Auges die Kürze des Stils,
die Verwandlung alter Bilder in neue Farben und kurz der ästhetische
Luxus höher steigen; mithin wird ein zeitiger Schreiber wie ich
zwar anfangs noch eine Zeitlang als korrekt mitlaufen, aber endlich
werd' ich als gar zu nüchtern, als ein zu französischer ha-
und magerer zweiter Gellert, der bloß glatt- und matten Leipzigern
gefallen will, beiseite geschoben. Niemand ist wohl von diesem Unglück
mehr fester überzeugt als ich selber. - Irgend einmal wird Sein
und mein Deutsch, Freund, sich zu dem künftigen verhalten wie das
in Enikels Chronik zum jetzigen; wir werden also geradesooft auf den
Toiletten aufgeschlagen als jetzt Otfrieds Evangelium, nämlich
bloß um die einfältige Schreibart und die Reinheit der Sitten
zu studieren an Ihm und mir.
Wahrlich bei einer gar zu langen Unsterblichkeit verflüchtigt sich
der Autor, und nur der Bodensatz, das Werk, sitzt fest; ich wünsche
nicht, ein Konfuze, Homer oder Trismegistus zu sein (ihre breiten Namen
sind in ein unartikuliertes Luft-Pfeifen zerfahren), sondern lieber
etwas Näheres und Kompakteres, etwa ein Friedrich II. oder ein
J. J., oder ein Pfeifenberger nach Seinem Tod." -
Hier wurd' ich, zumal in einer so kranken Haut, ungemein erweicht von
einem benachbarten Gedanken: "Ich werde also so gut wie verschwinden",
fuhr ich fort, "wie mein Jahrhundert - die Sanduhr der Zeit wird
ihren Hügel so gut über mich gießen wie über den
Hesperus am Himmel, wahrlich ich werde und muß einen letzten Leser
haben. Letzter Leser - - eine wehmütige und sanfte Idee! Beim Himmel!
ich häng' ihr irgendeinmal nach und rede den Menschen an und sage
etwan:
O du, in dem ich mit meinen spielenden Kindern und mit meinem ganzen
Herzen zuletzt wohne, sei der Seele günstig, an die auf der weiten
Erde un in der weiten Zukunft kein Freund mehr denkt als du, und deren
Träume und Welten und Bilder alle sterben, wenn du entschläfst."
-
Der Knabe nickte, als meint' ich ihn. Der ernste Jüngling schien
niemand zu hören.
Jetzt fing die geschminkte Maske einen entsetzlichen-langen Perioden
an und sagte mit eintöniger ergreifender Stimme: "Wenn die
große Uhr in der Marienkirche zu Lübeck nicht mehr zu brauchen
sein wird, weil sie gar zu oft umgestellet worden, und weil auch der
Mond schon anders umläuft als sie** -
Wenn mancher Hottentott noch einen alten, nach verbesserter und
alter Zeit wohl eingerichteten lustigen Historienkalender auf das gemeine
Jahr 100000' vorweisen kann, den seine Ururgroßeltern durchschießen
lassen, um Termine, Gäste und Haushaltungssachen auf treuherzige
alte Weise (der Enkel kanns nicht ohne Lächeln lesen) einzutragen
- Wenn die bittere Zeit dagewesen ist, wo Menschenliebe in keinen Herzen
mehr war, außer in denen der Hunde - Wenn, obwohl lange nach der
Eroberung Europas durch die Amerikaner, der häßliche
Weißen-Handel aufgehört, den die Schwarzen zum Teil nach
ihren nordindischen Besitzungen hin getrieben - Wenn wegen der entsetzlichen
Bevölkerung alle Dörfer sich zu Städten ausgebauet und
Paris bloß ein Stadtviertel ist und der Landmann oft auf seinem
Dache ackert, das er ganz artig urbar gemacht - Wenn in ganz Europa
so schwer ein hölzernes Haus zu finden ist wie jetzt ein goldnes,
bloß weil man bei dem mir begreiflichen Holzmangel statt der Silberstangen
Holzstangen sowohl aus Indien holen muß als aus unsern Schachten,
wo die Vorwelt sie so vorsichtig aufgespeichert; daher es leicht zu
erklären, warum man dann Glas nur mit sich, nämlich mit Brenngläsern
macht, und warum man im Winter so künstlich von außen heizt
mit der Sonne durch besonders geschliffne Scheiben - Wenn endlich, weil
durch ewiges Graben und Münzen das Geld schon lange zu spratischem
Eisengeld devalviert geworden, nur Perlen die kleine Münze sind
und Juwelen die große - Wenn die Prachtgesetze die einfache alte
wohlfeilere Tracht zurückgeführt, indem sie überall die
höchsten Verlängerungen und Verkürzungen (bis zur Nationalkleidung
der Menschheit, der Nacktheit) und jede Versetzung durchgespielt, so
daß bei Weibern die maillots***, die
Schürzen am Hals, die am Rücken, die hinten offnen Totentalare,
die bed-mats, und bei Männern die mat-beds, die peaux de lion,
die Berghabite, die hinten zugeschnallt und zugespitzten Schuhe, die
hinten zugeknöpften Röcke, der doppelte Schuh****
und die Schleier und Schürzen schon wieder
ein paarmal ab- und aufgekommen sind - Wenn die Handwerker und Gelehrten
in immer kleinere Subdivisionen auseinandergewachsen*****
- Wenn das letzte wilde Volk aus seiner Puter-Eierschale
ausgekrochen, und zwar schneller als das erste******,
wenn zwischen allen Völkern, wie jetzt zwischen
Herrnhutern und Juden, die Schiffe wie Weberschiffe verwebend hin- und
herschießen und der Thüringer seinen nordamerikanischen Reichsanzeiger
mithält und den afrikanischen Moniteur - Himmel! wenn dann der
ganze Globus schreibt, der Nord- und der Südpol Autor ist und jede
Insel Autorin, wenn Rußland die Werke selber verfertigt, die es
eben daher früher nicht eingelassen, und die Molukken mit den Gewürzen
aus Habsucht die Makulatur dazu liefern und die Kamtschadalen alle die
Blasphemien, Zweideutigkeiten und Höhnereien, die sie vorher mündlich
verrauchen ließen, besser in Romane aufgefangen; wenn natürlicherweise
eigne Städte gebauet werden müssen, wo bloß Bücher
wohnen, so wie ganze Judengassen bloß für schreckliche Registraturen;
wenn die Menge so herrlicher Genies und die Menge der Nationalgeschmäcke
so vieler Inseln, Küsten und Jahrhunderte die höchste Toleranz,
Übersicht, Vermischung und Laune geboren - Wenn man die Wolken
so richtig wie kürzere Sonnenfinsternisse prophezeien kann, Schwanzsterne
ohnehin; und wenn die Flora und Fauna im Monde so gut bearbeitet ist
als die Länderkunde des Abendsterns - Wenn alle Raffaele verwittert,
alle jetzigen Sprachen gestorben, neue Laster und alle mögliche
Physiognomien und Charaktere dagewesen, die Zartheit und Besonnenheit
und Kränklichkeit größer, die Hohlwege zehnmal tiefer
und die tiefsten Wahrheiten platte geworden - Wenn Flotten von Luftschiffen
über der Erde ziehen und die Zeit alle ihre griechischen Futura
durchkonjugiert - Wenn alles unzählige Male dagewesen, ein Gottesacker
auf dem andern liegt, die alte runzlichte graue Menschheit ein Jahrtausend
nach dem andern vergessen und nur noch, wie andere Greise, sich ihrer
schönen Jugendzeit in Griechenland und Rom erinnert und der ewige
Jude, der Planet, doch noch immer läuft - - sag an, o bleicher
Jüngling, wenn schlägt es in der Ewigkeit 12 Uhr, und die
Geisterstunde der Erd-Erscheinungen ist vorbei?" -
"Ach Gott" (sagte der Knabe sonderbar-klug) "das Leben
ist lang, aber die Zeit ist kurz, sie hat nichts als Augenblicke - Alle
Uhren gehen sehr" (wobei er eine herauszog und ansah, auf der sieben
übereinander stehende Weiser******* unten
rückten, liefen und oben pfeilschnell flogen) - "O die große
Uhr rasselt schon und schlägt das Jahrhundert aus - dann fliegt
die weiße Taube sehr anmutig durch die Sterne, und die Toten des
Jahrhunderts ziehen getrost." Hier schlang er sich an die Brust
der Jungfrau und gab seine Uhr mit den sieben Zeigern der Maske. "Die
große Uhr draußen hat freilich", sagten diese, "ein
Richtschwert zum Perpendikel, und das ist Geistern ganz fatal."********
(Fortsetzung und Schluß in der nächsten Nummer)
* Zwei Flügel verhüllen die Füße
der Seraphim, zwei das Haupt, zwei tragen sie. (zurück)
** Sie zeigt den täglichen Stand und Gang der
Himmelskörper etc. bis zum Jahr 1875; dann muß sie verändert
werden. (zurück)
*** Ich brauche den Leserinnen wohl nicht zu sagen,
daß dieses erst zukünftige Moden sind. (zurück)
**** An den jetzigen eigentlich halben Schuh wird nämlich
künftig hinten ein neuer angebauet, der leer bleibt wie unser hoher
Hut. (zurück)
***** Der Wilde und der westfälingsche Bauer machen
sich, wie der Redner Gorgias, alles selber; mit der Kultur teilen sich
die Handwerker auseinander; diese Abteilungen werden sich wieder spalten
und z.B. die Mundköche sich in Vögel-, Fischköche etc.,
diese wieder in Lachs-, Forellen-, Karpfen- etc. Köche sondern.
Bei den Gelehrten werden die Abästungen noch üppiger ausfallen.
Z.B. in der ungeheuer aufwachsenden Geschichte wird jedes Volk, jedes
Jahrtausend seinen eignen Historiker fodern, der von seinem historischen
Wandnachbar gar nicht zu wissen braucht, daß er in der Welt ist.
(zurück)
****** Völker (wie Kinder moralisch und physisch)
wachsen anfangs am schnellsten und stärksten; in einer gewissen
Höhe der Kultur kann die Menschheit sich nur langsam ändern
und höher heben, wie alle Sterne vom Horizont schneller aufsteigen
als von der halben Bahn.(zurück)
******* Nämlich die Terzie wieder in 60 Teilchen,
jedes wieder in 60, und dieses wieder geteilt.(zurück)
******** Geister fliehen nach dem Aberglauben Richtschwerter.(zurück)
(Zeichnungen: Alfred Kubin)
Ihr
Kommentar
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