Nr. 20, Dezember 1999
 
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Alle mal herhören!

Ist Lyrik unverkäuflich? Vielleicht. Aber wenn es so ist (einmal rein kommerziell gedacht), dann bietet man sie eben gratis im Internet an, und zwar auch zum Hören. Das ungefähr muß der auslösende Gedanke gewesen sein, der Heiko Strunk zur Idee einer speziellen Website für deutsche Lyrik führte, der www.lyrikline.de.
Seit der Eröffnung am 11. November stellen sich hier die Dichter mit jeweils etwa zehn Gedichten in vier Rubriken ("Editionen" genannt) vor: Gegenwartslyrik, Das hörbare Erbe, Lyrik für Kinder (nur Hans Manz) und Visuelle Poesie (nur Eugen Gomringer). In der "Gegenwartslyrik" finden sich acht Dichter (von H. C. Artmann über Durs Grünbein und Ursula Krechel bis Lutz Seiler) und in der Edition "Das hörbare Erbe" nur zwei (Benn und Celan). Mit einer eigenen Suchmaschine läßt sich der - vorerst noch bescheidene - Corpus auf einzelne Wörter durchsuchen (was nur bei Eugen Gomringer zu nichts führt, da seine graphischen Gedichte als Abbildungen gespeichert, siehe hier "uaeoi", und daher auch nicht zum Hören sind).
Mit gewiß berechtigtem Stolz behauptet die einführende Information, lyrikline sei "die erste Plattform, die Stimmen deutschsprachiger Lyriker und Lyrikerinnen in einem Tonarchiv versammelt": Benn liest also Benn, Celan liest Celan. Das allein macht den Besuch der Website wertvoll.
Und erhellend. Wer je - und sei es auch nur still für sich - "Teils-teils" von Benn gelesen hat , wird überrascht sein von der grandiosen Unbekümmertheit, mit der der Dichter über fast alle doch eigentlich aufhaltsamen Satzzeichen hinwegrezitiert: Kein Komma kann ihn bremsen, kein Doppelpunkt läßt ihn kurz verharren. Ein verstörender Höreindruck, wenn man dabei nicht die Augen schließt vor dem sichtbaren Text auf dem Bildschirm. Fast scheint es, als wären Lyriker nicht nur die schlechtesten Interpreten, sondern auch die ungeeigneten Sprecher ihrer Gedichte.
Wenn da nicht vor allen anderen auch Celan wäre. Er trägt die "Todesfuge" in der bekannten wiegenden Rhythmik vor (und weitgehend ebenfalls erstaunlich schnell). Aber das "träumet" gegen Ende "wird schaurig in die Länge gezogen [wie Felstiner es einfühlsam beschreibt]; die folgenden Worte spricht er mit chirurgischer Präzision, zärtlich, Silbe für Silbe: ‘der - Tod - ist - ein - Mei - ster - aus - Deutsch - land'. ... Die letzten beiden Zeilen des Gedichts sind litanei-artige Anrufungen Sulamiths und Margaretes. Die Zwillingsmotive, die im Laufe des Gedichts aufeinander ihre Schatten warfen, treten am Ende zusammen - ‘dein goldenes Haar Margarete / dein aschenes Haar Sulamith'." Hier, selbst wenn der Hörer von Celan sonst nichts weiß, gewinnt das Gedicht einen sinnlichen Körper, der sich geradezu berühren läßt - und der den Hörer berührt. Allein dafür hat sich das Aufrufen der lyrikline schon gelohnt.
Die akustische Wiedergabe erfordert allerdings einen gewissen Programm-Aufwand. Als erstes einen Real Audio Player, der immerhin direkt aus der Website heraus heruntergeladen kann. Sodann ein neueres, mindestens ein 56k-Modem und vor allem einen schnellen Internet-Zugang auf dem letzten Stand der Technik. Wo dies fehlt, tritt im Vortrag schon in der ersten Zeile regelmäßig eine lästige halbminütige Pause ein, bis der Real Audio Player den Rest des Hörtextes zwischengespeichert hat.
Jeden Monat sollen zwei bis vier neue Gedichte hinzukommen (im "Erbe" ist es in diesem Monat Ingeborg Bachmann). So läßt die Zusammenarbeit der lyrikline mit großen Verlagen und Rundfunksendern hoffen, daß das versprochene "Tonarchiv" durch zügigen Ausbau seinen Namen bald verdient. Der Anfang jedenfalls ist gemacht und vielversprechend.
PS: Aber warum richtet Strunks Techniker das Gästebuch nicht so ein, daß man die bisherigen Einträge nachlesen kann?

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