| Goldhagen-Kontroverse, die zweite
Daniel J. Goldhagen - ja, der Goldhagen, der Kritikern seines
Buches „Hitlers willige Vollstrecker" auch schon mal mit einer Verleumdungsklage
droht - muß sich erneut harsche Kritik gefallen lassen. Und diesmal
nicht von deutschen, sondern von seinen amerikanischen Kollegen. Die Debatte
wird abseits der guten populären Wirkung Goldhagens ausgefochten,
dafür aber um so unerbittlicher.
Norman Finkelstein und Ruth Bettina Birn erheben keine geringen Vorwürfe
(in „A Nation on Trial") gegen Goldhagens Buch: Irrtümer, Widersprüche
und, was ihn besonders schmerzen muß, einen unwissenschaftlichen
Umgang mit Dokumenten. Finkelstein, er lehrt an der New York University,
ging Goldhagens englischsprachigen Quellen nach; Birn, vom kanadischen
Justizministerium, untersuchte das deutsche Ausgangsmaterial (die beiden
arbeiteten unabhängig voneinander, ihre Ergebnisse wurden erst für
die Buch-Veröffentlichung zusammengeführt). Ihnen zufolge löst
Goldhagen seine Fakten aus dem nötigen Kontext heraus, übersieht
großzügig vieles, was seiner These widersprechen könnte,
und schert sich den Teufel um vorhergehende Untersuchungen zum Thema. „Er
nimmt ein kleines Element", erläuterte Birn dem Nachrichtenmagazin
Newsweek, „sagen wir: die Todesmärsche, bläst es auf und verallgemeinert
es, ohne andere Fälle zu überprüfen."
Prompt kam die Gegenoffensive. Der Canadian Jewish Congress bezeichnete
Finkelstein als „Anathema für die große Mehrheit der Juden auf
diesem Kontinent" (was Mut beweist, denn neun angesehene Historiker begrüßten
das Buch, das zudem in die Auswahl des Jewish Book Club aufgenommen wurde).
Und Elan Steinberg vom World Jewish Congress drückte sich dem Verlag
gegenüber noch drastischer aus: „Ich bin so entschieden gegen jede
Zensur, daß ich finde, auch Müll sollte veröffentlicht
werden; aber wenn diese Leute Müllmänner sein wollen, dann sollten
sie die vorgeschriebenen Arbeitsanzüge tragen."
Die Schwarz-Weiß-Debatte hat etwas Künstliches an sich,
möglicherweise ist sie nichts anderes als ein gelehrtes Glasperlenspiel
jenseits des großen Lesepublikums und weitgehend wirkungslos. Eine
umfassende Untersuchung lebensnäherer Grauzonen, ein Maßstäbe
setzendes Werk zum Thema hat soeben Saul Friedländer vorgelegt: Das
Dritte Reich und die Juden, C. H. Beck, München 1998.
PS
Was der Goldhagen-Kontroverse ihre ganz spezielle Schärfe gibt,
ist die Tatsache, daß der Holocaust-Lehrstuhl der Harvard University
immer noch nicht besetzt ist. Von den Kandidaten der letzten Ausschreibung
1997, unter ihnen Goldhagen und Saul Friedländer, wurde keiner genommen.
Die Gründe: die Uneinigkeit der Jury über die wissenschaftlichen
Aufgaben des Lehrstuhls, aber auch unterschiedliche Präferenzen der
Jury einerseits und des Lehrstuhl-Stifters Kenneth Lipper andererseits.
Lipper, der Harvard schon 1995 drei Millionen Dollar zur Verfügung
stellte, hätte gern Goldhagen als ordentlichen Professor, das Auswahlkommitee
jedoch bevorzugte Friedländer, und sei es auch nur zeitweise, während
die Suche weitergeht. Ergebnis der Blockade: Der verärgerte Spender
hat vor einigen Monaten eine Million Dollar von Harvard wieder in die Lipper-Stiftung
zurückverlagert.
Autoren-Ausbeutung
Seit Ende März 1998 ist NetBooks
(eine Unterabteilung von Kanakaris Communications) im World Wide Web. Hier
kann jeder Autor sein Buch veröffentlichen. Klingt gut, aber bei näherem
Hinsehen erkennt man die Fußangeln.
Bevor der Autor in NetBooks überhaupt reinkommt, muß er
erst einmal zahlen: vierhundertfünfundneunzig Dollar. Und das auch
nur für einen Text von maximal hundertfünfzigtausend Wörtern;
für je tausend Wörter mehr zahlt er nocheinmal hundert Dollar
dazu. Wenn er will, darf er einmal im Vierteljahr seinen Text sogar verändern,
das kostet dann pro Jahr weitere einhundertfünfzig Dollar. Was bekommt
er dafür? NetBooks präsentiert das Werk im Internet, zeigt auch
ein Probekapitel, aber nur ein Jahr lang. Danach sind die vergleichsweise
hohen Summen ein zweites Mal fällig. Und so weiter.
NetBooks bietet sodann das Werk zum Verkauf, zu Preisen von etwa drei
Dollar pro download. Von diesen Einnahmen erhält der Autor nicht mehr
als fünfzig Prozent, die andere Hälfte behält NetBooks.
Das Unternehmen ist erkennbar noch im Aufbau. Im Augenblick ist das
Angebot noch mager: zwei Kinderbücher, ein Buch über Hollywood,
immerhin zwei Gedichtbände und zwei Lebenshilfebücher; noch nichts
in den Abteilungen Roman, Haus, Nachschlagewerke, Science Fiction oder
Reise.
Man sieht, es ist derselbe Veröffentlichungsweg, den auch die
Offizin
dieser Gazette zu gehen versucht (nur daß hier kein Autor etwas bezahlen
muß). Selbst auf die Gefahr hin, pro domo zu reden: Man kann NetBooks
den scharfen Vorwurf der Autoren-Ausbeutung nicht ersparen. Daß ein
Autor erst einmal einen Einstandspreis von fast fünfhundert Dollar
zahlen muß, bringt NetBooks in den unguten Ruch eines Vanity Publishers
(der alles publiziert, solange der Autor dafür zahlt). Nicht einmal
die gebotenen Services sind viel wert. Ein Beispiel: „Unsere Graphik-Experten",
prahlt NetBooks, „konvertieren Ihren Text, so daß er von jedem Internet-Browser
gelesen werden kann". Das ist pure Schaumschlägerei. So etwas kann
nämlich heute jeder, der ein bißchen Internet-Erfahrung hat;
es gehört überhaupt kein Expertenwissen dazu, jedes moderne Schreibprogramm
kann so etwas automatisch. Und die Aufteilung der Einnahmen ist die reine
Absahne: Der hoffnungsvolle Autor wird gleich zweimal geschröpft,
beim Einstand und dann noch einmal bei jedem Verkauf.
Die Offizin wird sich dieses Geschäftsgebaren nicht zum Vorbild
nehmen. Versprochen.
Ohrenbeißers Memoiren
Myke Tyson hat Probleme. Er hat seine Box-Lizenz verloren (nach dem
kannibalistischen Angriff auf Evander Holyfields Ohr), und angeblich hat
ihn sein Promoter um fünfundvierzig Millionen Dollar betrogen. Kurz:
Er braucht Geld. Wie kommt ein berüchtigter Ex-Boxer zu Geld? Er schreibt
seine Memoiren.
Sein Agent und „Berater" findet natürlich edlere Gründe für
das Vorhaben. Mike, sagt er, „möchte sich selbst definieren, bevor
es andere tun". Er sei, fügt er hinzu, der beste Box-Historiker in
den USA, was sogar seine Gegner nicht bestreiten könnten. Naja.
Wir wissen auch schon, was uns der kommende Autor erzählen will:
eine kurze Ehe mit einem Starlet, einen Prozeß wegen Vergewaltigung,
sein Bruch mit dem Promoter und - ist es noch überraschend? - den
Biß ins gegnerische Ohr. Ein bewegtes Leben also. „Demnächst",
heißt es, will er das Manuskript vorlegen. Nachdem er mit einem Verlag
handelseinig geworden ist.
Aber da tut sich das Hauptproblem auf: Bisher ist kein Verlag an Mike
Tyson interessiert. „Die Leute mögen ihn nicht", sagte ein Redakteur,
„man kann sie nicht überzeugen, daß sie siebenundzwanzig Dollar
für sein Buch ausgeben sollen". Vor allem aber will kein Verlag die
siebenstellige Vorschußsumme auf den Tisch legen, die der schreibende
Ex-Boxer verlangt.
Der lohnendste Preis der Welt
Es gibt Literaturpreise, die dem Gewinner tatsächlich einige Jahre
finanzielle Ruhe schenken. Der höchstdotierte unter ihnen wird in
Irland vergeben: Es ist der International IMPAC Dublin Litererary Award,
der dem Preisträger hunterttausend Pfund einbringt, das sind umgerechnet
über dreihunderttausend Mark.
Es ist ein wahrhaft internationaler Preis. Er wird nämlich nicht
etwa von einer erlesenen Dubliner Kritiker-Schar vergeben, sondern von
schlichten Stadtbibliotheken aus neunundreißig Ländern auf der
ganzen Welt, bis hinaus zu den Fidschi-Inseln (wo zum Beispiel der schottische
Autor Michael Cannon eine überraschende Anhängerschaft hat).
In der engeren Auswahl für dieses Jahr stehen zehn Autoren und
Autorinnen aus der Karibik, aus Canada, England, Australien, Südafrika
und Rumänien (Herta Müller, über die in dem Buch von Friedmar
Apel ein Kurzessay nachzulesen ist).
Schreibfehler auf dem Turiner Grabtuch
Professor Filias S.J. aus Chicago hat auf dem Turiner Grabtuch, und
zwar auf dem rechten Auge, einen „knopfartigen Abdruck" entdeckt, den er
als die Bildspur einer alten Münze identifizierte. Darauf ist ein
sogenannter Augurenstab erkennbar und dazu die Buchstaben CAI, davor auch
noch, allerdings weniger genau, der Buchstabe U. Der Abdruck ist deckungsgleich
mit einer Münze, die von Pontius Pilatus im Jahre 29 v. Chr. geprägt
wurde.
Allerdings liegt hier ein Schreibfehler vor. Korrekt und ergänzt
müßte die Inschrift auf der Münze nämlich lauten „TIBERIOU
KAISAROS". Inzwischen hat man aber andere Münzen dieser Art gefunden,
die denselben Schreibfehler aufweisen.
Das Grabtuch wird in Turin vom 18. April bis zum 14. Juni 1998 ausgestellt
(Informationen dazu auch im Internet unter http://sindone.torino.chiesacattolica.it)
und dann bis zum Jubeljahr 2000 wieder verschlossen.
Zensur I
Müssen Wörterbücher jetzt umgeschrieben werden? Die Herausgeber
der großen amerikanischen Wörterbuchs Merriam-Webster denken
gerade darüber nach, ob es auf Kritik der politisch-korrekten Art
reagieren sollen. Der Vorgang erinnert in seinem vorauseilenden Gehorsam
fatal an die Schere im Kopf. Der Verlag hat eine eigene Arbeitsgruppe eingesetzt,
die prüfen soll, ob das Wörterbuch weiterhin auch historisch
gültige (also heute nicht mehr gebräuchliche) Wortbedeutungen
angeben darf.
Die Protestbewegung geht seit vergangenem Herbst von einer engagierten
Frau aus: Kathryn Williams, Konservatorin des Museum of African American
History in Flint, Michigan. Sie hat es besonders auf den Eintrag „nigger"
abgesehen, obwohl der im Wörterbuch längst als „höchst beleidigend"
und „Ausdruck von Rassenhaß" erläutert wird. Nun jedoch verlangt
Frau Williams, daß das Wort - zusammen mit einem Dutzend anderen
- aus dem Wörterbuch getilgt wird. Die Naivität ihrer Überzeugung
legt sie offen dar: „Wenn das Wort nicht da steht", meint sie, „kann man
es auch nicht benützen."
Die Arbeitsgruppe befaßt sich jedoch auch mit Beschwerden gegen
abwertende Nationalitäten-Bezeichnungen wie „Polack", „chink", „gringo",
„redskin" und sogar „Kraut".
Man ist versucht, den Wörterbuch-Redakteuren bei so massiv puristischem
Unsinn starke Nerven zu wünschen. Die Weiterungen wären nicht
auszudenken, denn dann müßte man wohl den gesamten Wortbestand
daraufhin untersuchen und ausjäten, ob irgendein Uralt-Wort möglicherweise
irgendein Grüppchen auf der Welt in seinem Selbstgefühl verletzen
könnte. Oder sie finden einen klugen Ausweg: Andere amerikanische
Wörterbücher versehen derartig „anstößige" Wörter
unmittelbat vor dem Stichwort mit einer entsprechenden Kennzeichnung. Und
bei ihnen liegt die Zahl der Beschwerden noch so niedrig, daß sich
die Frage einer Selbstzensur bisher gar nicht erst gestellt hat.
Zensur II
Die französische Reifenfirma Michelin brachte zum hundertjährigen
Firmenjubiläum einen Erinnerungsband heraus, „Die ersten hundert Jahre
des Michelin-Männchens", erschienen in Italien. Darin war eine marokkanische
Zeichnung von 1905 zu sehen, auf der eine schwarze Frau einem Baby-Michelin-Männchen
die Brust gibt. Amerikanische Michelin-Arbeiter in South Carolina fanden
die Zeichnung „rassistisch" und „beleidigend". Ebenso die eines Maulesels,
dessen Kopf einige der genannten Arbeiter als häßliche Karikatur
eines Schwarzen verstanden.
Die Firma entschuldigte sich, zog das Buch zurück, stampfte die
Auflage ein und bringt jetzt eine neue heraus, ohne die inkriminierten
Zeichnungen.
Schreib-Art
Wie bringt man eine Katachrese, eine häßliche Wortwiederholung
und eine grobe Geschmacklosigkeit in einem einzigen Satz unter? So: „Schönlein
dringt, von Ekel und Haß geschüttelt, in dieses Haus und diese
Frau ein und verfällt stehenden Gliedes dem Verfall."
(Gefunden in DIE ZEIT vom 28. März 1998, Literatur, Seite 3) |
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Bitte
keinen Shakespeare mehr!
„Wir hatten schon Shakespeare-Musicals,
und wir hatten Shakespeare als Nackt-Revue", sagte Matthew Warchus, ein
Regisseur der Royal Shakespeare Company vor kurzem, „das einzige, was wir
noch nicht getan haben, ist, ihn zehn Jahre lang nicht aufzuführen
- und das sollte man einmal versuchen."
Die Idee eines Shakespeare-Moratoriums
hat einige Fürsprecher unter Theaterkritikern. Es wurde ihnen einfach
zuviel, daß in einer einzigen Londoner Spielzeit „Viel Lärm
um nichts" drei Neuinszenierungen erlebte oder „Der Sturm" gleich fünf,
eine nach der anderen. Nur durch eine längere Spiel-Pause, glauben
sie, würden die Stücke Shakespeares wieder zu einem Abend der
Überraschungen.
Andere halten das ganze Gerede
vom Moratorium für Intellektuellen-Hype und einen Presse-Gag. Die
wahre Frage, sagt Regisseur-Kollege Sir Peter Hall, sei vielmehr: „Können
wir ihn überhaupt spielen? Sind wir auf der Höhe seiner Forderungen?"
Wieviel kostet ein Präsident?
Ganz einfach: Angenommen, Bill Clinton
schriebe ein Buch über sein Intim-Leben im Weißen Haus, so bekäme
er sofort acht bis zehn Millionen Dollar für die Buchrechte. Nicht
ganz so teuer käme ein entsprechendes Manuskript von Hillary: nur
fünf bis secht Millionen. Noch weniger bekäme der Sonderermittler
Kenneth Starr für seine Enthüllungen (aber immerhin auch eine
siebenstellige Summe).
Erheblich schlechter stellt sich
Monica Lewinsky, weil ihre Erinnerungen sofort und so ausgiebig von der
Presse ausgeschlachtet würden, daß jeder Zeitungsleser meint,
danach schon alle „Stellen" zu kennen, und das Buch also gar nicht mehr
kaufen muß. Das wird wohl so sein. Mrs. Willey hat ja schon unüberwindliche
Schwierigkeiten, für ihr Buchprojekt von Vorschuß von läppischen
dreihunderttausend Dollar herauszuhandeln.
Nun aber noch der Joker in dem
Kartenspiel: Falls es stimmt, daß Monica Lewinsky über ihre
Beziehungen zu Clinton ein geheimes Tagebuch führte (wie man in Washington
sagt), so wäre das - meint ein Literaturagent in New York - mindestens
so viel wert wie ein Präsident, garantierte zehn Millionen Dollar.
Angeblich hat sie schon zu schreiben begonnen. Zwei Vertraute helfen ihr
dabei. Erstens ihre Mutter Marcia, die mit sowas Erfahrung hat als Autorin
des prickelnden Enthüllungsromans „The Private Lives of the Three
Tenors". Und zweitens ihre Tante Debra Finerman; sie arbeitet als Klatschkolumnistin.
In drei, vier Monaten will sie das Manuskript abgeschlossen haben. „Endlich",
sagte sie einer nichtgenannten Quelle zufolge, „habe ich das Gefühl,
eine Karriere gefunden zu haben. Danke, Bill Clinton!"
Fälscher verhaftet
Am 16. März wurde Lawrence
Cusack III in New York wegen Betrugs verhaftet - von Postbeamten. Er war
der Mann, der dem Autor Seymour Hersh angebliche Kennedy-Dokumente zugänglich
machte. Die Papiere sollten beweisen, daß Kennedy sich das Schweigen
von Marilyn Monroe damit erkaufte, daß er ihrer Mutter eine Leibrente
stiftete. Hersh hatte diese Unterlagen ursprünglich für sein
Kennedy-Buch „The Dark Side of Camelot" benützen wollen, nahm aber
Abstand davon, da sie sehr bald als Fälschungen entlarvt wurden.
Cusack bot außerdem angeblich
echte Briefe der Kennedys, von Marylin Monroe und Mafia-Chef Sam Giancana
an, siebenhundert Dokumente, die er in den Alten seines Vaters, eines 1985
verstorbenen Rechtsanwalts, „gefunden" haben wollte. Die Anklage wirft
ihm Betrügereien in Höhe von insgesamt vier Millionen Dollar
vor.
Die Wörter des Jahrhunderts
Ein Wörterbuch (Roget’s Thesaurus),
das doch vor allem zum Lesen und Schreiben benützt werden will, veranstaltete
einen Wettbewerb: Welches Wort faßt das zwanzigste Jahrhundert am
treffendsten zusammen? Und der Gewinner ist das Wort „Fernsehen".
Die nächsten fünf Plätze
werden von ähnlich charakteristischen Wörtern belegt, nämlich
„Technologie", „Kommunikation", „Computer", „Globalisierung" und „Silicon
Chip". An siebter Stelle taucht immerhin die Erinnerung an die größte
Schandtat des Jahrhunderts aus: „Holocaust". Danach geht es wieder vor
allem elektronisch weiter: „Internet", „Fortschritt", „Geschwindigkeit"
und „Mikrochip". Sozusagen nebeneinander stehen „Genozid" (Platz neunzehn)
und „Penizillin" (Platz zwanzig).
Marx redivivus
In den Buchländen von Manhattan
läuft in diesen Wochen eine bemerkenswerte Schaufenster-Aktion, sowohl
im World Trade Center wie in den 483 Läden von Barnes & Noble.
Ein einhundertfünfzig Jahre altes Buch wird in einer Neuauflage (im
Hochglanzumschlag mit roter Fahne und für dreizehn Dollar) prominent
herausgestellt: Das „Kommunistische Manifest" von Karl Marx. „Es sieht
so elegant aus", sagt Colin Robinson, der Verleger, „daß es jeden
Kaffeetisch schmückt." Zwanzigtausend Exemplare sind gedruckt.
Eine erstaunliche Karriere für
ein Dreiundzwanzig-Seiten-Pamphlet, das den Untergang des Kapitalismus
vorhersagte.
Kommentar von Terrie Albano, der
Pressesprecherin der Kommunistischen Partei der USA: "Cool."
Marx und Engels, die Autoren
Keine Nachricht wert?
Am 21. März starb in Krakau
der siebenundsiebzgjährige Maciej Slomczynski.
Wie war das? Wer? Nie von ihm gehört.
Kein Vorwurf. Übersetzer,
anders als ihre Autoren, sterben, wie sie gelebt haben: schier anonym.
Maciej Slomczynski war der maßgebliche
Shakespeare-, Joyce- und Faulkner-Übersetzer in Polen. Während
der elfjährigen „Ulysses"-Übersetzung schrieb er nebenher Krimis,
um sich über Wasser zu halten. Er hat sämtliche Werke Shakespeares
ins Polnische übersetzt, aber auch „Gullivers Reisen" von Jonathan
Swift und „Paradise Lost" von John Milton.
Während der deutschen Besetzung
Polens war er im aktiven Widerstand und wurde kurzzeitig auch einmal verhaftet.
Zum Trost
Für alle, die mit der jüngsten
Oscar-Verleihung nicht einverstanden sind, hier eine unvollständige
Liste großer Persönlichkeiten, die nie den goldenen Academy
Award bekamen: die Schauspielerinnen Marlene Dietrich und Greta Garbo,
die Schauspieler Fred Astaire, Cary Grant, Richard Burton und Peter O’Toole
sowie die Regisseure Martin Scorsese und Alfred Hitchcock (nie einen Oscar
für einen Film, nur einen Sonderpreis am Ende seines Lebens; seine
Dankrede bestand aus zwei Wörtern: „Thank you"). |