Die Gazette Nr. 2, April 1998:
 
Goldhagen-Kontroverse, die zweite

Daniel J. Goldhagen - ja, der Goldhagen, der Kritikern seines Buches „Hitlers willige Vollstrecker" auch schon mal mit einer Verleumdungsklage droht - muß sich erneut harsche Kritik gefallen lassen. Und diesmal nicht von deutschen, sondern von seinen amerikanischen Kollegen. Die Debatte wird abseits der guten populären Wirkung Goldhagens ausgefochten, dafür aber um so unerbittlicher. 
Norman Finkelstein und Ruth Bettina Birn erheben keine geringen Vorwürfe (in „A Nation on Trial") gegen Goldhagens Buch: Irrtümer, Widersprüche und, was ihn besonders schmerzen muß, einen unwissenschaftlichen Umgang mit Dokumenten. Finkelstein, er lehrt an der New York University, ging Goldhagens englischsprachigen Quellen nach; Birn, vom kanadischen Justizministerium, untersuchte das deutsche Ausgangsmaterial (die beiden arbeiteten unabhängig voneinander, ihre Ergebnisse wurden erst für die Buch-Veröffentlichung zusammengeführt). Ihnen zufolge löst Goldhagen seine Fakten aus dem nötigen Kontext heraus, übersieht großzügig vieles, was seiner These widersprechen könnte, und schert sich den Teufel um vorhergehende Untersuchungen zum Thema. „Er nimmt ein kleines Element", erläuterte Birn dem Nachrichtenmagazin Newsweek, „sagen wir: die Todesmärsche, bläst es auf und verallgemeinert es, ohne andere Fälle zu überprüfen." 
Prompt kam die Gegenoffensive. Der Canadian Jewish Congress bezeichnete Finkelstein als „Anathema für die große Mehrheit der Juden auf diesem Kontinent" (was Mut beweist, denn neun angesehene Historiker begrüßten das Buch, das zudem in die Auswahl des Jewish Book Club aufgenommen wurde). Und Elan Steinberg vom World Jewish Congress drückte sich dem Verlag gegenüber noch drastischer aus: „Ich bin so entschieden gegen jede Zensur, daß ich finde, auch Müll sollte veröffentlicht werden; aber wenn diese Leute Müllmänner sein wollen, dann sollten sie die vorgeschriebenen Arbeitsanzüge tragen." 
Die Schwarz-Weiß-Debatte hat etwas Künstliches an sich, möglicherweise ist sie nichts anderes als ein gelehrtes Glasperlenspiel jenseits des großen Lesepublikums und weitgehend wirkungslos. Eine umfassende Untersuchung lebensnäherer Grauzonen, ein Maßstäbe setzendes Werk zum Thema hat soeben Saul Friedländer vorgelegt: Das Dritte Reich und die Juden, C. H. Beck, München 1998. 
PS 
Was der Goldhagen-Kontroverse ihre ganz spezielle Schärfe gibt, ist die Tatsache, daß der Holocaust-Lehrstuhl der Harvard University immer noch nicht besetzt ist. Von den Kandidaten der letzten Ausschreibung 1997, unter ihnen Goldhagen und Saul Friedländer, wurde keiner genommen. Die Gründe: die Uneinigkeit der Jury über die wissenschaftlichen Aufgaben des Lehrstuhls, aber auch unterschiedliche Präferenzen der Jury einerseits und des Lehrstuhl-Stifters Kenneth Lipper andererseits. Lipper, der Harvard schon 1995 drei Millionen Dollar zur Verfügung stellte, hätte gern Goldhagen als ordentlichen Professor, das Auswahlkommitee jedoch bevorzugte Friedländer, und sei es auch nur zeitweise, während die Suche weitergeht. Ergebnis der Blockade: Der verärgerte Spender hat vor einigen Monaten eine Million Dollar von Harvard wieder in die Lipper-Stiftung zurückverlagert. 

Autoren-Ausbeutung

Seit Ende März 1998 ist NetBooks (eine Unterabteilung von Kanakaris Communications) im World Wide Web. Hier kann jeder Autor sein Buch veröffentlichen. Klingt gut, aber bei näherem Hinsehen erkennt man die Fußangeln. 
Bevor der Autor in NetBooks überhaupt reinkommt, muß er erst einmal zahlen: vierhundertfünfundneunzig Dollar. Und das auch nur für einen Text von maximal hundertfünfzigtausend Wörtern; für je tausend Wörter mehr zahlt er nocheinmal hundert Dollar dazu. Wenn er will, darf er einmal im Vierteljahr seinen Text sogar verändern, das kostet dann pro Jahr weitere einhundertfünfzig Dollar. Was bekommt er dafür? NetBooks präsentiert das Werk im Internet, zeigt auch ein Probekapitel, aber nur ein Jahr lang. Danach sind die vergleichsweise hohen Summen ein zweites Mal fällig. Und so weiter. 
NetBooks bietet sodann das Werk zum Verkauf, zu Preisen von etwa drei Dollar pro download. Von diesen Einnahmen erhält der Autor nicht mehr als fünfzig Prozent, die andere Hälfte behält NetBooks. 
Das Unternehmen ist erkennbar noch im Aufbau. Im Augenblick ist das Angebot noch mager: zwei Kinderbücher, ein Buch über Hollywood, immerhin zwei Gedichtbände und zwei Lebenshilfebücher; noch nichts in den Abteilungen Roman, Haus, Nachschlagewerke, Science Fiction oder Reise. 
Man sieht, es ist derselbe Veröffentlichungsweg, den auch die Offizin dieser Gazette zu gehen versucht (nur daß hier kein Autor etwas bezahlen muß). Selbst auf die Gefahr hin, pro domo zu reden: Man kann NetBooks den scharfen Vorwurf der Autoren-Ausbeutung nicht ersparen. Daß ein Autor erst einmal einen Einstandspreis von fast fünfhundert Dollar zahlen muß, bringt NetBooks in den unguten Ruch eines Vanity Publishers (der alles publiziert, solange der Autor dafür zahlt). Nicht einmal die gebotenen Services sind viel wert. Ein Beispiel: „Unsere Graphik-Experten", prahlt NetBooks, „konvertieren Ihren Text, so daß er von jedem Internet-Browser gelesen werden kann". Das ist pure Schaumschlägerei. So etwas kann nämlich heute jeder, der ein bißchen Internet-Erfahrung hat; es gehört überhaupt kein Expertenwissen dazu, jedes moderne Schreibprogramm kann so etwas automatisch. Und die Aufteilung der Einnahmen ist die reine Absahne: Der hoffnungsvolle Autor wird gleich zweimal geschröpft, beim Einstand und dann noch einmal bei jedem Verkauf. 
Die Offizin wird sich dieses Geschäftsgebaren nicht zum Vorbild nehmen. Versprochen. 
 

Ohrenbeißers Memoiren

Myke Tyson hat Probleme. Er hat seine Box-Lizenz verloren (nach dem kannibalistischen Angriff auf Evander Holyfields Ohr), und angeblich hat ihn sein Promoter um fünfundvierzig Millionen Dollar betrogen. Kurz: Er braucht Geld. Wie kommt ein berüchtigter Ex-Boxer zu Geld? Er schreibt seine Memoiren. 
Sein Agent und „Berater" findet natürlich edlere Gründe für das Vorhaben. Mike, sagt er, „möchte sich selbst definieren, bevor es andere tun". Er sei, fügt er hinzu, der beste Box-Historiker in den USA, was sogar seine Gegner nicht bestreiten könnten. Naja. 
Wir wissen auch schon, was uns der kommende Autor erzählen will: eine kurze Ehe mit einem Starlet, einen Prozeß wegen Vergewaltigung, sein Bruch mit dem Promoter und - ist es noch überraschend? - den Biß ins gegnerische Ohr. Ein bewegtes Leben also. „Demnächst", heißt es, will er das Manuskript vorlegen. Nachdem er mit einem Verlag handelseinig geworden ist. 
Aber da tut sich das Hauptproblem auf: Bisher ist kein Verlag an Mike Tyson interessiert. „Die Leute mögen ihn nicht", sagte ein Redakteur, „man kann sie nicht überzeugen, daß sie siebenundzwanzig Dollar für sein Buch ausgeben sollen". Vor allem aber will kein Verlag die siebenstellige Vorschußsumme auf den Tisch legen, die der schreibende Ex-Boxer verlangt. 
 

Der lohnendste Preis der Welt

Es gibt Literaturpreise, die dem Gewinner tatsächlich einige Jahre finanzielle Ruhe schenken. Der höchstdotierte unter ihnen wird in Irland vergeben: Es ist der International IMPAC Dublin Litererary Award, der dem Preisträger hunterttausend Pfund einbringt, das sind umgerechnet über dreihunderttausend Mark. 
Es ist ein wahrhaft internationaler Preis. Er wird nämlich nicht etwa von einer erlesenen Dubliner Kritiker-Schar vergeben, sondern von schlichten Stadtbibliotheken aus neunundreißig Ländern auf der ganzen Welt, bis hinaus zu den Fidschi-Inseln (wo zum Beispiel der schottische Autor Michael Cannon eine überraschende Anhängerschaft hat). 
In der engeren Auswahl für dieses Jahr stehen zehn Autoren und Autorinnen aus der Karibik, aus Canada, England, Australien, Südafrika und Rumänien (Herta Müller, über die in dem Buch von Friedmar Apel ein Kurzessay nachzulesen ist). 
 

Schreibfehler auf dem Turiner Grabtuch

Professor Filias S.J. aus Chicago hat auf dem Turiner Grabtuch, und zwar auf dem rechten Auge, einen „knopfartigen Abdruck" entdeckt, den er als die Bildspur einer alten Münze identifizierte. Darauf ist ein sogenannter Augurenstab erkennbar und dazu die Buchstaben CAI, davor auch noch, allerdings weniger genau, der Buchstabe U. Der Abdruck ist deckungsgleich mit einer Münze, die von Pontius Pilatus im Jahre 29 v. Chr. geprägt wurde. 
Allerdings liegt hier ein Schreibfehler vor. Korrekt und ergänzt müßte die Inschrift auf der Münze nämlich lauten „TIBERIOU KAISAROS". Inzwischen hat man aber andere Münzen dieser Art gefunden, die denselben Schreibfehler aufweisen. 
Das Grabtuch wird in Turin vom 18. April bis zum 14. Juni 1998 ausgestellt (Informationen dazu auch im Internet unter http://sindone.torino.chiesacattolica.it) und dann bis zum Jubeljahr 2000 wieder verschlossen. 
 

Zensur I

Müssen Wörterbücher jetzt umgeschrieben werden? Die Herausgeber der großen amerikanischen Wörterbuchs Merriam-Webster denken gerade darüber nach, ob es auf Kritik der politisch-korrekten Art reagieren sollen. Der Vorgang erinnert in seinem vorauseilenden Gehorsam fatal an die Schere im Kopf. Der Verlag hat eine eigene Arbeitsgruppe eingesetzt, die prüfen soll, ob das Wörterbuch weiterhin auch historisch gültige (also heute nicht mehr gebräuchliche) Wortbedeutungen angeben darf. 
Die Protestbewegung geht seit vergangenem Herbst von einer engagierten Frau aus: Kathryn Williams, Konservatorin des Museum of African American History in Flint, Michigan. Sie hat es besonders auf den Eintrag „nigger" abgesehen, obwohl der im Wörterbuch längst als „höchst beleidigend" und „Ausdruck von Rassenhaß" erläutert wird. Nun jedoch verlangt Frau Williams, daß das Wort - zusammen mit einem Dutzend anderen - aus dem Wörterbuch getilgt wird. Die Naivität ihrer Überzeugung legt sie offen dar: „Wenn das Wort nicht da steht", meint sie, „kann man es auch nicht benützen." 
Die Arbeitsgruppe befaßt sich jedoch auch mit Beschwerden gegen abwertende Nationalitäten-Bezeichnungen wie „Polack", „chink", „gringo", „redskin" und sogar „Kraut". 
Man ist versucht, den Wörterbuch-Redakteuren bei so massiv puristischem Unsinn starke Nerven zu wünschen. Die Weiterungen wären nicht auszudenken, denn dann müßte man wohl den gesamten Wortbestand daraufhin untersuchen und ausjäten, ob irgendein Uralt-Wort möglicherweise irgendein Grüppchen auf der Welt in seinem Selbstgefühl verletzen könnte. Oder sie finden einen klugen Ausweg: Andere amerikanische Wörterbücher versehen derartig „anstößige" Wörter unmittelbat vor dem Stichwort mit einer entsprechenden Kennzeichnung. Und bei ihnen liegt die Zahl der Beschwerden noch so niedrig, daß sich die Frage einer Selbstzensur bisher gar nicht erst gestellt hat. 
 

Zensur II

Die französische Reifenfirma Michelin brachte zum hundertjährigen Firmenjubiläum einen Erinnerungsband heraus, „Die ersten hundert Jahre des Michelin-Männchens", erschienen in Italien. Darin war eine marokkanische Zeichnung von 1905 zu sehen, auf der eine schwarze Frau einem Baby-Michelin-Männchen die Brust gibt. Amerikanische Michelin-Arbeiter in South Carolina fanden die Zeichnung „rassistisch" und „beleidigend". Ebenso die eines Maulesels, dessen Kopf einige der genannten Arbeiter als häßliche Karikatur eines Schwarzen verstanden. 
Die Firma entschuldigte sich, zog das Buch zurück, stampfte die Auflage ein und bringt jetzt eine neue heraus, ohne die inkriminierten Zeichnungen. 
 

Schreib-Art

Wie bringt man eine Katachrese, eine häßliche Wortwiederholung und eine grobe Geschmacklosigkeit in einem einzigen Satz unter? So: „Schönlein dringt, von Ekel und Haß geschüttelt, in dieses Haus und diese Frau ein und verfällt stehenden Gliedes dem Verfall." 
(Gefunden in DIE ZEIT vom 28. März 1998, Literatur, Seite 3)  

Bitte keinen Shakespeare mehr!

„Wir hatten schon Shakespeare-Musicals, und wir hatten Shakespeare als Nackt-Revue", sagte Matthew Warchus, ein Regisseur der Royal Shakespeare Company vor kurzem, „das einzige, was wir noch nicht getan haben, ist, ihn zehn Jahre lang nicht aufzuführen - und das sollte man einmal versuchen."
Die Idee eines Shakespeare-Moratoriums hat einige Fürsprecher unter Theaterkritikern. Es wurde ihnen einfach zuviel, daß in einer einzigen Londoner Spielzeit „Viel Lärm um nichts" drei Neuinszenierungen erlebte oder „Der Sturm" gleich fünf, eine nach der anderen. Nur durch eine längere Spiel-Pause, glauben sie, würden die Stücke Shakespeares wieder zu einem Abend der Überraschungen.
Andere halten das ganze Gerede vom Moratorium für Intellektuellen-Hype und einen Presse-Gag. Die wahre Frage, sagt Regisseur-Kollege Sir Peter Hall, sei vielmehr: „Können wir ihn überhaupt spielen? Sind wir auf der Höhe seiner Forderungen?"
 

Wieviel kostet ein Präsident?

Ganz einfach: Angenommen, Bill Clinton schriebe ein Buch über sein Intim-Leben im Weißen Haus, so bekäme er sofort acht bis zehn Millionen Dollar für die Buchrechte. Nicht ganz so teuer käme ein entsprechendes Manuskript von Hillary: nur fünf bis secht Millionen. Noch weniger bekäme der Sonderermittler Kenneth Starr für seine Enthüllungen (aber immerhin auch eine siebenstellige Summe).
Erheblich schlechter stellt sich Monica Lewinsky, weil ihre Erinnerungen sofort und so ausgiebig von der Presse ausgeschlachtet würden, daß jeder Zeitungsleser meint, danach schon alle „Stellen" zu kennen, und das Buch also gar nicht mehr kaufen muß. Das wird wohl so sein. Mrs. Willey hat ja schon unüberwindliche Schwierigkeiten, für ihr Buchprojekt von Vorschuß von läppischen dreihunderttausend Dollar herauszuhandeln.
Nun aber noch der Joker in dem Kartenspiel: Falls es stimmt, daß Monica Lewinsky über ihre Beziehungen zu Clinton ein geheimes Tagebuch führte (wie man in Washington sagt), so wäre das - meint ein Literaturagent in New York - mindestens so viel wert wie ein Präsident, garantierte zehn Millionen Dollar. Angeblich hat sie schon zu schreiben begonnen. Zwei Vertraute helfen ihr dabei. Erstens ihre Mutter Marcia, die mit sowas Erfahrung hat als Autorin des prickelnden Enthüllungsromans „The Private Lives of the Three Tenors". Und zweitens ihre Tante Debra Finerman; sie arbeitet als Klatschkolumnistin. In drei, vier Monaten will sie das Manuskript abgeschlossen haben. „Endlich", sagte sie einer nichtgenannten Quelle zufolge, „habe ich das Gefühl, eine Karriere gefunden zu haben. Danke, Bill Clinton!"
 

Fälscher verhaftet

Am 16. März wurde Lawrence Cusack III in New York wegen Betrugs verhaftet - von Postbeamten. Er war der Mann, der dem Autor Seymour Hersh angebliche Kennedy-Dokumente zugänglich machte. Die Papiere sollten beweisen, daß Kennedy sich das Schweigen von Marilyn Monroe damit erkaufte, daß er ihrer Mutter eine Leibrente stiftete. Hersh hatte diese Unterlagen ursprünglich für sein Kennedy-Buch „The Dark Side of Camelot" benützen wollen, nahm aber Abstand davon, da sie sehr bald als Fälschungen entlarvt wurden.
Cusack bot außerdem angeblich echte Briefe der Kennedys, von Marylin Monroe und Mafia-Chef Sam Giancana an, siebenhundert Dokumente, die er in den Alten seines Vaters, eines 1985 verstorbenen Rechtsanwalts, „gefunden" haben wollte. Die Anklage wirft ihm Betrügereien in Höhe von insgesamt vier Millionen Dollar vor.
 

Die Wörter des Jahrhunderts

Ein Wörterbuch (Roget’s Thesaurus), das doch vor allem zum Lesen und Schreiben benützt werden will, veranstaltete einen Wettbewerb: Welches Wort faßt das zwanzigste Jahrhundert am treffendsten zusammen? Und der Gewinner ist das Wort „Fernsehen".
Die nächsten fünf Plätze werden von ähnlich charakteristischen Wörtern belegt, nämlich „Technologie", „Kommunikation", „Computer", „Globalisierung" und „Silicon Chip". An siebter Stelle taucht immerhin die Erinnerung an die größte Schandtat des Jahrhunderts aus: „Holocaust". Danach geht es wieder vor allem elektronisch weiter: „Internet", „Fortschritt", „Geschwindigkeit" und „Mikrochip". Sozusagen nebeneinander stehen „Genozid" (Platz neunzehn) und „Penizillin" (Platz zwanzig).
 

Marx redivivus

In den Buchländen von Manhattan läuft in diesen Wochen eine bemerkenswerte Schaufenster-Aktion, sowohl im World Trade Center wie in den 483 Läden von Barnes & Noble. Ein einhundertfünfzig Jahre altes Buch wird in einer Neuauflage (im Hochglanzumschlag mit roter Fahne und für dreizehn Dollar) prominent herausgestellt: Das „Kommunistische Manifest" von Karl Marx. „Es sieht so elegant aus", sagt Colin Robinson, der Verleger, „daß es jeden Kaffeetisch schmückt." Zwanzigtausend Exemplare sind gedruckt.
Eine erstaunliche Karriere für ein Dreiundzwanzig-Seiten-Pamphlet, das den Untergang des Kapitalismus vorhersagte.
Kommentar von Terrie Albano, der Pressesprecherin der Kommunistischen Partei der USA: "Cool."

Marx und Engels
Marx und Engels, die Autoren
 

Keine Nachricht wert?

Am 21. März starb in Krakau der siebenundsiebzgjährige Maciej Slomczynski.
Wie war das? Wer? Nie von ihm gehört. 
Kein Vorwurf. Übersetzer, anders als ihre Autoren, sterben, wie sie gelebt haben: schier anonym. 
Maciej Slomczynski war der maßgebliche Shakespeare-, Joyce- und Faulkner-Übersetzer in Polen. Während der elfjährigen „Ulysses"-Übersetzung schrieb er nebenher Krimis, um sich über Wasser zu halten. Er hat sämtliche Werke Shakespeares ins Polnische übersetzt, aber auch „Gullivers Reisen" von Jonathan Swift und „Paradise Lost" von John Milton.
Während der deutschen Besetzung Polens war er im aktiven Widerstand und wurde kurzzeitig auch einmal verhaftet.
 

Zum Trost 

Für alle, die mit der jüngsten Oscar-Verleihung nicht einverstanden sind, hier eine unvollständige Liste großer Persönlichkeiten, die nie den goldenen Academy Award bekamen: die Schauspielerinnen Marlene Dietrich und Greta Garbo, die Schauspieler Fred Astaire, Cary Grant, Richard Burton und Peter O’Toole sowie die Regisseure Martin Scorsese und Alfred Hitchcock (nie einen Oscar für einen Film, nur einen Sonderpreis am Ende seines Lebens; seine Dankrede bestand aus zwei Wörtern: „Thank you").