Die Gazette Nr. 2, April 1998

 Lyrik
 
Corinna Thomas 

Wut Bau Fließender Übergang

für Andreas E.

Aufstehen
der Cursor blinkt mitten im Wort
abgebrochen
steht sie auf
er blinkt gnadenlos
sie nimmt den Mantel
in Ruhe
zieht ihn an
knöpft die grauen Knöpfe
geht zur Tür
öffnet
tritt hinaus
zieht die Türe
fällt ins Schloß
und geht
sie geht
endlich
das Treppenhaus
tritt aus der Haustür auf die 
    Straße
geht sie
über die Kreuzung zur Brücke
dort
greift in die Manteltasche
der Schlüsselbund
darunter der Fluß
ruhig fließend
endlich
sie läßt ihn fallen den Bund
fällt fließend
und geht
geht ohne Ziel und Richtung
sie geht
endlich
bis an die Grenze der Stadt
tritt hinaus in das Land
geht immerfort sie
atmet
atmet auf
geht ihren Gang
gerade
wohin sie kommt
tritt hinüber
Grenzen überschreitend
geht weiter über
Grenzen
Grenzen des Landes
endlich hinaus
über Sprachgrenzen
sie geht
endlich
unverstanden
ohne Ziel
in ihre Richtung
die Grenze der Sprache
überschritten
erreicht das Wasser
endlich
uferlose Ferne
fließend
gibt ihr die Richtung
entlang des Wassers
dürstend nach Bewegung
geht sie
mit Sehnsucht
nach dem Schlag
dem Schlag der Wellen
in sich geht sie
endlich
ihre Richtung
bis zum Ende
ohne Ziel
sprachlos
am Wasser entlang
bis ans Ende
immerweiter fort
endlich
beharrlich geht sie
in Liebe
der Cursor blinkt
tritt über das Ende der Welt
am Wasser
geht sie
voll Lust
endlich
ohne Ziel
in ihre Richtung
zeitlos
ewig
schwingt
geht sie
die Welle
bricht den Raum
in Zeit jetzt.

Kommentar der Autorin:

Was spricht der Text - nicht? 
Warum die Struktur des Gedichts? Zeilensprünge nach manchmal einem Wort ohne Versmaß? Steht das Wort nur für sich? In welchen Bezug ist es gestellt? Beliebig bezugslos, postmodern? Wird es nicht leer, un-bedeutsam aus der Vielzahl seiner Denotationen, wenn es da so allein steht? Wohin bezieht es sich, zur oberen, unteren oder gar keiner Zeile? Gibt es eine inhaltliche Struktur, die diese formale Struktur hervorruft? Oder ist die Form allzu beliebig und vertraut auf ein Einerlei, das sich immer noch hinter dem Deckmantel „die Leserin sei der Konstrukteur des Textes" versteckt? 

Doch was schreibt der Text? 

Er schreibt von einer Frau, die geht. Sie geht endlich über Zeit und Raum hinweg, bis an die Grenze des Sagbaren - wohl in den Tod. 

Ein Gehen, das unzeitgemäß im Tone romantischer Verklärung daherkommt. Scheinbar gibt es keine tägliche Gewalt auf der Straße, auf dem Land, der frau ausgeliefert ist, der Text kennt keinen Stacheldraht, keine Bannmeilen um Atomkraftwerke, an denen man vor allem in diesem Monat März 1998 nur in kilometerweiter Entfernung vorbeikommt. Keine Landesgrenzen mit: Stacheldraht, Ausweiskontrolle, scharf abgerichteten Hunden und Terroristen- und Asylbewerberfahndung. Sie geht, scheint es, durch ein friedliches Land - Deutschland heute kann es nicht sein! Auch fehlen fünf Millionen Arbeitslose, die sich ihr in den Weg stellen oder vielleicht mitgehen auf ihrem Weg, der immer wieder mit naturhaften Romantizismen durchsetzt ist. Das Elementare schleicht sich durch den Text, besonders das Wasser. Whatever that means ... 
Und die Überschrift? Wie immer kein Bezug zum Text - Verklausuliertes verkauft sich immer noch am besten. Disparates zusammenmischen, und post-postmodern Modernes schillert. Wut - wo bricht die Wut sich Bahn, wo bricht sich die Welle der Wut? An welcher Mauer, welchem Wellenbrecher? 

Dennoch, trotz all dieser Ungereimtheiten transportiert die Form immerhin den Rhythmus der Schritte. Der kleinen Schritte der Vätergeneration, der Altachtundsechziger, unserer politischen Lehrer: der klein(zu klein?)schrittige Gang durch die Institutionen, wobei meist der Abgrund der Anpasserei nicht vermieden wird. Hineingestürzt in die Anpasserei vor lauter Verkleinerung der Schritte? Dennoch auch nicht weniger als Schritte: der Rhythmus des Gehens. Keine Datenautobahnen in Schallgeschwindigkeit, sondern nur der Rhythmus meiner Schritte heute, die mich bewegen. Von hier nach dort meinen Körper tragen - gebunden an meine (nachlassende) Kraft, an den Lebensraum, an die Lebenszeit. Meine Schritte als die einzig wahren Koordinaten meines Seins im Jetzt, jederzeit und nicht im Irgendwo auf dieser Welt; im Hier bereit zum Aufbruch, jede Minute die Möglichkeit zu gehen, über die Grenzen. Uneingepaßt in den Raum. Der Aufbruch geschieht lautlos. 

Jederzeit im Jetzt. 

Wieso nicht schon jetzt sofort aufstehen und gehen? Wieso sitzenbleiben und weitermachen, so tun, als ob? 

Wut worüber: Leben wohin? 
Zwischen den Zeilen? 
Zwischen zwei Bits im Internet? 
Zwischen zwei Flußufern? 
Wut, zwischen Bleiben und Gehen? 
 
 

Corinna Thomas
Jahrgang 1963, Studium: Theaterwissenschaften, Psychologie und Germanistik, 1989 M.A.
Arbeitete als Regieasistentin und freie Lektorin. Seit 1978 schriftstellerisch tätig. Lesungen sowie Veröffentlichungen von Lyrik in kleineren Zeitschriften.