Die Gazette Nr. 2, April 1998:

Appetitzügler

Irgendwann muß es auch Isabel Allende gemerkt haben, daß ihre Bücher seit dem „Geisterhaus" immer schwächer wurden. Und entdeckt sich ein ganz neues Thema, das immer geht: Sex.
Pardon, Erotik heißt das ja in fein. Der sonst einigermaßen geschmackssichere Suhrkamp-Verlag gönnt ihr dazu auch einen feinen, sechsseitigen, bunten Tiefdruck-Faltprospekt, der keine Frage unbeantwortet läßt.
Kann Frau Allende (wollten wir das nicht schon immer und gerade von ihr wissen?) die Erotik vom Essen trennen? Nein, kann sie nicht. „Ich kann", sagte sie in dem feinen Prospekt gleich zweimal, „die Erotik nicht vom Essen trennen, und ich sehe auch keinen Grund, weshalb ich es tun sollte, im Gegenteil." So ähnlich hatten wir das doch schon mal gehört, damals, kurz nach achtundsechzig, als die spannendsten Unterschiede zwischen den Genüssen zum Einerlei geheimnisloser Bedürfnisbefriedigung verrührt wurden. Seitdem weiß nicht einmal mehr der SPIEGEL, wer Aphrodite ist. Das neue Allende-Buch heißt nämlich „Aphrodite", und das Nachrichtenmagazin findet den Titel „exotisch". Grund genug für ein Interview. Antwort der Autorin: Es ist „ein Buch über Aphrodisiaka, über sexuelle Stimulanzien, kein Roman." Dieses „kein Roman" ist ja einerseits erfreulich, aber halt eben: andererseits. Weiter im Interview-Text: „Es ist eine Geschichte der Erotik und der Sinnlichkeit." Na sowas. Ist sie auch bei diesem Thema Expertin? Also irgendwie schon, denn nun schlachtet sie nicht länger nur den Namen eines ermordeten Regierungschefs aus, sondern die Küchen- und Schlafzimmer-Intima der Familie: „Es sind auch etliche aphrodisische Kochrezepte dabei, die meine Mutter erfunden und an meinem 80jährigen Stiefvater ausprobiert hat." Wie es dem Alten anschlug, dem Versuchskaninchen, sagt sie nicht.
Isabel Allende, den Finger im OhrUnd was findet sie noch anregend? Jetzt überschreitet sie alle begrifflichen Grenzen: „Für mich zum Beispiel sind Märchen und die Literatur überhaupt ungeheuer anregend. Ich glaube sogar, daß es nichts Erotischeres gibt als die Erzählunst. Eine gut geschriebene Geschichte kann mich zur Ekstase treiben. Das ist schöner als ein Orgasmus." Also was nun? Doch lieber Literatur und kein Sex? Weils so irgendwie viel mehr Spaß macht? Und wo bleiben jetzt die Aphrodisiaka? Und wo ist Aphrodite geblieben?
Das Erfolgsrezept, das sich Autorin und Verlag da ausgedacht haben, wird nun klar: Allende klingt gut (und so schön politisch korrekt), Essen schmeckt gut, Sex ist immer gut; wie gut muß da erst ein Ding aus allen dreien sein - und sich verkaufen lassen. Da muß den Leuten doch das Wasser im Mund zusammenlaufen. Entsprechend ist der feine Umschlag aufgemacht: Wir kriegen den wohlklingenden Namen, dazu „Aphrodite. Eine Feier der Sinne" und eine halbnackte Köchin, und innen drin („mit zahlreichen farbigen Abbildungen") weitere gemalte Frauenakte und endlos saftige Stilleben mit Früchten. Allende - Aphrodite - Aphrodisiaka - Feier der Sinne - Essen und Erotik - der G-Punkt im Ohr (die Literatur, nicht vergessen!): Es ist alles eins. Und zum Teufel mit den feinen Unterschieden. Merkt eh keiner mehr.
Aber man muß sogar diejenigen warnen, die meinen, sie könnten ihre eigenen Achtzigjährigen oder andere Bedürftige damit wieder aufregen. Zwar: „Wir haben versucht, aphrodisische, leicht und schnell zuzubereitende Rezepte anzubieten" (nur keine Mühe!). Aber: Was dann kommt, hat mit Aphrodisiaka so viel zu tun wie Rostwasser, und mit der „exotischen" Aphrodite natürlich schon gar nichts. Da wird etwa zu einer „Pfirsichwonne" geraten, und warum? Weil „Pfirsiche sind beziehungsreich: sie ähneln der weiblichen Brust." Wär man nie drauf gekommen. Und das soll helfen? Echt? Oder dies, abenteuerlich: Die Birne „ist die Favoritin der Liebeskunst wegen ihrer dem weiblichen Körper ähnelnden Form und enthält Vitamine". Das mit den Vitaminen kann man sich ja gefallen lassen, aber „die dem weiblichen Körper ähnelnde Form"? Also ich weiß nicht recht. Ganz abgesehen davon, daß der rezept- und verzweifelt lebenshilfesuchende Leser hier dauernd einen geschärften Sinn für Formensymbolik wachhalten muß. Gleichzeitig jedoch sollen, verrät Frau Allende, „die Grenzen zwischen Liebe und Appetit sich so verwischen, daß sie mir bisweilen völlig abhanden kommen." Also vielleicht erst mal die Symbole richtig deuten, und danach dann „Lust, Genuß, Ekstase" (der Faltprospekt)? Ist das Ganze vielleicht doch nicht so mühelos, wie uns versprochen wurde? Oder genügt zur Erfrischung schon der gelegentliche Rückfall ins Prä-Zivilisatorische: „Ein Salat aus Birnen ... ist eine interessante Variante, ein verliebtes Abendessen - oder auch andere Dinge [mein Gott, welche meint sie nur?] - zu beginnen, denn man kann ihn mit den Fingern essen." Und geht das dann auch bei Obst ohne eine „dem weiblichen Körper ähnelnde Form"?
Im Ernst: Das Buch spekuliert geistlos und in Hochglanz auf das Funktionieren zweier Pawlowscher Reflexe und liefert doch nur Talmi-Sinnlichkeit. Ein unangenehmer Appetitzügler für wirkliche Gourmets. Des Essens und der Erotik.

Philipp Reuter