Die Gazette Nr. 2, April 1998:
 
Einmal positives Denken und zurück

Es gibt einen Humor, der in Deutschland nicht mehr heimisch ist, er fehlt uns. Er ist die spielerische Abdankung des Erhabenen, eine lakonische, wortarme, oft selbstkritische Anerkennung der stärkeren Wirklichkeit - aber insgeheim eben doch nur scheinbar. Es bleibt ein Rest, bei aller Schwäche, ein Aufstand der Wahrheit gegen die Gewalt der Umstände. Das sieht dann zum Beispiel so aus wie die folgende Szene aus „Gott ist mein Broker": Da ist ein Aktienhändler gerade entlassen worden und flüchtet zu seinem Barmann: 

"Schön’ guten Morgen", sagte Slattery. „Wie üblich?" 
Wie üblich? Wie viele Vormittage hatte ich eigentlich hier verbracht, das Journal gelesen und Bloody Marys gekippt? 
"Slattery", gab ich zurück, "ich will dich was fragen, von Freund zu Freund: Bist du der Ansicht, daß ich zuviel trinke?" 
Er sah mich nachdenklich an. „Naja, beeinträchtigt es deine beruflichen Leistungen?" 
"Jetzt nicht mehr", antwortete ich wahrheitsgemäß.

Diese Stimmung trägt den ganzen Kurzroman, mit wunderbarer Treffsicherheit, dem nötigen Maß an Auslassungen und Übertreibungen und einem traumwandlerischen Gespür für das richtige Tempo. Eine reine Freude. 
Der Karriereknick führt den Autor ins Kloster. Er wird bald Bruder Tycoon, kurz Bruder Ty genannt. Das Kloster, auch Produktionsstätte eines untrinkbaren Weines, ist bankrott. Der Abt vertraut auf das Lebenshilfebuch „Der kreative Weg zum Wohlstand", Bruder Ty jedoch lieber auf die erleuchtenden Börsentips - aus dem Brevier. In Markus 5,13 findet er im richtigen Augenblick die Geschichte der unsauberen Geister, die in die Säue fahren, und weiß: Bei Schweinebäuche steht ein Preisverfall unmittelbar bevor. Er spekuliert entsprechend, und am nächsten Tag hört er am Telefon, daß die Mönche um siebenundzwanzigtausend Dollar reicher sind. „Ich legte perplex auf. Das war der erste anständige Börsentip, den ich je bekommen hatte, und er kam von - Gott." 
Das Kloster, nach weiteren Tips dieser Güte, blüht auf. Der Abt hält es weiter mit dem „Weg zum Wohlstand", Bruder Ty mit den biblischen Eingebungen. Das Kloster boomt. Mit Hilfe der sehr reizenden PR-Managerin Philomena werden ein Werbefilm für den immer noch reichlich dubiosen Klosterwein Mount Kana gedreht, ein Mount-Kana-Vergnügungspark und ein VIP-Zentrum für Innere Einkehr angelegt. Dann - „Der Vatikan ist irritiert" - kommt als geistlicher Inspektor ein Monsignore Maraviglia hinzu, der schließlich die Millionen-Konten der Mönche abräumt und nach Kuba flieht, kurz bevor gleichzeitig die Mafia wegen ihm und die Gewerbeaufsicht wegen der betrügerischen Weinherstellung in die klösterliche Ruhe einbrechen. Aus der Traum vom schnellen Geld. Aber natürlich geht die Geschichte wie eine richtige Komödie gut aus: Philomena wird Nonne und das Kloster ein wahres Zentrum der Einkehr - für Manager. 
Nebenbei ist das Ganze eine leichtfüßige Persiflage aller Lebenshilfebücher. Jedes Kapitel schließt mit einem der „Siebeneinhalb Gesetze des geistigen und finanziellen Wachstums", einer „Marktmeditation" und einem „Gebet". Oft ist es da nicht ganz leicht (aber umso spannender), das Absurd-Banale und seine Wahrheitskerne auseinanderzuhalten. Das spielerisch selbstreferentielle „Gebet" nach dem letzten, dem „siebeneinhalbten Kapitel", liest sich zum Beispiel so: 

Gebet des hemmungslosen Buchkäufers 

Herr, der Du die ‘Frohe Botschaft’ geschrieben hast und Deinen ergebenen Bruder Ty angerufen und ihm nicht nur heiße Börsentips diktiert hast, sondern auch die Weisheit hier in diesem Buch, das ich nun in Händen halte, laß mich auch finanziell so stetig wachsen, wie Du mich geistig wachsen läßt, und mach, daß ich stets den Mut und ausreichenden Kredit habe, um noch mehr Exemplare dieses Buchs zu kaufen sowie auch die dazugehörigen Hörkassetten, Kalender, Videokassetten, Aufkleber und T-Shirts, ob mit oder ohne Maß, bis ins siebeneinhalbte Glied. Und wenn Du mich jetzt in der Buchhandlung stehen siehst, da ich in diesen Seiten schmökere und ihre Weisheit zu stehlen hoffe, ohne dafür zu bezahlen, dann führe mich auf geradem Weg an Deine Kasse, auf daß ich dem Autor gebe, was wahrlich sein ist. 
Amen.

Man kommt aus dem Buch heraus wie aus einem guten Film: heiteren Gemüts und auf nicht-triviale Weise bereichert. 
Nur zwei Kleinigkeiten stören: das unverständlicherweise verderbte - und dann auch noch falsch übersetzte - Latein im Buch und der Klappentext, der platt und ganz unzutreffenderweise behauptet, der Autor verrate, „wie jeder Gott zu seinem Broker machen kann!" Von wegen. 
Das ideale Geschenk, und nicht nur für Leute, die immer nur den Dax im Auge haben. 

Bruder Ty
mit Christopher Buckley und John Tierney
Gott ist mein Broker
Goldmann, München 1998
220 Seiten, 12,5 x 18,7 cm
DM 34,90, öS 255, sFr 32,50
Umschlag Bruder Ty