| Einmal positives Denken und zurück
Es gibt einen Humor, der in Deutschland nicht mehr heimisch ist, er
fehlt uns. Er ist die spielerische Abdankung des Erhabenen, eine lakonische,
wortarme, oft selbstkritische Anerkennung der stärkeren Wirklichkeit
- aber insgeheim eben doch nur scheinbar. Es bleibt ein Rest, bei aller
Schwäche, ein Aufstand der Wahrheit gegen die Gewalt der Umstände.
Das sieht dann zum Beispiel so aus wie die folgende Szene aus „Gott ist
mein Broker": Da ist ein Aktienhändler gerade entlassen worden und
flüchtet zu seinem Barmann:
"Schön’ guten Morgen", sagte Slattery. „Wie üblich?"
Wie üblich? Wie viele Vormittage hatte ich eigentlich
hier verbracht, das Journal gelesen und Bloody Marys gekippt?
"Slattery", gab ich zurück, "ich will dich was fragen,
von Freund zu Freund: Bist du der Ansicht, daß ich zuviel trinke?"
Er sah mich nachdenklich an. „Naja, beeinträchtigt
es deine beruflichen Leistungen?"
"Jetzt nicht mehr", antwortete ich wahrheitsgemäß.
Diese Stimmung trägt den ganzen Kurzroman, mit wunderbarer Treffsicherheit,
dem nötigen Maß an Auslassungen und Übertreibungen und
einem traumwandlerischen Gespür für das richtige Tempo. Eine
reine Freude.
Der Karriereknick führt den Autor ins Kloster. Er wird bald Bruder
Tycoon, kurz Bruder Ty genannt. Das Kloster, auch Produktionsstätte
eines untrinkbaren Weines, ist bankrott. Der Abt vertraut auf das Lebenshilfebuch
„Der kreative Weg zum Wohlstand", Bruder Ty jedoch lieber auf die erleuchtenden
Börsentips - aus dem Brevier. In Markus 5,13 findet er im richtigen
Augenblick die Geschichte der unsauberen Geister, die in die Säue
fahren, und weiß: Bei Schweinebäuche steht ein Preisverfall
unmittelbar bevor. Er spekuliert entsprechend, und am nächsten Tag
hört er am Telefon, daß die Mönche um siebenundzwanzigtausend
Dollar reicher sind. „Ich legte perplex auf. Das war der erste anständige
Börsentip, den ich je bekommen hatte, und er kam von - Gott."
Das Kloster, nach weiteren Tips dieser Güte, blüht auf. Der
Abt hält es weiter mit dem „Weg zum Wohlstand", Bruder Ty mit den
biblischen Eingebungen. Das Kloster boomt. Mit Hilfe der sehr reizenden
PR-Managerin Philomena werden ein Werbefilm für den immer noch reichlich
dubiosen Klosterwein Mount Kana gedreht, ein Mount-Kana-Vergnügungspark
und ein VIP-Zentrum für Innere Einkehr angelegt. Dann - „Der Vatikan
ist irritiert" - kommt als geistlicher Inspektor ein Monsignore Maraviglia
hinzu, der schließlich die Millionen-Konten der Mönche abräumt
und nach Kuba flieht, kurz bevor gleichzeitig die Mafia wegen ihm und die
Gewerbeaufsicht wegen der betrügerischen Weinherstellung in die klösterliche
Ruhe einbrechen. Aus der Traum vom schnellen Geld. Aber natürlich
geht die Geschichte wie eine richtige Komödie gut aus: Philomena wird
Nonne und das Kloster ein wahres Zentrum der Einkehr - für Manager.
Nebenbei ist das Ganze eine leichtfüßige Persiflage aller
Lebenshilfebücher. Jedes Kapitel schließt mit einem der „Siebeneinhalb
Gesetze des geistigen und finanziellen Wachstums", einer „Marktmeditation"
und einem „Gebet". Oft ist es da nicht ganz leicht (aber umso spannender),
das Absurd-Banale und seine Wahrheitskerne auseinanderzuhalten. Das spielerisch
selbstreferentielle „Gebet" nach dem letzten, dem „siebeneinhalbten Kapitel",
liest sich zum Beispiel so:
Gebet des hemmungslosen Buchkäufers
Herr, der Du die ‘Frohe Botschaft’ geschrieben hast und
Deinen ergebenen Bruder Ty angerufen und ihm nicht nur heiße Börsentips
diktiert hast, sondern auch die Weisheit hier in diesem Buch, das ich nun
in Händen halte, laß mich auch finanziell so stetig wachsen,
wie Du mich geistig wachsen läßt, und mach, daß ich stets
den Mut und ausreichenden Kredit habe, um noch mehr Exemplare dieses Buchs
zu kaufen sowie auch die dazugehörigen Hörkassetten, Kalender,
Videokassetten, Aufkleber und T-Shirts, ob mit oder ohne Maß, bis
ins siebeneinhalbte Glied. Und wenn Du mich jetzt in der Buchhandlung stehen
siehst, da ich in diesen Seiten schmökere und ihre Weisheit zu stehlen
hoffe, ohne dafür zu bezahlen, dann führe mich auf geradem Weg
an Deine Kasse, auf daß ich dem Autor gebe, was wahrlich sein ist.
Amen.
Man kommt aus dem Buch heraus wie aus einem guten Film: heiteren Gemüts
und auf nicht-triviale Weise bereichert.
Nur zwei Kleinigkeiten stören: das unverständlicherweise
verderbte - und dann auch noch falsch übersetzte - Latein im Buch
und der Klappentext, der platt und ganz unzutreffenderweise behauptet,
der Autor verrate, „wie jeder Gott zu seinem Broker machen kann!" Von wegen.
Das ideale Geschenk, und nicht nur für Leute, die immer nur den
Dax im Auge haben. |
Bruder Ty
mit Christopher Buckley und John Tierney
Gott ist mein Broker
Goldmann, München 1998
220 Seiten, 12,5 x 18,7 cm
DM 34,90, öS 255, sFr 32,50
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