Lese-Effekte
Der heilige Ambrosius, Bischof in Mailand, liest leise und für sich allein. Augustinus verwundert sich darüber, denn im fünften Jahrhundert war so etwas ganz und gar ungewöhnlich. Gelesen wurde bis dahin laut und in Gemeinschaft mit anderen. Die Vereinzelung, die „Isolierung" des Lesers, sein privater Rückzug ins allein gelesene Buch breitete sich erst gegen Ende des Mittelalters aus (die Beschreibung in den „Bekenntnissen" des Augustinus ist die erste Erwähnung der stillen Lektüre).
Wenn er aber las, so glitten die Augen über die Blätter, und das Herz spürte nach dem Sinn, Stimme und Zunge aber ruhten. Oft wenn ich zugegen war - denn niemandem war der Zutritt verwehrt, noch war es üblich, ihm Besuche anzumelden -, sah ich ihn so still ins Lesen versunken, und anders nie. ... Wenn er liest, so tut er es vielleicht darum nicht laut, weil er sich nicht gern gezwungen sähe, einem aufmerksam hinhorchenden Zuhörer Aufklärung zu geben oder mit ihm in die Erörterung schwieriger Fragen einzutreten, wobei er dann wegen dieses Zeitaufwands in seinem Buch nicht nach Wunsch vorankäme; aber auch die Schonung der Stimme, die bei ihm sehr leicht in Heiserkeit übergeht, kann recht wohl der Grund sein, warum er das stille Lesen vorzieht.
Und hier noch ein nicht ganz so heiliger Leser (aus Wenedikt Jerofejew, Die Reise nach Petuschki):
„Ein belesener Teufel!" unterbrach ihn begeistert der alte Mitritsch,
während der Junge sich Haarsträhnen ins Gesicht zog und vor Aufmerksamkeit
geiferte.
„Ja, ja. Ich lese sehr gern! Es gibt so viele wunderbare Bücher
auf der Welt!" fuhr der Mann im Jackett fort. „Ich saufe einen Monat, saufe
einen zweiten, und dann nehme ich ein Buch und fange an zu lesen. So wunderbar
kommt mir dieses Buch dann vor und so dumm ich mir selbst, daß ich
ganz mißmutig werde und nicht mehr weiterlesen kann. Ich schmeiße
das Buch hin und fange wieder an zu saufen. Einen Monat, zwei, und dann
..."