Die Gazette Nr. 2, April 1998

Immer noch besser als in die Politik gehen

von Florian Sattler

Neulich war es in Halle an der Saale wieder einmal so weit: Literatur und Politik begegneten sich. Günter Grass, der schon im Bundeswahlkampf 1965 für Willy und die Espede auftrat und zum Beispiel im Zelt des Münchner Circus Krone Whalt Whitmans „Dich singe ich, Demokratie" ostpreußisch und unverdrossen intonierte, trat in der Aula der Hallenser Universität ans Rednerpult und ergriff Partei im Blick auf die Wahlen vom 26. April in Sachsen-Anhalt und vom 27. September in der ganzen Republik: "Zweimal falsch zu wählen mag ja noch gehen. Aber dreimal?" Ein Diskussionsredner ging nach der Rede den langen Weg zum Mikrofon, um die andächtig Lauschenden pathetisch darüber aufzuklären, daß sie heute einen Dichter zu Gast hätten. Wollte er damit Grassens Sätze für unanfechtbar erklären ?
Deutschland, deine Dichter: Eine Szenerie wie in der Universität Halle kann man sich in der alten Bundesrepublik kaum vorstellen. Da zahlt Günter Grass noch immer den Preis dafür, daß er die Rolle einmal wirklich getauscht hat: Ein Schriftsteller verläßt die Studierstube, stellt sich auf die Straße und macht Wahlkampf. Wenn das politische Lied ein garstiges ist, verunziert es den Sänger. Beim weit verbreiteten Verdammungsurteil gegen den 1995 erschienenen Wiedervereinigungs-Roman "Ein weites Feld" war viel von dieser Haltung noch im Spiel. Grass hätte sich zum Thema deutsche Einheit staatsmännischer äußern sollen oder eben gar nicht. Immerhin geht er noch in die Aula.
Für die meisten deutschen Schriftsteller spielt sich die Politik auf einem anderen Stern ab.
Wie stolz war der alte Ernst Jünger lebenslang  auf seine Schmetterlingsforschung, und wie vorbildlich erscheint seine Distanz zum politischen Alltag den so viel jüngeren Peter Handke und Botho Strauß!
Es hat auch ein anderes Beispiel gegeben:
Thomas Mann. Sein weiß Gott repräsentativer Weg von den „Betrachtungen eines Unpolitischen" bis zu der transatlantischen Radio-Ansprachen „Deutsche Hörer" hat in der Bundesrepublik kaum Nachahmer gefunden. War da zu viel Bildungsfracht in den Texten und zu weit ausholende Ironie? Die Literatur der Gruppe 47 setzte jedenfalls ganz woanders an. Die aus dem 18. Jahrhundert stammende Vorstellung, daß das literarische Leben im Austausch schöner Seelen besteht, während die politischen Händel von schnöden Interessen geleitet werden, feiert immer wieder fröhliche Urständ. Derzeit bewegt man sich in fast abgeschotteten Bereichen und wenn der Bundespräsident bei passender Gelegenheit einen Brückenschlag versucht, muß er schon sehr grundsätzlich werden und einen Lesebuchtext zum besten geben. Er kann sich nicht auf dichte Dialoge beziehen. Heute haben wir nicht einmal mehr das gut faßliche Gegeneinander der beiden Kölner Konrad Adenauer und Heinrich Böll - pragmatisch bis zum Zynismus der eine, moralisch bis zur Larmoyanz der andere. Das war die alte Bundesrepublik. Verschwunden ist mit der DDR auch der hohe Dissidententon, über den die dortigen Schriftsteller automatisch verfügten. Es herrscht ein Non-Verhältnis: Der Glanz, den die Literatur herbeizaubern kann, bleibt der Politik vorenthalten, und die Brüche der Realität, mit denen sich die Politik herumschlägt, finden in der Literatur keinen Widerhall.
Politik und Literatur begegnen einander in Deutschland nicht mit dem Respekt, den man aus Frankreich oder Rußland kennt. Leichte Verachtung wandert hin und her. Man stiehlt einander die Schau. Schade drum.