Im Team verlegen
oder
Die Erfindung des Mittelmaßes
von Andreas Hopf
Wohl wahr, und alle bejammern es: Die Literatur, die deutsche zumal,
tauge nichts mehr. Der Markt werde von angloamerikanischen Massenautoren
vom Schlage eines Kenn Follett, eines John Grisham oder Stephen King nachgerade
überschwemmt. Überhaupt seien die großen Verlage bis zur
Ununterscheidbarkeit seicht geworden. Hera Lind allerorten. Auch im Sachbuch
würden sich nur noch die Promis vom Fernsehen wirklich verkaufen.
Überall Mittelmaß. Und regelmäßig erklingt die Klage
über das Fehlen der großen Verlegerpersönlichkeit.
Horcht man in die Verlage selbst, meint man, alles liefe noch wie ehedem;
Lektorat und Herstellung, Vertrieb und Werbung machen ihre Sache routiniert,
man beschimpft einander ein wenig und freut sich dann doch gemeinsam, wenn
die Bücher einigermaßen pünktlich erscheinen, obwohl man
eine schier unendliche Menge Zeit auf den diversen Konferenzen absitzen
muß. Man muffelt und mault so vor sich hin. Die Stimmung ist auch
irgendwie mittelmäßig. Namentlich zitiert werden möchte
freilich keiner. Der Apparat summt und brummt dennoch wie ein Bienenschwarm.
Das Leben besteht nicht nur aus Honig. Also alles in Ordnung.
Nichts ist in Ordnung, denn mit dem Verschwinden der großen Alten,
solcher Leute wie Kindler, der Spieler, Ledig-Rowohlt, dem genialen Kobolz,
selbst Kurt Desch, dem Defraudanten, seit ihrem Verschwinden also hält
die Branche sich gern an ein paar „Typen" fest, an Klaus Wagenbach zum
Beispiel, an Arnulf Conradi mit seiner Neugründung Berlin Verlag oder
an das mit und bei Diogenes ackernde „Paar" Daniel Keel und Ruedi Bettschart.
Selbst an einen mehr oder weniger angestellten Verleger wie Karl Blessing
(einen, der gottlob manchmal noch wie ein altmodischer denkt). Aber sonst?
Es gibt sie, die strahlenden Manager von immer größer werdenden
Verlagskonglomeraten. Christian Strasser mit der Firmenzusammenballung
in der Münchner Goethestraße ist so einer. Auch Frank Wössner,
Vorstandsvoritzender der Bertelsmann Buch AG. Männer natürlich,
die ihr Handwerk verstehen und die, wie anderswo auch, die Apparate einer
Verschlankung unterzogen, die Bücher einer kostensenkenden Verschlampung
(wo findet man noch das solide hergestellte Buch oder gar Leineneinbände?).
Und die sich, divide et impera, das Personal untertan machten und aufteilten
in zu motivierende, aber knechtbare Programm-Menschen und immer schon motivierte
und berechenbare Marketingstrategen. Dazu ein ausgeklügeltes Berichtswesen
-
und schon war ein für Verlage relativ neuer Berufszweig geboren: der
Controller. Alles wie anderswo.
Um kein vorschnelles Urteil aufkommen zu lassen: Controller sind wichtige
Menschen - die eher „genialische" Büchermacherei der Vergangenheit
führte ja allzu gern in Pleiten, Pech & Pannen. Wer, wenn nicht
sie, könnte also Entwicklung und Unabhängigkeit der Verlage sicherstellen.
Es müssen halt nur die richtigen Bücher her. Aber welche?
Wer, nämlich, entscheidet über Bücher?
Früher funktionierte noch die alte, die persönliche Magie
des Inhaberverlegers - es ging schließlich um sein eigenes Geld.
Ledig-Rowohlt beispielsweise, so die Legende, schlug sich bisweilen ein
Manuskript an die Stirn, um herauszufinden, ob er es verlegen wolle. Wie
ein Derwisch fuhr er durch die Abteilungen, korrigierte hier eine Übersetzung,
quatschte da in die Werbung rein, trank dort ein Glas oder zerkaute ein
anderes, und bis in sein hohes Alter verließ keine „Schmonze", kein
Klappen- oder Rückseitentext das Haus ohne sein persönliches
Okay.
Schwer vorzustellen, daß dergleichen Magie sich einstellt bei
einem emsigen Lektor, der Gutachten über Gutachten verfaßt,
immer in der Hoffnung, für seine Buchvorschläge Mitstreiter zu
finden. Oder bei dessen Big Boß, der lässig einputtend über
Golfplätze spaziert, bestens gedreßt, und dabei durchaus mal
Gefälligkeitsbücher übers Golfen verabredet - ein solches
Monstrum wie eine Buch AG verkraftet manches. Und wer, wie gerade geschehen,
1,6 Milliarden Mark für die größte amerikanische Verlagsgruppe
hinblättert, will tatsächlich das globale Buch. Aber als Lizenztausch,
nicht als Investition in neue Autoren oder neue Leserschichten, wie die
Süddeutsche Zeitung hofft. Das Mittelmaß wird nur breiter. Im
übrigen gibt es ja die geregelten Entscheidungslinien und -stäbe.
Zum Schluß noch den Controller. Alles im Griff. Kann gar nichts passieren.
Dabei ist unterderhand eine neue Magie dennoch entstanden. „Das rechnet
sich nicht" lautet des Controllers schadenabwehrende Beschwörungsformel,
ein Satz wie ein Fels im Geröll. Wenn früher ein Vertriebsleiter
meinte, der neue Dingsbums verkaufe sich nicht, konnte man ihn belehren,
bekehren, konnte bitten und betteln. Gegen „Das rechnet sich nicht" vermag
man allenfalls so lahme Argumente wie „Imagegewinn für den Verlag"
vorzubringen. Nein, da hat der Lektor bald ausge-, ja, ausgedient.
Das Kapital, nicht mehr personifiziert im Verlag anwesend, ist irgendwie
anonym geworden und muß noch effizienter zusammengehalten (wenn nicht
vermehrt) werden als das eigene Geld. Welche Fehleinschätzungen sind
da möglich! Mit einem lockeren „Das rechnet sich nicht" ist man in
jedem Fall auf der sicheren Seite. Wer prüft schon nach, ob das abgeschmetterte
Buch bei der Konkurrenz in den Bestsellerhimmel schießt. Nur frustrierte
Lektoren führen solche Listen.
Der Controller - ein Verleger-Ersatz.
Da man irgend etwas produzieren muß, sollten Bücher auch
mal angenommen werden. Der Apparat summt und brummt ja. Das Team tritt
zusammen, wenn der Lektor zuvor seine Batallione geschickt postiert hat.
Der Lektor auf dem Weg zum Produktmanager.
Und im Team ist man um kein Argument verlegen. Entscheidungsträger
und Bedenkenträger halten einander, immer unter den drohenden Finanzkautelen
des Controllers, in Schach, im Gleichgewicht.
Und so geschieht es, daß tatsächlich die schlimmsten Flops
oft vermieden werden. Freilich auch die besonderen, die einmaligen, besonders
verqueren, schönen, ja durchaus auch die erfolgreichen Bücher,
deren Manuskripte man sich selbst und immer wieder aufs Haupt schlagen
könnte, ohne daß indessen die Einsicht daraus entstünde,
daß man dieses Buch verlegen solle.
Mit einem Wort: Die Sache wird „nach unten" abgesichert, und allzu
hochfliegenden Programmideen stutzt man rechtzeitig die Flügel. Dergleichen
ist unheimlich. So entsteht Durchschnitt. Alles im Griff. Kann gar nichts
passieren. Außer eben Mittelmaß.
Und da man ja auch die anderen Märkte genauestens studiert, analysiert,
verlegt man sich aufs einkaufen, also etwa jener angloamerikanischen Beststeller.
Dabei kann nicht mal viel schiefgehen. Reine Geldfrage. Und wie sich’s
umdreht. Kapitalbindung und so. Da muß der Controller ran. Der Ersatzverleger.
Ah, was die Alten von dem unterscheidet? Die großen Verleger
glauben an Autoren, beharrlich, auch wenn ein paar Bücher nicht sogleich
Gewinn einspielten - eben nicht an Produkte. Siegfried Lenz, um ein Beispiel
zu nennen, hatte bei Hoffmann und Campe bereits acht ausgewachsene, wenngleich
nicht unbedingt erfolgreiche Bücher veröffentlicht, ehe ihm sein
Verlag mit der „Deutschstunde" zum endgültigen Durchbruch verhalf.
Ohne seinen Thomas Mann - von allem Anfang an gepflegt - und ohne die anderen
langfristig gehegten Autoren könnte ein S. Fischer Verlag nicht über
eine so gewaltige Backlist verfügen - sagenhafte sechzig und mehr
Prozent des gesamten Verlagsumsatzes. Dabei natürlich - es handelt
sich um Nachdrucke - hoch gewinnträchtig. Dieses Phänomen müßte
einen Controller eigentlich richtig gierig machen. Aber das ist eine andere
Geschichte.