Die Gazette Nr. 2, April 1998

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Sonnenaufgang in Kuala LumpurDazu Michael Peuckert, der Fotograf:

Kuala Lumpur, Malaysia
Seit bald einem Jahr brennen auf dem malaiischen Archipel die Wälder - Brandrodung, um Land zu „gewinnen". Verlierer sind die letzten Orang Utans und alle anderen Waldbewohner: Sie bezahlen mit ihrem Lebensraum. Doch auch die Menschen ernten allmählich die bitteren Früchte ihrer eigenen Spezies. Ein grauer Schleier legt sich über das Land, verschließt den Himmel und verpestet die Atemluft.
Über Malysias Hauptstadt und Wirtschaftszentrum Kuala Lumpur erwarte ich auf dem Dach eines Bankhochhauses den Sonnenaufgang. Für mich ist dies sonst die schönste und intenssivste Zeit des Tages, auch eine spannende, denn die Erde läßt das Licht der Sonne in veränderten Farben auf unseren Planeten strahlen. Die Welt erscheint buchstäblich immer wieder neu in einem anderen Licht. Als das Tagesgestirn dann schließlich für kurze durch den Dunst über dem Häusermeer auftaucht, empfinde ich die geliebte Lichtquelle hier oben plötzlich als etwas Fremdes. Die Szenerie erscheint mir wir aus einem Science-Fiction-Film, eine Wüstenei aus Stahl, Beton und Glas, darüber ein unbekannter, fahler Himmelskörper. Beunruhigt drücke ich mehrmals auf den Auslöser, warte ein wenig, ob das Licht sich verändert. Aber wie ein Spuk, der sich erst nach Mitternacht wieder auflösen wird, verschwindet die Sonne für den Rest des Tages.
Ein Satz aus der Rede des Indianerhäuptlings Seattle von vor fast hundertfünfzig Jahren kommt mir in den Sinn: „Die Erde gehört nicht dem Menschen - der Mensch gehört der Erde. Der Mensch schuf nicht das Gewebe des Lebens, er ist darin nur eine Faser. Was immer ihr dem Gewebe antut, das tut ihr euch selber an."