Die Gazette Nr. 2, April 1998

Anastasia
von Don Bluth und Gary Goldman

Man hätte gern geglaubt, daß mit der Identifizierung der Gebeine von Jekaterinburg nun endlich die verdiente Totenruhe für die Zarenfamilie beginnt. Aber nein: Anastasia, die jüngste Tochter von Nikolaus II., lebt. Oder ist als Heldin ausgerechnet eines Comic-Musicals wieder auferstanden. Der Film ist opulent, aber kein bißchen frisch: Die Songs klingen, als wären sie von vorgestern, Anastasia ist eine selbstverständlich entzückende Cinderella-Variante in slawisch, und die russischen Charaktere sind zur bequemeren Wiedererkennbarkeit ordentlich typisiert. Und natürlich macht die Heldin eine erwartbar spannende innere Entwicklung durch: Sie entdeckt, anders als Lady Diana, die Prinzessin in sich. Happy End.
Wer sich nicht allzu viel davon verspricht, bekommt hübsche Unterhaltung für sein Geld.
Start 2. April
 

Washington Square
von Agnieszka Holland

Eine delikate Balance zwischen Ausstattungsfilm und Charakterzeichnung (sehr gut: Albert Finney als eigensüchtiger, enttäuschter Vater, Jennifer Jason Leigh als immer selbständigere Tochter Catherine, Maggie Smith als gschaftlhuberische Tante). Schier der ganze große Roman ist da präsent: das Milieu, die Tragik, die Romantik, der gute Geist der Handlung. Und wunderbar ironische Szenen, etwa wenn Townsend (Ben Chaplin) den Vater über Catherines Motive aufklärt - inmitten von dessen anatomischen Frauen-Bildern und -Modellen. Allerdings ist die schüchtern und behütet heranwachsende Film-Catherine in den ersten zwei Dritteln des Films erheblich verführerischer als die ältere, die fast nur noch beleidigt spielt. Und Ben Chaplin ist eine Art Montgomery-Clift-Kopie.
Trotzdem: sehenswert. Und eine Anregung, den Henry-James-Roman wiederzulesen.
Start: 2. April
 

Sphere
von Barry Levinson

Was für ein Aufgebot an Namen! Dustin Hoffman (Psychologe, der mit Aliens Erfahrung hat), Sharon Stone (paranoide, tablettensüchtige Biochemikerin) und Samuel L. Jackson (zynischer Mathematiker), dazu Liev Schreiber (nobelpreisgierige Astrophysikerin) und Peter Coyote (als harmonisierender Teamchef). Wenn sie nun im Team arbeiten müssen, wären eigentlich alle Zutaten für funkelnde Spannung beieinander. Aber leider.
Die fünf Experten sollen (nach dem Science-Fiction-Roman von Michael Chrichton) ein versunkendes Raumschiff untersuchen, in dem eine goldene Kugel, die Titel-Sphäre, allerhand Unsinn anstellt: Sie kann in den Köpfe der Menschen ihre schlimmsten Ängste und Leidenschaften lesen und produziert dazu die entsprechend angriffslustigen Monster. Drei Viertel des Films sind also die gewöhnliche Unterwasser-Horrorshow, und die auch noch auf einem Stand der Special-Effects-Technik von vor zehn Jahren. Warum diese Sphäre überhaupt so garstig ist, erfahren wir nicht. Stattdessen einen Haufen unverständliche Action in sehr, sehr clippigen Schnitten.
Start 2. April
 

Palmetto
von Volker Schlöndorff

Für Schlöndorff-Allergiker: Dieser Film von Schlöndorf ist kein Schlöndorff-Film. Sondern ein, nun ja, ein schwarzer Krimi. Oder er sollte es wenigstens werden. So etwas wie „Der Malteser Falke" oder ein ähnlicher Film von der Sorte, die auch Schlöndorff - verständlicherweise - gern anschaut.
Aber das ist Palmetto nicht geworden. Es ist zwar tropisch feucht am Schauplatz Florida, aber es geht nicht heiß her, es regnet sozusagen zu wenig. Zwar passiert einiges (der Böse fällt am Schluß in einen Säurebottich), aber der Film hat keine bösen Ecken und Kanten. Gina Gershon hat zwar einen entzückenden Mund, aber in eine für die Handlung ziemlich überflüssigen Rolle. Stellenweise schauspierisch interessant, aber spannungslos.
Start 2. April
 

Der Regenmacher
von Francis Ford Coppola

Die neueste John-Grisham-Verfilmung. Mittlerweile knirscht die Handlungsmaschinerie: in dieser Ecke die böse, böse Welt der korrupten Kanzleien (Mickey Rourke als Karikatur des Oberbösen, der - damit jedem klar wird, wie böse er ist - einen deutschen Luxuswagen fährt), in der anderen Ecke den aufrechten Junganwalt, brav, höflich und voll Empathie gegen seine Mitmenschen und arg leidenden Klienten. Die Welt ist sauber und einfach in Schwarz und Weiß geteilt. Die einzige Erfrischung ist Danny de Vito, der kleine, naiv-listige Schadensersatzanwalt, der bei einem Kind mit Gipsarm das eine tut, was er kann: Er gibt ihm seine Visitenkarte für den Fall einer späteren Gerichtsverhandlung. Und sehr gut - anders als so oft in deutschen Filmen - ist auch die sinnliche Authentizität der Schauplätze; die Häuser, die Straßen, die Jury sehen aus wie richtiger Häuser und Straßen, wie eine richtige Jury. Aber das hebt die Comicbook-Geschichte auch nicht auf hohes Niveau.
Start 2. April
 

Der Mann in der eisernen Maske
von Randall Wallace

Dringender Rat: nicht hingehen, daheimbleiben und das Lester-Video von 1970 einlegen (oder Alexandre Dumas lesen, das Original)! Selten war ein Film so fehlbesetzt. Leonardo DiCaprio, in der „Titanic" nachweislich auf der Höhe des Zeitgefühls, soll hier plötzlich Ludwig XIV. sein - und schaut (man muß sagen: mit Recht) die ganze Zeit nur verwundert von der Leinwand herunter. John Malkowich spielt einen der vier Musketiere, als wäre er in Gedanken schon bei seinem nächsten Film. Die drei anderen, die sich in den Film verirrt haben, sind Jeremy Irons, Gabriel Byrn und Gérard Dépardieu als Clown Pothos. Die Dialoge, die das unsägliche Drehbuch sie zu sprechen zwingt, bestehen fast ausschließlich aus ihrem lähmend wiederholten Schlachtruf „Einer für alle, alle für einen!", für den sie alle längst zu alt sind. Weshalb man auch bei weitem nicht mehr die erwartbaren Fechtszenen kriegt, aber auch nicht die Komik, die sich aus solchem Widerspruch schlagen ließe. Jedes Vorschußvertrauen der angepeilten Zuschauer (gutwillige Musketier-Fans!) wird mit hektischer Action und sinnlos in den Wind geschlagen.
Start 9. April
 

Das Leben ist ein Chanson
von Alain Resnais

Dieser schöne Film kann eigentlich nur in Frankreich erfolgreich sein - oder bei einem zumindest gut französischsprachigen Publikum. Sein vornehmster Reiz ist die Wiedersehensfreude mit mehr als dreißig alten Chansons, die hier so etwas wie die Stelle eines Inneren Monologs einnehmen, wenn sie nicht sogar direkte Replik sind.
Die kleine, poetische Komödie - ein im Grunde depressives Paar auf der Suche nach dem Glück - sollte jedoch auch außerhalb Frankreichs ihre Liebhaber finden. Alain Resnais’ Regie ist charakteristisch, aber verhalten, harmonisch und liebenswürdig komisch.
Start 9. April
 

Auf Messers Schneide
von Lee Tamahori

Die Struktur ist halsbrecherisch und wie auf Mißerfolg angelegt. Der Film wirft nämlich fast unpassende Themen zu einer Geschichte zusammen: das Zwei-Feinde-in-einem-Team-Genre und das Wie-überlebe-ich-als Stadtmensch-in-der-Wildnis?-Problem. Aber die Mischung ist grandios gelungen.
Anthony Hopkins spielt den im Schnee gestrandeten Milliardär Charles Morse, einen schon in seiner Ehe verlorenen, verratenen Menschen, der aber seine ungeheuren inneren Ressourcen genau kennt. Alec Baldwin ist der sarkastische, uneingestanden neidische Konkurrent, der hinter Charles’ Frau (Elle MacPherson) her ist: „Sie haben Stil", sagt er zu Charles, wenige Minuten bevor ihr Flugzeug abstürzt, „und außerdem ist Ihre Frau ziemlich hübsch." Worauf Morse sehr, sehr leise antwortet: „Also wie wollen Sie mich umbringen?"
Und dann ist da noch dieser wunderbare, grauenerregende Siebenhundert-Kilo-Bär, der in dieses gespannte Verhältnis einbricht. Ganz zu schweigen von der grandios feindlichen Landschaft.
Schönes Ende und Fazit: Was am Ende siegt, ist nicht die rohe Kraft, sondern Intelligenz und Bildung.
Start 16. April
 

Hard Rain
von Mikael Salomon

Wußten Sie schon, daß für einen normalen Film-Regen schon knapp siebentausend Liter Wasser pro Minute reichen? Und - jetzt kommt erst die eigentliche Frage - wieviel Liter pro Minute wurden in diesem Film gebraucht? Fast zwanzigmal so viel, über hundertsechsunddreißigtausend. So. Das ist aber schon das Größte, was sich über Hard Rain sagen läßt. Oder vielleicht doch noch das: Die Kulisse der Stadt, die in dem Film einer Überschwemmung zum Opfer fällt, steht in einem Becken mit zweiundzwanzig Millionen Litern Wasser. Kurz: ein Wasserfilm. Und der für den Flut-Krimi viel zu gute Morgan Freeman spielt auch mit.
Start 16. April
 

Heirat nicht ausgeschlossen
von Mark Joffe

Eine Story aus Unwahrscheinlichkeiten: Ein amerikanischer Senator braucht, um seine Wiederwahl zu sichern, unbedingt irische Verwandte. Seine New Yorker Wahlkampfmanagerin Marcy Tizard (Janeane Garofalo) landet auf der Suche nach ihnen in einer Kleinstadt in Irland, in der gerade der jährliche Heiratsmarkt stattfindet. Nicht sehr plausibel das alles, aber potentiell komisch.
Und doch: Trotz einiger garantierter Lacher (wenn zwei Kerle mit je einem Gipsbein ein Auto fahren mit ihren je gesunden Beinen) und einer beeindruckenden Irland-Szenerie bleibt die handybewaffnete, stadtneurotische Marcy seltsam unverwandelt in ihrem inneren Kern. Ganz anders als Burt Lancaster damals in „Local Hero".
Start 23. April
 

U-Turn
von Oliver Stone

U-Turn ist nicht mehr bloß „verstörend", das wäre ein Kompliment, sondern noch gewalttätiger und kaputter als Stones „Natural Born Killers". Und mindestens ebenso grund- und zusammenhanglos durchstilisiert, als wäre es die Magisterarbeit eines Filmhochschülers, nur mit teureren Schauspielern (wie Nick Nolte).
Wer sich danach nicht mehr durch den Filmschauplatz Arizona traut, dem kann man es nicht verdenken.
Start 23. April
 

Bitter Sugar
von Leon Ichaso

Eine Romeo-und-Julia-Geschichte im heutigen Cuba, unter desillusionierten, deprimierenden Lebenssbedingungen (der Vater des Helden, ehemaliger Psychiater, verdient sich als Barmusiker vor Touristen das nötige Dollar-Trinkgeld).
Der Film, der ein scharf konturiertes, menschlich genaues Gesellschaftsbild hätte werden können, kommt nun aber wie das schnell abgedrehte melodramatische Stück einer westlichen Fernsehserie daher. Ganz und gar unrealistisch, bis zum Schluß, als der verbitterte Held zum versuchten Castro-Attentat schreitet.
Schade.
Start 30. April (geplant)
 

Mercury Rising
von Harold Becker

Action-Thriller mit einem als FBI-Gent Jeffries nicht ganz so falsch besetzten Bruce Willis wie im „Schakal" und Alec Baldwin, der seinen Vorgesetzten Leutnant Kudrow spielt. Ein kleiner autistischer Junge hat einen angeblich unknackbaren Code geknackt, wodurch - wieso, erfahren wir nicht - Hunderte von FBI-Agenten gefährdet sind, weshalb Kudrow alle Spuren der Entschlüsselung, den Jungen eingeschlossen, eliminieren will, vielleicht aber auch nur um sein kryptologisches Versagen zu kaschieren. Dazu kommt es aber nicht, weil der gute Agent Jeffries das Kind vorher entführt. Lächerlicher Showdown zwischen Baldwin und Willis. Und insgesamt ein unwahrscheinlicher, lieblos geschnittener, um die ersten fünfundzwanzig irrelevanten Minuten zu langer Film.
Start 30. April

Alles in allem ein magerer Filmneuheitenmonat.