Anastasia
von Don Bluth und Gary Goldman
Man hätte gern geglaubt, daß mit der Identifizierung der
Gebeine von Jekaterinburg nun endlich die verdiente Totenruhe für
die Zarenfamilie beginnt. Aber nein: Anastasia, die jüngste Tochter
von Nikolaus II., lebt. Oder ist als Heldin ausgerechnet eines Comic-Musicals
wieder auferstanden. Der Film ist opulent, aber kein bißchen frisch:
Die Songs klingen, als wären sie von vorgestern, Anastasia ist eine
selbstverständlich entzückende Cinderella-Variante in slawisch,
und die russischen Charaktere sind zur bequemeren Wiedererkennbarkeit ordentlich
typisiert. Und natürlich macht die Heldin eine erwartbar spannende
innere Entwicklung durch: Sie entdeckt, anders als Lady Diana, die Prinzessin
in sich. Happy End.
Wer sich nicht allzu viel davon verspricht, bekommt hübsche Unterhaltung
für sein Geld.
Start 2. April
Washington Square
von Agnieszka Holland
Eine delikate Balance zwischen Ausstattungsfilm und Charakterzeichnung
(sehr gut: Albert Finney als eigensüchtiger, enttäuschter Vater,
Jennifer Jason Leigh als immer selbständigere Tochter Catherine, Maggie
Smith als gschaftlhuberische Tante). Schier der ganze große Roman
ist da präsent: das Milieu, die Tragik, die Romantik, der gute Geist
der Handlung. Und wunderbar ironische Szenen, etwa wenn Townsend (Ben Chaplin)
den Vater über Catherines Motive aufklärt - inmitten von dessen
anatomischen Frauen-Bildern und -Modellen. Allerdings ist die schüchtern
und behütet heranwachsende Film-Catherine in den ersten zwei Dritteln
des Films erheblich verführerischer als die ältere, die fast
nur noch beleidigt spielt. Und Ben Chaplin ist eine Art Montgomery-Clift-Kopie.
Trotzdem: sehenswert. Und eine Anregung, den Henry-James-Roman wiederzulesen.
Start: 2. April
Sphere
von Barry Levinson
Was für ein Aufgebot an Namen! Dustin Hoffman (Psychologe, der
mit Aliens Erfahrung hat), Sharon Stone (paranoide, tablettensüchtige
Biochemikerin) und Samuel L. Jackson (zynischer Mathematiker), dazu Liev
Schreiber (nobelpreisgierige Astrophysikerin) und Peter Coyote (als harmonisierender
Teamchef). Wenn sie nun im Team arbeiten müssen, wären eigentlich
alle Zutaten für funkelnde Spannung beieinander. Aber leider.
Die fünf Experten sollen (nach dem Science-Fiction-Roman von Michael
Chrichton) ein versunkendes Raumschiff untersuchen, in dem eine goldene
Kugel, die Titel-Sphäre, allerhand Unsinn anstellt: Sie kann in den
Köpfe der Menschen ihre schlimmsten Ängste und Leidenschaften
lesen und produziert dazu die entsprechend angriffslustigen Monster. Drei
Viertel des Films sind also die gewöhnliche Unterwasser-Horrorshow,
und die auch noch auf einem Stand der Special-Effects-Technik von vor zehn
Jahren. Warum diese Sphäre überhaupt so garstig ist, erfahren
wir nicht. Stattdessen einen Haufen unverständliche Action in sehr,
sehr clippigen Schnitten.
Start 2. April
Palmetto
von Volker Schlöndorff
Für Schlöndorff-Allergiker: Dieser Film von Schlöndorf
ist kein Schlöndorff-Film. Sondern ein, nun ja, ein schwarzer Krimi.
Oder er sollte es wenigstens werden. So etwas wie „Der Malteser Falke"
oder ein ähnlicher Film von der Sorte, die auch Schlöndorff -
verständlicherweise - gern anschaut.
Aber das ist Palmetto nicht geworden. Es ist zwar tropisch feucht am
Schauplatz Florida, aber es geht nicht heiß her, es regnet sozusagen
zu wenig. Zwar passiert einiges (der Böse fällt am Schluß
in einen Säurebottich), aber der Film hat keine bösen Ecken und
Kanten. Gina Gershon hat zwar einen entzückenden Mund, aber in eine
für die Handlung ziemlich überflüssigen Rolle. Stellenweise
schauspierisch interessant, aber spannungslos.
Start 2. April
Der Regenmacher
von Francis Ford Coppola
Die neueste John-Grisham-Verfilmung. Mittlerweile knirscht die Handlungsmaschinerie:
in dieser Ecke die böse, böse Welt der korrupten Kanzleien (Mickey
Rourke als Karikatur des Oberbösen, der - damit jedem klar wird, wie
böse er ist - einen deutschen Luxuswagen fährt), in der anderen
Ecke den aufrechten Junganwalt, brav, höflich und voll Empathie gegen
seine Mitmenschen und arg leidenden Klienten. Die Welt ist sauber und einfach
in Schwarz und Weiß geteilt. Die einzige Erfrischung ist Danny de
Vito, der kleine, naiv-listige Schadensersatzanwalt, der bei einem Kind
mit Gipsarm das eine tut, was er kann: Er gibt ihm seine Visitenkarte für
den Fall einer späteren Gerichtsverhandlung. Und sehr gut - anders
als so oft in deutschen Filmen - ist auch die sinnliche Authentizität
der Schauplätze; die Häuser, die Straßen, die Jury sehen
aus wie richtiger Häuser und Straßen, wie eine richtige Jury.
Aber das hebt die Comicbook-Geschichte auch nicht auf hohes Niveau.
Start 2. April
Der Mann in der eisernen Maske
von Randall Wallace
Dringender Rat: nicht hingehen, daheimbleiben und das Lester-Video von
1970 einlegen (oder Alexandre Dumas lesen, das Original)! Selten war ein
Film so fehlbesetzt. Leonardo DiCaprio, in der „Titanic" nachweislich auf
der Höhe des Zeitgefühls, soll hier plötzlich Ludwig XIV.
sein - und schaut (man muß sagen: mit Recht) die ganze Zeit nur verwundert
von der Leinwand herunter. John Malkowich spielt einen der vier Musketiere,
als wäre er in Gedanken schon bei seinem nächsten Film. Die drei
anderen, die sich in den Film verirrt haben, sind Jeremy Irons, Gabriel
Byrn und Gérard Dépardieu als Clown Pothos. Die Dialoge,
die das unsägliche Drehbuch sie zu sprechen zwingt, bestehen fast
ausschließlich aus ihrem lähmend wiederholten Schlachtruf „Einer
für alle, alle für einen!", für den sie alle längst
zu alt sind. Weshalb man auch bei weitem nicht mehr die erwartbaren Fechtszenen
kriegt, aber auch nicht die Komik, die sich aus solchem Widerspruch schlagen
ließe. Jedes Vorschußvertrauen der angepeilten Zuschauer (gutwillige
Musketier-Fans!) wird mit hektischer Action und sinnlos in den Wind geschlagen.
Start 9. April
Das Leben ist ein Chanson
von Alain Resnais
Dieser schöne Film kann eigentlich nur in Frankreich erfolgreich
sein - oder bei einem zumindest gut französischsprachigen Publikum.
Sein vornehmster Reiz ist die Wiedersehensfreude mit mehr als dreißig
alten Chansons, die hier so etwas wie die Stelle eines Inneren Monologs
einnehmen, wenn sie nicht sogar direkte Replik sind.
Die kleine, poetische Komödie - ein im Grunde depressives Paar
auf der Suche nach dem Glück - sollte jedoch auch außerhalb
Frankreichs ihre Liebhaber finden. Alain Resnais’ Regie ist charakteristisch,
aber verhalten, harmonisch und liebenswürdig komisch.
Start 9. April
Auf Messers Schneide
von Lee Tamahori
Die Struktur ist halsbrecherisch und wie auf Mißerfolg angelegt.
Der Film wirft nämlich fast unpassende Themen zu einer Geschichte
zusammen: das Zwei-Feinde-in-einem-Team-Genre und das Wie-überlebe-ich-als
Stadtmensch-in-der-Wildnis?-Problem. Aber die Mischung ist grandios gelungen.
Anthony Hopkins spielt den im Schnee gestrandeten Milliardär Charles
Morse, einen schon in seiner Ehe verlorenen, verratenen Menschen, der aber
seine ungeheuren inneren Ressourcen genau kennt. Alec Baldwin ist der sarkastische,
uneingestanden neidische Konkurrent, der hinter Charles’ Frau (Elle MacPherson)
her ist: „Sie haben Stil", sagt er zu Charles, wenige Minuten bevor ihr
Flugzeug abstürzt, „und außerdem ist Ihre Frau ziemlich hübsch."
Worauf Morse sehr, sehr leise antwortet: „Also wie wollen Sie mich umbringen?"
Und dann ist da noch dieser wunderbare, grauenerregende Siebenhundert-Kilo-Bär,
der in dieses gespannte Verhältnis einbricht. Ganz zu schweigen von
der grandios feindlichen Landschaft.
Schönes Ende und Fazit: Was am Ende siegt, ist nicht die rohe
Kraft, sondern Intelligenz und Bildung.
Start 16. April
Hard Rain
von Mikael Salomon
Wußten Sie schon, daß für einen normalen Film-Regen
schon knapp siebentausend Liter Wasser pro Minute reichen? Und - jetzt
kommt erst die eigentliche Frage - wieviel Liter pro Minute wurden in diesem
Film gebraucht? Fast zwanzigmal so viel, über hundertsechsunddreißigtausend.
So. Das ist aber schon das Größte, was sich über Hard Rain
sagen läßt. Oder vielleicht doch noch das: Die Kulisse der Stadt,
die in dem Film einer Überschwemmung zum Opfer fällt, steht in
einem Becken mit zweiundzwanzig Millionen Litern Wasser. Kurz: ein Wasserfilm.
Und der für den Flut-Krimi viel zu gute Morgan Freeman spielt auch
mit.
Start 16. April
Heirat nicht ausgeschlossen
von Mark Joffe
Eine Story aus Unwahrscheinlichkeiten: Ein amerikanischer Senator braucht,
um seine Wiederwahl zu sichern, unbedingt irische Verwandte. Seine New
Yorker Wahlkampfmanagerin Marcy Tizard (Janeane Garofalo) landet auf der
Suche nach ihnen in einer Kleinstadt in Irland, in der gerade der jährliche
Heiratsmarkt stattfindet. Nicht sehr plausibel das alles, aber potentiell
komisch.
Und doch: Trotz einiger garantierter Lacher (wenn zwei Kerle mit je
einem Gipsbein ein Auto fahren mit ihren je gesunden Beinen) und einer
beeindruckenden Irland-Szenerie bleibt die handybewaffnete, stadtneurotische
Marcy seltsam unverwandelt in ihrem inneren Kern. Ganz anders als Burt
Lancaster damals in „Local Hero".
Start 23. April
U-Turn
von Oliver Stone
U-Turn ist nicht mehr bloß „verstörend", das wäre ein
Kompliment, sondern noch gewalttätiger und kaputter als Stones „Natural
Born Killers". Und mindestens ebenso grund- und zusammenhanglos durchstilisiert,
als wäre es die Magisterarbeit eines Filmhochschülers, nur mit
teureren Schauspielern (wie Nick Nolte).
Wer sich danach nicht mehr durch den Filmschauplatz Arizona traut,
dem kann man es nicht verdenken.
Start 23. April
Bitter Sugar
von Leon Ichaso
Eine Romeo-und-Julia-Geschichte im heutigen Cuba, unter desillusionierten,
deprimierenden Lebenssbedingungen (der Vater des Helden, ehemaliger Psychiater,
verdient sich als Barmusiker vor Touristen das nötige Dollar-Trinkgeld).
Der Film, der ein scharf konturiertes, menschlich genaues Gesellschaftsbild
hätte werden können, kommt nun aber wie das schnell abgedrehte
melodramatische Stück einer westlichen Fernsehserie daher. Ganz und
gar unrealistisch, bis zum Schluß, als der verbitterte Held zum versuchten
Castro-Attentat schreitet.
Schade.
Start 30. April (geplant)
Mercury Rising
von Harold Becker
Action-Thriller mit einem als FBI-Gent Jeffries nicht ganz so falsch
besetzten Bruce Willis wie im „Schakal" und Alec Baldwin, der seinen Vorgesetzten
Leutnant Kudrow spielt. Ein kleiner autistischer Junge hat einen angeblich
unknackbaren Code geknackt, wodurch - wieso, erfahren wir nicht - Hunderte
von FBI-Agenten gefährdet sind, weshalb Kudrow alle Spuren der Entschlüsselung,
den Jungen eingeschlossen, eliminieren will, vielleicht aber auch nur um
sein kryptologisches Versagen zu kaschieren. Dazu kommt es aber nicht,
weil der gute Agent Jeffries das Kind vorher entführt. Lächerlicher
Showdown zwischen Baldwin und Willis. Und insgesamt ein unwahrscheinlicher,
lieblos geschnittener, um die ersten fünfundzwanzig irrelevanten Minuten
zu langer Film.
Start 30. April
Alles in allem ein magerer Filmneuheitenmonat.