Buchkunst
Bilderbücher von Lothar Meggendorfer
Die ersten Bücher, die eigens für Kinder geschrieben waren,
erschienen im Zeitalter der Aufklärung, im ausgehenden achtzehnten
Jahrhundert. Auch die ersten Kinder-Zeitschriften kamen damals auf, zum
Beispiel „Der Kinderfreund" von Christian Felix Weiße oder das „Leipziger
Wochenblatt für Kinder" von Johann Christoph Adelung. Diese Kinderliteratur
diente ganz ausdrücklich der Erziehung. Allerdings war ihr Absatz
unbefriedigend: Die Publikationen waren für die kinderreichen Großfamilien
einfach zu teuer.
So verstand man unter einem „Bilderbuch" damals nur ein pädagogisch
wertvolles Sachbuch. Erst etwa hundert Jahre später hat sich das Bilderbuch
emanzipiert. Nur wurden jetzt, in der Gründerzeit, die Kinderbücher
kaum noch gezeichnet, sondern gemalt. Die schweren, pompösen Bilder
ertranken in Farbe, und nicht selten brauchte zur Herstellung man zwölf
Farbdruckplatten.
Einer der großen Kinderbuchillustratoren, die wieder die einfachere
Bilder bevorzugten, war Lothar Meggendorfer (1847 - 1925). Er stellte die
unkomplizierte Zeichnung mit klarem Aufbau und ungebrochenen Farbflächen
wieder her. Gleichzeitig schuf er sogenannte „bewegliche Bücher" oder
„Ziehbildbücher". Dabei konnte das lesende Kind an einer unten an
der Seite angebrachten Lasche ziehen, woraufhin einige Bildelemente sich
gegeneinander verschoben und kleine, wenn auch nur einfache und ruckartige
Bewegungen zeigten.
Zwei schöne Beispiele dafür sind "Die Wäscherin"
und
eine Rotkäppchenszene:
Meggendorfers Ziehbilderbücher waren so aufwendig konstruiert,
so voller miteinander verbundener Laschen und übereinandergelegter
Papierschichten, daß begeisterte Kinderhände den komplizierten
Mechanismus oft schnell zerstörten. In einem seiner Bücher, "Immer
lustig", mahnt er sie sogar zur mehr Vorsicht, denn sonst "weinen die Bilder".
Insgesamt zweihundert Bilderbücher hat Meggendorfer gezeichnet.
Sie haben höchsten Sammlerwert. Sein Name ist heute allerdings fast
vergessen und nur noch wenigen Spezialisten bekannt.