Die Gazette Nr. 2, April 1998

 Buchkunst
 

Bilderbücher von Lothar Meggendorfer 

Die ersten Bücher, die eigens für Kinder geschrieben waren, erschienen im Zeitalter der Aufklärung, im ausgehenden achtzehnten Jahrhundert. Auch die ersten Kinder-Zeitschriften kamen damals auf, zum Beispiel „Der Kinderfreund" von Christian Felix Weiße oder das „Leipziger Wochenblatt für Kinder" von Johann Christoph Adelung. Diese Kinderliteratur diente ganz ausdrücklich der Erziehung. Allerdings war ihr Absatz unbefriedigend: Die Publikationen waren für die kinderreichen Großfamilien einfach zu teuer.
So verstand man unter einem „Bilderbuch" damals nur ein pädagogisch wertvolles Sachbuch. Erst etwa hundert Jahre später hat sich das Bilderbuch emanzipiert. Nur wurden jetzt, in der Gründerzeit, die Kinderbücher kaum noch gezeichnet, sondern gemalt. Die schweren, pompösen Bilder ertranken in Farbe, und nicht selten brauchte zur Herstellung man zwölf Farbdruckplatten.
Einer der großen Kinderbuchillustratoren, die wieder die einfachere Bilder bevorzugten, war Lothar Meggendorfer (1847 - 1925). Er stellte die unkomplizierte Zeichnung mit klarem Aufbau und ungebrochenen Farbflächen wieder her. Gleichzeitig schuf er sogenannte „bewegliche Bücher" oder „Ziehbildbücher". Dabei konnte das lesende Kind an einer unten an der Seite angebrachten Lasche ziehen, woraufhin einige Bildelemente sich gegeneinander verschoben und kleine, wenn auch nur einfache und ruckartige Bewegungen zeigten.
Zwei schöne Beispiele dafür sind "Die Wäscherin"

  und eine Rotkäppchenszene: 

Meggendorfers Ziehbilderbücher waren so aufwendig konstruiert, so voller miteinander verbundener Laschen und übereinandergelegter Papierschichten, daß begeisterte Kinderhände den komplizierten Mechanismus oft schnell zerstörten. In einem seiner Bücher, "Immer lustig", mahnt er sie sogar zur mehr Vorsicht, denn sonst "weinen die Bilder".
Insgesamt zweihundert Bilderbücher hat Meggendorfer gezeichnet. Sie haben höchsten Sammlerwert. Sein Name ist heute allerdings fast vergessen und nur noch wenigen Spezialisten bekannt.