Die Gazette Nr. 2, April 1998

Die Adresse

Strenge Qualitätskriterien

Unter den etwa vierhundert Suchmaschinen im Internet gibt es nur eine mit Stammbaum, und der reicht bis ins achtzehnte Jahrhundert zurück. Es ist das Suchprogramm der ehrwürdigen Encyclopedia Britannica (die erstmals 1771 erschienen ist). Dieser Britannica Internet Guide ist jedem zugänglich, auch wenn er nicht zahlender Abonnent der Encyclopedia Britannica Online und ihrer vielfältigen Services ist. Und dieser Guide übertrifft bei weitem alle übrigen an Seriosität und Übersichtlichkeit (sein einziger und hoffentlich vorübergehender Mangel ist die weitgehende Beschränkung auf englische und amerikanische Adressen).

Wie die Abbildung zeigt, sind die aufgelisteten Websites in vierzehn Kategorien unterteilt, von Art and Literature bis World Geography and Culture. Darunter befindet sich eine fünfzehnte, genannt Best of the Web. Über diesen Link kommt man auf die Hitliste des Internetführers, und da steht - natürlich, selbstbewußt - die Britannica Online an der Spitze, eine Kategorie für sich, noch vor und über den vierzehn übrigen. Die hier genannten Drei-Sterne-Adressen sind vorzüglich ausgewählt, und sie präsentieren ihre Inhalte mit allen Errungenschaften des Internet, dafür aber auch langsamer. Die Seite Everest 97 zum Beispiel bietet eine der Expeditionen von 1997, mit Fotos, Landkarten, geologischen Erläuterungen, Audio-Interviews und Video-Material, dazu kleinere Beiträge über Ausrüstungsgegenstände, die Lebensweise der Sherpas und die Bemühungen, den Everest sauberzuhalten.
Wer sich nun bei den vierzehn Kategorien beispielsweise bei Art and Literature einklickt, erhält erst elf Kurzbeschreibungen allgemein einschlägiger Websites (auch hier, und das wirkt nun schon ein bißchen komisch, wird die Liste wieder von Britannica Online angeführt), darunter eine Newsgroup (alt.culture), eine Zeitung (The New York Times) und ein Verzeichnis von Kunst-Wettbewerben, Ausschreibungen und Stipendien. Daneben kann man die Suche aber durch Unterkategorien weiter einengen; die vierzehn Kategorien enthalten insgesamt einhunderteinundreißig Unterkategorien. In Art and Literature verstecken sich sechs davon, und zwar Visual Arts, Architecture and Design; Literature; Music; Theater; Dance und Film. Bei Literature etwa öffnen sich sodann - außer einunddreißig wiederum beschriebenen Websites allgemeiner Art - fünfzehn Unterunterkategorien, von Historical Periods über Individual Authors bis Other Topics. Die Autoren sind ihrerseits in fünf weitere Kategorien unterteilt, und zwar Poets, Novelists, Dramatists, Short Story Writers und Other Authors. Und hier, unter Novelists, findet man immerhin auch französische Romanciers (etwa Albert Camus mit sieben Websites) und einen Deutschen (Hermann Hesse mit vier Adressen und selbstverständlich Links zu weiteren). Die Website-Beschreibungen sind jeweils zwischen zwei und fünfzehn Zeilen lang, präzise und aussagefähig.Und wer sich nicht durch den verzweigten Kategorien-Baum hangeln will, der findet auf der Startseite oben rechts (siehe Abbildung) auch einen internen Stichwort-Suchdienst.
Nur wenigen Auserwählten (fünfzehn Prozent) erteilt die Britannica einen, zwei oder drei ihrer Baedeker-Sterne. Diese Bewertung kennzeichnet den Hauptunterschied zwischen dem Britannica Guide und allen anderen Suchmaschinen, die einfach nehmen, was sie finden. Wenn man also diesem Guide über „Feedback" eine bestimmte Website empfiehlt, muß man damit rechnen, daß die Britannica ihn aus zweihundertsiebenunzwanzig Jahren Erfahrung genau unter die Lupe nimmt, bevor sie ihn aufnimmt. Die Kriterien dafür sind dargelegt: Genauigkeit, Vollständigkeit und Nutzen der Information, visuelle und technische Qualität der Präsentation, fachlicher Hintergrund des Verantwortlichen, leichte Handhabung, aber auch - so viel Sinn für Kommerz überrascht nun wieder ein wenig bei der edlen Höhe der Kriterien - eine hohe Anzahl von Pageviews. Jede Website wird von einem Redakteur oder einem Beiträger der Encyclopedia Britannica auf diese Merkmale hin untersucht.
Insgesamt etwas mehr als 65000 Adressen sind bis jetzt verzeichnet und beschrieben. Das sind erheblich weniger als bei den gängigen Suchmaschinen, die gern mit Millionen-Zahlen jonglieren. Aber dafür eben mit Sachverstand ausgesucht und gewissermaßen geadelt.
Die Gazette, was Wunder bei ihrem jugendlichen Alter, ist noch nicht darunter. Sie wird derzeit in London auseinandergenommen und durchleuchtet.