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Über die Behutsamkeit und ihre Grenzen
Das vorzüglichste und fast das eintzige was ich von meinen Lesern
zu bitten habe und was sie bey keiner Zeile aus dem Gesicht verliehren
müssen: nemlich daß Behutsamkeit einzuschärfen mein
eintziger Endzweck ist. Es kommt hier nicht darauf an zu sagen ob der
Amerikanische Krieg unglücklich ausgehen, ob Hancock an den verdienten
Galgen endlich kommen, oder die beiden Howe's sich nach England einschiffen
werden müssen, oder ob ein künfftiges Jahr ein feuchtes Jahr
seyn wird. Nein die Sache liegt uns näher. Mache ich jemand gantz
abtrünnig daß er glaubt, das Laster kann verzerren, aber
wenn du einen verzerrten Menschen von dir widriger Physionomie siehst,
so halte ihn ums Himmels willen nicht für lasterhafft ohne die
gnauste Untersuchung. Der Gott der dich schön geschaffen hat kan
ihn so geschaffen haben. Bezahle ihm um Gotteswillen, ich sage mit Fleiß
um Gotteswillen, das Almosen der Menschlichkeit und Nachsicht, wenn
du dich auch des Tributs des Vertrauens weigerst. Fürchte dich
vor jener transcendenten Ventriloquenz des Schwärmers, womit er
dir glauben macht etwas was auf der Erde gesprochen ist käme vom
Himmel. ... Allein einen klaren Satz der Physiognomick will ich dich
lehren, es ist Physiognomick des Stils. Spricht jemand mit dir in der
männlichen Prose Mendelsohns oder Feders oder Meiners oder Garves
und du stösest auf einen Satz, der dir bedenklich erscheint, so
kanst du ihn allemal glauben bis zu weiterer Untersuchung. Hingegen
redet jemand mit dir im Wonneton der Seher, plundert und stolpert Dithyramben
daher mit convulsivischem Bemühen das unaussprechliche auszusprechen,
so glaube ihm kein Wort, wo du es nicht strenge untersucht hast. Es
giebt keine Abgesandten Gottes mehr. Hat er nicht zu deiner weltlichen
Logick geschworen, so stoße ihn bis zur nähern Untersuchung
aus dem Haus.
Johann Christoph Lichtenberg, Sudelbuch F (1776-1779)
Ihr
Kommentar
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