Nr. 19, November 1999
 
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Über die Behutsamkeit und ihre Grenzen

Das vorzüglichste und fast das eintzige was ich von meinen Lesern zu bitten habe und was sie bey keiner Zeile aus dem Gesicht verliehren müssen: nemlich daß Behutsamkeit einzuschärfen mein eintziger Endzweck ist. Es kommt hier nicht darauf an zu sagen ob der Amerikanische Krieg unglücklich ausgehen, ob Hancock an den verdienten Galgen endlich kommen, oder die beiden Howe's sich nach England einschiffen werden müssen, oder ob ein künfftiges Jahr ein feuchtes Jahr seyn wird. Nein die Sache liegt uns näher. Mache ich jemand gantz abtrünnig daß er glaubt, das Laster kann verzerren, aber wenn du einen verzerrten Menschen von dir widriger Physionomie siehst, so halte ihn ums Himmels willen nicht für lasterhafft ohne die gnauste Untersuchung. Der Gott der dich schön geschaffen hat kan ihn so geschaffen haben. Bezahle ihm um Gotteswillen, ich sage mit Fleiß um Gotteswillen, das Almosen der Menschlichkeit und Nachsicht, wenn du dich auch des Tributs des Vertrauens weigerst. Fürchte dich vor jener transcendenten Ventriloquenz des Schwärmers, womit er dir glauben macht etwas was auf der Erde gesprochen ist käme vom Himmel. ... Allein einen klaren Satz der Physiognomick will ich dich lehren, es ist Physiognomick des Stils. Spricht jemand mit dir in der männlichen Prose Mendelsohns oder Feders oder Meiners oder Garves und du stösest auf einen Satz, der dir bedenklich erscheint, so kanst du ihn allemal glauben bis zu weiterer Untersuchung. Hingegen redet jemand mit dir im Wonneton der Seher, plundert und stolpert Dithyramben daher mit convulsivischem Bemühen das unaussprechliche auszusprechen, so glaube ihm kein Wort, wo du es nicht strenge untersucht hast. Es giebt keine Abgesandten Gottes mehr. Hat er nicht zu deiner weltlichen Logick geschworen, so stoße ihn bis zur nähern Untersuchung aus dem Haus.

Johann Christoph Lichtenberg, Sudelbuch F (1776-1779)

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