Nr. 19, November 1999
 
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Unbekannter "Brief" Thomas Manns an Günter Grass aufgetaucht

Mehr als zwanzig Jahre hat Willy-Brandt-Freund Klaus Harpprecht den Lebensspuren und dem Werk von Thomas Mann gewidmet und danach die voluminöseste Biographie geschrieben, die je ein deutscher Schriftsteller über einen deutschen Schriftsteller verfaßt hat. Am Anfang seiner Beschäftigung stand ein Brief, der mit dem Literaturnobelpreis für Günter Grass neue Aktualität gewonnen hat: Klaus Harpprecht als Thomas Mann an Günter Grass - ein kongenial gelungenes literarisches Amüsement. Thomas Mann entdeckt seine Verwandtschaft mit Grass: "Es herrscht eine gewisse Verwobenheit zwischen beiden Welten, der Ihren und der meinen."
So der Kernsatz eines zwölfseitigen Briefes von Thomas Mann an Günter Grass, den Klaus Harpprecht 1974 ganz im Geiste des großen Lübeckers formuliert hat. Damals hatte Willy Brandt gerade das Handtuch geworfen, wegen Guillaume. Grass hatte zwei Jahre zuvor "Aus dem Tagebuch einer Schnecke" veröffentlicht und fünf Jahre zuvor international aufsehenerregende "Loblieder auf Willy" und die ostpolitisch innovative ES-PE-DE gesungen. Thomas Mann dazu an Grass: "Deutsches Bürgertum an der Seite der Sozialdemokratie - das war mein grundpolitisches Thema als ungewählter Advokat der Republik, es ist auch das Ihre."
Vielleicht etwas forsch, aber Thomas Manns Einschätzungen waren laut Harpprecht ohnehin recht gewagt. Vom "Kapellmeisterhaften Ihrer Erscheinung" bis zu einem "Zug hochherzig slawischer Romantik" unterstellt er dem Danziger Eigenschaften, die sich in den folgenden 25 Jahren nicht so recht vertiefen wollten.
Thomas Mann bekennt sich zum "hanseatischen Maß": "Mir wäre kaum in den Sinn gekommen, die Schnecke gleichsam als Wappentier zu wählen." Allerdings hat es ihm die "Erzählung mit dem trommelnden Helden" angetan: "Körperliche Gebrechen in medialer Funktion dem Genialen dienend - nichts davon, mein lieber Grass, ist mir unvertraut."
Er sieht bei Grass eine Phantasie, die sich in "Gefilde hinauswagt, die ich aus ästhetischem Eigensinn gescheut habe". Doch teilt er mit ihm eine gewisse Faszination für "die Unterwelt der Seelen, die Sie so unbarmherzig ausleuchten, mit all ihrer wabernden, kreuchenden, rattenhaften Vitalität". Mit Harpprechts Hilfe entdeckt er bei Grass "gothische Umtriebe, faustisch im Sinne des alchimistischen Zauberwerks".
Schließlich fügt Thomas Mann seiner Grass-Eloge eine Facette hinzu, die der Hymne des Nobelpreiskomitees auf den diesjährigen Preisträger den letzten Schliff verliehen hätte: "Ihr heimlicher Silbenfall ist stets durch den Unterton von humoristischem Platt bestimmt. ... Mutig nenne ich, im Angesicht des Fürchterlichen, den ironischen Blick, den sie auf die verborgenen Mächte richten."

(Der vollständige Brief steht in Ulrich Greiwe [Hrsg.], Alarmierende Botschaften. Zur Lage der Nation, Desch Verlag, München 1974 [leider vergriffen])

 
Lesewunder

In New York, das ja schon viele hat kommen und gehen sehen, ist zur Zeit ein französischer Schriftsteller en vogue. Das Schöne daran: Der Verleger des Bestsellers tut etwas für die literarische Kultur und legt gleichzeitig einen prächtigen Vierteljahresabschluß hin. Die Kritiker sind begeistert: "einer unserer zwölf besten Romane überhaupt", "der Roman, den Macchiavelli schriebe, wenn er noch lebte", ähnlich die "New York Times Book Review", aber auch die "Los Angeles Times". Die Buchhandlungen kommen mit den Nachbestellungen kaum nach. Das Buch wird bereits in der fünften Auflage ausgeliefert. Und natürlich hat sich Hollywood bereits nach dem Filmrechten erkundigt.
Der Autor ist Stendhal, das Buch "Die Kartause von Parma", erschienen schon 1839 (die Kritiker-Zitate sind von Henry James und Balzac) und jetzt neu und hinreißend ins Englische übersetzt von Richard Howard (dem Pulitzerpreis-Gewinner für Lyrik 1970). "Ich finde es erstaunlich", sagte der Übersetzer, "daß ich mit etwas zu tun habe, was tatsächlich Geld bringt."


Off limits für Ezra Pound

Harry S. Pritchett jr., der Dekan der Johannes-Kathedrale in New York, hat den Vorschlag prominenter Schriftsteller in den USA abgelehnt, auch für Ezra Pound eine Gedenkplatte in den Fußboden der "Dichter-Ecke" der Kathedrale zu legen. Begründung: Pounds antisemitische Schriften und Radiosendungen im faschistischen Italien während des Zweiten Weltkriegs. Die Entscheidung, sagte Pritchett, habe er sich "mühsam abgerungen". Der Protest mehrerer Gemeindemitglieder, die mit Demonstrationen in der Kirche gedroht hatten, wird sie ihm erleichtert haben.
Die Dichter-Ecke wurde 1984 nach ihrem Vorbild in der Londoner Westminster Abbey eingerichtet und belegt das "sprituelle Interesse" der Johannes-Kirche an den Künsten. Dreiunddreißig amerikanische Dichter und Schriftsteller sind hier bereits verewigt, zum Beispiel Edgar Allan Poe, Walt Whitman, T. S. Eliot und William Faulkner.
Ausgesucht werden die so zu Rühmenden von einem dreizehnköpfigen Kollegium anerkannter Schriftsteller, unter denen John Updike eine Art Ehrenvorsitz einnimmt. Der zweite diesjährige Vorschlag allerdings, Scott Fitzgerald, wurde - wie alle bisherigen - von der Kathedrale akzeptiert.


Wilkomirski zurückgezogen

Der Suhrkamp Verlag hat Mitte Oktober nun doch die umstrittenen "Fragmente" von Binjamin Wilkomirski aus dem Programm genommen und die noch in den Buchhandlungen liegenden Exemplare zurückbefohlen.
Der Schweizer Autor Daniel Ganzfried (siehe Die Gazette März 99) hatte schon vor Monaten Wilkomirskis Behauptung wiederlegt, bei dem Buch handle es sich um die biographische Wiedergabe seiner Kindheit im Konzentrationslager.
"Er ist kein Betrüger und kein Lügner", begrenzte Sprecherin Heide Grasnick-Mersmann (die den Autor einen "tief unglücklichen Menschen" nennt) auf der Frankfurter Buchmesse den Schaden, "sein Gedächtnis sagt ihm eben etwas anderes, als die Dokumente sagen. Das ist nicht leicht für ihn."
Die Rückrufaktion bezieht sich allerdings nur auf die Hardcover-Version (weniger als zehntausend verkaufte Exemplare), die Taschenbuch-Ausgabe, da "aus einem anderen Verlag", wird ungehindert weitervertrieben.
Eine etwas schizophrene Wahrheitsliebe.


Ein amerikanisches Phänomen

München, 1931. Der Mann hält der Frau die Pistole an den Hals und verlangt, sie soll sich ausziehen. Während sie sich das Kleid aufknöpft, läßt er die Waffe über ihre Brust gleiten. Dann schlägt er damit zu. Sekunden später erschießt er sie.
Amerikanisches Erzählen (siehe Wagenbach)? Ja, und schlimmer. Der Mann ist Adolf Hitler, die Frau Geli Raubal, das Buch mit dieser Szene "Hitler's Niece" und der Autor Ron Hansen, einundfünfzig Jahre alt.
Offenbar sind gerade Schriftsteller in den USA ganz wild darauf, aus dem deutschen Diktator einen Romanhelden zu stricken: Max Radin hat "The Day of Reckoning" geschrieben, Michael Young "The Trial of Adolf Hitler", Richard Grayson "With Hitler in New York", Beryl Bainbridge "Young Adolf", Roland Puccetti "The Death of the Fuhrer", ähnlich Gus Weill und Beryl Bainbridge. Sogar der große Essayist George Steiner versuchte sich in diesem Fantasy- Genre (The Fuhrer Seed", wo Hitler einen Sohn Kurt hat). Sie alle haben bis jetzt keinen deutschen Verleger gefunden. Erfreulicherweise.
Auch bei Ron Hansen bleibt der S. Fischer Verlag, der einige seiner Romane bereits herausgebracht hat, angenehm schweigsam. "Er hält uns hin", meinte Peter Matson, Hansens Agent.


Der Held: Jean-Marie Le Pen

Darf ein Romancier einen lebenden Politiker als Romanhelden nehmen? Vielleicht in Südamerika, aber nicht in Frankreich. In Paris wurde Mitte Oktober den Autor Mathieu Lindon (und seinen Verlag) zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er 1998 Le Pen zu einer Figur in seinem Roman "Le Procès de Jean-Marie Le Pen" gemacht hat. Das Gericht hielt es für strafwürdig, daß ein Text - "unabhängig von seiner literarischen Gattung" - den Politiker "eines Rassismus beschuldigt, der an die schlimmsten Greueltaten erinnert".
Lindons Schriftsteller-Kollegen, unter ihnen Le Clézio, Philippe Sollers und Martin Winckler, erhoben ihre Stimme zur Verteidigung, Marie Darrieussecq sogar mit dem Satz von Hemingway: "Wenn mit der Gesellschaft etwas nicht stimmt, nimmt man sich als erstes die Literatur vor."
Der Justiz-Sieg des rechten Politikers enthält aber auch eine gute Nachricht. Wenn ein Roman im Namen der politischen Wirklichkeit verurteilt wird, dann ist der Schriftsteller zum Schöpfer dieser Wirklichkeit erhoben. Und genau das ist es, was die Literatur in einer Demokratie so störend macht und vollends inakzeptabel in einer Diktatur.


Genmanipulations-Desaster à la Hiroshima?

Glückwunsch an alle deutschen Essayisten, die es geschafft haben, die vom sozialphilosophischen Schürf-Artisten Peter Sloterdijk ("Regeln für den Menschenpark") bereits sehr breitgetretenene Debatte um die Genmanipulation noch breiter zu treten - natürlich mit Hilfe von Heidegger und Nietzsche, über die in Deutschland immer noch viel lieber räsonniert wird als über gegenwärtige und künftige Eingriffe in das Erbgut der Elite und der Massen. Als es bereits zu spät war, versuchte Sloterdijk, der während der Debatte das "Produktionsmittel Skandal" für sich entdeckt und ausgebaut hatte, das Problem noch einmal zu dramatisieren. Diesmal mit dem Hirnforscher Detlef Linke, Alfred Grosser, Michael Stürmer und Gertraud Höhler im "Baden-Badener Dialog" Mitte Oktober. Während Stürmer die letzte bildungsbürgerliche Trumpfkarte zog und mit dem leicht veränderten "Faust"-Zitat "Dir wird vor deiner Gottähnlichkeit bangen" zu Felde zog, griff Sloterdijk zur Massenerschütterung in die ganz rüde Kiste. Er malte die Möglichkeit eines genmanipulativen Unfalls in der Größenordnung von Hiroshima und Nagasaki an die Wand. Professor Linke rief daraufhin nach einem Weltkonzil in Sachen Genmanipulation. Vergebens. Der Widerhall in den deutschen Polit-Feuilletons war gleich Null, das Thema war durch. Es darf wieder gefaselt werden - bis die ersten "Designer-Kinder" (Francis Fukuyama) auftauchen.


Der Ptolemäus ist wieder da

Die ptolemäische "Kosmographie" von 1483 und zehn weitere wertvolle Bücher, die vor sechs Monaten aus der Stadtbibliothek Krakau gestohlen wurden, ist im Auktionshaus Reiß und Sohn in Frankfurt am Main wieder aufgetaucht. Die restlichen vierzig Bücher des Krakauer Raubzugs bleiben bis jetzt verschollen.
Wie die "Kosmographie", deren Wert auf über 1,2 Millionen Mark geschätzt wird, von Polen in das Auktionshaus kam, ist ungeklärt. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main sagte jedoch, eine Ermittlung gegen die Auktionäre werde nicht angeordnet.


Ist der feste Ladenpreis gerettet?

Die neue Kulturkommissarin der EU in Brüssel, die Luxemburgerin Viviane Reding, hatte eine Idee und gab dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels den entsprechenden "Fingerzeig", wie Vorstand Roland Ulmer es nannte. Es gehe, so Ulmers richtige Feststellung nach seinem Gespräch mit der Kommissarin, gar nicht um nationale Preisbindungssysteme, sondern nur "um die achtzig Prozent der in Österreich verkauften Bücher, die aus Deutschland stammen". Aber, und das ist Viviane Redings schlaue Fingerzeig-Idee, gegen zwei verschiedene Preisbindungssysteme habe man möglicherweise keine Einwände.
Alles, was ein deutscher Verlag künftig tun muß, ist die Herstellung einer Teilauflage eines Buches für seine Wiener Niederlassung. Und damit ist es hastdunichtgesehen - ein österreichisches Buch. Wenn nun noch die zwei verschiedenen nationalen Preissysteme im den Preisen so unterschiedlich gar nicht sind, dann hat man dasselbe wie vorher und doch nicht dasselbe. So einfach war das.
Die deutschen Verleger haben allerdings nur bis Mitte November Zeit für einen dementsprechenden Vorschlag. Hoffentlich beeilen sie sich. Die listige Freundlichkeit der Luxemburgerin hält sicher nicht ewig. Noch in diesem Jahrhundert will sie das Problem vom Tisch haben.

Ihr Kommentar

 

"Talk" ist kein Stadtgespräch

Tina Brown, die vor einem Jahr "The New Yorker" mit den von ihr verursachten roten Zahlen hinter sich ließ, hat mit ihrer eigenen Zeitschrift "Talk" nicht den erhofften Erfolg. Nicht einmal damit, daß sie zuletzt einem der besten Erzähler der Gegenwart, Paul Theroux, die Titelgeschichte über Michael Jacksons großes Geld anvertraute. Der Zeitschriften-Titel "Talk" wird peinlich: Man redet einfach nicht über sie, weder über das überraschend langweilige Klatsch-Blatt, noch über die Chefredakteurin.
Dabei war ihr gerade das immer so wichtig. Die SZ-Journalistin Vera Graaf berichtet: Als man Ms. Brown vorwarf, sie habe den legendären "New Yorker" ins Grab gewirtschaftet, habe sie achselzuckend geantwortet: "Hauptsache, man redet über uns." Graaf zitiert des weiteren die Autorin Jamaica Kincaid, die auf Tina Brown nicht gut zu sprechen ist: "Ich hoffe daß Mr. Shawn (der legendäre Gründer des "New Yorker"), wo immer er sein mag, jetzt glücklich ist. Ich werde für ihn auf ihrem Grab tanzen."


Einsteins zurückgebliebene Tochter

Ganz wörtlich: Das Genie hatte angeblich eine uneheliche Tochter namens Lieserl, die an dem Down-Syndrom litt und schon nach 21 Monaten an Scharlach gestorben ist. Die Frucht einer Liaison Einsteins mit seiner Kommilitonin Mileva Maric.
Das behauptet wenigstens Michelle Zackheim in ihrem Buch "Einstein's Daughter: The Search for Lieserl", nachdem sie im 1987 freigegebenen Nachlaß Hinweise darauf gefunden haben will. Experten warnen. Robert Schulmann, Historiker an der Universität von Boston, nennt das Ganze "eine Spekulation". Und der Einstein-Biograph Gerald Holton, harscher: "Sie hat sich immense Mühe gegeben, all diese serbischen Friedhöfe abgeklappert und doch nichts mit nach Hause gebracht."


Sigrid jammert

Die frühere Feuilleton-Leiterin der "Zeit", Sigrid Löffler, sieht nur noch Düsternis heraufziehen. Anspruchsvolle Literatur, läßt sie Ende Oktober die Schwäbische Donau Zeitung melden, gerate im Multimedia-Zeitalter immer mehr ins Abseits: "Wir bekommen es zunehmend mit einer neuen Gattung zu tun, die auf rein literarische Qualitätskriterien pfeift." Indem Verlage immer häufiger die Film- und Fernsehrechte verkaufen, noch bevor das Buch erschienen ist, verkaufen sie laut Löffler auch "die Seele der Literatur". Denn (jetzt wird definiert): "Ein literarischer Text hat meist ein ganz eigentümliches Energiefeld [sic], das in anderen Medien nicht wirkt." So träten an die Stelle traditioneller Qualitäten wie "Haltbarkeit der Form" und "Unveränderbarkeit der festgelegten Textgestalt" nur noch "Vorläufigkeit und Vergänglichkeit".
Ach, wie kleinmütig. Und wie kurzsichtig: Die Literaturgeschichte, vom Gilgamesch-Epos herauf zu Umberto Eco, ist reich gefüllt mit literarischen Übernahmen und Verwandlungen, Gattungs- und Medien-Wechseln, Wanderstoffen und Cross-Overs. Und zwar: Je mehr und wilder, umso lebendiger das migrante Werk.
Back to the drawingboard, Sigrid.


Nachfolger für Grönemeyer und Marius?

Nachdem Herbert Grönemeyer und Marius Müller-Westernhagen, neben Udo Lindenberg die charismatischen Führungskräfte nachdenklichen Songguts in Deutschland, ihre Aktivitäten aus unterschiedlichen Gründen reduziert haben, soll nun ein neuer Superstar aufgebaut werden: Ben Becker (derzeit im Kino in dem Rolf-Schübel-Film "Ein Lied von Liebe und Tod" zu besichtigen). Nach eigenen Angaben schlugen ihm mächtige Maßschneider des deutschen Song-Business vor, seine Lieder in Text und Melodik für ein vierzigtausendköpfiges Stadion- Publikum zu mainstreamen. Becker, Bruder der ebenfalls wunderbar schräg tönenden Sängerin und Mimin Meret Becker, lehnte ab - vorläufig. Bis auch ihn der Lockruf des Geldes ereilt.


Leute, kauft amazon-Aktien! Jetzt!

Der Internet-Buchversand amazon.com ist eigentlich jetzt schon keiner mehr. Im Februar hat er sechsundvierzig Prozent von drugstore.com gekauft, im Mai fünfunddreißig Prozent eines Internet-Lebensmittelladens (HomeGrocer.com), im Juni vierundfünfzig Prozent der Tierhandlung Pets.com und im Juli neunundvierzig Prozent des Online-Sportgeschäfts Gear.com. Schon seit diesem Sommer bietet amazon.com neben Büchern auch Spielzeug und Unterhaltungselektronik.
Und das ist erst der Anfang. Amazon.com will etwas werden, sagt sein Chef Jepp Bezos, etwas so anderes, so Gigantisches, Allumfassendes, wie man es noch nie gesehen hat. Ein Welt-Kaufhaus, für jeden und alles.
Größenwahnsinnig? "Sie könnten es versauen", meint der Analyst Henry Blodget von Merril Lynch. Mit seiner Voraussage zum Kurs der amazon-Aktie hat er schon einmal recht behalten. Und amazon verbuchte im dritten Quartalen 1999 einen Nettoverlust von 85,8 Millionen Dollar (gegenüber nur 45,2 Millionen im dritten Quartal 1998)..


Der Informationsmarkt der USA

Das Handelsministerium der USA hat am 25. Oktober die Umsatzzahlen der amerikanischen Informations- und Medienindustrie für das Jahr 1997 bekanntgegeben.
Das Gesamtvolumen der Branche, die in einhundertvierzehntausend Unternehmen über drei Millionen Menschen beschäftigt, beläuft sich auf sechshundertdreiundzwanzig Milliarden Dollar. Der größte Anteil geht dabei an Rundfunk und Telekommunikation (über die Hälfte: 346,3 Milliarden Dollar), wobei auf terrestrisches Fernsehen lediglich 29,8 und auf den Rundfunk nur 10,6 Milliarden entfallen, auf Kabelfernsehen einschließlich Telefon hingegen 208,8 Milliarden Dollar. Weitere Untergruppen: Software 61,7, Zeitungen 41,6, Zeitschriften 29,8 und - endlich - Bücher 22,6 Milliarden Dollar (oder 3,6 Prozent des Gesamtumsatzes). Überraschend: Erst dahinter rangieren die Filmproduktion (20,1) und der Filmverleih (12,5 Milliarden Dollar). Ebenso unerwartet: Die Hersteller von Grußpostkarten erzielten einen Umsatz von 5,3 Milliarden.
Dieser Bericht wird nur alle fünf Jahre erstellt.


Das wars, was uns noch fehlte

Nun haben wir es endlich, das Wort für es nicht-mehr-durstig. Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat es immerhin im zweiten Anlauf geschafft, die klaffende Wortschatzlücke zu schließen: "sitt" soll es heißen. "Sitt und satt". Atemberaubend.
Das soll uns erst mal einer nachmachen. Die angebliche Weltsprache Englisch hat nicht mal ein Wort für "satt", von diesem biergestillten "sitt" gar nicht zu reden, und jeder Franzose kann nach genug Rotwein nur verlegen schweigen. Der Spanier ebenso.
Nur wir haben es jetzt, dieses lang entbehrte Wort. Vivat, crescat, floreat! Lassen wir es also fruchtbar werden: Ab sofort ist uns die Wortfindungskompetenz der GdS nicht nur sattsam, sondern auch "sittsam bekannt"; Globalisierer müssen künftig auch auf die "Marktsittigung" achten; und die schier ausgestorbene "Sittlichkeit" erblüht zu neuem, rotnasigem Leben.
Fehlt nur noch einer, der sagt, wir haben solche Tätigkeitsnachweise der GdS sitt.

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