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Kehraus im Geisterhaus
Bolaño und Eloy Martìnez verscheuchen politische
Gespenster
Roberto Bolaño ist ein gründlicher Mensch. Leben und Werk
30 rechtslastiger Autoren aus Nord- und Südamerika hat der Chilene
erforscht, in mühevoller Kleinarbeit Licht in ein trübes Kapitel
der jüngeren Kulturgeschichte gebracht. Gründlich recherchiert
und gewissenhaft dokumentiert, könnte "Die Naziliteratur in
Amerika" neue wissenschaftliche Standards setzen, hätte es
nicht einen kleinen Schönheitsfehler: Die Personen sind samt und
sonders erfunden ganz wie es sich für einen Roman gehört.
Wie viele Literaten der Postmoderne liebt Bolaño das Spiel an
den Rändern des Verstandes. Die Wirklichkeit springt aus den Fugen,
der Wahn reitet unbarmherzige Attacken auf die Vernunft. Und zwar vorrangig,
Bolaños Roman illustriert es auf das schönste, auf die des
Lesers selbst.
Bolaños Nazi-Dichter haben viel gelesen und wenig verdaut. Berauscht
von wilden Theorien, träumen sie vom arischen Endsieg und Hitlers
Wiederauferstehung. Oder, in amerikanischer Variante, der Ausrottung
der Schwarzen und Indios, der Herrschaft der weißen Rasse.
Eine wahnhafte Welt. Bolaño porträtiert sie in der neutralen
Sprache des Lexikons, aus der kühlen Distanz des wissenschaftlichen
Beobachters und erzeugt so einen noch viel größeren
Wahn. Denn auch der Irrsinn gibt sich gerne nobel. Eine einsichtige
Ordnung der Einträge, Verknüpfungen mit der (realen) Zeitgeschichte,
ein umfangreiches Personen- und Werkverzeichnis: Bolaño orientiert
sich an der vornehmsten Gattung der europäischen Aufklärung,
der Enzyklopädie. Daß keiner der Porträtierten jemals
gelebt hat, unterschlägt das Lexikon großzügig. Und
da Lexika bekanntlich nicht irren, darf auch der Leser es vergessen.
Der Roman als Lexikon. Gilt auch das Umgekehrte: Das Lexikon als Roman?
Zumindest soviel ist wahr: Auch die Enzyklopädie arbeitet mit stilistischen
Verführungskünsten, organisiert ihren Stoff nach suggestiven
Mustern. Die romaneske Kunst der Literaten hat auch die wehrhaftesten
Bastionen abendländischen Geisteslebens längst erobert.
Die rationale Form unterminiert den Verstand. Am Ende wankt auch der
Autor. Im letzten Kapitel erhitzt sich sein bisher so kühler Stil,
zunehmend gleitet er selbst in die Welten des Wahns. Schließlich
wird er selbst zum Protagonisten, heftet sich entschlossen an die Spuren
von Carlos Ramírez Hoffman, eines dichtenden Folterknechts aus
dem Chile Pinochets. Die Umstände der Verfolgung klingen durchaus
realistisch. Bloß: Hoffman hat nie gelebt. Ein entscheidender
Unterschied, den Bolaño auf bestechende Weise verwischt. Gerade
deshalb ist sein Roman hochgradig vernünftig. Verschwörungstheorien
lieben das szientistische Gewand, und mit seinem originellen Einfall
zeigt Bolaño, wie verführerisch sie darin wirken. Zwar gab
und gibt es Nazis in Amerika aber das untergründige Netz,
die Internationale der braunen Literatur, die Bolaños Roman suggeriert,
existiert deshalb noch lange nicht. In ihrer inneren und meist auch
äußeren Isolation ist von den poetisch-politischen Wirrköpfen
nichts Ernstes zu befürchten es sei denn, und das führt
das letzte Kapitel eindrücklich vor Augen, der Staat selbst erhebt
Teile der nazistischen Ideologie oder eines antikommunistischen Wahns
zur Ideologie. Der Chilene Bolaño weiß davon aus eigener
Erfahrung zu berichten. Doch solche Zeiten sind in Lateinarnerika längst
vorüber.
Legenden formen die Wirklichkeit, auch in der realen Politik. Tomás
Eloy Martínez zentriert seinen Roman "Der General findet
keine Ruhe" um die Rückkehr Juan Domingo Peróns nach
Argentinien im Juni 1973. 18 Jahre hatte er im Exil verbracht, jetzt
ist er mehr als nur ein Politiker: ein lebender Mythos. Und von dem
erwarten die Argentinier nach sieben Jahren Diktatur schlicht alles:
die Einigung des heillos zerstrittenen Landes die einen, den Sieg des
Sozialismus die anderen.
Perón, ein Polit-Chamäleon. Über Jahrzehnte hatte er
ein seltsam unbestimmtes Image aufgebaut, seine elastische Lehre vom
"Dritten Weg" entsprach den unterschiedlichsten Erwartungen.
Was immer seine Anhänger hören wollten: Perón bediente
sie. "Die Gefühle der anderen", erinnert sich ein Protagonist,
"reflektierten sich in ihm, so als hätte er statt eines Körpers
einen Spiegel." Das ist lange her. Inzwischen ist Perón
fast 80, und längst führen andere Regie.
López Rega vor allem. Streng redigiert der windige Privatsekretär
die Memoiren des gealterten Staatsmanns, streicht unpassende Stellen
aus, fügt dafür eigene hinzu. Lopez Rega hat ein ungezwungenes
Verhältnis zum geschichtlichen Detail: Perón erinnert sich
nicht mehr an die Vergangenheit? Dann soll er sie eben erfinden. Die
Öffentlichkeit hat enormen Appetit auf eingängige Bilder.
Denen jagt auch der Journalist Zamora hinterher. Sein Auftrag: Erinnerungen
von Zeitzeugen zu einem schlüssigen Porträt des jungen Perón
zusammenzusetzen. Die Aufgabe gelingt -und scheitert zugleich. Denn
die Ausführungen seiner Gewährsleute offenbaren viel; aber
noch mehr verschweigen sie. Die Wahrheit über Perón ist
"geviertausendelt", der Mann in einem Stück nicht zu
haben.
In Argentinien hatte Martínez' Roman bei seiner Erstveröffentlichung
1985 erheblichen Aufruhr verursacht. Die Öffentlichkeit hielt Teile
der zitierten Erinnerungen für echt. Absurd war der Gedanke nicht:
Martínez hatte Perón in den späten 60ern und frühen
70ern wiederholt interviewt, einen Teil der Gespräche auch veröffentlicht.
Außerdem paßte Martínez sich Peróns Stil so
geschmeidig an, daß zwischen Original und Kopie kaum zu unterscheiden
war. Daß Martínez in seinem Roman auf diese Interviews
anspielte, sich sogar eine kleine Nebenrolle genehmigte, steigerte nur
den Eindruck der Authentizität.
Doch Martínez wollte den unzähligen Perón-Porträts
kein weiteres hinzufügen. Im Gegenteil: Sein sorgsam inszeniertes
Verwirrspiel um Dichtung und Wahrheit sollte zeigen, was öffentliche
Personen vor allem sind: Fantasmen der Wahrnehmung. Wollte man ihre
Maske lüften, man fände bloß unzählige weitere.
Sie sind Luftgestalten, in ihrer Essenz niemals zu fassen.
Gerade darum beschleunigte Perón in den 70ern die argentinische
Geschichte dramatisch. Das Land hatte für den Heimkehrer eine gigantische
Empfangsfeier ausgerichtet. Doch Stunden vor seiner Ankunft gerieten
die konkurrierenden Anhänger Peróns aneinander, die Rivalitäten
entluden sich in tödlicher Gewalt. Den maßlosen Utopien hatte
Perón nichts entgegenzusetzen, vergeblich warnte er vor überzogenen
Erwartungen. So ging der Mythos zugrunde. Ihm folgte, ein knappes Jahr
später, auch der Mensch. Martínez hat ihn im Grab gelassen.
Gespenster soll man nicht beschwören.
Kersten Knipp (in: Frankfurter Hefte, August 1999)
Roberto Bolaño, Naziliteratur in Amerika, Antje
Kunstmann Verlag, München 1999, 238 Seiten, DM 38, , öS
277, sFr 37,--
Tomás Eloy Martínez, Der General findet keine Ruhe, Suhrkamp
Verlag, Frankfurt a.M. 1999, 473 Seiten, DM 49,80, öS
364, sFr 46,--
Ihr
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