Nr. 19, November 1999
 
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Kehraus im Geisterhaus
Bolaño und Eloy Martìnez verscheuchen politische Gespenster

Roberto Bolaño ist ein gründlicher Mensch. Leben und Werk 30 rechtslastiger Autoren aus Nord- und Südamerika hat der Chilene erforscht, in mühevoller Kleinarbeit Licht in ein trübes Kapitel der jüngeren Kulturgeschichte gebracht. Gründlich recherchiert und gewissenhaft dokumentiert, könnte "Die Naziliteratur in Amerika" neue wissenschaftliche Standards setzen, hätte es nicht einen kleinen Schönheitsfehler: Die Personen sind samt und sonders erfunden – ganz wie es sich für einen Roman gehört.
Wie viele Literaten der Postmoderne liebt Bolaño das Spiel an den Rändern des Verstandes. Die Wirklichkeit springt aus den Fugen, der Wahn reitet unbarmherzige Attacken auf die Vernunft. Und zwar vorrangig, Bolaños Roman illustriert es auf das schönste, auf die des Lesers selbst.
Bolaños Nazi-Dichter haben viel gelesen und wenig verdaut. Berauscht von wilden Theorien, träumen sie vom arischen Endsieg und Hitlers Wiederauferstehung. Oder, in amerikanischer Variante, der Ausrottung der Schwarzen und Indios, der Herrschaft der weißen Rasse.
Eine wahnhafte Welt. Bolaño porträtiert sie in der neutralen Sprache des Lexikons, aus der kühlen Distanz des wissenschaftlichen Beobachters – und erzeugt so einen noch viel größeren Wahn. Denn auch der Irrsinn gibt sich gerne nobel. Eine einsichtige Ordnung der Einträge, Verknüpfungen mit der (realen) Zeitgeschichte, ein umfangreiches Personen- und Werkverzeichnis: Bolaño orientiert sich an der vornehmsten Gattung der europäischen Aufklärung, der Enzyklopädie. Daß keiner der Porträtierten jemals gelebt hat, unterschlägt das Lexikon großzügig. Und da Lexika bekanntlich nicht irren, darf auch der Leser es vergessen.
Der Roman als Lexikon. Gilt auch das Umgekehrte: Das Lexikon als Roman? Zumindest soviel ist wahr: Auch die Enzyklopädie arbeitet mit stilistischen Verführungskünsten, organisiert ihren Stoff nach suggestiven Mustern. Die romaneske Kunst der Literaten hat auch die wehrhaftesten Bastionen abendländischen Geisteslebens längst erobert.
Die rationale Form unterminiert den Verstand. Am Ende wankt auch der Autor. Im letzten Kapitel erhitzt sich sein bisher so kühler Stil, zunehmend gleitet er selbst in die Welten des Wahns. Schließlich wird er selbst zum Protagonisten, heftet sich entschlossen an die Spuren von Carlos Ramírez Hoffman, eines dichtenden Folterknechts aus dem Chile Pinochets. Die Umstände der Verfolgung klingen durchaus realistisch. Bloß: Hoffman hat nie gelebt. Ein entscheidender Unterschied, den Bolaño auf bestechende Weise verwischt. Gerade deshalb ist sein Roman hochgradig vernünftig. Verschwörungstheorien lieben das szientistische Gewand, und mit seinem originellen Einfall zeigt Bolaño, wie verführerisch sie darin wirken. Zwar gab und gibt es Nazis in Amerika – aber das untergründige Netz, die Internationale der braunen Literatur, die Bolaños Roman suggeriert, existiert deshalb noch lange nicht. In ihrer inneren und meist auch äußeren Isolation ist von den poetisch-politischen Wirrköpfen nichts Ernstes zu befürchten – es sei denn, und das führt das letzte Kapitel eindrücklich vor Augen, der Staat selbst erhebt Teile der nazistischen Ideologie oder eines antikommunistischen Wahns zur Ideologie. Der Chilene Bolaño weiß davon aus eigener Erfahrung zu berichten. Doch solche Zeiten sind in Lateinarnerika längst vorüber.
Legenden formen die Wirklichkeit, auch in der realen Politik. Tomás Eloy Martínez zentriert seinen Roman "Der General findet keine Ruhe" um die Rückkehr Juan Domingo Peróns nach Argentinien im Juni 1973. 18 Jahre hatte er im Exil verbracht, jetzt ist er mehr als nur ein Politiker: ein lebender Mythos. Und von dem erwarten die Argentinier nach sieben Jahren Diktatur schlicht alles: die Einigung des heillos zerstrittenen Landes die einen, den Sieg des Sozialismus die anderen.
Perón, ein Polit-Chamäleon. Über Jahrzehnte hatte er ein seltsam unbestimmtes Image aufgebaut, seine elastische Lehre vom "Dritten Weg" entsprach den unterschiedlichsten Erwartungen. Was immer seine Anhänger hören wollten: Perón bediente sie. "Die Gefühle der anderen", erinnert sich ein Protagonist, "reflektierten sich in ihm, so als hätte er statt eines Körpers einen Spiegel." Das ist lange her. Inzwischen ist Perón fast 80, und längst führen andere Regie.
López Rega vor allem. Streng redigiert der windige Privatsekretär die Memoiren des gealterten Staatsmanns, streicht unpassende Stellen aus, fügt dafür eigene hinzu. Lopez Rega hat ein ungezwungenes Verhältnis zum geschichtlichen Detail: Perón erinnert sich nicht mehr an die Vergangenheit? Dann soll er sie eben erfinden. Die Öffentlichkeit hat enormen Appetit auf eingängige Bilder.
Denen jagt auch der Journalist Zamora hinterher. Sein Auftrag: Erinnerungen von Zeitzeugen zu einem schlüssigen Porträt des jungen Perón zusammenzusetzen. Die Aufgabe gelingt -und scheitert zugleich. Denn die Ausführungen seiner Gewährsleute offenbaren viel; aber noch mehr verschweigen sie. Die Wahrheit über Perón ist "geviertausendelt", der Mann in einem Stück nicht zu haben.
In Argentinien hatte Martínez' Roman bei seiner Erstveröffentlichung 1985 erheblichen Aufruhr verursacht. Die Öffentlichkeit hielt Teile der zitierten Erinnerungen für echt. Absurd war der Gedanke nicht: Martínez hatte Perón in den späten 60ern und frühen 70ern wiederholt interviewt, einen Teil der Gespräche auch veröffentlicht. Außerdem paßte Martínez sich Peróns Stil so geschmeidig an, daß zwischen Original und Kopie kaum zu unterscheiden war. Daß Martínez in seinem Roman auf diese Interviews anspielte, sich sogar eine kleine Nebenrolle genehmigte, steigerte nur den Eindruck der Authentizität.
Doch Martínez wollte den unzähligen Perón-Porträts kein weiteres hinzufügen. Im Gegenteil: Sein sorgsam inszeniertes Verwirrspiel um Dichtung und Wahrheit sollte zeigen, was öffentliche Personen vor allem sind: Fantasmen der Wahrnehmung. Wollte man ihre Maske lüften, man fände bloß unzählige weitere. Sie sind Luftgestalten, in ihrer Essenz niemals zu fassen.
Gerade darum beschleunigte Perón in den 70ern die argentinische Geschichte dramatisch. Das Land hatte für den Heimkehrer eine gigantische Empfangsfeier ausgerichtet. Doch Stunden vor seiner Ankunft gerieten die konkurrierenden Anhänger Peróns aneinander, die Rivalitäten entluden sich in tödlicher Gewalt. Den maßlosen Utopien hatte Perón nichts entgegenzusetzen, vergeblich warnte er vor überzogenen Erwartungen. So ging der Mythos zugrunde. Ihm folgte, ein knappes Jahr später, auch der Mensch. Martínez hat ihn im Grab gelassen. Gespenster soll man nicht beschwören.

Kersten Knipp (in: Frankfurter Hefte, August 1999)

Roberto Bolaño, Naziliteratur in Amerika, Antje Kunstmann Verlag, München 1999, 238 Seiten, DM 38,– , öS 277, sFr 37,--
Tomás Eloy Martínez, Der General findet keine Ruhe, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1999, 473 Seiten, DM 49,80
, öS 364, sFr 46,--

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