Nr. 19, November 1999
 
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Konformismus
Unter Mardern
Ein Geisterhaus

 

 

Anders sein, um jeden Preis

Was für eine abenteuerliche Lektüre. Beim ersten Lesen meint man, das Buch sei schlechtes Feuilleton. Aber der Eindruck täuscht. Es ist miserables Feuilleton.
Offenbar hat der Verlag dem Autor die Abfassung des Klappentextes überlassen, und schon hier wundert sich der Leser. Da wird die Erfindung so genannter "Ehrennamen des Andersseins" wie "anti-, jenseits-, post-" Adorno und Enzensberger zugeschrieben. Haben die je solche Verlegenheitsbegriffe geprägt? Und ein zweites macht schon hier stutzig: Der Autor setzt sich in überzogene Gegnerschaft zu allen "kritischen Bewußtseinen" [sic]. Auch sie, meint er, sind "nicht anders (!) als die von ihnen verachteten Modelackaffen, Konformisten des Andersseins". Da taucht mitten im Thema ein Wort auf, "Modelackaffen", das nicht nur die hochgeschäumte Aufgeregtheit des Autors verrät, sondern in seiner fortgeschrittenen Obsoleszenz auch einen ziemlich altbackenen Kritikansatz. Norbert Bolz hat offenbar ein Anliegen. Und das Wort ist bierernst gemeint.
Aber das Obige hat er wohl nur als popularisierende Einleitung gemeint. Umso zeitgemäßer ist nämlich der Stil der folgenden Essays, die so appetitanregende Überschriften tragen wie "Theoriemüdigkeit", "Nachruf auf die Bildung", "Die Konjunktur der Natur" oder "Die Entdeckung der Oberfläche". Bolz pflegt jedoch eine einschüchternd eigenwillige Sprache, der der Leser solange gutwillig und mit Vorschußvortrauen folgt, als er noch von der Hoffnung auf Erkenntnis getragen ist. Die Lektüre ist alles andere als leicht:

In diesem Sinne sind der Dekonstruktivismus und die Postmoderne nichts anderes als Ruinenwerttheorien. Sie rehabilitieren die Metapher gegen die Metaphysik, den Mythos gegen das System und die Allegorie gegen den Begriff. Und das ist durchaus ein Resultat kritischer Zersetzung: Postmodern und dekonstruktiv denken wir in den Metaphernruinen der Metaphysik. Übrigens liegt es ganz in der Ruinenlogik, daß Derridas Begriff der Dekonstruktion autologisch konstruiert ist, d.h. Derrida dekonstruiert den Begriff der Dekonstruktion - das verkennen viele Literaturwissenschaftler in Berlin, Paris und jenseits des großen Teichs. Wenn also eine Grundthese dieses Buches, daß nämlich der Konformismus des Andersseins bei kritischen Bewußtseinen in einem affirmativen Verhältnis zur Unterscheidung affirmativ / kritisch gründet, zutrifft, dann wäre ein "kritisches" Verhältnis: Dekonstruktion.

So etwas wird nun allerdings auch beim dritten, langsamen Durcharbeiten nicht erhellender. Die beiden folgenden Absätze konfrontieren den Leser mit weiteren - am liebsten englischsprachigen - Begriffen, die ebensowenig Klarheit schaffen: deconstruction of the frames, Sensemaking, redescription, De-Marketing, Adbusters. Bevor jedoch der Rezensent an seiner eigenen Unbelesenheit verzweifelt, liefert ihm Bolz danach wenigstens ein paar verständlichere Sätze: "Es wäre ein Fortschritt des Fortschritts, wenn sich unsere Gesellschaft vom Emanzipationszwang emanzipieren würde" oder "Die Moderne ist eine Ruine, kein unvollendetes Projekt". Immerhin. Das "Charisma der Vernunft" (was immer das nun sein soll) sieht er als "zerfallen" an. Derartige Gedankensplitter streut Bolz großzügig und unausgeführt über das Blatt, und bevor es an die Begründung ginge, entfernt er sich mit einer Geste der Besserwisserei: "Wenn dagegen einigen die Ruine der Moderne als unvollendetes Projekt erscheint, so handelt es sich um eine Wahrnehmungstäuschung." Basta. Was "unsere moderne Lebenswelt am schmerzlichsten vermißt", kann halt nur noch "der Mythos" liefern: "Dichte und deutliche Markierung, Bedeutsamkeit und Prägnanz".
Es scheint demnach, als habe Bolz etwas gegen "die Moderne" und ihre Zwänge. Das wäre in der Tat ein lohnender Ansatz. Man erführe gern Genaueres über die psychosoziale Gewinn- und Verlustrechnung "der Moderne" (etwa Authentizitätsimperative, immer neu auszuhandelnde Geltungsansprüche, Zukunftsunsicherheiten). Aber der Autor verweigert diese Aufklärung: Schon der Begriff ist ihm verdächtig, er kann sich lediglich - wieder so eine idiosynkratische Wortschöpfung - eine (wiederum unerklärt hingeworfene) "Abklärung der Aufklärung" vorstellen.
Mit solch putzigem Tischfeuerwerk leuchtet Bolz "die Gesellschaft" ab, liefert einen eigenbrötlerischen, eklektizistischen Schnellgang durch ein paar Jahrhunderte Philosophie, zitiert ausgiebig Adorno und Walter Benjamin herbei (polemisch), ein wenig Jürgen Habermas (vernichtend), Arnold Gehlen und Niklas Luhman und Friedrich Nietzsche (zustimmend) und schließlich Blumenberg, dessen "Matthäuspassion" er aber deutlich nicht verstanden hat, wenn er ihn als Beleg für seine These beibringt, die "Rhetorik" habe neuerdings"die Wirklichkeit", "die Wahrheit" ersetzt (Bolz original: "Wahrheit ist nicht zu haben, und die Wirklichkeit ist nicht freundlich").
Manche seiner Satzfindungen findet er wohl selbst so durchschlagend, daß er sie - ob es paßt oder nicht - immer wieder verwendet, etwa "Wo es Optionen gibt, gibt es auch Rhetorik" (Seite 174, 182 und 190). Von den störenden Druckfehlern nicht zu reden. Nur vielleicht dies: Daß Bolz nicht zu wissen scheint, wie man "Wizards" schreibt (nämlich nicht mit zwei z), macht sein anglophiles Zitieren endültig zur selbstgefälligen Schau.
Das Buch ist ein eitles, wirres Begriffskabarett. Geschrieben zum privatsprachlichen Vergnügen des Autors, aber an keiner Stelle für einen Leser. Wenn Bolz sich damit - in seinem Sinn - als Kind der Zeit hinstellen wollte, ist es ihm gelungen. Was nämlich dem Buch fehlt, ist genau dies: Dichte und deutliche Markierung, Bedeutsamkeit und Prägnanz. Ärgerlich. Und schade um das Thema.

Philipp Reuter

Norbert Bolz, Die Konformisten des Andersseins, München 1999, 202 Seiten, DM 38,--, öS 277, sFr 35,--

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