|
|
|
Anders sein, um jeden Preis
Was für eine abenteuerliche Lektüre. Beim ersten Lesen meint
man, das Buch sei schlechtes Feuilleton. Aber der Eindruck täuscht.
Es ist miserables Feuilleton.
Offenbar hat der Verlag dem Autor die Abfassung des Klappentextes überlassen,
und schon hier wundert sich der Leser. Da wird die Erfindung so genannter
"Ehrennamen des Andersseins" wie "anti-, jenseits-, post-"
Adorno und Enzensberger zugeschrieben. Haben die je solche Verlegenheitsbegriffe
geprägt? Und ein zweites macht schon hier stutzig: Der Autor setzt
sich in überzogene Gegnerschaft zu allen "kritischen Bewußtseinen"
[sic]. Auch sie, meint er, sind
"nicht anders (!) als die von ihnen verachteten Modelackaffen,
Konformisten des Andersseins". Da taucht mitten im Thema ein Wort
auf, "Modelackaffen", das nicht nur die hochgeschäumte
Aufgeregtheit des Autors verrät, sondern in seiner fortgeschrittenen
Obsoleszenz auch einen ziemlich altbackenen Kritikansatz. Norbert Bolz
hat offenbar ein Anliegen. Und das Wort ist bierernst gemeint.
Aber das Obige hat er wohl nur als popularisierende Einleitung gemeint.
Umso zeitgemäßer ist nämlich der Stil der folgenden
Essays, die so appetitanregende Überschriften tragen wie "Theoriemüdigkeit",
"Nachruf auf die Bildung", "Die Konjunktur der Natur"
oder "Die Entdeckung der Oberfläche". Bolz pflegt jedoch
eine einschüchternd eigenwillige Sprache, der der Leser solange
gutwillig und mit Vorschußvortrauen folgt, als er noch von der
Hoffnung auf Erkenntnis getragen ist. Die Lektüre ist alles andere
als leicht:
In diesem Sinne sind der Dekonstruktivismus und die
Postmoderne nichts anderes als Ruinenwerttheorien. Sie rehabilitieren
die Metapher gegen die Metaphysik, den Mythos gegen das System und die
Allegorie gegen den Begriff. Und das ist durchaus ein Resultat kritischer
Zersetzung: Postmodern und dekonstruktiv denken wir in den Metaphernruinen
der Metaphysik. Übrigens liegt es ganz in der Ruinenlogik, daß
Derridas Begriff der Dekonstruktion autologisch konstruiert ist, d.h.
Derrida dekonstruiert den Begriff der Dekonstruktion - das verkennen
viele Literaturwissenschaftler in Berlin, Paris und jenseits des großen
Teichs. Wenn also eine Grundthese dieses Buches, daß nämlich
der Konformismus des Andersseins bei kritischen Bewußtseinen in
einem affirmativen Verhältnis zur Unterscheidung affirmativ / kritisch
gründet, zutrifft, dann wäre ein "kritisches" Verhältnis:
Dekonstruktion.
So etwas wird nun allerdings auch beim dritten, langsamen Durcharbeiten
nicht erhellender. Die beiden folgenden Absätze konfrontieren den
Leser mit weiteren - am liebsten englischsprachigen - Begriffen, die
ebensowenig Klarheit schaffen: deconstruction of the frames, Sensemaking,
redescription, De-Marketing, Adbusters. Bevor jedoch der Rezensent an
seiner eigenen Unbelesenheit verzweifelt, liefert ihm Bolz danach wenigstens
ein paar verständlichere Sätze: "Es wäre ein Fortschritt
des Fortschritts, wenn sich unsere Gesellschaft vom Emanzipationszwang
emanzipieren würde" oder "Die Moderne ist eine Ruine,
kein unvollendetes Projekt". Immerhin. Das "Charisma der Vernunft"
(was immer das nun sein soll) sieht er als "zerfallen" an.
Derartige Gedankensplitter streut Bolz großzügig und unausgeführt
über das Blatt, und bevor es an die Begründung ginge, entfernt
er sich mit einer Geste der Besserwisserei: "Wenn dagegen einigen
die Ruine der Moderne als unvollendetes Projekt erscheint, so handelt
es sich um eine Wahrnehmungstäuschung." Basta. Was "unsere
moderne Lebenswelt am schmerzlichsten vermißt", kann halt
nur noch "der Mythos" liefern: "Dichte und deutliche
Markierung, Bedeutsamkeit und Prägnanz".
Es scheint demnach, als habe Bolz etwas gegen "die Moderne"
und ihre Zwänge. Das wäre in der Tat ein lohnender Ansatz.
Man erführe gern Genaueres über die psychosoziale Gewinn-
und Verlustrechnung "der Moderne" (etwa Authentizitätsimperative,
immer neu auszuhandelnde Geltungsansprüche, Zukunftsunsicherheiten).
Aber der Autor verweigert diese Aufklärung: Schon der Begriff ist
ihm verdächtig, er kann sich lediglich - wieder so eine idiosynkratische
Wortschöpfung - eine (wiederum unerklärt hingeworfene) "Abklärung
der Aufklärung" vorstellen.
Mit solch putzigem Tischfeuerwerk leuchtet Bolz "die Gesellschaft"
ab, liefert einen eigenbrötlerischen, eklektizistischen Schnellgang
durch ein paar Jahrhunderte Philosophie, zitiert ausgiebig Adorno und
Walter Benjamin herbei (polemisch), ein wenig Jürgen Habermas (vernichtend),
Arnold Gehlen und Niklas Luhman und Friedrich Nietzsche (zustimmend)
und schließlich Blumenberg, dessen "Matthäuspassion"
er aber deutlich nicht verstanden hat, wenn er ihn als Beleg für
seine These beibringt, die "Rhetorik" habe neuerdings"die
Wirklichkeit", "die Wahrheit" ersetzt (Bolz original:
"Wahrheit ist nicht zu haben, und die Wirklichkeit ist nicht freundlich").
Manche seiner Satzfindungen findet er wohl selbst so durchschlagend,
daß er sie - ob es paßt oder nicht - immer wieder verwendet,
etwa "Wo es Optionen gibt, gibt es auch Rhetorik" (Seite 174,
182 und 190). Von den störenden Druckfehlern nicht zu reden. Nur
vielleicht dies: Daß Bolz nicht zu wissen scheint, wie man "Wizards"
schreibt (nämlich nicht mit zwei z), macht sein anglophiles Zitieren
endültig zur selbstgefälligen Schau.
Das Buch ist ein eitles, wirres Begriffskabarett. Geschrieben zum privatsprachlichen
Vergnügen des Autors, aber an keiner Stelle für einen Leser.
Wenn Bolz sich damit - in seinem Sinn - als Kind der Zeit hinstellen
wollte, ist es ihm gelungen. Was nämlich dem Buch fehlt, ist genau
dies: Dichte und deutliche Markierung, Bedeutsamkeit und Prägnanz.
Ärgerlich. Und schade um das Thema.
Philipp Reuter
Norbert Bolz, Die Konformisten des Andersseins, München
1999, 202 Seiten, DM 38,--, öS 277, sFr 35,--
Ihr
Kommentar
|