Nr. 19, November 1999

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Am 10. Dezember 1513 schrieb Niccolò Machiavelli seinem Freund Francesco Vettori einen Brief. Im Vorjahr, nach dem Sturz von Piero Soderinis Regierung und nachdem die Medici Florenz wieder unter ihre Kontrolle gebracht hatten, hatte er alles verloren, was ihm etwas bedeutete. Unter dem Verdacht, ein Verschwörer zu sein, hatte man ihn ins Gefängnis geworfen, gefoltert und schließlich auf sein Gut außerhalb Florenz verbannt. Hier hungerte er nach politischer Beschäftigung jedweder Art, zankte sich und tratschte mit seinen Nachbarn - und las:

Wenn ich aus dem Wald hinaustrete, gehe ich zu einer Quelle und von dort zu meinem Vogelherd. Ich habe ein Buch dabei, entweder Dante oder Petrarca oder einen der unbedeutenderen Dichter wie Tibull, Ovid und dergleichen. Ich lese von ihren zarten Leidenschaften und Lieben, gedenke der meinen und vergnüge mich eine Weile bei solchen Gedanken. Dann wandere ich auf der Straße zum Gasthaus, unterhalte mich mit den Vorübergehenden, erkundige mich nach Neuigkeiten von ihren Ländereien, erfahre mancherlei und bemerke die unterschiedlichen Geschmäcker und Phantasien der Leute. ... Wenn es Abend wird, kehre ich heim und gehe in mein Studierzimmer. An der Tür entledige ich mich meiner mit Dreck und Staub bedeckten Alltagskleidung und ziehe herrschaftliche und höfische Kleider an. So gekleidet, wie es sich gehört, trete ich in die altehrwürdigen Höfe der Alten ein. Von ihnen liebenswürdig empfangen, nehme ich von der Speise zu mir, die allein die meine ist und für die ich geboren bin. Ich schäme mich nicht, mit ihnen zu sprechen und nach den Gründen ihres Tuns zu fragen, und sie sind menschlich genug, mir zu antworten. Und für die Dauer von vier Stunden fühle ich keine Langeweile, vergesse ich alle meine Sorgen, fürchte ich nicht die Armut und ängstige mich nicht vor dem Tod: Ihnen gebe ich mich ganz hin.

Aus: Roger Chartier, Guglielmo Cavallo (Hrsg.), Die Welt des Lesens. Von der Schriftrolle zum Bildschirm, Campus, Frankfurt am Main 1999

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