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Matthias Falke
Lothar II
Märchenhafte und gar sonderbare Erzählung über den
traurigen Mann, dem seine Manuskripte weg=gepfändet wurden und
der dadurch zu ruhmhaftem Ansehen kam.
Lothar Leupold hielt einen Augenblick inne, um sich die Konstellationen
zu vergegenwärtigen, dann nahm er ein neues Blatt und schrieb mit
geistesabwesender Hand: Dritter Akt - Erste Szene, als es an der Tür
klopfte und unaufgefordert ein breitbackiger Mann eintrat.
- Hans Schraubzwing, Gerichtsvollzieher. Sind sie Herr Leupold. Ich
habe den Auftrag, ihren beweglichen Besitz zu pfänden.
Lothar hob die schlafenden Augen vom Auftritt Alexanders.
- Ich besitze nichts, nur diese Matratze ohne Bettgestell und eine Roßhaardecke,
die dürfen Sie mir nicht wegnehmen, und diesen Tisch und diesen
Stuhl, die ebenfalls unpfändbar sind. Es sind meine Arbeitsgeräte;
ich bin Schriftsteller.
Der Beamte blies einen lautlosen Fluch durch die öligen Lippen
und sah sich in der Kammer um. Außer dem Bett und dem Tisch, an
dem Lothar darauf wartete, die Replik Albertines niederschreiben zu
können, war das Zimmer vollkommen leer. Doch dann entdeckte er
noch etwas.
- Und was befindet sich in dieser Kiste?
Er wies auf eine matschige Sperrholzschachtel, die auf dem Boden neben
dem Schreibtisch stand. Es waren Lothars unveräußerliche
Manuskripte.
- Sie sind wertlos; ich habe seit Jahren nichts mehr veröffentlicht,
sagte der Mann am Schreibtisch emotionslos und versuchte zu überlegen,
wie er den Auftritt Nadias vorbereiten könne.
Schraubzwing griff sich die Schachtel, nahm den flockigen Deckel ab
und begann den Inhalt zu untersuchen. Er mußte etwas vorweisen.
- Ist das ihr einziger - beweglicher Besitz?
Lothar nickte; er hatte den Verdacht, daß er die Szene heute nicht
würde schreiben können.
- Dann nehme ich das mit.
Der Gerichtsvollzieher packte den Stapel gelblicher Blätter, der
gar nicht sehr leicht war, in die Kiste zurück und wandte sich
mit hörbarem Atmen der Tür zu.
- Sie müssen mir quittieren. Lothar hatte die Kladde geschlossen.
Der Staatsdiener setzte seine Eroberung ab, holte ein Formular heraus
und begann das Pfändungsprotokoll zu schreiben. Er erkundigte sich
nach dem genauen Inhalt der Schachtel.
- Drei Romane, zwei Trauerspiele, ein Gedichtzyklus und etwa ein Dutzend
Erzählungen, diktierte Lothar mit unbeweglichem Blick.
Herr Schraubzwing schrieb seine Liste; bei der letzten Rubrik stockte
er. Und plötzlich hatte er keine Geduld mehr. Erst gestern hatte
er erfahren, daß seine Tochter ein Kind erwartete, unverheiratet
natürlich, und das Schwein, das sie geschwängert hatte, war
einer von den anderen. Die Hand ein wenig spröde von der illusionslosen
Nacht im Schwarzen Adler überschlug er müde die Summen, die
der Schlachter, der Schneider und der alte Herr Staubfleck vom Bücherladen
angegeben hatten. Dann schrieb er schnell "1000 Gulden" unter
"Geschätzter Wert der gepfändeten Waren".
Lothar hatte den Fünften Akt beendet. Nadias Selbstmord, der zum
Verzicht Albertines auf Alexanders Hand führt. Alexander verkündete
seinen Entschluß, sich bei den Truppen, die gegen den Türken
zogen, anwerben zu lassen, und ging ab. Finis operis, Datum und Unterschrift.
Lothar klappte das Konvolut zusammen. Herr Schraubzwing trat nach flüchtigem
Klopfen ein und strandete melancholisch neben dem Schreibtisch.
- Sie haben seit sechs Wochen im Löwen anschreiben lassen und nichts
bezahlt.
- Ich habe keine Einkünfte.
- Ich muß etwas pfänden, damit die Staatskasse für Ihre
Schulden bürgt.
- Ich habe nichts mehr.
- Was ist das?
- Ein bürgerliches Trauerspiel, ich habe es heute vollendet.
- Dann nehme ich das mit.
Der Beamte zog ein unerwidertes Formular aus seiner Tasche und begann
mit der Prozedur. Die letzten Wochen waren quälend, ergebnislose
Auseinandersetzungen mit der Tochter, der man es fast schon ansah. Auch
daß Marthe ihm in den Rücken fiel und meinte, so ein schlechter
Schwiegersohn sei der Schorsch gar nicht. Am schrecklichsten war, daß
er selbst zu keiner klaren Position fand und endlos darüber grübelte,
ob es schlimmer sei, wenn der Dreckskerl sie heirate oder wenn er sie
sitzenlasse.
- 2000! Lothars Stimme klang unerwartet kühl.
- Wie? Schraubzwing war einen Augenblick irritiert.
- Der Wert des Manuskriptes beträgt 2000 Gulden. Der Schriftsteller
schraubte das Tintenfaß zu und verschloß das matte Gesicht
jedem Einwand.
- Beim letzten Mal habe ich die ganze Kiste für eintausend mitgenommen,
er überzeugte sich selbst keinen Augenblick, und diesmal soll ich
für ein einziges Stück das Doppelte eintragen.
- Es ist das einzige, was ich noch besitze; sie können es auch
dalassen.
Die Arroganz des Schriftstellers verschlug Schraubzwing den Atem. Das
Zeug ist völlig wertlos, versuchte er noch und entwarf eine Strategie
für die Auseinandersetzung mit dem Stadtschreiber. Dann trug er
die Summe ein, fetzte Lothar seinen Abschnitt hin und entfernte sich
durch die knallende Tür.
Als Lothar in den Löwen kam, hatte es sich schon herumgesprochen.
Die Studenten stießen auf den Mut an, mit dem er die Autorität
des Gerichtsvollziehers verhöhnte, während die feineren Geister
sich sagen mußten, daß sie den Schriftsteller unterschätzt
hatten. Um Mitternacht brachte der Historiker Goldstaub einen Toast
auf ihn aus und lobte nicht ohne Neid, er habe noch nie einen Traktat
für eine derartige Summe losgeschlagen, sondern müsse dafür
ein Jahr lang Seminare geben.
- Leupold! Sie müssen das Schuldenmachen sein lassen. Ich kann
Ihnen nicht ständig Ihr Zeugs wegpfänden und Sie vom Kämmerer
freihalten lassen. Außerdem ist der Kerl jetzt mit den welschen
Zimmerleuten in die Schweiz gezogen, und die Nachbarn reden schon.
Lothar fragte nicht, was das mit ihm zu tun habe, sondern wartete, bis
die Tinte getrocknet war. Vor ihm lag ein einzelnes Blatt, mit wenigen
schmalen Versen beschrieben. Als die Worte den Glanz verloren hatten,
reichte er es Schraubzwing über die blicklose Schulter.
- Was ist das? Der Beamte schien heute nervöser als sonst.
- Eine Ode.
- Aber es hört ja mitten im Satz auf!
- Es ist ein Fragment.
- Leupold, so geht das nicht. Ihre Wirtsleute fordern den Mietzins für
ein halbes Jahr, und Sie haben schon wieder Schulden im Löwen.
Lothar zog das Papier wieder ein und strich es sorgsam auf der Tischplatte
glatt.
- Ich besitze sonst nichts; dann müssen Sie mich einsperren.
- Und auf Staatskosten durchfüttern. Das könnte Ihnen passen.
Freies Logis nehmen im Turm; und so wie Sie aussehen, müßten
wir Sie auch noch einkleiden.
Lothar tauchte die Feder ein und setzte seine Initialen unter die abgerissene
Halbstrophe.
Goldstaub hob seinen Krug und stieß mit dem Stadtkantor Pfefferspan
an.
- Er ist das Stadtgespräch, sogar das Tagblatt schreibt schon über
ihn. Jetzt hat er für ein einziges Gedicht, noch dazu unvollendet
nach der neuesten romantischen Manier, mehrere tausend Gulden bekommen.
Er selber schweigt sich aus, und aus dem zuständigen Beamten, der
die Tarife mit ihm aushandelt, ist auch nichts genaues herauszubekommen.
Es heißt, er sitzt seit Tagen betrunken im Schwarzen Adler. Aber
selbst, wenn nicht alles mit rechten Dingen zugeht, das muß schon
ein genialer Bursche sein, der solch ein Vertrauen in den Wert seiner
Arbeit hat.
Der Kantor bestellte zwei weitere Seidel Bier und kniff der Gundi in
die feisten Hüften.
- In unserer Jugend sind wir idealistischer gewesen. Wir haben für
uns selbst geschrieben und waren stolz, wenn wir eine Hymne im Musenalmanach
oder in den Horen unterbrachten. Der Leupold ist ja schlimmer als die
alten Hofpoeten.
- Dich unverbesserlichen Republikaner stört doch nur, wischte Goldstaub
sich den Schaum von den hageren Lippen, daß er sich gar nicht
drucken läßt, sondern alles gleich ins Stadtarchiv gibt.
Wahrlich ein aristokratischer Glaube an die Unsterblichkeit.
Lothar kämpfte mit den Anfechtungen des Erfolges. Seit er überall
wieder anschreiben lassen konnte, waren die Leute viel freundlicher
zu ihm, sie tuschelten, wenn er auf der Straße vorüberging,
und sahen ihm nach. Fast jeden Abend saß er im Löwen und
mußte die Herren der gebildeten Stände freihalten und von
seiner Arbeit erzählen, um die sich früher nie jemand bekümmert
hatte. Er fing an, sich nach der alten Anonymität zurückzusehnen,
die seinen Ideen förderlicher gewesen war. Er sah auf sein jüngstes
Manuskript, das ihn mehrere Wochen sauren Fleiß gekostet hatte,
als es höflich an der Tür klopfte.
- Kommt rein, Schraubzwing, sonst seid Ihr auch nicht schüchtern.
So viel kann es ja nicht schon wieder sein.
Doch als es wieder klopfte und auf sein übellauniges Herein! die
Tür vorsichtig geöffnet wurde, sah er einen Fremden, der,
nach großstädtischem Geschmack geputzt, wie er bei den Hiesigen
unmöglich anzutreffen war, mit übertriebenen Gebärden
eintrat und sich als Agent Wasserkessel vorstellte. Ihm war zu Ohren
gekommen, daß der Herr Leupold eine stadtbekannte Persönlichkeit
sei, deren schriftstellerischer Ruhm weit über das Fürstentum
hinausgedrungen. Bis in die ferne Reichsstadt spreche man schon von
dem Dichterfürsten, der einsam und unerkannt, nur von dem untrüglichen
Gefühl des Volkes und der stillen Propaganda, die auch den ungedruckten
Namen ungehindert durch die Lande trägt, schon als Genie gekränzt,
in wahrhaftiger Bescheidenheit Werk auf Werk schichte und ohne das persönlichste
Interesse nur für die Ewigkeit schaffe. Man habe, schloß
Wasserkessel, wenn man den Zeitungen und Gerüchten über seine
rätselvolle Persönlichkeit nachzugehen einmal angefangen habe,
den Eindruck, daß da ein rechter Mann und rücksichtsloser
Geist unmittelbar ins Elysium sich einzuschreiben entschlossen sei.
Lothar sah auf seine staubigen Hände, die noch ein bißchen
zitterten von den vielen Toasten im Löwen. Erst vor wenigen Stunden
war er von der Gundi heimgekommen. Er betrachtete den Agenten, der mit
splittriger Neugier in seinem unbeweglichen Zimmer herumwippte.
- Wieviel?
- Nun, das geht ein wenig rasch!, hüpfte der Wasserkessel auf und
strich sich den linearen Scheitel. Allerdings gelang es ihm nicht, die
Aufgeregtheit, die ihn jetzt befiel, als er begriff, daß seiner
Mission keine prinzipiellen Widerstände begegneten, zu verbergen.
Er zog mit schlanken Fingern den Papageienschnabel seines rüttelnden
Schnurrbarts nach.
- Zunächst müßten wir eine Probe Ihrer Arbeit erhalten.
Sie werden verstehen, daß wir, ihrem volkstümlichem Ruhm
zum Trotz, nicht einfach die Katze im Sack erwerben können.
Lothar wies auf den schmächtigen Stapel zwischen seinen verkaterten
Unterarmen.
- Was ist das, schnellte der Agent herum.
- Eine Novelle, mein jüngstes Stück. Ich überlasse es
Ihnen für zehntausend Gulden.
- Guter Mann... - Wasserkessel setzte sich in Ermangelung eines zweiten
Stuhl auf die Tischkante. Lothar schlug die Kladde unter den strauchelnden
Blicken seine Gastes zu und begann das Manuskript in dickes Packpapier
einzuwickeln.
Der hartnäckige Betrag, der am Ende der Verhandlung herauskam,
reichte aus, seine sämtlichen gepfändeten Werke auszulösen.
Er bezahlte den Mietzins für ein halbes Jahr im voraus, und dann
hatte er eben noch genug für eine Runde ihm Löwen, der ersten
seit Jahren, die er in klingender Münze bezahlte. Die Herren ließen
ihn hochleben, und Goldstaub hielt eine lange Laudatio. Als Lothar eingestehen
mußte, daß er ein Prosastück an den großen Verlag
der Reichsstadt veräußert hatte, erhob sich empörter
Tumult. Man verlangte, daß der erste Schriftsteller der Stadt
sich verpflichte, alle seine unveröffentlichten und noch zu schreibenden
Werke an Ort und Stelle druckzulegen. Da es bislang keinen Verlag gab,
wurde die Gründung eines eigenen Verlagshauses unter dem Dach der
Buchhandlung Staubfleck beschlossen und sofort mit der Zeichnung der
Anteilsscheine einer städtischen Buch=Druckerei begonnen.
In rascher Folge erschienen nun einige neue und fast alle der alten
Werke Lothars, jeden Samstag brachte das Tagblatt ein Gedicht oder eine
Glosse von ihm und das Stadttheater studierte sein Bürgerliches
Trauerspiel "Alexander" ein. Sein Ruhm erreichte Höhen,
die er nie für möglich gehalten hatte. Wasserkessel kehrte
zurück und flehte ihn um weitere Werke an. Schließlich nahm
er für eine horrende Summe einen unvollendeten Roman mit, den er
selbst fertigzuschreiben und unter Lothars Namen herauszubringen vorhatte,
um nur die Ungeduld des Publikums zufriedenzustellen. Auch aus anderen
Städten kamen die Agenten und Lektoren und bettelten ihm ein paar
Zeilen für ihre literarischen Zeitschriften und Almanache ab. Er
bekam beim Schlachter die besten Stücke herausgesucht, und der
Schneider bestand darauf, ihn neu einzukleiden, ohne einen Heller an
Bezahlung anzunehmen. Im Löwen hatte die Gundi ihm einen Freitisch
eingerichtet. Die Aufregung um seine Person kulminierte, als der neugegründete
städtische Verlag Lothar Leupolds drei frühe Romane herausbrachte.
Es war ein ganztägiger Festakt mit einer Ansprache des Bürgermeisters,
einer Kantatenaufführung unter der Leitung Kantor Pfefferspans
und einem öffentlichen Mittagstisch im Schwarzen Adler. Abends
erfolgte im Stadttheater die Uraufführung des "Alexander",
die ein einziger tosender Triumph wurde.
Nach diesem Festakt wurde es wieder ruhiger um Lothar. Gegenstimmen
wurden laut, und einige Persönlichkeiten des akademischen Lebens
meldeten Skepsis ob der ungeteilten Euphorie an. Die Kritiker fanden
seine Prosa eskapistisch und seine Lyrik seicht. Die Studenten nannten
seine Stücke langweilig. Der Rezensent des Tagblattes wies nach,
daß Lothars Erzählungen unoriginell und seine Essays hölzern
seien. Nach und nach wandte sich das Publikum von ihm ab. Der Städtische
Verlag ging zu verwaltungsrechtlichen und forstwissenschaftlichen Büchern
über, für die eigene Reihen gegründet und spezielle Lektoren
eingestellt wurden; das belletristische Programm kümmerte vor sich
hin und wurde, nachdem Kantor Pfefferspan seine Lebenserinnerungen veröffentlicht
hatte, ganz eingestellt. Lothars dickleibige Folianten verstaubten und
wanderten in die Makulatur.
Lothar trat in sein Zimmer und hängte den abgetragenen Rock, den
er seinerzeit vom Schneider geschenkt bekommen hatte, über die
Lehne seines Stuhles. Er weckte Gundi und wartete, am Rand der Matratze
hockend, bis sie sich angekleidet hatte und zu ihrem Dienst im Löwen
gegangen war, der am späten Nachmittag begann und bis in die Morgenstunden
dauerte. Dann setzte er sich an seinen Schreibtisch; vor ein paar Tagen
hatte er das Geschenk des Bürgermeisters, das goldene Tintenfaß,
versetzt und sein altes einfaches wieder hervorgeholt. Eine Weile sah
er schweigend auf den Stapel unbeschriebener Blätter und dachte
an die Beerdigung des Beamten Schraubzwing. Er rückte einen Bogen
des billigen Oktavformats zurecht, tauchte die Feder ein und begann
mit unumwundener Schrift. Erster Aufzug - Erste Szene - Auftritt Klara.
Der Autor, Jahrgang 1970, hat bisher eine philosophische
Monographie "Das Erlebnis - Eine metaphysische Wanderung."
Verlag Die Blaue Eule, Essen 1998 veröffentlicht. Anfang 2000 erscheinen
vier phantastische Kurzerzählungen unter dem Titel "An den
Obsidian-Klippen" in der kommenden Ausgabe der Zeitschrift "Fantasia".
Ihr
Kommentar
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