Nr. 19, November 1999
 
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Die Marginalie
 

 

Matthias Falke

Lothar II

Märchenhafte und gar sonderbare Erzählung über den traurigen Mann, dem seine Manuskripte weg=gepfändet wurden und der dadurch zu ruhmhaftem Ansehen kam.

Lothar Leupold hielt einen Augenblick inne, um sich die Konstellationen zu vergegenwärtigen, dann nahm er ein neues Blatt und schrieb mit geistesabwesender Hand: Dritter Akt - Erste Szene, als es an der Tür klopfte und unaufgefordert ein breitbackiger Mann eintrat.
- Hans Schraubzwing, Gerichtsvollzieher. Sind sie Herr Leupold. Ich habe den Auftrag, ihren beweglichen Besitz zu pfänden.
Lothar hob die schlafenden Augen vom Auftritt Alexanders.
- Ich besitze nichts, nur diese Matratze ohne Bettgestell und eine Roßhaardecke, die dürfen Sie mir nicht wegnehmen, und diesen Tisch und diesen Stuhl, die ebenfalls unpfändbar sind. Es sind meine Arbeitsgeräte; ich bin Schriftsteller.
Der Beamte blies einen lautlosen Fluch durch die öligen Lippen und sah sich in der Kammer um. Außer dem Bett und dem Tisch, an dem Lothar darauf wartete, die Replik Albertines niederschreiben zu können, war das Zimmer vollkommen leer. Doch dann entdeckte er noch etwas.
- Und was befindet sich in dieser Kiste?
Er wies auf eine matschige Sperrholzschachtel, die auf dem Boden neben dem Schreibtisch stand. Es waren Lothars unveräußerliche Manuskripte.
- Sie sind wertlos; ich habe seit Jahren nichts mehr veröffentlicht, sagte der Mann am Schreibtisch emotionslos und versuchte zu überlegen, wie er den Auftritt Nadias vorbereiten könne.
Schraubzwing griff sich die Schachtel, nahm den flockigen Deckel ab und begann den Inhalt zu untersuchen. Er mußte etwas vorweisen.
- Ist das ihr einziger - beweglicher Besitz?
Lothar nickte; er hatte den Verdacht, daß er die Szene heute nicht würde schreiben können.
- Dann nehme ich das mit.
Der Gerichtsvollzieher packte den Stapel gelblicher Blätter, der gar nicht sehr leicht war, in die Kiste zurück und wandte sich mit hörbarem Atmen der Tür zu.
- Sie müssen mir quittieren. Lothar hatte die Kladde geschlossen.
Der Staatsdiener setzte seine Eroberung ab, holte ein Formular heraus und begann das Pfändungsprotokoll zu schreiben. Er erkundigte sich nach dem genauen Inhalt der Schachtel.
- Drei Romane, zwei Trauerspiele, ein Gedichtzyklus und etwa ein Dutzend Erzählungen, diktierte Lothar mit unbeweglichem Blick.
Herr Schraubzwing schrieb seine Liste; bei der letzten Rubrik stockte er. Und plötzlich hatte er keine Geduld mehr. Erst gestern hatte er erfahren, daß seine Tochter ein Kind erwartete, unverheiratet natürlich, und das Schwein, das sie geschwängert hatte, war einer von den anderen. Die Hand ein wenig spröde von der illusionslosen Nacht im Schwarzen Adler überschlug er müde die Summen, die der Schlachter, der Schneider und der alte Herr Staubfleck vom Bücherladen angegeben hatten. Dann schrieb er schnell "1000 Gulden" unter "Geschätzter Wert der gepfändeten Waren".

Lothar hatte den Fünften Akt beendet. Nadias Selbstmord, der zum Verzicht Albertines auf Alexanders Hand führt. Alexander verkündete seinen Entschluß, sich bei den Truppen, die gegen den Türken zogen, anwerben zu lassen, und ging ab. Finis operis, Datum und Unterschrift. Lothar klappte das Konvolut zusammen. Herr Schraubzwing trat nach flüchtigem Klopfen ein und strandete melancholisch neben dem Schreibtisch.
- Sie haben seit sechs Wochen im Löwen anschreiben lassen und nichts bezahlt.
- Ich habe keine Einkünfte.
- Ich muß etwas pfänden, damit die Staatskasse für Ihre Schulden bürgt.
- Ich habe nichts mehr.
- Was ist das?
- Ein bürgerliches Trauerspiel, ich habe es heute vollendet.
- Dann nehme ich das mit.
Der Beamte zog ein unerwidertes Formular aus seiner Tasche und begann mit der Prozedur. Die letzten Wochen waren quälend, ergebnislose Auseinandersetzungen mit der Tochter, der man es fast schon ansah. Auch daß Marthe ihm in den Rücken fiel und meinte, so ein schlechter Schwiegersohn sei der Schorsch gar nicht. Am schrecklichsten war, daß er selbst zu keiner klaren Position fand und endlos darüber grübelte, ob es schlimmer sei, wenn der Dreckskerl sie heirate oder wenn er sie sitzenlasse.
- 2000! Lothars Stimme klang unerwartet kühl.
- Wie? Schraubzwing war einen Augenblick irritiert.
- Der Wert des Manuskriptes beträgt 2000 Gulden. Der Schriftsteller schraubte das Tintenfaß zu und verschloß das matte Gesicht jedem Einwand.
- Beim letzten Mal habe ich die ganze Kiste für eintausend mitgenommen, er überzeugte sich selbst keinen Augenblick, und diesmal soll ich für ein einziges Stück das Doppelte eintragen.
- Es ist das einzige, was ich noch besitze; sie können es auch dalassen.
Die Arroganz des Schriftstellers verschlug Schraubzwing den Atem. Das Zeug ist völlig wertlos, versuchte er noch und entwarf eine Strategie für die Auseinandersetzung mit dem Stadtschreiber. Dann trug er die Summe ein, fetzte Lothar seinen Abschnitt hin und entfernte sich durch die knallende Tür.

Als Lothar in den Löwen kam, hatte es sich schon herumgesprochen. Die Studenten stießen auf den Mut an, mit dem er die Autorität des Gerichtsvollziehers verhöhnte, während die feineren Geister sich sagen mußten, daß sie den Schriftsteller unterschätzt hatten. Um Mitternacht brachte der Historiker Goldstaub einen Toast auf ihn aus und lobte nicht ohne Neid, er habe noch nie einen Traktat für eine derartige Summe losgeschlagen, sondern müsse dafür ein Jahr lang Seminare geben.

- Leupold! Sie müssen das Schuldenmachen sein lassen. Ich kann Ihnen nicht ständig Ihr Zeugs wegpfänden und Sie vom Kämmerer freihalten lassen. Außerdem ist der Kerl jetzt mit den welschen Zimmerleuten in die Schweiz gezogen, und die Nachbarn reden schon.
Lothar fragte nicht, was das mit ihm zu tun habe, sondern wartete, bis die Tinte getrocknet war. Vor ihm lag ein einzelnes Blatt, mit wenigen schmalen Versen beschrieben. Als die Worte den Glanz verloren hatten, reichte er es Schraubzwing über die blicklose Schulter.
- Was ist das? Der Beamte schien heute nervöser als sonst.
- Eine Ode.
- Aber es hört ja mitten im Satz auf!
- Es ist ein Fragment.
- Leupold, so geht das nicht. Ihre Wirtsleute fordern den Mietzins für ein halbes Jahr, und Sie haben schon wieder Schulden im Löwen.
Lothar zog das Papier wieder ein und strich es sorgsam auf der Tischplatte glatt.
- Ich besitze sonst nichts; dann müssen Sie mich einsperren.
- Und auf Staatskosten durchfüttern. Das könnte Ihnen passen. Freies Logis nehmen im Turm; und so wie Sie aussehen, müßten wir Sie auch noch einkleiden.
Lothar tauchte die Feder ein und setzte seine Initialen unter die abgerissene Halbstrophe.

Goldstaub hob seinen Krug und stieß mit dem Stadtkantor Pfefferspan an.
- Er ist das Stadtgespräch, sogar das Tagblatt schreibt schon über ihn. Jetzt hat er für ein einziges Gedicht, noch dazu unvollendet nach der neuesten romantischen Manier, mehrere tausend Gulden bekommen. Er selber schweigt sich aus, und aus dem zuständigen Beamten, der die Tarife mit ihm aushandelt, ist auch nichts genaues herauszubekommen. Es heißt, er sitzt seit Tagen betrunken im Schwarzen Adler. Aber selbst, wenn nicht alles mit rechten Dingen zugeht, das muß schon ein genialer Bursche sein, der solch ein Vertrauen in den Wert seiner Arbeit hat.
Der Kantor bestellte zwei weitere Seidel Bier und kniff der Gundi in die feisten Hüften.
- In unserer Jugend sind wir idealistischer gewesen. Wir haben für uns selbst geschrieben und waren stolz, wenn wir eine Hymne im Musenalmanach oder in den Horen unterbrachten. Der Leupold ist ja schlimmer als die alten Hofpoeten.
- Dich unverbesserlichen Republikaner stört doch nur, wischte Goldstaub sich den Schaum von den hageren Lippen, daß er sich gar nicht drucken läßt, sondern alles gleich ins Stadtarchiv gibt. Wahrlich ein aristokratischer Glaube an die Unsterblichkeit.

Lothar kämpfte mit den Anfechtungen des Erfolges. Seit er überall wieder anschreiben lassen konnte, waren die Leute viel freundlicher zu ihm, sie tuschelten, wenn er auf der Straße vorüberging, und sahen ihm nach. Fast jeden Abend saß er im Löwen und mußte die Herren der gebildeten Stände freihalten und von seiner Arbeit erzählen, um die sich früher nie jemand bekümmert hatte. Er fing an, sich nach der alten Anonymität zurückzusehnen, die seinen Ideen förderlicher gewesen war. Er sah auf sein jüngstes Manuskript, das ihn mehrere Wochen sauren Fleiß gekostet hatte, als es höflich an der Tür klopfte.
- Kommt rein, Schraubzwing, sonst seid Ihr auch nicht schüchtern. So viel kann es ja nicht schon wieder sein.
Doch als es wieder klopfte und auf sein übellauniges Herein! die Tür vorsichtig geöffnet wurde, sah er einen Fremden, der, nach großstädtischem Geschmack geputzt, wie er bei den Hiesigen unmöglich anzutreffen war, mit übertriebenen Gebärden eintrat und sich als Agent Wasserkessel vorstellte. Ihm war zu Ohren gekommen, daß der Herr Leupold eine stadtbekannte Persönlichkeit sei, deren schriftstellerischer Ruhm weit über das Fürstentum hinausgedrungen. Bis in die ferne Reichsstadt spreche man schon von dem Dichterfürsten, der einsam und unerkannt, nur von dem untrüglichen Gefühl des Volkes und der stillen Propaganda, die auch den ungedruckten Namen ungehindert durch die Lande trägt, schon als Genie gekränzt, in wahrhaftiger Bescheidenheit Werk auf Werk schichte und ohne das persönlichste Interesse nur für die Ewigkeit schaffe. Man habe, schloß Wasserkessel, wenn man den Zeitungen und Gerüchten über seine rätselvolle Persönlichkeit nachzugehen einmal angefangen habe, den Eindruck, daß da ein rechter Mann und rücksichtsloser Geist unmittelbar ins Elysium sich einzuschreiben entschlossen sei.
Lothar sah auf seine staubigen Hände, die noch ein bißchen zitterten von den vielen Toasten im Löwen. Erst vor wenigen Stunden war er von der Gundi heimgekommen. Er betrachtete den Agenten, der mit splittriger Neugier in seinem unbeweglichen Zimmer herumwippte.
- Wieviel?
- Nun, das geht ein wenig rasch!, hüpfte der Wasserkessel auf und strich sich den linearen Scheitel. Allerdings gelang es ihm nicht, die Aufgeregtheit, die ihn jetzt befiel, als er begriff, daß seiner Mission keine prinzipiellen Widerstände begegneten, zu verbergen. Er zog mit schlanken Fingern den Papageienschnabel seines rüttelnden Schnurrbarts nach.
- Zunächst müßten wir eine Probe Ihrer Arbeit erhalten. Sie werden verstehen, daß wir, ihrem volkstümlichem Ruhm zum Trotz, nicht einfach die Katze im Sack erwerben können.
Lothar wies auf den schmächtigen Stapel zwischen seinen verkaterten Unterarmen.
- Was ist das, schnellte der Agent herum.
- Eine Novelle, mein jüngstes Stück. Ich überlasse es Ihnen für zehntausend Gulden.
- Guter Mann... - Wasserkessel setzte sich in Ermangelung eines zweiten Stuhl auf die Tischkante. Lothar schlug die Kladde unter den strauchelnden Blicken seine Gastes zu und begann das Manuskript in dickes Packpapier einzuwickeln.

Der hartnäckige Betrag, der am Ende der Verhandlung herauskam, reichte aus, seine sämtlichen gepfändeten Werke auszulösen. Er bezahlte den Mietzins für ein halbes Jahr im voraus, und dann hatte er eben noch genug für eine Runde ihm Löwen, der ersten seit Jahren, die er in klingender Münze bezahlte. Die Herren ließen ihn hochleben, und Goldstaub hielt eine lange Laudatio. Als Lothar eingestehen mußte, daß er ein Prosastück an den großen Verlag der Reichsstadt veräußert hatte, erhob sich empörter Tumult. Man verlangte, daß der erste Schriftsteller der Stadt sich verpflichte, alle seine unveröffentlichten und noch zu schreibenden Werke an Ort und Stelle druckzulegen. Da es bislang keinen Verlag gab, wurde die Gründung eines eigenen Verlagshauses unter dem Dach der Buchhandlung Staubfleck beschlossen und sofort mit der Zeichnung der Anteilsscheine einer städtischen Buch=Druckerei begonnen.
In rascher Folge erschienen nun einige neue und fast alle der alten Werke Lothars, jeden Samstag brachte das Tagblatt ein Gedicht oder eine Glosse von ihm und das Stadttheater studierte sein Bürgerliches Trauerspiel "Alexander" ein. Sein Ruhm erreichte Höhen, die er nie für möglich gehalten hatte. Wasserkessel kehrte zurück und flehte ihn um weitere Werke an. Schließlich nahm er für eine horrende Summe einen unvollendeten Roman mit, den er selbst fertigzuschreiben und unter Lothars Namen herauszubringen vorhatte, um nur die Ungeduld des Publikums zufriedenzustellen. Auch aus anderen Städten kamen die Agenten und Lektoren und bettelten ihm ein paar Zeilen für ihre literarischen Zeitschriften und Almanache ab. Er bekam beim Schlachter die besten Stücke herausgesucht, und der Schneider bestand darauf, ihn neu einzukleiden, ohne einen Heller an Bezahlung anzunehmen. Im Löwen hatte die Gundi ihm einen Freitisch eingerichtet. Die Aufregung um seine Person kulminierte, als der neugegründete städtische Verlag Lothar Leupolds drei frühe Romane herausbrachte. Es war ein ganztägiger Festakt mit einer Ansprache des Bürgermeisters, einer Kantatenaufführung unter der Leitung Kantor Pfefferspans und einem öffentlichen Mittagstisch im Schwarzen Adler. Abends erfolgte im Stadttheater die Uraufführung des "Alexander", die ein einziger tosender Triumph wurde.

Nach diesem Festakt wurde es wieder ruhiger um Lothar. Gegenstimmen wurden laut, und einige Persönlichkeiten des akademischen Lebens meldeten Skepsis ob der ungeteilten Euphorie an. Die Kritiker fanden seine Prosa eskapistisch und seine Lyrik seicht. Die Studenten nannten seine Stücke langweilig. Der Rezensent des Tagblattes wies nach, daß Lothars Erzählungen unoriginell und seine Essays hölzern seien. Nach und nach wandte sich das Publikum von ihm ab. Der Städtische Verlag ging zu verwaltungsrechtlichen und forstwissenschaftlichen Büchern über, für die eigene Reihen gegründet und spezielle Lektoren eingestellt wurden; das belletristische Programm kümmerte vor sich hin und wurde, nachdem Kantor Pfefferspan seine Lebenserinnerungen veröffentlicht hatte, ganz eingestellt. Lothars dickleibige Folianten verstaubten und wanderten in die Makulatur.

Lothar trat in sein Zimmer und hängte den abgetragenen Rock, den er seinerzeit vom Schneider geschenkt bekommen hatte, über die Lehne seines Stuhles. Er weckte Gundi und wartete, am Rand der Matratze hockend, bis sie sich angekleidet hatte und zu ihrem Dienst im Löwen gegangen war, der am späten Nachmittag begann und bis in die Morgenstunden dauerte. Dann setzte er sich an seinen Schreibtisch; vor ein paar Tagen hatte er das Geschenk des Bürgermeisters, das goldene Tintenfaß, versetzt und sein altes einfaches wieder hervorgeholt. Eine Weile sah er schweigend auf den Stapel unbeschriebener Blätter und dachte an die Beerdigung des Beamten Schraubzwing. Er rückte einen Bogen des billigen Oktavformats zurecht, tauchte die Feder ein und begann mit unumwundener Schrift. Erster Aufzug - Erste Szene - Auftritt Klara.

Der Autor, Jahrgang 1970, hat bisher eine philosophische Monographie "Das Erlebnis - Eine metaphysische Wanderung." Verlag Die Blaue Eule, Essen 1998 veröffentlicht. Anfang 2000 erscheinen vier phantastische Kurzerzählungen unter dem Titel "An den Obsidian-Klippen" in der kommenden Ausgabe der Zeitschrift "Fantasia".

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