Nr. 19, November 1999
 
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Le Monde
diss.sense (Okt. 99)
SBVV (Sept. 99)
message (Aug. 99))

 
 
 
 
 
 
 
 

 

Nicht nur wegen des Kreuzworträtsels

Demnächst muß niemand mehr Französisch können, um eine der besten Tageszeitungen der Welt zu lesen: "Le Monde".
Schon jetzt beeindruckt "Le Monde interactif" durch eine ungewöhnlich großzügige und in ihrer Vollständigkeit nur mit amerikanischen Zeitungen vergleichbare Präsentation seiner täglichen Artikel (und, bei aller seriösen Texthaltigkeit, mit einem "Foto des Tages"). Die Online-Ausgabe erscheint sogar gleichzeitig mit der Papierausgabe der ursprünglichen Abendzeitung, nämlich bereits am frühen Nachmittag des Vortages.
In der Navigationsleiste, die alle "Bücher" (Teile) der Zeitung auflistet, sind erfreulicherweise die kulturellen Themen einmal nicht unter "Lifestyle" oder "Entertainment" zu finden, sondern - wie es sich gehört - unter "Culture". Wir sind schießlich in Frankreich.
Zwar ist der Zugang zum Archiv der Zeitung (alle sechshunderttausend Artikel seit 1987) nicht kostenlos (zwischen 6,56 und 9,84 FF pro Artikel), Le Monde Interactifaber die jedem Besucher offenstehende Suchmaschine findet zu einem Stichwort nicht nur die Artikel der aktuellen Nummer, sondern auch die der letzten drei, vier Monate. Und sie lassen sich alle problemlos herunterladen. Dort entdeckt man dann auch einen hierzulande noch unbekannten, vage apologetischen, aber dann doch auftrumpfenden Beitrag Sloterdijks vom 8. Oktober für "Le Monde". Seine Elmauer Rede, meint er frohgemut, habe in Deutschland wie "der Blitz eingeschlagen". Der deutschen Gesellschaft bescheinigt er ein nach den Weltkriegen habituell gewordenes "schweres Erbe an Angst und Paranoia". Aber sein "Blitz" habe da endlich eine "neue Praxis der Postparanoia" eingeleuchtet. Viel klarer wird auch damit nicht, was er meint, und vieles bleibt unheimlich wie zuvor. So verkündigt er einen seltsam "positiven Sinn" der Bezeichnung "Berliner Republik", und zwar "das Problem oder Nicht-Problem einer dritten Generation nach 1945 in Deutschland, die psychologisch und sozial anders an die Arbeit geht, aber sicher mit demselben Verantwortungsgefühl". Nun ja.
Aber die Pläne der Zeitung gehen erheblich weiter.
Bis Ende des Jahres will "Le Monde interactif" eine Übersetzungssoftware installiert haben, die sämtliche Beiträge in sieben Weltsprachen zu übersetzen imstande ist. Geplant sind außerdem die offenbar unvermeidlichen Chat-groups, die hier etwas feiner "Salons Privés" heißen sollen, ein nach Interessen zusammenstallbarer täglicher Newsletter, Auktionen und Ticketverkäufe sowie ein ziemlich überflüssiges Online-Kreuzworträtsel (nach unserer Kenntnis hat nur der "Boston Globe" so etwas im Netz). Und schon ab Mitte dieses Monats sollen mehrere "Le Monde"-Artikel auch auf Palm-Pilots lesbar sein.
Gegenwärtig zählt die anspruchsvolle Website täglich sechzigtausend Zugriffe. Und bereits jetzt wird bei "Le Monde Interactif" über einen Gang an die Börse "ernsthaft nachgedacht".

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