Nr. 19, November 1999
 
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Frank T. Zumbach

Poe und die Neger

Es ist der 3. Oktober, exakt das Datum, an dem Edgar Allan Poe 1849 in dieser Straße vor dem berüchtigten Wahllokal Ryan's Pub aufgefunden wurde. Man hatte ihm sein Geld, seinen Koffer (er war auf der Durchreise) und sogar seine Kleider abgenommen und ihn in dreckige Lumpen gesteckt. Dr. J. E. Snodgrass, der ihn von früher kannte, beschreibt seinen Zustand: "Sein Gesicht wirkte übernächtigt, um nicht zu sagen aufgedunsen und ungewaschen, sein Haar war ungekämmt, und er machte insgesamt einen abstoßenden Eindruck. Seine ausladende Stirn, wundervoll ausgedehnt zwischen den Punkten, wo die Phrenologen das Idealische lokalisieren, die breiteste, die ich je maß; jene großen, weichen und doch seelenvollen, jetzt glanz- und ausdruckslosen Augen, die einst, als er noch er selbst war, so sehr für ihn einnahmen - sie wurden überschattet von einem schäbigen, zerfetzten Hut aus Palmblättern, der kein Band und fast keine Krempe mehr hatte. Seine Kleidung bestand aus einem Schoßrock aus dünnem, minderwertigem Alpakastoff, an einigen der Nähte mehr oder weniger aufgetrennt und eingerissen, verschossen und schmutzig, & einer Hose mit stahlfarbenem, undefinierbarem Kassinettmuster, sehr abgenützt und schlecht passend, wenn man überhaupt sagen kann, daß sie ihm paßte. Er trug weder Weste noch Halstuch; seine Hemdbrust war zerknittert und starrte vor Dreck. An seinen Füßen hatte er Schuhe aus grobem Material, die, so schien es, noch nie geputzt worden waren."
Wie er sich in diese Lage gebracht hatte, beibt his heute ein Rätsel. Einer gängigen Theorie zufolge war er Wahlschleppern, sogenannten "coopers" des korrupten Kongreßabgeordneten Robert M. McLane in die Hände gefallen – in Baltimore fanden gerade Wahlen statt –, die ihm Alkohol oder Drogen einflößten, ihn buchstäblich bis aufs Hemd ausraubten und nötigten, mehrmals sein Kreuzchen unter die Listen der "Democrats" zu setzen, bevor sie ihn in der Gosse liegen ließen. Er starb drei Tage später im nahegelegenen Washington Hospital und wurde eiligst verscharrt, da sich niemand in der Stadt bereitfand, die Begräbniskosten zu übernehmen.
Ryan's Pub und die windschiefen Häuser und Kaschemmen im "vierten Wahlbezirk" wurden schon im vorigen Jahrhundert abgerissen, und die Lombard Street, einst ein Morast, ist mittlerweile asphaltiert. Aber an der Atmosphäre hat sich kaum etwas verändert. Es gibt sie wieder, die windschiefen Häuser, Schmuddellokale und Bruchbuden mit ihren verblichenen Hieroglyphen, "liquors", "oysters and seafood", und den Schnörkelreklamen längst bankrotter Firmen. Die oberen Stockwerke stehen meistens leer oder haben doch wenig unzerbrochene Fensterscheiben – man blickt in die Augenhöhlen von quadratischen, rußschwarzen und ziegelroten Totenschädeln. Im Asphalt Narben, Zickzackmuster und eingesunkene Spinnennetze. Auch die Straßenbeleuchtung hat das Trüb-Funzelige von 1849 stilsicher bewahrt.
Damals trieben sich nur ein paar freigelassene Schwarze hier herum, aber dafür jede Menge weißes Gesindel, "Wahlhelfer", Schläger, Zuhälter und gescheiterte Existenzen, "corner loungers", Eckensteher mit Schirmmützen, Bowlerhüten und zerbeulten Zylindern, knitterigen, schuppenberieselten Anzügen, Rattengesichtern und Billy-Bevan-Schnauzern, denen die Pomade abging und die daher formlos herunterhingen. Solche Typen ließen den armen Eddie Spießruten laufen. Das Viertel nördlich des Hafens und von Little Italy stand seit jeher in besonders schlechtem Ruf. Es ist nun eines der beiden Schwarzenghettos, die hauptsächlich von Obdach- und Arbeitslosen bevölkert werden. Die Baltimorer Oberschicht nennt sie gönnerhaft "working class people".
Auf der anderen Seite der Stadt, im westlichen Ghetto, stößt man in der Amity Street auf das kleine, merkwürdige Backsteinhaus, wo Poe in den dreißiger Jahren bei seiner Tante logierte und das als Museum eingerichtet wurde. Ängstliche Gemüter, die es besichtigen wollen, sollten auch in dieser Gegend besser ein Taxi benützen. Wer den Spleen hat, auf Poes Spuren zu wandeln und seine ehemaligen Häuser, Wohnungen und Pensionen abzuklappern, findet sich häufig in solchen Vorstadtnegersiedlungen wieder. Denn Poe war die meiste Zeit seines Lebens ein armer Schlucker und wohnte daher vornehmlich in Randbezirken mit den billigsten Mieten. Und dorthin, in die Elendsviertel, wurden die Schwarzen nach Aufhebung der Sklaverei verdrängt. Auch er hat sie verdrängt, auf seine Weise.
Sein letztes Domizil, Fordham Cottage, damals etwa dreizehn Meilen von New York entfernt, liegt heute mitten in der Bronx, wie eine Insel: ein weißes Landhäuschen in einem parkartigen Garten, ringsum eingekesselt von häßlichen, grauen Zweckbauten. Außerhalb dieser Idylle können sich allzu Blauäugige schnell einen passenden Satz Veilchen einhandeln. Richtig lebensgefährlich geht es auf dem Shockoe-Hill-Friedhof in Richmond zu, einem bekannten Drogenumschlagplatz. Lästige Zeugen werden im Handumdrehen liquidiert, durchschnittlich zwei oder drei pro Woche, wie mir der schwarze Hotelportier des "Holiday Inn" versicherte. Aber dort liegen nun einmal Poes Pflegeeltern John und Frances Keeling Allan und seine "wahnsinnige Muse", Mrs. Stanard, begraben, und so fuhr ich, allen Warnungen zum Trotz, zusammen mit einem Bekannten hin. Als wir ankamen, herrschte gerade ein Gewitter, Donner murrte, Blitze zuckten, und der Regen fiel in Strömen. Die Stimmung eignete sich vortrefflich für unsere Aufnahmen von "graves, and worms, and epitaphs". Wir hatten, naß bis auf die Haut, die Grabmäler mit ihren Marmorschnecken und Zierurnen gefunden und fotografiert, als ich auf einmal zwei protzige Limousinen hintereinander durch das Eingangsportal gleiten sah, die sich in alptraumhafter Zeitlupe direkt auf uns zubewegten. Und beide waren, soviel konnten wir im Geschummere der niederstürzenden Wassermassen ausmachen, vollbesetzt mit Schwarzen. Daß hier, zu so unwirklicher Stunde, irgendein Mordsdeal abgewickelt werden sollte, lag auf der Hand - wodurch wir unvermittelt in die Rolle der lästigen Zeugen gedrängt wurden. Unsere Mission war erfüllt, es galt nur noch, den Friedhof lebend zu verlassen. Unvergeßlich, diese überstürzte Flucht, dieses Hakenschlagen im blitzeschwangeren pompe funèbre!

Frank T. Zumbach, Poe und die Neger (Ausschnitt), in: Der Rabe 31, Zürich 1991

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