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Frank T. Zumbach
Poe und die Neger
Es ist der 3. Oktober, exakt das Datum, an dem Edgar Allan Poe 1849
in dieser Straße vor dem berüchtigten Wahllokal Ryan's Pub
aufgefunden wurde. Man hatte ihm sein Geld, seinen Koffer (er war auf
der Durchreise) und sogar seine Kleider abgenommen und ihn in dreckige
Lumpen gesteckt. Dr. J. E. Snodgrass, der ihn von früher kannte,
beschreibt seinen Zustand :
"Sein Gesicht wirkte übernächtigt, um nicht zu sagen
aufgedunsen und ungewaschen, sein Haar war ungekämmt, und er machte
insgesamt einen abstoßenden Eindruck. Seine ausladende Stirn,
wundervoll ausgedehnt zwischen den Punkten, wo die Phrenologen das Idealische
lokalisieren, die breiteste, die ich je maß; jene großen,
weichen und doch seelenvollen, jetzt glanz- und ausdruckslosen Augen,
die einst, als er noch er selbst war, so sehr für ihn einnahmen
- sie wurden überschattet von einem schäbigen, zerfetzten
Hut aus Palmblättern, der kein Band und fast keine Krempe mehr
hatte. Seine Kleidung bestand aus einem Schoßrock aus dünnem,
minderwertigem Alpakastoff, an einigen der Nähte mehr oder weniger
aufgetrennt und eingerissen, verschossen und schmutzig, & einer
Hose mit stahlfarbenem, undefinierbarem Kassinettmuster, sehr abgenützt
und schlecht passend, wenn man überhaupt sagen kann, daß
sie ihm paßte. Er trug weder Weste noch Halstuch; seine Hemdbrust
war zerknittert und starrte vor Dreck. An seinen Füßen hatte
er Schuhe aus grobem Material, die, so schien es, noch nie geputzt worden
waren."
Wie er sich in diese Lage gebracht hatte, beibt his heute ein Rätsel.
Einer gängigen Theorie zufolge war er Wahlschleppern, sogenannten
"coopers" des korrupten Kongreßabgeordneten Robert M.
McLane in die Hände gefallen in Baltimore fanden gerade
Wahlen statt , die ihm Alkohol oder Drogen einflößten,
ihn buchstäblich bis aufs Hemd ausraubten und nötigten, mehrmals
sein Kreuzchen unter die Listen der "Democrats" zu setzen,
bevor sie ihn in der Gosse liegen ließen. Er starb drei Tage später
im nahegelegenen Washington Hospital und wurde eiligst verscharrt, da
sich niemand in der Stadt bereitfand, die Begräbniskosten zu übernehmen.
Ryan's Pub und die windschiefen Häuser und Kaschemmen im "vierten
Wahlbezirk" wurden schon im vorigen Jahrhundert abgerissen, und
die Lombard Street, einst ein Morast, ist mittlerweile asphaltiert.
Aber an der Atmosphäre hat sich kaum etwas verändert. Es gibt
sie wieder, die windschiefen Häuser, Schmuddellokale und Bruchbuden
mit ihren verblichenen Hieroglyphen, "liquors", "oysters
and seafood", und den Schnörkelreklamen längst bankrotter
Firmen. Die oberen Stockwerke stehen meistens leer oder haben doch wenig
unzerbrochene Fensterscheiben man blickt in die Augenhöhlen
von quadratischen, rußschwarzen und ziegelroten Totenschädeln.
Im Asphalt Narben, Zickzackmuster und eingesunkene Spinnennetze. Auch
die Straßenbeleuchtung hat das Trüb-Funzelige von 1849 stilsicher
bewahrt.
Damals trieben sich nur ein paar freigelassene Schwarze hier herum,
aber dafür jede Menge weißes Gesindel, "Wahlhelfer",
Schläger, Zuhälter und gescheiterte Existenzen, "corner
loungers", Eckensteher mit Schirmmützen, Bowlerhüten
und zerbeulten Zylindern, knitterigen, schuppenberieselten Anzügen,
Rattengesichtern und Billy-Bevan-Schnauzern, denen die Pomade abging
und die daher formlos herunterhingen. Solche Typen ließen den
armen Eddie Spießruten laufen. Das Viertel nördlich des Hafens
und von Little Italy stand seit jeher in besonders schlechtem Ruf. Es
ist nun eines der beiden Schwarzenghettos, die hauptsächlich von
Obdach- und Arbeitslosen bevölkert werden. Die Baltimorer Oberschicht
nennt sie gönnerhaft "working class people".
Auf der anderen Seite der Stadt, im westlichen Ghetto, stößt
man in der Amity Street auf das kleine, merkwürdige Backsteinhaus,
wo Poe in den dreißiger Jahren bei seiner Tante logierte und das
als Museum eingerichtet wurde. Ängstliche Gemüter, die es
besichtigen wollen, sollten auch in dieser Gegend besser ein Taxi benützen.
Wer den Spleen hat, auf Poes Spuren zu wandeln und seine ehemaligen
Häuser, Wohnungen und Pensionen abzuklappern, findet sich häufig
in solchen Vorstadtnegersiedlungen wieder. Denn Poe war die meiste Zeit
seines Lebens ein armer Schlucker und wohnte daher vornehmlich in Randbezirken
mit den billigsten Mieten. Und dorthin, in die Elendsviertel, wurden
die Schwarzen nach Aufhebung der Sklaverei verdrängt. Auch er hat
sie verdrängt, auf seine Weise.
Sein letztes Domizil, Fordham Cottage, damals etwa dreizehn Meilen von
New York entfernt, liegt heute mitten in der Bronx, wie eine Insel:
ein weißes Landhäuschen in einem parkartigen Garten, ringsum
eingekesselt von häßlichen, grauen Zweckbauten. Außerhalb
dieser Idylle können sich allzu Blauäugige schnell einen passenden
Satz Veilchen einhandeln. Richtig lebensgefährlich geht es auf
dem Shockoe-Hill-Friedhof in Richmond zu, einem bekannten Drogenumschlagplatz.
Lästige Zeugen werden im Handumdrehen liquidiert, durchschnittlich
zwei oder drei pro Woche, wie mir der schwarze Hotelportier des "Holiday
Inn" versicherte. Aber dort liegen nun einmal Poes Pflegeeltern
John und Frances Keeling Allan und seine "wahnsinnige Muse",
Mrs. Stanard, begraben, und so fuhr ich, allen Warnungen zum Trotz,
zusammen mit einem Bekannten hin. Als wir ankamen, herrschte gerade
ein Gewitter, Donner murrte, Blitze zuckten, und der Regen fiel in Strömen.
Die Stimmung eignete sich vortrefflich für unsere Aufnahmen von
"graves, and worms, and epitaphs". Wir hatten, naß bis
auf die Haut, die Grabmäler mit ihren Marmorschnecken und Zierurnen
gefunden und fotografiert, als ich auf einmal zwei protzige Limousinen
hintereinander durch das Eingangsportal gleiten sah, die sich in alptraumhafter
Zeitlupe direkt auf uns zubewegten. Und beide waren, soviel konnten
wir im Geschummere der niederstürzenden Wassermassen ausmachen,
vollbesetzt mit Schwarzen. Daß hier, zu so unwirklicher Stunde,
irgendein Mordsdeal abgewickelt werden sollte, lag auf der Hand - wodurch
wir unvermittelt in die Rolle der lästigen Zeugen gedrängt
wurden. Unsere Mission war erfüllt, es galt nur noch, den Friedhof
lebend zu verlassen. Unvergeßlich, diese überstürzte
Flucht, dieses Hakenschlagen im blitzeschwangeren pompe funèbre!
Frank T. Zumbach, Poe und die Neger (Ausschnitt), in:
Der Rabe 31, Zürich 1991
Ihr
Kommentar
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