Nr. 19, November 1999
 
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Die Encyclopedia Britannica

Noch Anfang Oktober kostete das Online-Abo bei dem angesehenen Nachschlagewerk gut achteinhalb Dollar im Monat - und das nach einer starken Preissenkung. Mit einem Mal jedoch, genauer ab dem 21. Oktober, war die Encyclopedia Britannica im Internet angeblich kostenlos zugänglich. Was war geschehen?

Kurzer Rückblick.
Seit fast zehn Jahren verliert die Britannica fast jedes Jahr Geld. Der Umsatz der Firma betrug im letzten Geschäftsjahr, das im September 1999 endete, nur noch die Hälfte des Umsatzes von 1990, und zwar 325 Millionen Dollar. Die Verkäufe der edlen zweiunddreißig Bände (mit achtzig Nobelpreisträgern unter den Autoren) gingen in diesem Zeitraum sogar um dreiundachtzig Prozent zurück. Trotz der Preissenkung für das Online-Abo von hundertfünfzug auf fünfundachtzig Dollar im Jahr hatte die Britannica kaum elftausend zahlende Leser gefunden. Zu wenig, um gesund zu bleiben. Der wichtigste Grund für den Niedergang war natürlich das Internet und seine vielfältigeren - wenn auch nicht immer seriöseren - Recherche-Möglichkeiten.
Seit 1996 gehört das Unternehmen dem Schweizer Finanzier Jacob Safra, Grundstücksinvestor und Besitzer kalifornischer Weinberge, der es für hundertfünddreißig Millionen Dollar gekauft hat. Die dreißig Millionen nicht gerechnet, die er als erstes zuschießen mußte, um die Firma nicht sofort untergehen zu lassen. Im Februar holte er seinen Investment-Berater Don Yannias ins Management. Yannias produzierte in atemberaubendem Tempo eine mit mehr Bildern angereicherte CD-ROM (für die man nicht mehr, wie noch für die alte Version, den abschreckenden Preis von zwölfhundert Dollar zahlen mußte), neue Abo- Dienste und eine verbesserte Suchmaschine für den Online-Betrieb.
Die Manager setzten also deutlicher als ihre nur buch-fixierten Vorgänger auf die elektronischen Medien - mit der geballten Qualität der Britannica. Experten bezweifeln zwar, daß sich die Encylopedia damit gegen so mächtige und finanzstärkere Konkurrenten wie Microsofts "Encarta" durchsetzen kann. Aber der bisher letzte Schritt, der kostenlose Internet-Zugang, war nun entweder die Wahnsinnstat einer Flucht nach vorn oder aber die Überlegung, daß auch ein großes Nachschlagewerk nur im Internet überleben kann, gratis und werbefinanziert, selbst die noble Encyclopedia Britannica (deren allererster Band vor zweihundertdreißig Jahren erschienen ist).
Dann jedoch geschah das Unerwartete: Die Website brach unter dem Ansturm der Besucher zusammen. Knapp zweihundert Millionen wurden erwartet: Offenbar waren es mehr. In ein paar Tagen, hieß es, sollte sie wieder funktionsfähig sein. Seitdem aber findet man unter www.britannica.com lediglich Yannias' liebenswürdige Entschuldigung, die "technischen Probleme" würden "bald" behoben (und bei Redaktionsschluß nicht mehr mal das). Und natürlich nimmt er die Server-Katastrophe als "ermutigendes Zeichen" für das Interesse an der Britannica.
Wir werden sehen, ob die Nachfrage nur ein Strohfeuer war oder ein tatsächlich dauerhaftes Interesse.

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