|
|
|
Die Encyclopedia Britannica
Noch Anfang Oktober kostete das Online-Abo bei dem angesehenen
Nachschlagewerk gut achteinhalb Dollar im Monat - und das nach einer
starken Preissenkung. Mit einem Mal jedoch, genauer ab dem 21. Oktober,
war die Encyclopedia Britannica im Internet angeblich kostenlos zugänglich.
Was war geschehen?
Kurzer Rückblick.
Seit fast zehn Jahren verliert die Britannica fast jedes Jahr Geld.
Der Umsatz der Firma betrug im letzten Geschäftsjahr, das im September
1999 endete, nur noch die Hälfte des Umsatzes von 1990, und zwar
325 Millionen Dollar. Die Verkäufe der edlen zweiunddreißig
Bände (mit achtzig Nobelpreisträgern unter den Autoren) gingen
in diesem Zeitraum sogar um dreiundachtzig Prozent zurück. Trotz
der Preissenkung für das Online-Abo von hundertfünfzug auf
fünfundachtzig Dollar im Jahr hatte die Britannica kaum elftausend
zahlende Leser gefunden. Zu wenig, um gesund zu bleiben. Der wichtigste
Grund für den Niedergang war natürlich das Internet und seine
vielfältigeren - wenn auch nicht immer seriöseren - Recherche-Möglichkeiten.
Seit 1996 gehört das Unternehmen dem Schweizer Finanzier Jacob
Safra, Grundstücksinvestor und Besitzer kalifornischer Weinberge,
der es für hundertfünddreißig Millionen Dollar gekauft
hat. Die dreißig Millionen nicht gerechnet, die er als erstes
zuschießen mußte, um die Firma nicht sofort untergehen zu
lassen. Im Februar holte er seinen Investment-Berater Don Yannias ins
Management. Yannias produzierte in atemberaubendem Tempo eine mit mehr
Bildern angereicherte CD-ROM (für die man nicht mehr, wie noch
für die alte Version, den abschreckenden Preis von zwölfhundert
Dollar zahlen mußte), neue Abo- Dienste und eine verbesserte Suchmaschine
für den Online-Betrieb.
Die Manager setzten also deutlicher als ihre nur buch-fixierten Vorgänger
auf die elektronischen Medien - mit der geballten Qualität der
Britannica. Experten bezweifeln zwar, daß sich die Encylopedia
damit gegen so mächtige und finanzstärkere Konkurrenten wie
Microsofts "Encarta" durchsetzen kann. Aber der bisher letzte
Schritt, der kostenlose Internet-Zugang, war
nun entweder die Wahnsinnstat einer Flucht nach vorn oder aber die Überlegung,
daß auch ein großes Nachschlagewerk nur im Internet überleben
kann, gratis und werbefinanziert, selbst die noble Encyclopedia Britannica
(deren allererster Band vor zweihundertdreißig Jahren erschienen
ist).
Dann jedoch geschah das Unerwartete: Die Website brach unter dem Ansturm
der Besucher zusammen. Knapp zweihundert Millionen wurden erwartet:
Offenbar waren es mehr. In ein paar Tagen, hieß es, sollte sie
wieder funktionsfähig sein. Seitdem aber findet man unter www.britannica.com
lediglich Yannias' liebenswürdige Entschuldigung, die "technischen
Probleme" würden "bald" behoben (und bei Redaktionsschluß
nicht mehr mal das). Und natürlich nimmt er die Server-Katastrophe
als "ermutigendes Zeichen" für das Interesse an der Britannica.
Wir werden sehen, ob die Nachfrage nur ein Strohfeuer war oder ein tatsächlich
dauerhaftes Interesse.
Ihr
Kommentar
|