Nr. 18, Oktober 1999
 
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War er nun Antisemit oder nicht?

Die Frage kommt anscheinend in jeder Generation neu auf den Tisch. Der bisher letzte in der Reihe der Pius-XII.-Biographen ist der englische Journalist John Cornwell. Nach eigener Auskunft hat er das Buch - als Verteidiger begonnen, aber als Ankläger beendet, so daß es nun den griffigen Titel "Hitler's Pope" trägt (dieser Serien-Halbtitel "Hitler's" ist Gold wert). Die Anklage lautet: Pius XII. hatte eine "geheime Antipathie" gegen die Juden und war damit der "ideale Papst für die ‘Endlösung' der Nazis".
Und die Beweise?
Das einzige, was Cornwell vorzuweisen hat, ist ein Bericht des Nuntius Pacelli vom 18. April 1919, in dem der spätere Papst unter den aufgeregten Links-Revolutionären in Berlin nur russische Juden entdeckt und sie tatsächlich als abstoßend beschreibt. Das, so der Autor, belege den Judenhaß des Angeklagten. Dieser Bericht ist allerdings seit Jahrzehnten bekannt. Und er wurde von verschiedenen Biographen, die Cornwell in seiner Literaturliste nicht aufführt, längst gewürdigt, allerdings genauer und umfassender als hier. Außerdem: Geradezu lachhaft ist die Behauptung, dieser Papst habe systematisch und sozusagen eigenhändig ein "absolustistisches Papsttum" errichtet - als hätten seine Vorgänger nicht bereits anderthalb Jahrtausende lang an dem großen Werk gearbeitet. Keine Erwähnung jedoch findet die Unterstützung Pius XII. für die Komplottpläne einiger Generäle gegen Hitler 1939/40. Kein Wort über den Flugzeugabwurf von achtundachtzigtausend Exemplaren der ersten Enzyklika dieses Papstes durch die Alliierten. Dafür auf fast jeder Seite falsche Tatsachenbehauptungen, aber keine ordnenden Kontextualisierungen
Angeblich hatte Cornwell "erstmals" Zugang zu den vatikanischen "Geheimarchiven". Tatsache ist jedoch, daß die Archive, die er benutzte, jedem Historiker offenstehen. Damit konfrontiert, meinte der Autor: Na schön, aber er habe die Dokumente als erster geöffnet. Was hinwiederum der Archivar des Vatikan ganz und gar nicht bestätigen kann.
So dilettantisch kriegt man diesen Papst also nicht klein. Selbst von einem Journalisten und Freizeit-Historiker muß erheblich mehr Recherchenkompetenz verlangt werden.
 

Widerspruch gegen eine Fatwa

Der Führer einer von der pakistanischen Janiat-Ulema-e-Islam abgespaltenen radikalen Splittergruppe, Maulana Ajmal Qadri, hat Mitte September das Urteil über alle Abgeordneten gesprochen, die im Senat gegen die geplante Einführung der Scharia stimmen sollten. Sie haben, so lautet seine Fatwa, den Tod verdient. 
Der entsprechende Verfassungszusatz hat zwar bereits das Unterhaus passiert, stößt aber im mehrheitlich von der Opposition bestückten Senat auf Widerstand. Die Fatwa hat nun die Oppositionspolitiker aufhorchen lassen. Und sie melden sich zu Wort. Der Senator Aitzaz Ahsan meinte sogar, das Schweigen der Regierung sei ein geheimes Einverständnis mit Qadris Todesdrohung. Der Vorsitzende der "Christlichen Befreiungsfront", Shahbaz Bhatti, fragte öffentlich: "Wie will eine Regierung ihre Bürger beschützen, wenn sie gleichzeitig Terrorismus, Gesetzlosigkeit und Todes-Fatwas unterstützt?"
Gute Frage.
 

Ein Buch als Rückkehrkampagne

Édouard Balladur, der französische Ex-Premier, hat soeben bei Plon ein hundertsechsundachtzig Seiten schmales Bändchen mit dem Titel "L'avenir de la différence" herausgebracht. Schon seinen erfolgreichen Wahlkampf 1993 hatte er durch mehrere Buchpublikationen eingeleitet. In Frankreich gehört so etwas zum politischen Leben. Bereitet nun sein neues Werk die Rückkehr in die Arena vor?
Der Inhalt ist stellenweise überraschend. Balladur lobt den großen "Unterschied", da er allein gegen die Gefahr der globalisierten "Uniformität" hilft, aber auch gegen "den Traum von der Gleichheit" und "die Tyrannei des Weltkonformismus". Ebenso leidenschaftlich und vom gleichen Prinzip aus verdammt der Autor aber auch jeden Rassismus. Er stellt nüchtern fest: "Nichts wird die Bevölkerungsströme aufhalten. ... Man sollte sich also dieser neuen Situation lieber anpassen und sie strukturieren, damit diese Pluralität nicht das soziale und psychologische Gleichgewicht des Nationen beschädigt. Die Minderheiten haben ein Recht auf Respektierung ihrer Andersheit." Es gehe demnach nicht mehr bloß um "Assimilierung", sondern schlicht um "Integration".
Aber es kommt noch liberaler. "Die Ungleichheiten an Reichtum und Wohlstand zwischen verschiedenen Nationen, Gruppen und Menschen haben einen solchen Höchststand erreicht, daß man sie nicht mehr lange ertragen wird." Oder dies: "So wenig wie die Suche nach der Gerechtigkeit die Tyrannei legitimiert, so wenig rechtfertigt die Effizienz die Ungerechtigkeit." Für den Autor ist die Frage nach "privatem oder kollektivem Eigentum" noch lange nicht ein für allemal entschieden, und bitter beklagt er die "Exzesse, zu denen der regellose Liberalismus und das unkontrollierte Privateigentum geführt haben".
Driftet der doch rechte Gaullist in linke Lager ab? Nein. Sein ärgster Feind, die egalitäre "Gleichmacherei", kommt für ihn wie bisher aus dem Marxismus oder vom Mai 68. 
Aber ein neuer Ton ist das auf jeden Fall.
 

Eine neue Art der Biographie

Am 30. September erschienen Ronald Reagans Lebenserinnerungen. Das Neue daran ist kaum der Inhalt, wohl aber die ungewöhnliche Form. Der Ex-Präsident gewährte zwar dem Autor Edmund Morris ungewöhnlich offenen Zugang (so durfte Morris lange Zeit den Präsidenten und den Pensionär monatlich interviewen und ihn auf Reisen begleiten). Sogar die mißtrauische Nancy hatte ihn ins Vertrauen gezogen. Gleichwohl wird das Leben Reagans von einem zu diesem Zweck erfundenen, also fiktiven Morris namens "Dutch" erzählt (was auch Regans Kindername ist). "Ein absolutes Unding" und "den Mißbrauch einer einmaligen Gelegenheit" nennt Professor David Kennedy, Stanford University, das seltsame Verfahren. Auch ein erfundener Leitartikler Paul Rae taucht auf sowie ein Gavin, der Sohn des Erzählers. An keiner Stelle läßt der Autor erkennen, daß dies nur fiktive Figuren sind.
Nur eine der damit einhergehenden Bizarrerien: Morris stellt sich in dem Buch als heute Neunundfünzigjährigen vor und will trotzdem Reagan schon 1926 bei einem Football-Match beobachtet haben. Insgesamt beschreibt der fiktiv ja noch ungeborene Erzähler Reagans gesamte Kindheits- und Jugendjahre, wenn auch nicht alles aus so eklatant unmöglicher eigener Anschauung. 
Der Trick verwischt literarische Gattungsgrenzen (siehe auch die Damerau-Rezension hier). "Ich hatte das maßgebliche Buch über Ronald Reagan erwartet. Aber die Idee, Tatsachen und Fiktives zu mischen", sagte Lyn Nefziger, eine Angestellte im Weißen Haus der Reaganjahre, "ist etwas, das mich verwirrt."
Morris, übrigens Pulitzerpreisträger für seine Biographie "The Rise of Theodore Roosevelt" 1980, hat den Vertrag für sein Reagan-Buch - drei Millionen Dollar Vorschuß - 1985 unterschrieben, und schon 1991 sollte es fertig sein.
 

Der Spion, der wohl doch keiner war

P. G. Wodehouse, auch in Deutschland beliebter Autor des weisen Butlers Jeeves - ein Landesverräter? 
Im Jahr 1940 lebte er in Frankreich und wurde in ein Internierunsglager der Deutschen gesperrt. Im Jahr darauf jedoch wurde er entlassen und erhielt die Erlaubnis, von Berlin aus fünf Radioansprachen zu halten, die für die angelsächsischen Alliierten bestimmt waren: eine humoristische Beschreibung des Lagerlebens. Sein Honorar bestand aus Lebensmittelkarten, Seife und Zigaretten. Und sechzigtausend Reichsmark.
Nach dem Krieg bereute Wodehouse die Ansprachen als "abscheulichen Fehler"; sie hätten, sagte er, nur dazu gedient, seine Freunde von seinem Wohlbefinden zu unterrichten, nicht aber, die Kampfmoral der Hitler-Gegner zu schwächen.
Wodehouse hatte allerdings in England keine gerichtlichen Nachspiele zu befürchten, da er ab 1944 nur noch in den Vereinigten Staaten lebte. 1975 wurde er von der britischen Königin sozusagen in Abwesenheit zum Ritter geschlagen, sechs Wochen vor seinem Tod.
 

Gebildetes Quebec

Eine Meinungsumfrage von Crop/La Presse vom 4. September zufolge wollen nur 26 Prozent aller Einwohner Quebecs, daß ihre Steuern gesenkt werden. Eine Mehrheit von 54 Prozent dagegen bevorzugt statt dessen stärkere Invesitionen im Bildungswesen und in der Gesundheitspflege.
Die Nachricht erinnert daran, daß Steuerminderungen nie allen Bürgern zugutekommen. Denn viele, in diesem Fall ein sattes Drittel aller Einwohner, zahlen überhaupt keine Steuern, weil sie einfach zu arm sind dafür. 
Die Befürworter der Bildungsinvestitionen finden sich überraschenderweise in fast allen Einkommensschichten in der Mehrheit: 61 Prozent bei Jahreseinkommen unter zwanzigtausend Dollar, 54 Prozent bei Einkommen zwischen zwanzig- und neununddreißigtausend, 47 Prozent bei Einkommen zwischen vierzig- und neunundfünfzigtausend und 54 Prozent bei Einkommen über sechzigtausend Dollar.
 

Das Buch über den Bücherschrank

Weil Henry Petroski umfassend bibliophil veranlagt ist, hat er sein neuestes Buch ("The Book on the Bookshelf", bei Knopf) einem selbst unter Bibliophilen bisher mißachteten Gegenstand gewidmet: dem Bücherschrank.
Mit Ausdauer, Einfühlung und Wärme behandelt der Autor beispielsweise die Technik des Regalbretts, einschließlich seiner Belastbarkeit, Durchhängetiefe und Konstruktionsweise. Die Geschichte des Bücherschranks beginnt natürlich mit Gutenberg, nach dem die Bücherproduktion überhand nahm im Vergleich zum verfügbaren Stapelraum. Weshalb sich das Lesepult aus Raumknappheit in die Höhe entwickelte und die Pultbretter mit der Zeit ihre Schräge verloren Der Erfinder der Dezimalklassifikation, Melvil Dewey, wird geradezu lyrisch vorgestellt. Und wer wußte schon, daß die frühen Bücher mit dem - noch nicht beschrifteten - Rücken nach innen standen, damit - im Fall der Kettenbücher - die an der Einbandecke angebrachte Kette nach vorne heraushängen konnte. Lange und detailreiche Ausführungen gönnt Petroski der Entwicklung der Leseräume, ihrer Architektur und Beleuchtung (schmale, hohe Fenster deuten noch heute schon von außen auf eine Bibliothek hin). Die Position der drei Bücher in Dürers "Hieronymus" wird liebevoll und kundig und ein ganzes Kapitel lang untersucht. Auch der Tod durch den Bücherschrank fehlt nicht, am Beispiel von "Howard's End" von E. M. Forster. Zuletzt geht das Buch auch noch auf die modernen Trägermedien wie CD und Internet ein. Hier hält sich der Autor erfreulich zurück mit Vorhersagen für das nächste Jahrtausend und kommt ganz ohne den ignoranten Jeremiadenton unserer Feuilletons aus.
Bei der Lektüre gehen dem Leser einfache, aber durchschlagende Wahrheiten auf wie diese: Es gibt einfach mehr Bücher als Bücherregale in der Welt. Oder auch: Man hat mindestens fünfundzwanzig verschiedene Ordnungsmethoden, seine Bücher zu stellen, und keine ist die richtige.
Etwas für Liebhaber.
 

Hitlers verhinderter Longseller

Der kleine Verlag Croatiaprojekt in Zagreb ließ "Mein Kampf" ins Serbokroatische übersetzen und brachte das Buch im letzten Frühjahr heraus, gewissermaßen als Privatdruck. Die lediglich sechshundert Exemplare waren in gut vier Monaten ausverkauft. Croatiaprojekt ist bekannt für ein paar andere und nicht weniger antisemitische Buchpublikationen.
Mitte September mahnte das Simon-Wiesenthal-Center in Paris bei Präsident Tudjman brieflich das Verbot des Buches an. Es informierte ihn, daß "Mein Kampf" bereits in mehreren Ländern Europas verboten sei - und Kroatien sei doch schließlich Möchtegern- Beitrittskandidat zur Europäischen Union. 
Zagreber Regierungskreise verurteilten zwar den Inhalt des Buches und seine Veröffentlichung, fügten aber hinzu, die Meinungsfreiheit in ihrem Land lasse eine Beschlagnahme nicht zu.
Ja wenn das so ist.
 

Wieder ein Buch aus dem Gefängnis?

Noch nicht ganz. Wir sind noch im Planungsstadium. Benjamin Netanjahu, der frühere Premierminister Israels, lebt in seinem Heimatland eher zurückgezogen, reist allerdings durch die Vereinigten Staaten und hält Vorträge. Außerdem trägt er sich mit der Absicht, so droht er, seine Memoiren schreiben.
Am 15. September jedoch wurde er zusammen mit seiner Frau auf einem Jerusalemer Polizeirevier befragt, einen Tag nachdem Zeitungen von einer Ermittlung wegen finanzieller Unsauberkeiten zu berichten wußten.
Drei Jahre lang soll Netanjahu sein Privathaus immer wieder mal auf Staatskosten instandgesetzt haben; die Rechnung lautete schließlich auf etwa zweihunderttausend Mark, angeblich für die Renovierung von Netanjahus Büro. Und eingereicht wurde die Rechnung erst, nachdem der Premier die Wahlen im Frühjahr verloren hatte.
Kommt einem bekannt vor.


Nicht sehr spannend

"An der Front des Kalten Krieges 1946-51" ist die jüngste Sechshundertvierunddreißig-Seiten- Dokumentation der CIA betitelt. Und insoweit hat die Herausgeberin recht. Aber was danach kommt, ist entweder bekannt, oder es ist peinlich oder peinlich dünn. Beispiel eins: Markus Wolf schielt ein wenig. Beispiel zwei: Die Russen wußten - durch einen britischen KBG- Agenten - von dem geheimen Tunnel in den Ostsektor, noch bevor die Grabungsarbeiten begonnen. Anfangs, sogar bis 1947 hatte die Berliner CIA-Filiale keinen Mitarbeiter mit Russischkenntnissen. 
Immerhin konnte sie kurz vor 1948 die Berlin-Blockade ziemlich korrekt vorhersagen. Und sie hatte einen Agenten bei einer Konferenz in Berlin, auf der die Russen über die drastischen Folgen einer womöglichen Gegenblockade der "Zone" informiert wurden. "Wenn wir das vorher gewußt hätten", meinte einer von ihnen hinterher, "wären wir nicht so weit gegangen."
Für etwaige Interessenten: Bestellungen für "On the Front Lines of the Cold War" nimmt der National Technical Information Service, 5285 Port Royal Road, Springfield, Va., 22161 entgegen.
 

"Bibel-Code" geplatzt

Die angesehene Fachzeitschrift "Statistical Science" hatte 1994 den Kult selbst losgetreten, als sie einen Aufsatz über angeblich in Bibeltexten verschlüsselte und verstecke Vorhersagen publizierte. Im September veröffentlichte nun dieselbe Zeitschrift die längst fällige Gegendarstellung.
Mehrere Zeitungsartikel, Bestseller und Fernsehsendungen hatten das millenniumsträchtige Thema ausgeschlachtet. Israelische Forscher entdeckten nicht nur - was irgendwie nahelag -  die Namen und Geburtsdaten berühmter Geistlicher, andere die Ermordung Rabins, ja sogar ein Erdbeben in Los Angeles - im Jahre 2010.
Das "Entschlüsselungs"verfahren, das seltsamerweise ebensogut die Entdeckung wie jetzt die Widerlegung erbrachte: Der hebräische Text wird als fortlaufende Buchstabenkette geschrieben, dann werden darin nach bestimmten Zahlenmustern Buchstaben ausgesucht (am einfachsen etwa: jeder dreizehnte), woraus sich dann sinnvolle Prognosen zusammensetzen lassen sollen. Was der niedlichen Idee den Garaus machte, war jedoch vor allem die Tatsache, daß es keinen authentischen Urtext gibt, sondern nur Varianten, wie ehrwürdig alt auch immer.
 

Topkapi, die zweite

Im vergangenen Juni wurde in Istanbul aus einer Moschee des 16. Jahrhunderts eine Reliquie gestohlen: ein Haar Mohammeds. Die Diebe gaben das heilige Stück jedoch wenige Tage später zurück, anonym, und sind bis heute nicht gefaßt.
Im September schlugen Räuber erneut in Istanbul zu. Diesmal war ihr Ziel das Topkapi und ihre Beute ein handgeschriebenes Koran-Exemplar des 15. Jahrhunderts. Andere wertvolle Manuskrpte im selben Raum ließen sie liegen. 
Aufmerksame Touristen bewundern in dem Museum nicht nur kostbare Schätze, sondern wundern sich auch über die mangelnden Sicherheitsmaßnahmen. Viele Räume werden weder von Wächtern, noch von Videokameras überwacht. Der Raum mit der Koran-Vitrine, die jetzt leersteht, hatte zwar Kameras, das Buch aber keine eigentliche Diebstahlsicherung; und die Kameras nützten auch nichts, weil die Deckenleuchten zwei Wochen vorher ausgefallen waren und niemand seitdem eine neue Glühbirne einschraubte.
 

Das Falun-Gong-Schwarzbuch

Der chinesische Staatspräsident Jiang Zemin benützte seinen Besuch in Washington auch für ein ungewöhnliches Geschenk an Clinton. Er überreichte ihm ein offizielles Schwarzbuch der Regierung über die von ihr verfolgte Sekte Falun Gong.
Alle behaupteten Verbrechen des Sektenführers Li Hongzhi sind auf hundertfünfzig Seiten aufgelistet, viele davon mit Horrorfotos bebildert. Die Sektenmitglieder sollen angeblich so verrückt gemacht worden sein, daß sie ihre Familienmitglieder gewalttätig verletzten oder aber Selbstmord begingen. Genau eintausendvierhundertvier Mitglieder sollen bereits gestorben sein, auch dadurch, daß sie jede ärztliche Behandlung ablehnten, wie Li es ihnen vorgeschrieben habe.
Das Buch enthält in den wenigstens Fällen nachprüfbare Quellenangaben oder Dokumente. 
Gegen mindestens zehn chinesische Verlage wurde Ende September Anklage wegen der Verbreitung von Falun-Gong-Büchern erhoben. Interpol hat jedoch die Aufforderung der chinesischen Regierung zurückgewiesen, auch Li an seinem Wohnort New York zu verhaften.
 

Gefährliche Reisen

Wieder einmal trifft die schlechte Nachricht den Boten. Das Tourismus-Ministerium der Philippinen hat den Verlag AAP in Hongkong aufgefordert, aus einem Reiseführer eine Passage zu entfernen, in der die zentralphilippinische Insel Negros Occidental als "riskanter" Ort bezeichnet wurde. Dort steht: "Viele Reiche gehen mit bewaffneten Leibwächtern aus, und immer wieder sind Berichte über Verletzungen von Menschenrechten zu hören. Dies ändert sich zwar, aber in bestimmten Gegenden, speziell in der Südhälfte von Negros Occidental, bleibt das Reisen riskant."
Der Verlagslektor ist offenbar Diplomat. Die Stelle, gab er bekannt, sei ohnehin veraltet, und er sei nur zu glücklich, sie zu überarbeiten. Er gab aber auch zu bedenken, daß solche Hinweise gerade Abenteuerreisenden eine gewisse Hilfe seien. In der Tat.
Gefahren drohen den Reisenden zum Jahrtausendwechsel ohnehin genug, und nicht nur in Südostasien. Das amerikanische Außenministerium ließ laut Kress-Report soeben verbreiten, man solle um diese Zeit seinen Urlaub nicht gerade in Rußland, China, Japan oder -dio mio! - Italien verbringen. Insgesamt stehen sogar dreiundfünfzig Länder auf der Liste mit "instabilen Verhältnissen" wegen möglicher Computerfehler an Sylvester.
 

Nachahmenswert

Französische Schüler haben seit dem 21. September sechs Wochen lang ihren eigenen virtuellen Büchermarkt, auf dem sie alte Schulbücher im Internet verkaufen beziehungsweise nicht mehr benötigte verkaufen können. Sie loggen sich namentlich identifiziert bei alapage.com ein und haben sofort Zugang zu den Angeboten oder geben selbst eines ab. Bei Nachfragen schickt der Webmaster die Mails aller Interessenten an den Anbieter weiter, der sich dann seinen Käufer selbst aussucht. 
Das Ganze ist mit einer Suchmaschine ausgestattet, die mit den Kriterien Klasse, Unterrichtsfach und Region nach dem gewünschten Buch suchen kann.
Und das Schönste: Der Service ist völlig kostenlos.
 

Morddrohung

Nachdem der Alibri Verlag seit Dezember letzten Jahres von den
 Anthroposophen und ihren Handlangern wegen kritischer Texte 
zu Rudolf  Steiner und seinen okkulten Lehren mit Prozessen überzogen wird, ist nun ein weiteres Verlagsprojekt ins Visier religiöser Fanatiker geraten. 
 Beim Verlag ging ein anonymes Schreiben ein, in dem Colin Goldner, Autor des kürzlich erschienenen Buches "Dalai Lama - Fall eines Gottkönigs", mit dem Tod gedroht wird. An den Verlag erging die Aufforderung, das Buch
 zurückzuziehen, "solange es noch Zeit ist". Für den Autor sei die Zeit bereits "vorbei", für seine "Lügen und Verleumdungen" werde er "bezahlen" müssen. Unterzeichnet ist der Brief mit "Tod dem Verräter". Goldner, Mitarbeiter der Zeitschrift MIZ und Leiter des Forum Kritische Psychologie, bringt in seinem Werk zahlreiche Fakten zutage, die den tibetischen Buddhismus allgemein und den Friedensnobelpreisträger von 1989 insbesondere in keinem guten Licht erscheinen lassen. Die Todesdrohung kommentierte er mit den Worten: "In jeder Religionsgemeinschaft gibt es einen Bodensatz an Fanatikern, die auf Kritik, sei sie noch so berechtigt und fundiert, nur mit Gewalt reagieren können.
(Verlagsmitteilung)

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