Nr. 18, Oktober 1999
 
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Buchkunst
Lyrik
Kurzprosa
Die Marginalie
 

 

Manfred Wieninger
 
 

Orpheus in der oberwelt 

Mit meinem gedicht 
Kann ich mir nicht die zähne putzen 
Es taugt nicht zum radwechsel 
Und ist nicht frei konvertiertbar 
Auf der New York Stock Exchange 

Für mein gedicht 
Kann ich mir keine jause kaufen 
keinen Asti Spumante und keine frau 

Mit meinem gedicht
Kann ich nur felsen 
Zum weinen bringen 
 
 
 

Das leben ist schön 

Mit klammen fingern die dichter mit zerrissener stirn 
Die dichter mit weißer zunge die dichter 
Mit blutenden venen die dichter mit brennender tinte 
Die dichter mit schwertern aus papier die dichter 

Süß das bittere bitter das süße der große gesang 

Ja der große gesang 

In den kanälen die dichter in den schächten 
Die dichter in den quartieren des elends die dichter 
Im abseits die dichter in der letzten stunde 
Die dichter im murmeln der wirklichkeit die dichter 

Kein staubkorn wenden sie die großen sänger keinen hauch
Die nachbarn munter zerplatzen die törichten herzen 
Am pflaster die springer von turmhöhen und alle schuld 
Die unschuldigen tragen bis in alle ewigkeit amen 

Ja ja der große gesang 
 

Warum ich noch immer Gedichte schreibe

Wer heutzutage Gedichte schreibt, kommt leicht in den Geruch, einer etwas orchideenhaften und sehr abseitigen Beschäftigung nachzugehen. Am Ende der sozialen Hackordnung des common .sense  dürfte auf den Lyriker wohl nur noch der Politiker und der Kinderschänder folgen. Lyrikbände, selbst aus ernstzunehmenden Verlagen, sind heutzutage beinahe schon Unikate. Unter Millionen Deutschlesenden passen die jeweiligen Käufer eines solchen Werkes für gewöhnlich bequem in einen einzigen family van,  wobei auch noch ein paar Koffer (mit der gesamten Restauflage) locker Platz haben. 
Trotzdem schreibe ich noch immer Gedichte. Vielleicht nur aus Trotz, wie es auch die Konjunktion andeutet. Vielleicht weil ich wohl anderes, aber nicht anders kann, gebannt durch die tonlose Musik der Phoneme und Morpheme, durch das Spiel mit einem System unendlicher Kombinatorik. 
In meiner Lyrik wird man allerdings vergebens nach Rosenblättern, nach der Melanomsonne von Ibiza und nach den grotesken Lügen einer Rosamunde Pilcher suchen. Statt dessen wird man vielleicht ein Gemurmel aus einem halbverstopften Kanal, das Kleinhirn von Ray Sugar Leonhard nach dem ersten erlittenen Niederschlag und die verzweifelte Schönheit eines gellenden Schreis finden. Mein lyrisches Ich ist eine tablettensüchtige Hausfrau, eine tote Seele, ein leerer Obduktionstisch – Wer die Schönheii angeschaut  mit  Augen
Oft ist die ermüdende, die verbitternde Rede von den Verhinderungs- und Verhaberungskünstlern, von den umtriebigen Kulturschnöseln einer inszenierten Kultur der Eitelkeiten, psychotisch und unehrsam, von den glatten und provinziellen Intrigen, von dem wenigen, allzuwenigen Geld, das immer die anderen kriegen, kurz vom Literaturbetrieb, immer vom Betrieb und wie wir uns zu ihm zu stellen hätten. 
Die Lyrik aber bedarf dieses betriebsamen Betriebs gar nicht. Mitnichten ist die Dichtung im PEN, in den kleinen Ehrungen, in den kindisch-kleinbürgerlichen Eifersüchteleien und im Antichambrieren vor kulturhofrätlichen Schreibtischen anzutreffen. Über all das kann und soll man lachen. 
Die Dichtung hingegen vermag es, die Welt in jedem Augenblick neu zu schaffen und einen silbernen Mond auf die gro0e Traurigkeit zu wälzen. 
Die Dichtung versteht es, die Toten reden zu machen, das Rätsel zu stellen und das Rätsel zu lösen. 
Die Lyrik ist tot – es lebe die Lyrik! 
 

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