Manfred Wieninger
Orpheus in der oberwelt
Mit meinem gedicht
Kann ich mir nicht die zähne putzen
Es taugt nicht zum radwechsel
Und ist nicht frei konvertiertbar
Auf der New York Stock Exchange
Für mein gedicht
Kann ich mir keine jause kaufen
keinen Asti Spumante und keine frau
Mit meinem gedicht
Kann ich nur felsen
Zum weinen bringen
Das leben ist schön
Mit klammen fingern die dichter mit zerrissener stirn
Die dichter mit weißer zunge die dichter
Mit blutenden venen die dichter mit brennender tinte
Die dichter mit schwertern aus papier die dichter
Süß das bittere bitter das süße
der große gesang
Ja der große gesang
In den kanälen die dichter in den schächten
Die dichter in den quartieren des elends die dichter
Im abseits die dichter in der letzten stunde
Die dichter im murmeln der wirklichkeit die dichter
Kein staubkorn wenden sie die großen sänger
keinen hauch
Die nachbarn munter zerplatzen die törichten herzen
Am pflaster die springer von turmhöhen und alle
schuld
Die unschuldigen tragen bis in alle ewigkeit amen
Ja ja der große gesang
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Warum ich noch immer
Gedichte schreibe
Wer heutzutage Gedichte schreibt, kommt leicht in den
Geruch, einer etwas orchideenhaften und sehr abseitigen Beschäftigung
nachzugehen. Am Ende der sozialen Hackordnung des common .sense
dürfte auf den Lyriker wohl nur noch der Politiker und der Kinderschänder
folgen. Lyrikbände, selbst aus ernstzunehmenden Verlagen, sind heutzutage
beinahe schon Unikate. Unter Millionen Deutschlesenden passen die jeweiligen
Käufer eines solchen Werkes für gewöhnlich bequem in einen
einzigen family van, wobei auch noch ein paar Koffer (mit
der gesamten Restauflage) locker Platz haben.
Trotzdem schreibe ich noch immer Gedichte. Vielleicht
nur aus Trotz, wie es auch die Konjunktion andeutet. Vielleicht weil ich
wohl anderes, aber nicht anders kann, gebannt durch die tonlose Musik der
Phoneme und Morpheme, durch das Spiel mit einem System unendlicher Kombinatorik.
In meiner Lyrik wird man allerdings vergebens nach Rosenblättern,
nach der Melanomsonne von Ibiza und nach den grotesken Lügen einer
Rosamunde Pilcher suchen. Statt dessen wird man vielleicht ein Gemurmel
aus einem halbverstopften Kanal, das Kleinhirn von Ray Sugar Leonhard nach
dem ersten erlittenen Niederschlag und die verzweifelte Schönheit
eines gellenden Schreis finden. Mein lyrisches Ich ist eine tablettensüchtige
Hausfrau, eine tote Seele, ein leerer Obduktionstisch – Wer die Schönheii
angeschaut mit Augen.
Oft ist die ermüdende, die verbitternde Rede von
den Verhinderungs- und Verhaberungskünstlern, von den umtriebigen
Kulturschnöseln einer inszenierten Kultur der Eitelkeiten, psychotisch
und unehrsam, von den glatten und provinziellen Intrigen, von dem wenigen,
allzuwenigen Geld, das immer die anderen kriegen, kurz vom Literaturbetrieb,
immer vom Betrieb und wie wir uns zu ihm zu stellen hätten.
Die Lyrik aber bedarf dieses betriebsamen Betriebs gar
nicht. Mitnichten ist die Dichtung im PEN, in den kleinen Ehrungen, in
den kindisch-kleinbürgerlichen Eifersüchteleien und im Antichambrieren
vor kulturhofrätlichen Schreibtischen anzutreffen. Über all das
kann und soll man lachen.
Die Dichtung hingegen vermag es, die Welt in jedem Augenblick
neu zu schaffen und einen silbernen Mond auf die gro0e Traurigkeit zu wälzen.
Die Dichtung versteht es, die Toten reden zu machen,
das Rätsel zu stellen und das Rätsel zu lösen.
Die Lyrik ist tot – es lebe die Lyrik!
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