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Gelungenes Privatissimum
Es muß ja nicht gleich Wilkomirski sein. Es genügt schon
Wolfgang Koeppen, der plötzlich, 1992, als Suhrkamp-Autor von "Jakob
Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch" figurierte, nachdem dasselbe
Buch erstmals 1948 ohne seine Autorschaft im Kluger-Verlag erschienen war.
Auf den Plagiatsvorwurf des Stiefsohns von Littner gaben 1993 weder Koeppen
noch der Verlag eine klärende Antwort. Von wem ist es nun, von Littner
oder von Koeppen? Man hat diese so unverwüstliche wie merkwürdige Tatsache, daß Literatur geschrieben und gelesen wird, immer wieder zu erklären versucht. So kam es unter anderem auch zu einer Erklärung, die in allem Erfinden gleichwohl eine Beziehung der Literatur zur Wahrheit betont: Es sei schon irreführend zu sagen, dasjenige, was literarische Werke beschreiben, gebe es nicht. Literatur habe doch immer etwas mit unserer Welt zu tun! - Und dann rieselten, zumindest in deutschsprachigen Gefilden bis Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, goldene Worte von erhabener Ungenauigkeit vom Himmel: Literatur "kündet" von Höherem, und Literatur "ahnt" schon, was kommen wird, und sie läßt Tieferes "schauen" und Wahrheit "aufdämmern". Oder wahlweise: läßt Tieferes aufdämmern, kündet Wahrheit, schaut Kommendes, ahnt Höheres. So bildete die Rede fleißig Wolken und hoffte auf Geistesblitze. Tatsächlich aber wurde nach Kräften idealisiert, bis sich das Wahre und das Schöne gute Nacht sagen. Geblieben ist eine profaner klingende Ansicht: Es mag Leute geben, die die Literatur für Lüge halten, aber irgendwie gebe es doch eine Wahrheit der Literatur. Sie lasse uns die Wirklichkeit anders sehen, vermittle uns neue Sichtweisen usw. Aber wie kann sie das, fragt Damerau gleich weiter. Literatur ist ja "keine magische Lampe, mit der wir durch die Welt wandern". Solche Erklärungen "sind im ersten Moment völlig einleuchtend und im zweiten Moment völlig unklar". Mit ebenso unverstelltem, einem im schönsten Sinn neugierigen Weiterfragen werden wir sodann zu den gängigen Wahrheitstheorien der Literatur weitergeführt, immer begleitet von weiternagenden, fruchtbaren Zweifeln, Beispielzitaten aus literarischen Werken und Erlebnissen aus unserer Alltagswelt. Aber offenbar gehen diese Wege alle ins Holz. Erst bei einer seltsam bescheidenen Zwischenantwort machen wir kurz Halt: Nur aus Gewohnheit verstehen wir Literatur als Literatur. Es sind die textergänzenden Umstände und Angaben, die unser Verständnis bestimmen, in erster Linie das, was Gérard Genette die "Paratexte" genannt hat, also zum Beispiel Untertitel ("Roman"), Erläuterungen (Klappentext, Vorwort) oder Erscheinungsweise (in einem belletristischen Verlag). Und hier ergibt sich wie nebenbei die Antwort auf die Frage, warum Wilkomirski und Koeppen so verstörend wirken: Sie reißen diese kulturellen Gewohnheiten nieder, und auf der Stelle sind wir orientierungslos, ja ärgerlich auf den Urheber solcher Verwirrung. Die nächsten Kapitel in Dameraus Buch beziehen sich sodann auf das Verhältnis von (literarischer) Wahrscheinlichkeit und (faktischer) Wahrheit, behandeln Lügen und Grenzfälle, beschreiben die erwähnten Konventionen, schließlich die Interpretation literarischer Aussagen als "Hypothesen zur Wirklichkeit": Literatur kann uns also etwas vermitteln, was wir vorher nicht wußten oder anders einschätzten. Literarische Werke machen gleichsam den Vorschlag: Sieh es doch einmal so oder wenigstens anders! Sieh den Menschen, seine Geschichte, sein Denken, die Städte, das Schreiben, die Liebe, die Natur so oder anders. Durch die Literatur nimmt in unseren Augen die Welt manchmal eine andere Gestalt an. Sie lenkt unsere Aufmerksamkeit auf etwas in der Wirklichkeit, und gegebenenfalls zeigt sich: Wir können es wirklich auch so wahrnehmen. Wir stellen Hypothesen zu literarischen Werken auf, während die abgeleiteten Aussagen ihrerseits Hypothesen über das eine oder andere in der Welt sind. Und gegebenenfalls stellt sich heraus, etwas hat tatsächlich diese oder jene Eigenschaft, oder eine Eigenschaft erhält in unserem Weltverständnis ein besonderes Gewicht. So kann uns die Literatur etwas zu erkennen geben, weil sie "zugleich
sinnlich, strukturiert und sinnreich" ist: "Dank dieser Eigenart der Literatur
und dank der Offenheit kultureller Grundbegriffe mischt sie als Stimme
mit im Sammelsurium der Disziplinen und Medien mitsamt den kursierenden
Konzepten. Schön für die Literatur."
Der leider zu seltene Fall einer lesbaren Wissenschaftsprosa sehr persönlicher Art. Fritz R. Glunk Burghard Damerau
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