Nr. 18, Oktober 1999
 
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Eine lange, abenteuerliche Reise

In der heute beklagten "Krise des Buches" mag ein Blick zurück in die Geschichte des Lesens hilfreich wirken. Nur zu leicht lassen wir, da ja irgendwie "überwunden", vergangene Erschütterungen dieser Kulturtechnik außer Acht - und selbstverständlich ist hier das verdammende Urteil, das Plato über die Erfindung der Schrift verhängt ("Gedächtnisverlust"), nicht einmal mitgemeint.

Man braucht nur an die Neuerungen der Lesegewohnheiten zu denken, die in der ausgehenden Antike der Codex gegenüber der gewohnten Schriftrolle mit sich brachte. Es waren reine, sozusagen kalte Nützlichkeitserwägungen, die seine Durchsetzung beförderten. Der Codex war handlicher, übersichtlicher, billiger, einfacher herzustellenund bot mehr Platz für Inhalte. Aber was ging damit nicht alles verloren! Vor allem nahm der Leser jetzt nicht mehr den Text als Ganzes auf, sondern hatte nur noch Bruchstücke vor Augen, immer nur eine Doppelseite. Ein kulturpessimistisches Feuilleton hätte die neue Leseweise zu einer gefährlichen Zerstückelung des Wissens hochgeschrieben. 
Ein anderer Fall ist die "Leserevolution" Ende des 18. Jahrhunderts, als der Markt gleich zweifach überschwemmt wurde: von neuen, durch die Aufklärung alphabetisierten Lesermassen (Frauen, Jugendliche, Handwerker, Kleinbürger) und dem explodierenden Buchangebot einer schnell konsumierbaren Low-Culture, wie man das heute nennen würde. Über beides, und vieles andere, ist die Kulturfertigkeit Lesen hinweggeschritten, ohne Schaden zu nehmen.

Die vorliegende Reise durch die Geschichte des Lesens stellt mehrere Kulturbrüche dieser Art im konkreten Rahmen und Zusammenhang dar, beispielsweise den überraschend frühen Übergang vom lauten zum stillen Lesen:

Unsere Studie hat den Vorteil, daß sie uns empfänglich macht für den fast schockierenden Charakter eines nichtoralisierten Lesens, anders gesagt, eines stummen Lesens. Dessen Ungehörigkeit ist gleichsam eine doppelte: im Hinblock sowohl auf das oralisierte Lesen, das ohne allen Zweifel die herrschende Form des Lesens in der Antike war, als auch auf die moderne Forschung, die im allgemeinen gegenüber der Möglichkeit eines nichtoralisierten Lesens im antiken Griechenland höchst skeptisch geblieben ist. Wenn für die Griechen das Ziel das alphabetischen Schreibens ... die Produktion von Lauten, von wirksamen Wörtern, von widerhallendem Ruhm war, warum sollten sie dann die Idee gehabt haben, still zu lesen? Warum hätte man in einer Kultur, die Stille, Schweigen zum Synonym von Vergessen erhebt, auf stille Weise lesen sollen? Die Hürde scheint unüberwindbar. Um die Hypothese eines stillen Lesens zu begründen, müssen also im kulturellen Kontext der fraglichen Epoche Elemente gesucht werden, die sie plausibel erscheinen lassen. Sie sind in einem Bereich zu finden, der ... nicht ohne Bezug zum Lesen ist: dem des Gesetzes, des nómos, der Rechtsprechung.

Wir erfahren in diesem Beitrag von Jesper Svenbro zudem Ausführliches über die frühesten Belege (bei Euripides und Aristophanes) für das leise Lesen, ein inszeniertes Alphabet (die "ABC-Komödie", in der vierundzwanzig Frauen die Buchstaben darstellten) oder auch die vielen, zwischen verschiedenen geistigen Tätigkeiten differenzierenden Verben, die das Griechische für "lesen" entwickelte.
Im antiken Rom änderten sich die Modalitäten des Lesens erneut, indem nun breitere Bevölkerungsschichten Zugang zum "Buch" finden, genauer zum "volumen", der Buchrolle. Guglielmo Cavallo bringt hier übrigens auch die schöne Anekdote über den lesenden Cato Uticensis. Von ihm

wird erzählt, daß er sich vor seinem Selbstmord in sein Zimmer zurückzog, den Phaidon, Platons Dialog über die Seele, zur Hand nahm und einen großen Teil davon las. Als er bemerkte, daß sein Schwert nicht an seinem gewohnten Platz hing, verlangte er von einem Sklaven Aufschluß darüber, erhielt aber keine Antwort. Daraufhin las er weiter, trug dem Sklaven aber zwischenzeitlich auf, ihm das Schwert zurückzubringen. Als das Buch jedoch ausgelesen war und ihm immer noch niemand die geforderte Waffe brachte, begann er zu drohen, damit seinem Befehl Folge geleistet würde. Als er sein Ziel dann endlich erreicht hatte, nahm er erneut die Platonische Schrift zur Hand und las sie noch zweimal ganz durch. Schließlich, nachdem er ein Weilchen geschlafen hatte, stieß er sich das Schwert in die Brust und nahm sich das Leben.

Die weiteren, ebenso kenntnisreichen und bei aller Wissenschaftlichkeit lebendig geschriebenen Beiträge schildern die folgenden Lese-Epochen: klösterliche Lektürepraktiken, das Lesen im Spätmittelalter sowie in der Reformationszeit. Hier zum Beispiel erfahren wir, daß auch Luther durchaus darauf bestand, "daß die Kirche beim Zugang zur Bibel eine Kontrolle ausüben sollte", und den Gläubigen dringlicher seine beiden Katechismen empfahl. Ergänzend stellt der nächste Beitrag über die Gegenreformation fest, daß in den Texten des Tridentinums "zwei bezeichnende Lücken" auffallen: "In ihnen war nie die Rede davon, den Laien das Lesen biblischer Texte zu verbieten, obwohl ebensowenig von einer Übersetzung der Heiligen Schrift gesprochen wurde." Und schon vier Jahre vor Luthers Bibelübersetzung boten Zürcher Pfarrer eine deutsche Ausgabe an. Hier wird also die vorschnelle Meinung, allein Luther habe die von der katholischen Kirche verbotene volkssprachliche Bibel unter die Leute gebracht, etwas zurechtgerückt.
Reinhard Wittmann befaßt sich dann mit der erwähnten "Leserevolution" und zitiert in seinem Beitrag die Verfügung, mit der 1799 die neuen Lesegesellschaften unter polizeiliche Kontrolle gestellt wurden. Man war nämlich der Auffassung, daß

Unordnung, Liederlichkeit, auch wohl hornartige und andere Krankheiten in mancher Familie entstehen, wenn der Primaner seinen Portier des chartreux, das halbmannbare Mädchen seinen Sopha und Ecumoire, die junge Hausfrau ihre Liaisons dangereuses u.s.w. wohlfeil und bequem studiren kann, und daß diese und ähnliche Schriften, da man sie seit dem Zeitpunkt der großen Aufklärung in Deutschland auch insgesammt in unserer Muttersprache haben kann, sehr leicht durch Lesebibliotheken und Lesegesellschaften in allen Klassen und Ständen gang und gäbe werden können, wenn diese Aufklärungsfabriken ohne alle öffentliche Aufsicht bleiben.

Das letzte Kapitel bringt uns in die Gegenwart. Es lenkt - verdienstvoll - den Blick auf die mittlerweile eine Milliarde Analphabeten in der Welt (eine Zunahme in absoluten Zahlen, trotz verminderten prozentualen Anteils an der Weltbevölkerung). Bedauerlich ist hier allerdings die Tatsache, daß keinere neueren statistischen Angaben gegeben werden, die zitierten stammen alle noch aus den achtziger Jahren. Eine besondere Enttäuschung ist das Schweigen des Verfassers über die Rolle des Lesens in den Zeiten des Internet. Zwar enthält er sich modischer Pessimismen, aber gerade nach dem erlebnisreichen Gang durch die lange Geschichte des Lesens erwartet man an dieser Stelle eine deutliche, mit historischen Argumenten ausgestattete Analyse. Statt dessen werden für die Gegenwart nur "produktives Chaos und wilder Konsum", Hybridisierungen verschiedener Repertoires und ihre divergiernden Produktionsniveaus konstatiert. Das klingt fachlich und ein wenig hilflos.
Aber gleichwohl: Die "Welt des Lesens" ist nicht nur den aufmerksamen Besuch wert, sondern eine aufregende, abenteuerliche Bildungsreise voller fundierter Ein- und Durchblicke. Speziell zu danken ist der Übersetzerin und ihren fünf männlichen Kollegen, die alle dem Buch einen in jedem Beitrag gleich angenehm lesbaren Stil und hohen Duktus verliehen haben.

Monika Peckert

Roger Chartier, Guglielmo Cavallo (Hrsg.)
Die Welt des Lesens. Von der Schriftrolle zum Bildschirm
Campus, Frankfurt am Main 1999
688 Seiten, 15,5 x 23,4 Zentimeter
DM 98,--, öS 715, sFr 91,--

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