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Eine lange, abenteuerliche Reise
In der heute beklagten "Krise des Buches" mag ein Blick zurück in die Geschichte des Lesens hilfreich wirken. Nur zu leicht lassen wir, da ja irgendwie "überwunden", vergangene Erschütterungen dieser Kulturtechnik außer Acht - und selbstverständlich ist hier das verdammende Urteil, das Plato über die Erfindung der Schrift verhängt ("Gedächtnisverlust"), nicht einmal mitgemeint. Man braucht nur an die Neuerungen der Lesegewohnheiten zu denken, die
in der ausgehenden Antike der Codex gegenüber der gewohnten Schriftrolle
mit sich brachte. Es waren reine, sozusagen kalte Nützlichkeitserwägungen,
die seine Durchsetzung beförderten. Der Codex war handlicher, übersichtlicher,
billiger, einfacher herzustellen Die vorliegende Reise durch die Geschichte des Lesens stellt mehrere Kulturbrüche dieser Art im konkreten Rahmen und Zusammenhang dar, beispielsweise den überraschend frühen Übergang vom lauten zum stillen Lesen: Unsere Studie hat den Vorteil, daß sie uns empfänglich macht für den fast schockierenden Charakter eines nichtoralisierten Lesens, anders gesagt, eines stummen Lesens. Dessen Ungehörigkeit ist gleichsam eine doppelte: im Hinblock sowohl auf das oralisierte Lesen, das ohne allen Zweifel die herrschende Form des Lesens in der Antike war, als auch auf die moderne Forschung, die im allgemeinen gegenüber der Möglichkeit eines nichtoralisierten Lesens im antiken Griechenland höchst skeptisch geblieben ist. Wenn für die Griechen das Ziel das alphabetischen Schreibens ... die Produktion von Lauten, von wirksamen Wörtern, von widerhallendem Ruhm war, warum sollten sie dann die Idee gehabt haben, still zu lesen? Warum hätte man in einer Kultur, die Stille, Schweigen zum Synonym von Vergessen erhebt, auf stille Weise lesen sollen? Die Hürde scheint unüberwindbar. Um die Hypothese eines stillen Lesens zu begründen, müssen also im kulturellen Kontext der fraglichen Epoche Elemente gesucht werden, die sie plausibel erscheinen lassen. Sie sind in einem Bereich zu finden, der ... nicht ohne Bezug zum Lesen ist: dem des Gesetzes, des nómos, der Rechtsprechung. Wir erfahren in diesem Beitrag von Jesper Svenbro zudem Ausführliches
über die frühesten Belege (bei Euripides und Aristophanes) für
das leise Lesen, ein inszeniertes Alphabet (die "ABC-Komödie", in
der vierundzwanzig Frauen die Buchstaben darstellten) oder auch die vielen,
zwischen verschiedenen geistigen Tätigkeiten differenzierenden Verben,
die das Griechische für "lesen" entwickelte.
wird erzählt, daß er sich vor seinem Selbstmord in sein Zimmer zurückzog, den Phaidon, Platons Dialog über die Seele, zur Hand nahm und einen großen Teil davon las. Als er bemerkte, daß sein Schwert nicht an seinem gewohnten Platz hing, verlangte er von einem Sklaven Aufschluß darüber, erhielt aber keine Antwort. Daraufhin las er weiter, trug dem Sklaven aber zwischenzeitlich auf, ihm das Schwert zurückzubringen. Als das Buch jedoch ausgelesen war und ihm immer noch niemand die geforderte Waffe brachte, begann er zu drohen, damit seinem Befehl Folge geleistet würde. Als er sein Ziel dann endlich erreicht hatte, nahm er erneut die Platonische Schrift zur Hand und las sie noch zweimal ganz durch. Schließlich, nachdem er ein Weilchen geschlafen hatte, stieß er sich das Schwert in die Brust und nahm sich das Leben. Die weiteren, ebenso kenntnisreichen und bei aller Wissenschaftlichkeit
lebendig geschriebenen Beiträge schildern die folgenden Lese-Epochen:
klösterliche Lektürepraktiken, das Lesen im Spätmittelalter
sowie in der Reformationszeit. Hier zum Beispiel erfahren wir, daß
auch Luther durchaus darauf bestand, "daß die Kirche beim Zugang
zur Bibel eine Kontrolle ausüben sollte", und den Gläubigen dringlicher
seine beiden Katechismen empfahl. Ergänzend stellt der nächste
Beitrag über die Gegenreformation fest, daß in den Texten des
Tridentinums "zwei bezeichnende Lücken" auffallen: "In ihnen war nie
die Rede davon, den Laien das Lesen biblischer Texte zu verbieten, obwohl
ebensowenig von einer Übersetzung der Heiligen Schrift gesprochen
wurde." Und schon vier Jahre vor Luthers Bibelübersetzung boten Zürcher
Pfarrer eine deutsche Ausgabe an. Hier wird also die vorschnelle Meinung,
allein Luther habe die von der katholischen Kirche verbotene volkssprachliche
Bibel unter die Leute gebracht, etwas zurechtgerückt.
Unordnung, Liederlichkeit, auch wohl hornartige und andere Krankheiten in mancher Familie entstehen, wenn der Primaner seinen Portier des chartreux, das halbmannbare Mädchen seinen Sopha und Ecumoire, die junge Hausfrau ihre Liaisons dangereuses u.s.w. wohlfeil und bequem studiren kann, und daß diese und ähnliche Schriften, da man sie seit dem Zeitpunkt der großen Aufklärung in Deutschland auch insgesammt in unserer Muttersprache haben kann, sehr leicht durch Lesebibliotheken und Lesegesellschaften in allen Klassen und Ständen gang und gäbe werden können, wenn diese Aufklärungsfabriken ohne alle öffentliche Aufsicht bleiben. Das letzte Kapitel bringt uns in die Gegenwart. Es lenkt - verdienstvoll
- den Blick auf die mittlerweile eine Milliarde Analphabeten in der Welt
(eine Zunahme in absoluten Zahlen, trotz verminderten prozentualen Anteils
an der Weltbevölkerung). Bedauerlich ist hier allerdings die Tatsache,
daß keinere neueren statistischen Angaben gegeben werden, die zitierten
stammen alle noch aus den achtziger Jahren. Eine besondere Enttäuschung
ist das Schweigen des Verfassers über die Rolle des Lesens in den
Zeiten des Internet. Zwar enthält er sich modischer Pessimismen, aber
gerade nach dem erlebnisreichen Gang durch die lange Geschichte des Lesens
erwartet man an dieser Stelle eine deutliche, mit historischen Argumenten
ausgestattete Analyse. Statt dessen werden für die Gegenwart nur "produktives
Chaos und wilder Konsum", Hybridisierungen verschiedener Repertoires und
ihre divergiernden Produktionsniveaus konstatiert. Das klingt fachlich
und ein wenig hilflos.
Monika Peckert Roger Chartier, Guglielmo Cavallo (Hrsg.)
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