Nr. 18, Oktober 1999
 
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Aufgeblasen

Schon die Umschlagseite vier müßte stutzig machen. Dort, wo sonst die feinsten Kritikauszüge stehen, wird Philip Roth zitiert: "Was, wenn die Welt eine Art  - Show wäre?" und so weiter, vier Zeilen lang. Sieht aus wie ein kongeniales Credential, ist aber keins. Von dem Buch ist, wenn man genau hinschaut, auch gar keine Rede. Das Roth-Zitat ist - das Motto des Buches. Anscheinend war keine erwähnenswerte Original-Rezension aufzutreiben.

Nun gut, man sieht sowas nicht gleich. Man beginnt zu lesen. Und tatsächlich ist das erste Viertel, die Geschichte der Medien in den USA, vor allem der Zeitungen, eine einigermaßen spannende Lektüre. Geradezu neidisch auf so viel Anteilnahme liest man von einer öffentlich geführten Auseinandersetzung um zwei Schauspieler, 1849 in New York. Hier hatten sich lautstarke Störtrupps des einen gegen anden anderen, einen Macbeth-Schauspieler, im Theater zusammengerottet. Sie wurden im vierten Akt von der Polizei hinausgeworfen, sammelten sich draußen jedoch erneut, vor einem nahen Hotel, in das sich der Schauspieler nach der Vorstellung zurückgezogen hatte:

Die Polizei hatte mittlerweile bei der örtlichen Bürgerwehr um Verstärkung gebeten. Diese umstellte das Gebäude und feuerte eine Warnsalve über die Köpfe der Menge hinweg. Als die Aufsässigen keine Anstalten machten, sich zu zersreuen, feuerte sie einen zweiten Schuß ab, diesmal direkt in die Menge, und als sich diese nur zurückzog, um sogleich wieder vorzudrängen, schossen die Milizionäre noch einmal. Am Ende der Ausschreitungen waren 22 Menschen getötet und über hundert verletzt worden - und das alles, wie die New York Times behauptete, weil "zwei Schauspieler in Streit geraten waren.
Natürlich starben diese Unglücklichen nicht wirklich wegen eines Streits zwischen zwei Schauspielern. In Wirklichkeit hatten sie ihr Leben im Kampf für die Unterhaltung gegeben - für das Recht auf kulturelle Mitbestimmung. 

Ohne den Kontext klingt die Wertung des Autors schwer verständlich. Im Kapitel selbst führt er jedoch überzeugend den Nachweis, daß hier - und beileibe nicht nur hier - der Kampf des "niederen", populären, demokratischen Entertainment gegen die E-Kunst der "Oberen Zehntausend" geführt wurde. Das Gefecht am 10. Mai 1849 ging vordergründig für die Hohe Kunst aus, aber wie der gesamte "Krieg" ausging, wissen wir. Schließlich ist die Gewinnerin, die allmächtig gewordene Unterhaltung, das Thema das Buches.
Unmittelbar nach diesen Anfangskapitel fällt das Niveau jedoch schlagartig ab. Das erste verdächtig stimmende Lese-Erlebnis ist auf Seite 108 zu finden; es hat für den informierten Deutschen den Vorteil, daß er Gablers Darstellung bewerten kann. Es handelt sich hier nämlich um den Fall der Berliner Mauer vor zehn Jahren. Gabler übernimmt dafür den Bericht eines  - weiß Gott, warum - ungarischen Journalisten:

Laut Horvats Chronologie wurde am 8. November 1991 berichtet, das DDR-Politbüro sei angesichts zunehmender politischer Spannungen zurückgetreten, nachdem DDR-Bürger begonnen hätten, über Ungarn in den Westen zu fliehen. Am nächsten Tag verkündete Günter Schabowski, Mitglied des neuen Politbüros, auf einer Pressekonferenz im Fernsehen, die Regierung werde unter Umständen erwägen, die Reisefreiheit zu gestatten. Auf die Frage, wann, antwortete Schabowski "ab sofort", womit er meinte, die Beratungen in puncto Reisefreiheit würden sofort aufgenommen werden. Als es die Presse in ihren Berichten versäumte, diesen Unterschied zu betonen, und statt dessen Schabowski lieber so interpretierte, als habe er sich dem Willen der Öffentlichkeit gebeugt, begannen die DDR- Bürger verständlicherweise, die Mauer zu stürmen. ... anscheinend hatte die Presse, wie [Horvat] behauptet, "Den Wunsch, das Ereignis sowohl als freiwillige Manifestation eines kollektiven Glaubens und Volkswillens, als auch eines klaren Sieges des Liberalismus und der Demokratie auf der internationalen politischen Bühne darzustellen". Sie wollte lieber ein definitives "Niederreißen der Mauer" als das bürokratische Herummeißeln an ihr, das viel wahrscheinlicher gewesen wäre, hätte die Presse nicht ihr eigenes Drehbuch geschrieben. Da es nun aber einmal geschrieben war, richteten sich die Schauspieler auch danach.

Wir müssen in diesem Zusammenhang zwar den Ungarn dankbar sein, aber bitte nicht allen. Zum Beispiel keinem schlecht recherchierenden Journalisten. Und dem Autor Gabler, der ihm willfährig aufsitzt, auch nicht.
Erstens stimmt an der "Chronologie" etwas nicht: Das Beschriebene geschah nicht 1991, sondern zwei Jahre vorher. Und dem Rezensenten bleibt unverständlich, wieso nicht spätestens irgendein Verlagslektor das falsche Datum korrigiert hat. Daß Gabler es nicht korrigiert, ist dagegen nicht verwunderlich, sondern systemisch. Er prüft nicht, er sammelt bloß.
Zweitens: Als Ungar versteht man vielleicht nicht, was Schabowski "meinte" (und Gabler, der Amerikaner, sowieso nicht). Aber Tatsache bleibt, daß Schabowski das angeblich Gemeinte nicht gemeint haben kann. Denn er wurde auf der Pressekonferenz nicht gefragt, "wann" das Politbüro was auch immer "erwäge", sondern ganz ausdrücklich und wörtlich, "wann das in Kraft tritt". Daraufhin seine aus glatter Uninformiertheit verlegen herausgestotterte Antwort: "Das tritt nach meiner Kenntnis ... ist das sofort. Unverzüglich." Die Presse brauchte also gar kein von ihr dramatisiertes Niederreißen der Mauer, sie hatte längst ihre Sensation, wörtlich und aus erster Hand. Die Fernsehnachrichten, übrigens live mit Schabowskis "sofort"-Signal, waren sachlich zutreffend. Also kein selbstgeschriebenes Drehbuch. Also auch keine Schauspieler, die sich danach richteten.

Jetzt schöpft man denn doch Verdacht. Wenn der Autor andere, weniger leicht vom Leser überprüfbare Ereignisse ebenso stromlinienförmig in seine These "Leben = nur noch Entertainment" einbaut - stimmt das dann eventuell genausowenig? Das Mißtrauen verdichtet sich noch im weiteren Verlauf der Lektüre. Denn nun gibt es kein noch so putziges Hölzchen oder Stöckchen, das Gabler für sein Flackerfeuer nicht gebrauchen könnte. Hier findet er ein passendes Zitat beim alten Riesman ("Die einsame Masse"), dort im ganz anders gemeinten "Homo Ludens" des ehrwürdigen Huizinga. In einer Hausfrauenzeitschrift wie im O.-J.- Simpson-Prozeß findet er passende Textsplitter, und wenn irgendeine Berufsdiva sagt, sie sei nur für ihr Publikum da, heißt das für Gabler gleich, unser aller Leben sei nur noch ein Film. Es sind bloß ein paar Leute, die schauspielern? Achwas, alle schauspielern. Wir alle. Immer. Zumindest alle Amerikaner sind lauter Gatsbys und haben keine Authentizität mehr (daneben zitiert er dann Richard Sennett, der - aber so weit hat ihn Gabler offenbar nicht gelesen - gerade die moderne Tyrannei der Authentizität beschreibt). Es wäre ja auch gelacht, wenn der Autor nicht in jedem Hinterhof einen Beweis fände. Schließlich leben wir in einer Zeit, die keinen noch so blühenden Unsinn mehr kennt, der nicht schon mal irgendwann irgendwo aufgezeichnet wurde. 

Ganz folgerichtig schließt das Buch ohne Antwort auf die im Vorwort leichtsinnig aufgeworfene Frage "Was läuft?". Aber für Gabler gibt es - welche Überraschung!- eh "keine einfachen Antworten", sondern "bloß lebenswichtige Fragestellungen". So jämmerlich endet "Das Leben, ein Film." 

Die Idee war eigentlich ein ganz netter Fund, hübsch genug für eine Glosse. Aber Gabler bläst sie auf und bläst sie auf. Bis sie platzt. Not with a bang, but with a whimper.

Korbinian Brauner

Neal Gabler
Das Leben, ein Film

Berlin Verlag, Berlin 1999
320 Seiten, 14 x 22 Zentimter
DM 39,80, öS 291, sFr 39,80

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