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Anja Frisch
Die Eulen
In der Kastanie, vor meinem Fenster,
saßen zwei Eulen. Im Sommer hatte ich gelacht und mich zu ihnen auf
den Ast gesetzt. Manchmal hatte ich der Nachbarskatze die Mäuse abgejagt,
die die Eulen in einem Stück verschlangen. Zum Dank hatte ich das
Gewölle bekommen, und wenn dann der warme Klumpen in meiner Hand gelegen
und wir auf den Hafen hinunter geschaut hatten, wehte der Wind den Geruch
verfaulten Gemüses vom Markt herüber. Es war der heißeste
Sommer gewesen, seit die Stadt umgetauft worden war.
Während die Kastanien reiften, verbrachte ich die Vormittage und
hin und wieder auch die Nachmittage noch immer neben den Eulen auf dem
Baum. Nach einer Weile fanden wir uns inmitten grüner, stachliger
Ballen wieder, und bald war kein Platz mehr für mich in dem Geäst;
mein Haar verfing sich in den Stacheln, die auch durch meine Kleidung drangen,
sich in meinen Körper ritzten und kleine Wunden hinterließen,
die nicht verheilten. Ich mußte den Baum verlassen.
Als ich hinuntergestiegen war, nahm der Wind plötzlich zu und
raubte der Kastanie das Laub.
Eines Morgens hörte ich das Eis im Hafen brechen und lief zum
Fenster. Die Schiffe schoben sich zu den Anlegekais, und vor ihnen türmten
sich die Schollen. Die Eulen saßen noch immer an demselben Fleck.
Ich winkte ihnen, aber schon nach kurzer Zeit konnte ich ihren Blick nicht
mehr ertragen. Seitdem waren meine Vorhänge zugezogen, und ich machte
ausgedehnte Spaziergänge unter einem blau gefrorenen Himmel. Die Möwen
jagten hungrig zwischen den hingehauchten Wolken, denn die Fische waren
auf den Grund gesunken.
Wenn ich nach Hause kam, schaute ich auf den Boden, um die Eulen nicht
zu sehen. Ich ging nie sofort in mein Zimmer, sondern schaute noch bei
meinem Nachbarn vorbei. Er lag im Bett, das viel zu kurz war, und schnupfte.
Fast immer hatte er ein Bier im Kühlschrank, das ich mir nehmen durfte.
Ich legte mich zu ihm, und wir hörten Musik, rauchten ein bißchen.
Er hatte die Wände mit Zeitungen aus den Jahren tapeziert, als die
Stadt noch Kristiania hieß.
Wenn das dünne Mädchen aus dem dritten Stock abends nach
Hause kam, luden wir es ein, mit uns zu rauchen. Es saß auf dem Hocker
neben der Tür, und wenn es gut gelaunt war, rieb es seine Beine aneinander,
und wir lauschten dem leisen Zirpen. Am dritten, sechsten und neunten Tag
im Monat blieb das dünne Mädchen nur selten länger als eine
Stunde bei uns – es war mit seinem Liebhaber verabredet, mit dem Mann,
von dem mein Nachbar behauptete, er hätte keine richtigen Augen, sondern
seine Lider seien durchsichtig wie die von Fischen. Ich tippte nur mit
dem Zeigefinger an meine Stirn.
Eines Abends jedoch begegnete ich dem Freund des dünnen Mädchens
auf der Treppe. Ich konnte an seinen Augen nichts Ungewöhnliches feststellen,
aber als er die Stufen in den dritten Stock hinaufstieg, meinte ich ein
Geräusch zu vernehmen, das entsteht, wenn nasse Kleidung aneinanderschlägt.
Als er verschwunden war, entdeckte ich auf dem Absatz einen silbrigen Fisch.
Es kam einer dieser dämmrigen Nachmittage;
Kumuluswolken waren aufgezogen und hatten den Tag bald zum Verlöschen
gebracht. Mein Nachbar lag nicht im Bett wie üblich, sondern stand
am Fenster und erwärmte die Eiskrusten mit einem Streichholz. Er sagte,
im Baum säßen zwei Eulen, und ich nickte. Während ich die
Bierdose öffnete und den Schaum von meinem Handrücken leckte,
drehte er sich zu mir um und blies die Flamme aus. Das Streichholz zerbrach
und rußte seine Finger. Dann holte er eine Schallplatte aus der Hülle,
legte sie auf den Plattenteller und setzte die Nadel in die äußerste
Rille. Wir schwiegen und hörten den ersten Akkorden zu, wie sie ins
Zimmer kratzten. Plötzlich sagte mein Nachbar, er wolle im Hafen beigesetzt
werden. Ich nickte nur, überlegte aber, daß es in dieser Jahreszeit
etwas schwierig werden würde. Kaum hatten die Eisbrecher ihre Arbeit
getan, hatte sich schon wieder eine neue Eisschicht gebildet. Wir hatten
den ersten Eiswinter, seit die Stadt Oslo hieß.
Mein Nachbar ging zu seinem Schrank und kam mit einer Spitzhacke zurück,
die er mir reichte. Damit, sagte er und schickte mich weg.
Die Eulen saßen noch immer in dem Baum. Ich beschloß hinauszugehen,
den Ast abzusägen und mit in mein Zimmer zu nehmen.
Nachdem die Eulenfüße langsam aufgetaut waren und sich von
dem Ast gelöst hatten, setzten sich die beiden Vögel auf meinen
Schrank, und ich fand noch getrocknete Pflaumen und Kirschen, die ich ihnen
gab. Zum Schlafen zogen sie sich in die hinterste Ecke zurück, so
daß ich ungestört aus dem Fenster schauen konnte.
Am ersten Tag, an dem die Eulen in meinem Zimmer saßen und dösten,
klopfte es an die Tür, und bevor ich hereinbitten konnte, stand Thaddäus
Kranz, der Mann aus dem Hinterhaus, im Raum. Er war außer Atem, hustete,
wobei seine Lungen laut pfiffen. Er müsse mit mir reden, unbedingt,
es sei etwas Fürchterliches geschehen. Und er nahm auf meinem Bett
Platz. Ich schielte zu den Eulen hinauf, die aber die Augen weiterhin geschlossen
hielten, und holte ein Glas Wasser. Kranz ignorierte das ihm angebotene
Glas, griff statt dessen in seine Jacke und zog ein Taschentuch heraus,
das er sorgsam entknotete und auseinanderfaltete. Mit einem Schluchzen
legte er es auf mein Bett, nahm die dicke Brille ab und massierte sich
kurz die Schläfen. Mit zusammengekniffenen Augen deutete er auf das,
was in dem Taschentuch eingewickelt und nun sichtbar geworden war. Eine
Scherbe, sagte ich, und Kranz stöhnte. Eine Scherbe, das sei ja richtig,
aber ich solle genauer hinsehen. Ich beugte mich über sie. Es war
eine Milchglasscherbe, leicht gebogen und mit scharf geschliffenem Rand.
Kranz erhob sich und trat ans Fenster. Er hatte seine Brille wieder aufgesetzt
und winkte mich heran. Er zeigte hinaus in den Himmel. Erst nach einer
Weile sah ich, daß er auf die hin und wieder in der dunklen Himmelsmasse
aufblitzenden Mondstücke deutete. Er zerbricht, sagte er, und unter
dem Rand seiner Brille wurde es naß. Dann wickelte er die Scherbe
wieder in das Taschentuch und ging.
An dem Abend, an dem die Eulen zum ersten Mal auf meinem Schrank schliefen,
bin ich zu meinem Nachbarn gegangen. Als ich ihm von Kranz erzählte,
schwieg er. Er hatte Fieber, und wir hörten "Georgia On My Mind".
Als die Eulen in die Mauser kamen und
Federn durch mein Zimmer schneiten, traf ich Thaddäus Kranz im Hof.
Er trug einen Koffer bei sich, machte ein betrübtes und zugleich
geschäftiges Gesicht und übersah mich.
Drei Stunden später klopfte es an meine Tür. Flaum staubte
auf, als Kranz sich ermattet auf mein Bett nieder ließ. Es zwicke
ihn in den Gedärmen, sagte er und hielt sich den Bauch.
Später sah ich ihm nach, wie er den Hausflur entlang lief, das
linke Bein dem rechten nachziehend, und mir war, als begleite ihn ein leises
Klirren – etwa so, als bliese Wind in einen Scherbenhaufen.
Die Eulen knackten Kirsch- und Pflaumenkerne, ich sah zu, wie das Eis
sich zurückzog und Asphalt und zerdrückte Grashalme zum Vorschein
kamen. Kranz sah ich nicht.
Mit der vierten Mauser kamen mir Bedenken, und ich beschloß,
ins Hinterhaus zu gehen. Kranz‘ Tür war nicht verriegelt, und als
auf mein Klopfen keine Antwort kam, trat ich ein. Im gesamten Zimmer waren
Scherben verstreut worden, daß man die Dielen nicht mehr sehen konnte.
Ich rief ein paar Mal nach ihm, aber er war nicht da. Auf dem Tisch lag
seine Brille und daneben ein blaues Glasauge.
Von meinem Schrank herunter, aus der hintersten Ecke drang das Schnarchen
der Eulen. Ich hatte die Tür von Kranz` Zimmer einfach hinter mir
zugezogen und war wieder ins Vorderhaus gegangen. Ich hatte mich ans Fenster
gesetzt und betrachtete nun in der Scheibe mein bleiches Gesicht, das über
dem nächtlichen Hafen schwebte. Ich nahm mir vor, die restlichen Pflaumen
und Kirschen zusammensuchen und sie den Eulen auf den Schrank zu legen.
Und, meine Tasche zu packen.
Die Wolken zerflossen am Morgenhimmel,
als ich die Stadt verließ. Rußflocken schwärzten mir den
Blick auf die zurückbleibenden Häuserzeilen, so daß ich
das Abteilfenster bald schloß. Meine Jacke diente mir als Nackenstütze,
und ich dachte noch kurz an die Eulen, bevor ich einschlief.
Es war früher Abend geworden, und der Himmel hatte sich schimmlig
verfärbt. Der Zug fuhr in einen Bahnhof ein, der nur aus einem Bahnsteig
und einem Bahnhofsvorsteher in einer viel zu großen Uniform bestand.
Ich stieg aus. Es dauerte eine Weile, bis ich das Ortsschild fand. Pavägen.
Pavägen war klein und alt. Dem Kopfsteinpflaster fehlten viele
Steine, die Leute liefen hinkend durch die Straßen . Ich fand ein
Zimmer, dessen Tapete mir ganz gut gefiel. Blaue Streifen. Manchmal stellte
ich mir vor, es sei der Horizont, und ich stände am Hafen von Oslo.
Die Stadt lag in einem Birkental, und auch vor meinem Fenster wuchsen
drei Birken, in deren Kronen die Zwillingstöchter der Vermieter turnten.
Ich konnte sie nicht immer auseinanderhalten; wenn mir nur eine von ihnen
begegnete, wußte ich nie, ob es Milja oder Merja war. Kamen sie mir
zu zweit entgegen, war es nicht schwer. Merja war einen Kopf kleiner als
Milja.
Oft saßen sie im Baum und spähten zu mir herein. Manchmal
standen sie auch im Korridor, wenn ich mein Zimmer verließ. Eines
Tages hatten sie sogar vor meiner Tür gestanden, als ich gerade meinen
täglichen Spaziergang machen wollte. Sie hatten schon eine Weile darauf
gewartet, daß ich herauskommen würde, und hielten mir nun ungeduldig
einen kleinen Beutel entgegen. Als ich ihn nahm, rannten sie davon, und
ich ging, ohne ihn zu öffnen und nachzuschauen, in Richtung Klostergarten.
Es war der erste Mai, und überall in den Bäumen saßen Kinder,
wie weiße Raben, in ihren Sonntagskleidern und stahlen Vogeleier
aus den Nestern. Auch in dem Beutel, den mir die Zwillinge gegeben hatten,
befand sich ein Dutzend daumengroßer Eier, manche grün gesprenkelt,
andere von einem stumpfen Braun. Am ersten Mai gab es in Pavägen eine
Brennesselsuppe mit Eierstich. Die Häuser waren mit Flieder und blühenden
Kirschzweigen geschmückt, Vögel aus buntem Papier in die Bäume
und Laternen gehängt. Auch meine Vermieter luden mich an diesem Tag
ein, mit ihnen zu essen; ich nahm an.
Die Suppenschüssel war leer und es dämmerte. Ich machte
noch einen Rundgang durch den Klostergarten. Die Luft roch nach Nelken.
Ich blieb stehen, um tief durchzuatmen und bemerkte dabei, daß man
vom Mond nur eine Sichelspitze sehen konnte. Aus dem Oleanderstrauch neben
mir drang ein zartes Knacken. Zuerst nur einmal, dann zweimal, und bald
klang es, als zersprängen hunderte Vogeleier zur gleichen Zeit in
ihren Nestern. An diesem Tag vermied ich es, an die Eulen zu denken.
Das blau gestreifte Zimmer teilte ich
bald daraufhin mit einem Pfau. Ich traf ihn ganz zufällig; er stand
unter einem Quittenbaum und schlug Rad. Ich habe zwei Nächte lang
versucht, ihm die Vogeleier unter sein Gefieder zu schieben, während
er schlief, aber jedes Mal hatte er sich von seinem Lager erhoben, war
ein zwei Schritte seitwärts gegangen und hatte sich wieder gesetzt,
ohne zu erwachen.
Wenn er tagsüber im Zimmer auf und nieder ging, zog er das rechte
Bein dem linken nach. Als ich es zum ersten Mal sah, wußte ich noch
nicht, woran ich mich erinnert fühlte. Erst beim zweiten Mal wurde
es mir bewußt. Seitdem mußte ich wieder öfter an die Eulen
denken. An meinen Nachbarn, an das dünne Mädchen aus dem dritten
Stock und seinen Liebhaber. An Thaddäus Kranz. Ich wollte einen Brief
schreiben.
Ich schrieb keinen Brief. Die blauen
Streifen an der Wand irritierten mich. Schaute ich hin, konnte ich meinen
Blick lange nicht mehr von der Tapete wenden. Dabei begann ich zu zittern,
und zu dem Flimmern, das entsteht, wenn man gestreifte Flächen anstarrt,
hörte ich einen sehr hohen, sehr schrillen Ton. Er schmerzte in meinen
Ohren. Wenig später schienen die Streifen sich langsam von der Wand
zu lösen und auf den Boden zu gleiten. Ich schüttelte einige
Male den Kopf wie ein Schwimmer und hoffte, etwas fiele durch meine Ohren
aus meinem Kopf heraus. Es wurde erst besser, als ich das Zimmer verließ.
Ich lief durch Pavägen. Einmal. Zweimal. Bis nur noch ein leises
Summen zurückblieb.
Ich beruhigte mich langsam und wollte wieder zurück in mein Zimmer.
Ich bog in die gammlastan ein und sah ihn. Ich sah seinen Hut, der auf
dem schief gehaltenen Kopf saß, sah, wie er das linke Bein dem rechten
nachzog. Ich sah aber auch das Haus, auf das er zusteuerte. Ich sah durch
ihn durch. Vor mir lief Thaddäus Kranz – ein klarer Eiszapfen in der
Sommersonne. Ich rief ihn. Rief ihn lauter. Schrie. Er drehte sich um,
ich sah sein Gesicht. Sah immer noch gleichzeitig durch ihn durch. Sah
auch den Riß, der durch seinen Hut lief und über seine Stirn
das Gesicht erreichte, sah die Verzweigungen, die der Riß nahm. Sah,
wie Thaddäus Kranz auseinanderbrach. Ich schrie.
Sie sagten, ich sollte im Bett bleiben.
Drei Tage lang tat ich es. Ich wagte nicht zu fragen. Nachdem ich zunächst
im Garten meiner Vermieter geblieben war, begann ich im Wald Blaubeeren
zu sammeln. Zur Beruhigung. Ich war gerade mit einem gefüllten Korb
wiedergekommen, als ich die Nachricht aus Oslo erhielt. Merja, vielleicht
aber auch Milja überreichte mir den Umschlag. Ich hielt den Brief
lange in der Hand, meine Finger hinterließen violette Tupfen auf
dem Papier. Das dünne Mädchen hatte mir geschrieben – meinem
Nachbarn, schrieb es, ginge es nicht gut. Ich las den Brief mehrmals. Von
Thaddäus Kranz schrieb das dünne Mädchen nichts.
Ich wollte abreisen, verschob die Reise aber immer wieder. Es wurde
September. Ich hatte gepackt, meine restliche Monatsmiete gezahlt
und mußte nur noch den Pfau zurück unter den Quittenbaum bringen.
Ich hatte mir von meiner Vermieterin einen Korb ausgeliehen, der groß
genug war, und den Pfau hinein geschoben. Erst unter dem Baum fielen mir
seine spärlichen Schwanzfedern auf. Beim Gehen schaute ich mich noch
einmal um. Der Pfau hatte sich abgewandt und schlug sein löchriges
Rad, die Quitten hingen als kleine, gelbe Tropfen am Baum, und ich dachte
an die Farbe des Hafens.
Bei meiner Ankunft in Oslo schwammen
die ersten Blätter im Hafenbecken. Ich bog in meine Straße ein
und blieb vor dem Hauseingang stehen. Es mußte in den vergangenen
Tagen gestürmt haben; ich betrachtete die geplatzten Kastanienbälle,
aus denen die weißen Früchte quollen; nur wenige hatten bereits
braune Sonnenflecken.
Mein Nachbar lag in seinem Bett, mit einem Tuch auf der Stirn, das
das dünne Mädchen immer wieder mit seinem Zeigefinger berührte,
um zu sehen, ob es noch kühl war. Ich setzte mich auf die Bettkante,
doch er schlief . Ich holte mir ein Bier aus dem Kühlschrank; das
dünne Mädchen gab mir zu verstehen, ich könnte jetzt nichts
tun. Ich ging also hinüber in mein Zimmer. Auf meinem Schrank saßen
sechs Eulen. Die siebte saß unter dem Tisch. Ich schob die Federn
und Eierschalen beiseite, die sich auf der Tischplatte angehäuft hatten,
fand Unterlagen und Rechnungen, auf denen die Eulen ihre Spuren hinterlassen
hatten. Dann begann ich auszupacken. Zwischen meinen Hemden lagen die Eier
aus Pavägen, zerdrückt.
Ich fragte das dünne Mädchen
nach Kranz, aber es schüttelte den Kopf. Auch der Mann mit den Fischaugen
wußte nichts, und ich scheute mich davor, ins Hinterhaus zu gehen.
Meinem Nachbarn ging es nicht besser. Er fieberte nur noch. Wenn das
dünne Mädchen nicht dabei war, legte ich mich zu ihm ins Bett.
Die Nächte wurden kalt; das Laken war von seinem Fieber durchnäßt,
aber ich fror nicht mehr. Wenn ich in den anderen Nächten an meinem
Fenster saß und hinaus schaute, bemerkte ich plötzlich, daß
der Nachthimmel in Oslo kaum Sterne trug.
Am Fünfzehnten starb mein Nachbar.
Wir merkten es erst am späten Abend, das dünne Mädchen kam,
um seine Stirn zu kühlen. Kalt, sagte es, während es die Hand
zurückzog.
Die Spitzhacke brauchten wir nicht, noch hatte es keinen Frost gegeben.
Wir legten ihn auf seine Bettdecke, wickelten ihn darin ein und banden
die Decke mit einem Seil zusammen, damit er uns beim Transport nicht herausrutschte.
Der Liebhaber des dünnen Mädchens und ich trugen ihn zum Hafen,
das dünne Mädchen lief nebenher und leuchtete uns den Weg. Wir
hatten beschlossen, ihn gleich zu bestatten. Die Steine fanden wir dort.
Zudem wußte der Liebhaber des dünnen Mädchens, an
welcher Stelle im Hafen die Strudel besonders stark waren. - Ich hatte
nicht geglaubt, daß etwas so schnell in der Tiefe verschwinden konnte.
Wir hatten keine Blumen und warfen daher Papierschnipsel, die wir in unseren
Taschen fanden, ins Wasser. Das dünne Mädchen wollte mit seinem
Liebhaber noch am Kai stehenbleiben; ich sagte, ich müßte nach
den Eulen sehen und ging. Von meinem Fenster aus konnte ich die beiden
sehen. Sie schimmerten grün im Licht der Straßenlaternen.
Die Herbstnächte in Oslo waren
mondlos und gläsern. Nach dem Fünfzehnten wurde es langsam immer
kälter. Seit ich aus Pavägen zurück war, kam es mir vor,
als würden auch die Menschen zunehmend durchsichtiger, je weiter das
Thermometer auf der Temperaturskala nach unten sank. Mein Gesicht hatte
einen blaßblauen Teint bekommen, und auch das dünne Mädchen
wurde bleicher. Ich stand jeden Morgen auf und suchte bei meinem Spiegelbild
nach Veränderungen. Die Eulen waren durch mein geöffnetes Fenster
in die Kastanie geflogen. Als ich es bemerkte, kletterte ich zu ihnen hinauf
und setzte mich zwischen sie. Der erste Schnee fiel, aber noch verschwanden
die Flocken, sobald sie den Boden berührten.
Anja Frisch, geb. 1976 in Siegen
1995-1997 Studium der Germanistik, Romanistik und Philosophie
in Frankfurt/Main
seit WS 1997 Studentin am Deutschen Literaturinstitut
Leipzig
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