Nr. 18, Oktober 1999
 
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Kommentar
Gastkolumne

 

 

Die zweite Schattinger-Kolumne

Wohin treibt die ZEIT?

Helmut Schmidt geht auf die 90 zu, Marion Gräfin Dönhoff auf die 100. Die "Zeit", deren Herausgeber sie sind (neben Theo Sommer und unter Dieter von Holtzbrinck), ist seit mehr als fünf Jahrzehnten das Zentralorgan intellektuellen Sachverstandes und kultureller Innovation in Deutschland. Kurz gesagt, die Königin unter den Wochenblättern, neben dem Leitwolf "Spiegel" und einem zahnlosen Buntspecht namens "Focus".

Seit dem 16. Lebensjahr beflügelt mich die "Zeit". Ihr Geheimnis hat mich - wie vermutlich tausend andere in diesem Land - zum Journalisten, Schriftsteller und Kino-Liebhaber gemacht. Der "Spiegel" hat mich die oberste journalistische Tugend gelehrt, Zusammenhänge zu entdecken, die "Zeit" hat mir geholfen, diesen Entdeckungen einen eigenwilligen Ausdruck zu verleihen.
Ob die Hauptsadt nun Bonn oder Berlin heißt, die Republik wurde in meinen Augen immer aus München (Strauß) und Hamburg ("Zeit", "Spiegel" und "Stern") mitregiert, jedenfalls geistig.

Nun aber droht die "Zeit" unter die Räder der allgemeinen Medien-Verschröderung zu geraten. Wenn die Beilage "Zeit-Leben" so weitermacht, können wir uns eines Tages sogar Gerhard Schröder als "Zeit"-Herausgeber vorstellen. Josef Joffes Geist schwebt ja schon über der "Zeit". Und Roger de Weck, der klügste Kopf der neuen "Zeit"-Redakteurs-Generation, hat sich in einem Interview mit der "Berliner Zeitung", dessen Anlaß eigentlich die Berufung des 55jährigen Josef Joffe zum Theo-Sommer-Nachfolger als Herausgeber war, feinsinnig entpuppt: "Ich schreibe gerne Leitartikel. Aber nicht solche, die die Welt erklären." Bimmelt sich hier der Abschied vom dramatischen Wagemut und kämpferischen Bewußtsein ein, gepaart mit einem Faible für Machttypen und mangelnder Courage nach oben und innen? De Weck weiter: "Joe Joffe ist ein starker Journalist. Starke Leute sind manchmal unbequem." Merkwürdig auch, welche faktischen Sorgen sich der Chefredakteur um die Definitionsmacht der "Zeit" macht: "Man muß nicht mehr fragen: ‘Was ist liberal?', sondern: ‘Was wirkt sich liberal aus?'." Es muß mit dem Niedergang der FDP als geistiger politischer Macht zu tun haben, daß solche sinnlosen Unterscheidungen salonfähig werden. Man muß nicht mehr fragen! Welch eine verräterische Äußerung für einen liberalen Journalisten! Ihm komme es auf den "anderen Ton" und die andere Wirkung an. Nicht mehr die Welt erklären und nicht mehr fragen: "Was ist liberal?" Da bahnt sich eine journalistische Revolution an.

Fest steht, die "Zeit" ist aus den Fugen. Die neue Beilage "Leben" hat dazu geführt, daß die Leserschaft in drei Lager zerfällt: diejenigen, die die "Zeit" trotz ihrer Beilage "Leben" lesen; diejenigen, die die Beilage gut finden, weil sie sie besser finden als alle anderen Lifestyle- Magazine und weil sie Journalismus sowieso nur unter den Gesichtspunkten kommerzieller Verwertbarkeit goutieren; und schließlich diejenigen, die meinen, daß couragierte Meinungsfreude und journalistige Tiefenbohrung nicht mehr so recht in die Landschaft einer globalisierten Macher-Demokratie gehören.

Was kommt also hinten raus, wenn man die "Zeit" vorn anfängt? Hat man sich durch die teilweise immer noch internationale Klasse der klassischen "Zeit" geackert, wird mit Beginn der Abteilung "Leben" vom ohnehin gestreßten Leser ein Sinn für Beliebigkeit und die Banalisierung des eigenen Blicks verlangt, der das Leben erst recht verwirrend macht.

Was für eine Art Durchblick bietet die Beilage, die wohl als Dessert gedacht war, seit ihrer Gründung vor fünf Monaten?
Schattinger kann hier zu diesem phänomenalen, gut gemeinten Coup nur Anmerkungen machen. Wann immer er in den letzten Monaten mit trotzig engagierten und gefühlsecht gebeutelten Zeitgenossen auf den "Zeit"-Coup zu sprechen kam, stieß er auf Ärger und Kopfschütteln. Oder schwärzesten Sarkasmus à la Harald Schmidt: "Steffi Graf gibt ihre Trennung von ihrem Freund in der ‘Zeit' bekannt. Schäm dich, ‘Bunte'!"

Der Krampf der Kategorien sticht als erstes ins Auge: Fett kündigt sich das "Leben" als eine Mischung von "Reden, Fliehen, Aussehen, Entscheiden und Erinnern" an. Warum ein Beitrag über Nichtwähler unter "Fliehen" angekündigt wird und ein Militärpsychologe und Gewaltforscher sich unter "Entscheiden" ausbreitet und nicht umgekehrt, zeigt die Falle, in die die Redaktion getappt ist. Neben dem aus den USA importierten Layout-Krampf (Fettes tröpfelt wie Maggi auf Schwarzwälder Kirsch über die feinen Seiten) signalisiert die Frontseiten-Kolumne das ganze Elend. Da wird schülerzeitungsmäßig eine "Mitarbeiterin der Woche" vorgestellt. Der albernste Einfall: Arthur Koestler und seine "Sonnenfinsternis" (immerhin drehte es sich um den sowjetischen Gulag) als Mitarbeiter in jener sattsam beliebten Sonnenfinsternis-Woche. Daß diese Rubrik überwiegend als Beliebigkeitshalde genutzt wird, zeigt das zweitalbernste Beispiel: Heribert Prantl, der feurigste Leitartikler der SZ, hatte sich nach der Saarland-Wahl auf die ersten Hochrechnungen verlassen und dabei Klimmts SPD voreilig hochgejubelt. Mitarbeiter der Woche? Quatsch, würde Helmut Schmidt sagen (hat er wahrscheinlich auch).

Ungeheuer gewichtige Vorgänge (wie die Umtriebe einer deutschen Pastorin im amerikanischen High-Tech-Institut MIT) werden ebenso unter dem Titel "MitarbeiterIn der Woche" verwurstet wie Banalitäten des Oktoberfest-Faß-Experten Erich D. und die kleinen Patzer des Leitartiklers Heribert P.

Und so flockig und beliebig kommt das ganze "Leben" daher, ob es nun unter dem unfreiwillig selbtironischen Titel "Alles kalter Kaffee. Und die Erwartung auf ein großes Geschäft" aufkreuzt oder mit jener Verblödungsanmache aufwartet, mit der uns das Lifestyle- Geschreibsel bereits auf den Geist geht: "Ja, wo ist er denn? Pflanzen Sie Ihrem Hund einen Chip ein, und Sie wissen es genau."

Aber seit September gibt es Hoffnung. Das zunächst auf den Hund gekommene "Leben" könnte sich mausern. Schon in den ersten Monaten hatten sich immer wieder mitreißende "Stücke" in die Beilage verirrt. Eines davon sogar Kisch-Preis-würdig: Matthias Greffraths Recherche über "Willy Lohmans Kinder", dann Christiane Grefes großartig vorbereitetes Interview mit der Elefanten-Roman-Autorin Barbara Gowdy, auch Miriam Gebhardts spannendes Lebens-Protokoll der 92jährigen Courage-Queen Maria Jahoda und Dirk Kurbjeweits aufschlußreiche Reportage über die Hintergründe der Yello-Strom-Kampagne.

Kaum hat Schattinger Hoffnung geschöpft, ziehen jedoch erneut düstere Wolken am Himmel der "Zeit" auf - oder sollte es sich um eine Fata Morgana handeln? Josef Joffe, geschätzter Mitarbeiter von "Time" und "New York Times Book Review" und darüber hinaus einer der selbstbewußtesten Journalisten Europas und der "Süddeutschen Zeitung", schlüpft ab 1. Januar 2000 zwischen Marion Dönhoff und Helmut Schmidt ins Herausgebergremium der "Zeit". Mehr als durch seine mangelnde Originalität ist Joffef immer wieder durch die aggressive Gelassenheit seiner Fernsehauftritte aufgefallen. Narziß mit Goldmund, der die Zähne nicht auseinanderkriegt. Wir wissen aus der Psychoanalyse, daß Journalisten, die den Olymp, auf dem sich ihr Selbstgefühl endlich mit der öffentlichen Anerkennung paart, zuweilen von einer wundersamen mittelalterlichen Milde befallen werden. Wünschen wir ihm also genausoviel Lernbereitschaft wie der zunächst versalzenen Beilage "Leben": Eine "Zeit" ohne Schmidt, Sommer und Dönhoff, nur mit Josef Joffe, Roger de Weck (sein Selbstverständnis könnte sich ja noch philosophisch verbreitern) und einem noch viel zu wäßrigen Dessert namens "Leben" wäre kein Fortschritt für die "Zeit". Sie braucht an der Spitze künftig einen umfassend gebildeten Demokratie-Visionär mit aufregender schreiberischer Kraft. Einen Super-Sommer sozusagen.

In diesem Sinne bis zum nächsten Mal
Ihr Schattinger

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