Nr. 18, Oktober 1999
 
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Edgar Allan Poe

Die innerhalb weniger Jahre so merkliche Zunahme an Zeitschriften-Litteratur darf man keineswegs als jenes Anzeichen werten, als das manche Kritiker meinen, es sehen zu müssen - nämlich als ein Anzeichen für den Niedergang des amerikanischen Geschmacks und Schrifttums. Vielmehr ist solche Zunahme blos ein Zeichen der Zeit und der Indicator einer Aera, darin die Menschen sich zur Kürze, zum Concentrat, zum Wohldurchdachten verhalten sehen und nicht mehr die Muße haben zur Lektüre umfänglicher Werke - Zeichen einer Zeit also, darin der Journalismus an die Stelle gelehrter Abhandlungen getreten ist. Wir bedürfen nunmehr der leichten Artillerie des Intellects und nicht mehr seiner schweren Geschütze. Ich möchte nicht unbedingt sagen, daß die Menschen unserer Tage tiefgründiger denken als die Generation vor einem Halbhundert Jahren, doch fraglos denken sie gehetzter, geschickter, tactvoller, methodischer und deshalb weniger gewunden und umständlich als in vergangenen Tagen. Doch abgesehn von all Dem, hat die Menge des zu Ueberdenkenden nun um ein mehr als Beträchtliches zugenommen: die Menschen von heute haben mehr Facten vor sich, die's gedanklich zu bewältigen gilt. Aus diesem Grunde ist man heute darauf aus, ein Maximum an Gedanken auf minimalen Raum zu comprimieren und es auf raschestmöglichem Wege unter die Leute zu bringen.Daher kömmt der Journalismus unserer Zeit, und daher kommen im Besonderen unsre Magazine. Zu viele dürfen es freilich nicht sein - Dies kann als allgemein verbindliche Regel gelten. Was wir aber von ihnen verlangen müssen, ist, daß ihre Meriten sie am Anfang hinreichend lesenswert machen, und daß sie lange genug bestehen bleiben, um uns die Bildung eines gerechten Urteils über ihren Wert zu ermöglichen.

(aus den Marginalien, in: Das gesamte Werk in zehn Bänden, Walter Verlag 1976, Band 10, übs. von Richard Kruse, Friedrich Polakovics und Ursula Wernicke )

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