Nr. 18, Oktober 1999
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Ali Babas Wörter-Höhle

Sicher stand jeder  - also gut: fast jeder oder wenigstens der eine oder andere Übersetzer - schon einmal vor dem Problem, was das Wort "stiff" in der Frage" Did you get it stiff or hard?" bedeutet, und seine verläßlichsten Wörterbücher schweigen ihm nur stumm entgegen. Das OED ist gerade nicht zur Hand, die Internetsuche führt ihn allenfalls zu Nekrophilen, und die Freunde bedauern, überfordert. 

Was tun? Erstens: ruhig bleiben. Zweitens: Im "Dictionary of Phrase and Fable" von E. Cobham Brewer von 1894 nachschlagen. Es steht hier jedem Suchenden zur Verfügung. Die Gast-Website mit dem vielversprechenden Namen "Bibliomania" ist sichtbar noch im Aufbau. Die bisher aufgenommene Werke, Primär- und Sekundärliteratur, sind noch von geringer Zahl, die Auswahl schier zufällig (darunter etwa Clausewitz, "Vom Kriege" oder Freuds "Traumdeutung", natürlich englische Versionen, sowie - wörtlich - "Shakespeare - (In)complete Works"). 

Aber diese Mängel verfliegen wie dünner Nebel vor dem Glanz, den Brewers Wörterbuch ausstrahlt. Es ist ein linguistischer Basar, eine Schatzhöhle der Redensarten, ein sprachlicher Lustgarten. Ein höchst einladender Spazierweg durch die entlegene Wörterwelt des 19. Jahrhunderts.
Und es geht auch wie auf einem Jahrmarkt zu. Nicht alles, was Brewer an Erklärungen bringt, hält einer genaueren Nachprüfung stand. "Gautama" etwa wird in flagranter Unterschätzung als die "oberste Gottheit Burmas" erläutert (dafür werden danach aber die Vier Edlen Wahrheiten korrekt aufgezählt). Und der Ausdruck "a.u.c" heißt nun wirklich nicht "anno urbis conditae", sondern "ab urbe condita" (da stimmt dann wenigstens die sinngemäße Worterklärung). 

Speziell Redensarten sind in paradiesischer Fülle erklärt.
Beispiel "battle": Hier werden nicht nur nur alle fünfzehn "entscheidenden" Schlachten der Weltgeschichte (bis 1894) aufgelistst, sondern sechzehn Ausdrücke und Redewendungen mit diesem Wort, darunter "Battle of the Books" (eine Satire von Jonathan Swift, in der die modernen Bücher in der St. James Library gegen die alten Bücher kämpfen). Ähnlich die endlose Liste der Lemmata mit  "green", von denen die meisten nicht einmal in dem großen Webster stehen, den man vielleicht noch im Regal hat, zum Beispiel "Green Man" (ein Wildhüter), "Green Sea" (der Persische Golf), "Green Thursday" (was tatsächlich Gründonnerstag heißt) oder "Green Wax" (eine beglaubigte Abschrift). Was eine "booby trap" ist, wissen wir. Wir erfahren hier aber auch, daß das ursprünglich ein über der halbgeöffneten Tür angebrachter Eimer mit Wasser war, der dem Opfer ("booby") auf den Kopf fällt.

Mitunter wird man sogar bei fiktiven Namen fündig, etwa bei "Quixada, Guiterre", einer Figur aus "Don Quixote".

Und das "stiff" aus der Eingangsfrage? Es heißt nichts anderes als "in Form eines Schuldscheins" (wobei dann "hard" neudeutsch natürlich "in Cash" heißt, und "stiff" bezieht sich auf die harten Zinsen, die für die Stundung verlangt wurden).

Fazit: Mit besten Gewissen als letzte Zuflucht allen zu empfehlen, die sich intensiv mit englischen Texten bis 1900 beschäftigen (müssen). Aber auch allen bloß neugierigen Spaziergängern.


 
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