"Mein Kampf" im Netz
Während Hitlers Propagandabuch immer wieder mal zum friedlichen
Spottpreis auf Flohmärkten herumliegt, zeigt sich das Berliner Justizministerium
in diesem Sommer - zugegeben: mäßig- erregt darüber.
Nach deutschem Recht ist der Verkauf des Buches in Deutschland verboten
(die Urheberrechte liegen beim Freistaat Bayern). Weshalb amazon.de es
auch nicht anbietet. Über die amerikanische Mutter indes könnte
jeder aufrechte Deutsche sich das Buch bestellen und ins Land liefern lassen.Wenn
er sich jedoch den Urtext erhoffte (was nach dem deutschsprachigen Titel
sein gutes Recht wäre), sähe er sich jedoch getäuscht: Das
angebotene Buch ist eine Übersetzung ins Englische (von Ralph Manheim,
letzte Auflage: Januar 1999). Dafür kriegt er es
aber verbilligt: Amazon bietet den "Kampf" für 14,40 statt achtzehn
Dollar an.
Das Justizministerium prüft derzeit die Rechtslage. Ein unmittelbares
Vorgehen gegen Websites, die nationalsozialistisches Gedankengut verbreiten,
sei nicht geplant. Und der Bertelsmann-Konzern, der mit vierzig Prozent
an barnesandnobles.com beteiligt ist, sieht "einen Konflikt zwischen der
Meinungsfreiheit und unserer Verpflichtung, die Gesellschaft vor totalitären
Einflüssen zu schützen", hat aber jedoch seinen Partner aufgefordert,
keine Nazi-Propaganda nach Deutschland auszuliefern und seinem eigenen
BOL-Laden die Auslieferung auch der englischen und französischen Version
untersagt.
Ein später Tabu-Brecher
Der etwas andere Goethe-Biograph W. Daniel Wilson konnte immerhin einen
Aufmerksamkeitserfolg für sich verbuchen: In seiner April-Rede auf
den Klassiker übernahm der damalige Bundespräsident Herzog eine
der Hauptthesen des Wilson-Buchs "Das Goethe- Tabu", daß der Dichterfürst
im Geheimn Consilium des Weimarer Herzigs im Fall der Kindsmörderin
Anna Catharina Höhne entschieden für die Todesstrafe plädiert
habe. Der Jubilar wäre demnach endgültig als Gegner der Menschenrechte
entlarvt
Aber so neu ist diese Angelegenheit nun auch wieder nicht. "Anders
als Wilson marktschreierisch behauptet", schreibt Jens Bisky im Literaturcafé,
"ist Goethes amtliche Tätigkeit schon immer kritisiert worden - so
glaubte Börne 1830, daß mit dem baldigen Tod des Fürstenknechts
die Freiheit in Deutschland geboren werde. Damals hatte die Kritik an Goethe
politische Relevanz. Aber heute?" Wilsons Buch sei "verwirrt argumentierend"
und "sprachlich kaum erträglich". Professor Müller-Seidel in
München nannte die angeblichen Erkenntnisse seines amerikanischen
Kollegen "bodenlos" und "unglaublich". Und sein Heidelberger Kollege Borchmeyer
warf gar dem Ex-Präsidenten vor, "demagogische Formulierungen" gebraucht
zu haben, die eines Ex-Verfassungsrichters unwürdig seien.
So ist der alte Klassiker (Foto: Goethe-Denkmal in Chicago) ab und
zu doch noch für Irritationen geeignet, wie kurzlebige auch
immer.
Eine neue Eliot-Biographie
"An Imperfect Life" von Lyndall Gordon ist
ein genaues, mehrschichtiges und intellektuell anspruchsvolles Porträt
des Dichters, der 1928, im Alter von vierzig Jahren, mit "The Waste Land"
weltberühmt wurde. Lyndall Gordon hat bereits zwei größere
Eliot-Studien geschrieben sowie Biographien von Charlotte Brontë,
Virginia Woolf und Henry James.
Die Autorin bewundert den Dichter nicht übermäßig,
sie geht aber auch nicht so weit, ihn - wie einige seiner Biographen vor
ihr - zu verabscheuen. Beides, sagt sie in der Vorrede, ist in Eliot miteinander
verschmolzen. Gordon verschweigt also weder seinen Antisemitismus, noch
sein seltsam kaltblütiges Verhältnis zu Frauen oder die "moralische
Agonie" im poetischen Blick auf eine unbegreifbar gewordene Welt. Sie hält
dem aber Eliots unbedingte Suche nach Vollkommenheit entgegen, die ihn
gerade nicht zum zynischen Satiriker werden ließ, sondern zum Schöpfer
einer "visionären Alternative" die auch "die Möglichkeit der
Regeneration" einschließt.
Bessere Zeiten im Iran?
"Wissen kann durch keine Diktatur gefördert werden", sagte Ajatollah
Mohajerani am 11. August in Meshed. Mohajerani ist nicht irgendjemand,
sondern der iranische Minister für Kultur und Islamische Führung.
Und den hoffnungsvollen Satz sprach er zur Eröffnung eines zweitägigen
Seminars über die Geschichte und Zivilisation der Samaniden-Dynasie,
die dem Iran im 10. Jahrhundert eine kulturelle Blütezeit ermöglichte.
Das Wasser im Wein der guten Nachricht ist eine ordentliche Portion
Nationalismus. "Wir haben schon immer Prügel einstecken müssen,
wenn wir der Religion einen zu hohen Stellenwert gaben", sagte Mohajerani
weiter, "und sie gegen die nationalen Werte in Stellung gebracht haben."
Außer fünfundachtzig iranischen Geschichtsgelehrten nahem
an dem Seminar fünfunddreißig Gäste aus den zentralasiatischen
Staaten Tadschikistan, Usbekistan und Turkmenistan sowie Rußland
teil. Was den Verdacht nahelegt, es geht dabei um politisch bewußten
Kulturexport und nicht so sehr um einen sokratischen Dialog.
Aber immerhin.
"Lebensunwertes Leben" in den USA
Die fünfzigjährige Ex-Biologielehrerin und Medizinstudentin
Nancy Gallagher hat in der Geschichte des US-Staates Vermont ein dunkles
Geheimnis entdeckt: In den zwanziger und dreißiger Jahren dieses
Jahrhunderts wurde hier der Plan gefaßt, durch die "Ausmerzung unwerten
Lebens" die genetische Reinheit der alten Pionier-Generation wiederherzustellen.
Im Oktober erscheint ihr Buch, in dem sie ihre Funde darlegt, unter dem
Titel "Breeding Better Vermonters".
Zwölf Jahre lang listeten Wissenschaftler "gute" und "degenerierte"
Familien auf und legten fest, welche sich fortpflanzen dürften und
welche nicht. Dieser Eugenik-Bericht führte 1931 zu einem Sterilisationsgesetz,
auf Grund dessen mehrere Hundert Indianer, verarmte Bauern und andere,
deren Vermehrung unerwünscht war, sterilisiert wurden - angeblich
freiwillig, nur gibt der Bericht nicht an, wie freiwillig.
Vermont war allerdings nur einer der einunddreißig US-Staaten,
in denen solche Sterilisierungsgesetze (für Behinderte und "Schwachsinnige")
in Kraft waren. Die Akten geben keine Auskunst darüber, wie durchgreifend
die Gesetze tatsächlich angewandt wurde. Nach dem Krieg, in den sechziger
und siebziger Jahren, wurden sie wieder abgeschafft.
Maulkorb für türkische Journalistin
Nadire Mater veröffentlichte ein unangenehmes Geheimnis der Türkei
und bekam prompt Schwierigkeiten.
Die Journalistin hatte zweiundvierzig - vorsichtshalber anonymisierte
- Armeeangehörige interviewt, die in den letzten fünfzehn Jahren
im Kampf gegen die Kurden eingesetzt waren, und die Interviews zu "Mehmets
Buch" verarbeitet (so der Titel). Von dem Buch verkauften sich bereits
vierzehntausend Exemplare. Ein kurzlebiger Erfolg: Im Juni wurde das Buch
verboten und die restlichen Exemplare im Verlag beschlagnahmt. Kaum überraschend
in der Türkei: Jeder, der hier eine andere als die regierungsoffiziell
heroische Stellung zum Kurdenkonflikt einnimmt, kann mit derselben Maßnahme
rechnen.
Mater jedoch hatte sich die Kehrseite angesehen: Alle Soldaten hatten
Probleme, sich wieder ins Zivilleben einzugliedern, und viele litten unter
Depressionen; einer berichtete, wie die Armee der Sympathie für Kurden
verdächtige Dörfer niederbrannte ("Wir haben sogar Moscheen angezündet");
einige Soldaten hatten vor Kampfeinsätzen lediglich drei Tage Ausbildung
an der Waffe erhalten ("Sie zeigten uns, wie man auf einen Tisch zielt"),
auch von Grausamkeiten wie abgeschnittenen Körperteilen wird erzählt.
Aber die kommen durchaus auf beiden Seiten vor.
Hinter vorgehaltener Hand wird über diese Dinge in der Türkei
seit langem gesprochen. Aber halt nicht in Büchern.
Effiziente Lektüre
Cary Stayner, des Mordes und der Enthauptung eines jungen Mädchens
im Yosemite Nationalpark angeklagt, hatte bei seiner Verhaftung im Juli
auf einem Nacktbadestrand einen Bestseller im Rucksack: John Saul, "Black
Lightning", erschienen 1995. Das Buch beschreibt eine Frauenmordserie in
Seattle, komplett mit Abbildungen von Leichen, die von Messern und Kettensägen
verunstaltet sind.
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Nicht gerade ein Raketen-Buch
Die Verkäufe der elektronischen Bücher in den
USA sind nach wie vor "enttäuschend" (Martin Eberhard, NuvoMedia).
Aber nicht weil die Menschen etwa nicht mehr lesen wollen, ganz im Gegenteil:
Im letzten Jahr stieg der Absatz der klassischen Papierbücher in den
USA um 6,4 Prozent auf dreiundzwanzig Milliarden Dollar.
Genaue Verkaufszahlen nennen weder SoftBook noch NuvoMedia
(die das Rocket eBook produzieren, das in diesem Herbst auf der Frankfurter
Buchmesse schmackhaft gemacht werden soll). Nach Insiderschätzungen
haben in den letzten zwölf Monaten aber nicht mehr als ein paar tausend
Lesegeräte einen Käufer gefunden. Mehrere andere Geräteanbieter,
darunter GemBook und Librius, haben sich aus dem nicht sehr spannenden
Rennen zurückgezogen, wohingegen zwei andere, GlassBook und EveryBook,
später mitmischen wollen.
Das Angebot an Lesestoff für die Apparate bleibt
mager: Nicht mehr als tausend Titel sind verfügbar - fast alles honorarfreie
Alt-Klassiker.
Internet I: teurer als Buchhandel
Den Slogan, im Internet kaufe man Bücher billiger
als im Buchladen, enthüllt eine Untersuchung aus Seattle als Zweckmärchen.
Die Studie wurde von "Pages: Books, News & Web" angefertigt,
der jüngsten unabhängigen Buchhandlung in Seattle. Die Ergebnisse:
- Fast alle Bücher unter zwanzig Dollar sind im
Buchladen zwischen drei und zweiundzwanzig Prozent billiger als bei einer
Online-Firma. Und da sind die Preisnachlässe von sieben bis acht Prozent,
die Buchhandlungen einem "Frequent Buyer" einräumen, noch nicht mal
mitgerechnet.
- Der Online-Buchhandel arbeitet gern mit übermäßig
rabattierten Lockangeboten von Bestsellern und holt sich das dabei verlorene
Geld über teure Verwaltungs- und Versandkosten wieder herein.
Internet II: verbotene Dumpingpreise
Die amerikanische Buchhändlervereinigung NACS (National
Association of College Stores) hat herausgefunden, daß Internet-Buchhändler
den Verlagen nicht selten bis zu dreißig Prozent weniger für
erhaltene Bücher bezahlen als andere, speziell College-Buchhandlungen.
Die NACS hatte für die Studie siebenhundert Verlage
angeschrieben. Zweihundert haben geantwortet und einige davon zugegeben,
daß sie - oder ihre Grossisten - Internet- Buchhändlern niedrigere
Abgabepreise berechnen als den College-Buchläden. Dies erfülle
den Tatbestand der Diskriminierung, sagt die NACS, und werde wahrscheinlich
zu einer Klage führen. Aber: "Natürlich hoffen wir, wie jeder
andere auch, daß der Streitfall außergerichtlich beigelegt
werden kann."
Josef Joffe hat davon offenbar keine Ahnung. Sonst hätte
er in der SZ nicht diesen Jubelsatz über den Wegfall der Buchpreisbindung
losgelassen: "Computer und Internet schaffen die Markttransparenz, die
der Anfang vom Ende jeglicher Kartell-Bildung ist." Schöne Transparenz.
Aber Joffe wird demnächst Chefredakteur der ZEIT.
Amazon.com gegen New York Times
Nun haben sich die beiden nach knapp fünf Wochen
gerichtlicher Auseinandersetzung geeinigt. Der Online-Buchhandel amazon.con
darf weiter die Bestsellerlisten der New York Times verbreiten (was er
zuvor unerlaubt getan hatte, noch dazu mit einem Preisnachlaß von
fünfzig Prozent), allerdings darf er die Liste nicht in der originalen
Rangfolge, sondern nur in alphabetischer Ordnung verwenden. Im Gegenzug
stellt amazon.com der Zeitung seine listenbezüglichen Verkaufsdaten
zur Verfügung.
Die Vorstrafen des Scientology-Gründers
Scientology mag noch umstritten sein, aber der 1986 verstorbene
Sektengründer LaFayette Ronald Hubbard,
Autor von - unter anderem - "Dianetik", hatte spätestens 1948 gerichtsnotorischen
Dreck am Stecken.
Schon vorher war er den Behörden aufgefallen. Nicht
ohne eigenes Zutun. Im Mai 1940 denunzierte er einen gewissen Walter Fast,
Restaurantchef im New Yorker Knickerbocker Hotel, als anti-amerikanischen,
illegalen deutschen Einwanderer und "definitiven ‘Fünfte Kolonne'-Mann".
Elf Jahre später erbat er sich vom amerikanischen Militärattaché
in Kuba militärischen Schutz: Er werde von Kommunisten verfolgt; man
habe ihn bereits einmal niedergeschlagen, ihm dann eine Spritze ins Herz
gestoßen, um eine tödliche Thrombose auszulösen, und ihm
daraufhin einen Elektroschock versetzt. Diese Kommunisten!
Das Strafregister des Verfolgten enthält vier Einträge.
Im Januar 1943 wurde bereits in Washington gegen ihn ermittelt (der Anlaß
wird nicht genannt), und an Sylvester 1947 wurden in Los Angeles seine
Fingerabdrücke genommen. Unter dem Datum des 17. August 1948 ist ein
bestätigter Diebstahls eingetragen, und der 16. Dezember 1952 vermerkt
seinen finanziellen Bankrott in Philadelphia, Pennsylvania.
Charmant, diese geistig-moralischen Irrungen.
Ideenklau
Ganz normale Einbrecher können es nicht gewesen sein,
die Ende Juni in Cambridge - außer einem CD-Brenner und einem Laptop
- auch eine Festplatte aus dem Wittgenstein-Archiv mitnahmen.
Auf dem Datenträger befand sich die Arbeit von Monaten:
einige von Wittgensteins Werken, computerlesbar aufbereitet. "Der Verlust
dieser Daten", sagte Archivleiter Michael Nedo, "ist niederschmetternd.
Wir sind bereit, für die sichere Rückgabe eine Belohnung auszusetzen,
da der Wert der Informationen und die investierte Arbeit unschätzbar
sind."
Sicherheitskopien der Dateien hat offensichtlich keiner
der fünfzehn damit befaßten Wissenschaftler angelegt. Das zweite
demnächst vollständige Wittgenstein-Archiv - in Bergen
(Norwegen) - war in dieser Hinsicht vorsichtiger: Alle computererfaßten
Daten sind durch Backup-Kopien gesichert.

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