Nr. 17, September 1999
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Wer ist Jon Kenon?

Der bisher unbekannte Autor Jon Kenon hat ein Buch geschrieben. Titel: "Agenten des Todes", eine Art Biographie Radovan Karadzic', des selbstproklamierten Präsidenten der bosnischen Serben-Republik und in Den Haag meistgesuchten Kriegsverbrechers. Das Buch ist soeben, Mitte August, in Serbien herausgekommen.
Ihm zufolge verbringt der arme Flüchtige seine Tage meist in "Holzhütten und Höhlen", ernährt sich von zu weichgekochtem Fleisch und hört sich Schostakowitsch-Platten an. Aber bittesehr: "Er empfindet keine Angst. Sein Gewissen ist rein." Andererseits schreibt er an seine Mutter: "Es ist wahr: Manchmal fühle ich mich einsam und verloren." Nach Den Haag geht er, immer noch in dem Buch, nur im Traum. Darin sieht er sich als Chefankläger gegen die USA, die EU, Deutschland und den Vatikan, denen er "das Verbrechen des Völkermord an meinem serbischen Volk" vorwirft. Es wird ein Traum bleiben.
Jon Kenon, wird vermutet, ist ein Vertrauter aus dem engeren Kreis um Karadzic. Oder Karadzic selbst.
 

"Mein Kampf" im Netz

Während Hitlers Propagandabuch immer wieder mal zum friedlichen Spottpreis auf Flohmärkten herumliegt, zeigt sich das Berliner Justizministerium in diesem Sommer - zugegeben: mäßig- erregt darüber.
Nach deutschem Recht ist der Verkauf des Buches in Deutschland verboten (die Urheberrechte liegen beim Freistaat Bayern). Weshalb amazon.de es auch nicht anbietet. Über die amerikanische Mutter indes könnte jeder aufrechte Deutsche sich das Buch bestellen und ins Land liefern lassen.Wenn er sich jedoch den Urtext erhoffte (was nach dem deutschsprachigen Titel sein gutes Recht wäre), sähe er sich jedoch getäuscht: Das angebotene Buch ist eine Übersetzung ins Englische (von Ralph Manheim, letzte Auflage: Januar 1999). Dafür kriegt er es aber verbilligt: Amazon bietet den "Kampf" für 14,40 statt achtzehn Dollar an. 
Das Justizministerium prüft derzeit die Rechtslage. Ein unmittelbares Vorgehen gegen Websites, die nationalsozialistisches Gedankengut verbreiten, sei nicht geplant. Und der Bertelsmann-Konzern, der mit vierzig Prozent an barnesandnobles.com beteiligt ist, sieht "einen Konflikt zwischen der Meinungsfreiheit und unserer Verpflichtung, die Gesellschaft vor totalitären Einflüssen zu schützen", hat aber jedoch seinen Partner aufgefordert, keine Nazi-Propaganda nach Deutschland auszuliefern und seinem eigenen BOL-Laden die Auslieferung auch der englischen und französischen Version untersagt.
 

Ein später Tabu-Brecher

Der etwas andere Goethe-Biograph W. Daniel Wilson konnte immerhin einen Aufmerksamkeitserfolg für sich verbuchen: In seiner April-Rede auf den Klassiker übernahm der damalige Bundespräsident Herzog eine der Hauptthesen des Wilson-Buchs "Das Goethe- Tabu", daß der Dichterfürst im Geheimn Consilium des Weimarer Herzigs im Fall der Kindsmörderin Anna Catharina Höhne entschieden für die Todesstrafe plädiert habe. Der Jubilar wäre demnach endgültig als Gegner der Menschenrechte entlarvt
Aber so neu ist diese Angelegenheit nun auch wieder nicht. "Anders als Wilson marktschreierisch behauptet", schreibt Jens Bisky im Literaturcafé, "ist Goethes amtliche Tätigkeit schon immer kritisiert worden - so glaubte Börne 1830, daß mit dem baldigen Tod des Fürstenknechts die Freiheit in Deutschland geboren werde. Damals hatte die Kritik an Goethe politische Relevanz. Aber heute?" Wilsons Buch sei "verwirrt argumentierend" und "sprachlich kaum erträglich". Professor Müller-Seidel in München nannte die angeblichen Erkenntnisse seines amerikanischen Kollegen "bodenlos" und "unglaublich". Und sein Heidelberger Kollege Borchmeyer warf gar dem Ex-Präsidenten vor, "demagogische Formulierungen" gebraucht zu haben, die eines Ex-Verfassungsrichters unwürdig seien. 
So ist der alte Klassiker (Foto: Goethe-Denkmal in Chicago) ab und zu doch noch für  Irritationen geeignet, wie kurzlebige auch immer.
 

Eine neue Eliot-Biographie

"An Imperfect Life" von Lyndall Gordon ist ein genaues, mehrschichtiges und intellektuell anspruchsvolles Porträt des Dichters, der 1928, im Alter von vierzig Jahren, mit "The Waste Land" weltberühmt wurde. Lyndall Gordon hat bereits zwei größere Eliot-Studien geschrieben sowie Biographien von Charlotte Brontë, Virginia Woolf und Henry James.
Die Autorin bewundert den Dichter nicht übermäßig, sie geht aber auch nicht so weit, ihn - wie einige seiner Biographen vor ihr - zu verabscheuen. Beides, sagt sie in der Vorrede, ist in Eliot miteinander verschmolzen. Gordon verschweigt also weder seinen Antisemitismus, noch sein seltsam kaltblütiges Verhältnis zu Frauen oder die "moralische Agonie" im poetischen Blick auf eine unbegreifbar gewordene Welt. Sie hält dem aber Eliots unbedingte Suche nach Vollkommenheit entgegen, die ihn gerade nicht zum zynischen Satiriker werden ließ, sondern zum Schöpfer einer "visionären Alternative" die auch "die Möglichkeit der Regeneration" einschließt.
 

Bessere Zeiten im Iran?

"Wissen kann durch keine Diktatur gefördert werden", sagte Ajatollah Mohajerani am 11. August in Meshed. Mohajerani ist nicht irgendjemand, sondern der iranische Minister für Kultur und Islamische Führung. Und den hoffnungsvollen Satz sprach er zur Eröffnung eines zweitägigen Seminars über die Geschichte und Zivilisation der Samaniden-Dynasie, die dem Iran im 10. Jahrhundert eine kulturelle Blütezeit ermöglichte.
Das Wasser im Wein der guten Nachricht ist eine ordentliche Portion Nationalismus. "Wir haben schon immer Prügel einstecken müssen, wenn wir der Religion einen zu hohen Stellenwert gaben", sagte Mohajerani weiter, "und sie gegen die nationalen Werte in Stellung gebracht haben."
Außer fünfundachtzig iranischen Geschichtsgelehrten nahem an dem Seminar fünfunddreißig Gäste aus den zentralasiatischen Staaten Tadschikistan, Usbekistan und Turkmenistan sowie Rußland teil. Was den Verdacht nahelegt, es geht dabei um politisch bewußten Kulturexport und nicht so sehr um einen sokratischen Dialog.
Aber immerhin.
 

"Lebensunwertes Leben" in den USA

Die fünfzigjährige Ex-Biologielehrerin und Medizinstudentin Nancy Gallagher hat in der Geschichte des US-Staates Vermont ein dunkles Geheimnis entdeckt: In den zwanziger und dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts wurde hier der Plan gefaßt, durch die "Ausmerzung unwerten Lebens" die genetische Reinheit der alten Pionier-Generation wiederherzustellen. Im Oktober erscheint ihr Buch, in dem sie ihre Funde darlegt, unter dem Titel "Breeding Better Vermonters".
Zwölf Jahre lang listeten Wissenschaftler "gute" und "degenerierte" Familien auf und legten fest, welche sich fortpflanzen dürften und welche nicht. Dieser Eugenik-Bericht führte 1931 zu einem Sterilisationsgesetz, auf Grund dessen mehrere Hundert Indianer, verarmte Bauern und andere, deren Vermehrung unerwünscht war, sterilisiert wurden - angeblich freiwillig, nur gibt der Bericht nicht an, wie freiwillig.
Vermont war allerdings nur einer der einunddreißig US-Staaten, in denen solche Sterilisierungsgesetze (für Behinderte und "Schwachsinnige") in Kraft waren. Die Akten geben keine Auskunst darüber, wie durchgreifend die Gesetze tatsächlich angewandt wurde. Nach dem Krieg, in den sechziger und siebziger Jahren, wurden sie wieder abgeschafft.
 

Maulkorb für türkische Journalistin

Nadire Mater veröffentlichte ein unangenehmes Geheimnis der Türkei und bekam prompt Schwierigkeiten. 
Die Journalistin hatte zweiundvierzig - vorsichtshalber anonymisierte - Armeeangehörige interviewt, die in den letzten fünfzehn Jahren im Kampf gegen die Kurden eingesetzt waren, und die Interviews zu "Mehmets Buch" verarbeitet (so der Titel). Von dem Buch verkauften sich bereits vierzehntausend Exemplare. Ein kurzlebiger Erfolg: Im Juni wurde das Buch verboten und die restlichen Exemplare im Verlag beschlagnahmt. Kaum überraschend in der Türkei: Jeder, der hier eine andere als die regierungsoffiziell heroische Stellung zum Kurdenkonflikt einnimmt, kann mit derselben Maßnahme rechnen.
Mater jedoch hatte sich die Kehrseite angesehen: Alle Soldaten hatten Probleme, sich wieder ins Zivilleben einzugliedern, und viele litten unter Depressionen; einer berichtete, wie die Armee der Sympathie für Kurden verdächtige Dörfer niederbrannte ("Wir haben sogar Moscheen angezündet"); einige Soldaten hatten vor Kampfeinsätzen lediglich drei Tage Ausbildung an der Waffe erhalten ("Sie zeigten uns, wie man auf einen Tisch zielt"), auch von Grausamkeiten wie abgeschnittenen Körperteilen wird erzählt. Aber die kommen durchaus auf beiden Seiten vor. 
Hinter vorgehaltener Hand wird über diese Dinge in der Türkei seit langem gesprochen. Aber halt nicht in Büchern.
 

Effiziente Lektüre

Cary Stayner, des Mordes und der Enthauptung eines jungen Mädchens im Yosemite Nationalpark angeklagt, hatte bei seiner Verhaftung im Juli auf einem Nacktbadestrand einen Bestseller im Rucksack: John Saul, "Black Lightning", erschienen 1995. Das Buch beschreibt eine Frauenmordserie in Seattle, komplett mit Abbildungen von Leichen, die von Messern und Kettensägen verunstaltet sind.
 


Nicht gerade ein Raketen-Buch

Die Verkäufe der elektronischen Bücher in den USA sind nach wie vor "enttäuschend" (Martin Eberhard, NuvoMedia). Aber nicht weil die Menschen etwa nicht mehr lesen wollen, ganz im Gegenteil: Im letzten Jahr stieg der Absatz der klassischen Papierbücher in den USA um 6,4 Prozent auf dreiundzwanzig Milliarden Dollar.
Genaue Verkaufszahlen nennen weder SoftBook noch NuvoMedia (die das Rocket eBook produzieren, das in diesem Herbst auf der Frankfurter Buchmesse schmackhaft gemacht werden soll). Nach Insiderschätzungen haben in den letzten zwölf Monaten aber nicht mehr als ein paar tausend Lesegeräte einen Käufer gefunden. Mehrere andere Geräteanbieter, darunter GemBook und Librius, haben sich aus dem nicht sehr spannenden Rennen zurückgezogen, wohingegen zwei andere, GlassBook und EveryBook, später mitmischen wollen.
Das Angebot an Lesestoff für die Apparate bleibt mager: Nicht mehr als tausend Titel sind verfügbar - fast alles honorarfreie Alt-Klassiker.
 

Internet I: teurer als Buchhandel

Den Slogan, im Internet kaufe man Bücher billiger als im Buchladen, enthüllt eine Untersuchung aus Seattle als Zweckmärchen.
Die Studie wurde von "Pages: Books, News & Web" angefertigt, der jüngsten unabhängigen Buchhandlung in Seattle. Die Ergebnisse:
- Fast alle Bücher unter zwanzig Dollar sind im Buchladen zwischen drei und zweiundzwanzig Prozent billiger als bei einer Online-Firma. Und da sind die Preisnachlässe von sieben bis acht Prozent, die Buchhandlungen einem "Frequent Buyer" einräumen, noch nicht mal mitgerechnet.
- Der Online-Buchhandel arbeitet gern mit übermäßig rabattierten Lockangeboten von Bestsellern und holt sich das dabei verlorene Geld über teure Verwaltungs- und Versandkosten wieder herein.
 

Internet II: verbotene Dumpingpreise

Die amerikanische Buchhändlervereinigung NACS (National Association of College Stores) hat herausgefunden, daß Internet-Buchhändler den Verlagen nicht selten bis zu dreißig Prozent weniger für erhaltene Bücher bezahlen als andere, speziell College-Buchhandlungen. 
Die NACS hatte für die Studie siebenhundert Verlage angeschrieben. Zweihundert haben geantwortet und einige davon zugegeben, daß sie - oder ihre Grossisten - Internet- Buchhändlern niedrigere Abgabepreise berechnen als den College-Buchläden. Dies erfülle den Tatbestand der Diskriminierung, sagt die NACS, und werde wahrscheinlich zu einer Klage führen. Aber: "Natürlich hoffen wir, wie jeder andere auch, daß der Streitfall außergerichtlich beigelegt werden kann." 
Josef Joffe hat davon offenbar keine Ahnung. Sonst hätte er in der SZ nicht diesen Jubelsatz über den Wegfall der Buchpreisbindung losgelassen: "Computer und Internet schaffen die Markttransparenz, die der Anfang vom Ende jeglicher Kartell-Bildung ist."  Schöne Transparenz.
Aber Joffe wird demnächst Chefredakteur der ZEIT.
 

Amazon.com gegen New York Times

Nun haben sich die beiden nach knapp fünf Wochen gerichtlicher Auseinandersetzung geeinigt. Der Online-Buchhandel amazon.con darf weiter die Bestsellerlisten der New York Times verbreiten (was er zuvor unerlaubt getan hatte, noch dazu mit einem Preisnachlaß von fünfzig Prozent), allerdings darf er die Liste nicht in der originalen Rangfolge, sondern nur in alphabetischer Ordnung verwenden. Im Gegenzug stellt amazon.com der Zeitung seine listenbezüglichen Verkaufsdaten zur Verfügung.
 

Die Vorstrafen des Scientology-Gründers

Scientology mag noch umstritten sein, aber der 1986 verstorbene Sektengründer LaFayette Ronald Hubbard, Autor von - unter anderem - "Dianetik", hatte spätestens 1948 gerichtsnotorischen Dreck am Stecken.
Schon vorher war er den Behörden aufgefallen. Nicht ohne eigenes Zutun. Im Mai 1940 denunzierte er einen gewissen Walter Fast, Restaurantchef im New Yorker Knickerbocker Hotel, als anti-amerikanischen, illegalen deutschen Einwanderer und "definitiven ‘Fünfte Kolonne'-Mann". Elf Jahre später erbat er sich vom amerikanischen Militärattaché in Kuba militärischen Schutz: Er werde von Kommunisten verfolgt; man habe ihn bereits einmal niedergeschlagen, ihm dann eine Spritze ins Herz gestoßen, um eine tödliche Thrombose auszulösen, und ihm daraufhin einen Elektroschock versetzt. Diese Kommunisten!
Das Strafregister des Verfolgten enthält vier Einträge. Im Januar 1943 wurde bereits in Washington gegen ihn ermittelt (der Anlaß wird nicht genannt), und an Sylvester 1947 wurden in Los Angeles seine Fingerabdrücke genommen. Unter dem Datum des 17. August 1948 ist ein bestätigter Diebstahls eingetragen, und der 16. Dezember 1952 vermerkt seinen finanziellen Bankrott in Philadelphia, Pennsylvania.
Charmant, diese geistig-moralischen Irrungen.
 

Ideenklau

Ganz normale Einbrecher können es nicht gewesen sein, die Ende Juni in Cambridge - außer einem CD-Brenner und einem Laptop - auch eine Festplatte aus dem Wittgenstein-Archiv mitnahmen. 
Auf dem Datenträger befand sich die Arbeit von Monaten: einige von Wittgensteins Werken, computerlesbar aufbereitet. "Der Verlust dieser Daten", sagte Archivleiter Michael Nedo, "ist niederschmetternd. Wir sind bereit, für die sichere Rückgabe eine Belohnung auszusetzen, da der Wert der Informationen und die investierte Arbeit unschätzbar sind."
Sicherheitskopien der Dateien hat offensichtlich keiner der fünfzehn damit befaßten Wissenschaftler angelegt. Das zweite demnächst vollständige Wittgenstein-Archiv  - in Bergen (Norwegen) - war in dieser Hinsicht vorsichtiger: Alle computererfaßten Daten sind durch Backup-Kopien gesichert.

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