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Matthias Falke
Sehr geehrter Herr Leupold,
ich muß Ihnen wohl zunächst und trotz allem danken für
die Zusendung ihrer 'Sämtlichen Werke' sowie ihrer Autobiographie,
die sicherlich sehr nett gemeint war; das Paket war an meine Schwester
adressiert und ist auf etwas umständliche Weise, die hier zu erläutern
zu weit führen würde, in meine Hände gelangt. Aus Gründen,
die sich Ihnen im Lauf meines Schreibens erhellen werden - denn ich werde
ja doch, wie man so sagt, etwas weiter ausholen müssen -, habe ich
mir erlaubt, die umfangreiche Lieferung zu öffnen und auch Ihre Schriften
einzusehen.
Ihre Selbstbiographie - um mit dieser zu beginnen - habe ich nicht
ohne ein erschütterndes Befremden gelesen, das sie nach meinen Ausführungen
besser verstehen werden. Sie schildern darin sehr eindringlich und auf
romanhafte Weise, die man gefällig oder selbst literarisch nennen
könnte, wenn es sich eben um eine reine Fiktion handelte - welcher
Möglichkeit sie allerdings von Anfang an auf das schärfste entgegentreten
-, wie sie sich in Gymnasiastentagen, also vor mehr als vier Jahrzehnten,
in meine Schwester, die offensichtlich das gleiche Lyzeum wie Sie besuchte,
verliebten und eine kurze, aber letztlich - glücklicherweise, wie
ich bemerken muß - folgen- und ergebnislose Romanze mit ihr erlebten.
Der gleichsam beamtenhaften Genauigkeit, die auch vor Peinlichkeiten nicht
zurückschreckt, mit der sie jeden gemeinsamen Spaziergang, jeden Kino-
und Galeriebesuch wiedergeben und dem Leser auch die Teilnahme an quälenden
Räsonnements und die Schilderung zaghaftester Zärtlichkeiten
- über pubertäre Küßchen scheint die Sache ja gottlob
nicht hinausgekommen zu sein -, nicht ersparen, steht die völlige
Hilflosigkeit Ihrer Person und Ihre geradezu groteske Unfähigkeit,
sich zu erklären und zur Formulierung einer dauerhaften Beziehung
zu finden, komplementär zur Seite. Nun, sei's drum; die Jugendverirrungen
meiner Schwester gehen mich nichts an und gottlob, ich muß es wiederholen,
ist ja nichts daraus geworden.
Wenn Sie nun aber anfangen, Ihren weiteren Werdegang zu schildern,
der auf sonderbare und für den Außenstehenden weder erklär-
noch erträglich nachvollziehbare Weise aus dem völligen Sich-Versagen
gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft - in dem sich unschwer
ein nur notdürftig kaschiertes Scheitern erkennen läßt
- und pseudokünstlerischer Überheblichkeit zusammengeschustert
ist, so ist es mit der Geduld des Lesers bald zu Ende. Vor allem aber Ihre
infame und unverschämte Behauptung, sie hätten ihr gesamtes späteres
Leben heimlich - sie nennen es natürlich 'ideell' - auf meine Schwester
'ausgerichtet' und Ihr sogenanntes 'Werk', das allerdings weitgehend unbeachtet
von der literarischen Öffentlichkeit entstanden - ich habe mich informiert
- und nur in entlegenen Verlagen erschienen ist, über deren Seriosität
zu spekulieren mir nicht ansteht, verfaßt, um es ihr eines Tages
als 'Summe eines sehnsuchtsvollen Lebens' zu Füßen zu legen,
ist schlechterdings widerlich und geschmacklos und kann von mir - und ich
spreche hier im Namen unserer gesamten Familie - nicht akzeptiert werden.
Ihre Bemerkung, meine Schwester habe ja sicher oft an Sie gedacht und sich
der gemeinsamen Jugend erinnert, ist schlichtweg falsch und bezeugt lediglich
Ihr gestörtes Verhältnis zur Wirklichkeit, das allerdings bei
einem Mann, der mit einem absonderlichen Stolz beschreibt, wie er sein
ganzes Leben 'jenseits der Anzapfungen durch die massenmediale Verdummung'
geführt hat, und der weder Telephon noch Auto besitzt oder je besessen
hat - letzteres, wie ich mit grimmiger Zustimmung einfügen darf, völlig
zu recht, steht doch der Kraftwagen als gleichzeitiges Mittel und Symbol
unserer modernen, geistigen wie räumlichen Mobilität einem weltfremden
Schriftsteller wie Ihnen, der ein verquastes Ideal von 'Autorschaft' zusammendestilliert,
wirklich und wahrhaftig gar nicht zu - nicht überrascht.
Meine Schwester hat ein glückliches und im positiven Sinne - auch
wenn Sie sicher in Frage stellen würden, daß es das gibt - normales
Leben geführt. Nach dem Studium und dem Wegzug aus ihrer Heimatstadt
hat sie einen angesehenen Industriellen geheiratet, dem sie zwei gesunde
und begabte Kinder schenkte. Das Milieu ihrer Schulzeit hat sie schnell
aus den Augen verloren und überhaupt wohl weitgehend vergessen. Ich
entsinne mich - und die Anekdote möge zur Widerlegung Ihrer Unterstellungen
genügen -, wie eine ihrer ehemaligen Freundinnen uns besuchte und
von einem Klassentreffen erzählte, an dem meine Schwester aufgrund
ihrer zweiten Schwangerschaft nicht teilnehmen konnte, das sie aber auch
gar nicht interessierte. Mit dem gleichen Desinteresse begegnete sie nun
auch den Klatschgeschichten ihrer Freundin; an die wenigsten Namen konnte
sie sich noch erinnern, und auch der Weißt-du-noch-Tratsch über
die Abenteuer der Abiturszeit schien ihr nichts mehr zu sagen; sie war
eine reife, erwachsene Frau, die als Gattin und Mutter wie auch als Teilhaberin
an der Firma ihres Mannes fest im Leben stand. Übrigens erinnere ich
mich jetzt, daß damals auch Ihr Name fiel, mit dem meine Schwester
aber nichts mehr zu verbinden wußte; selbst nach mehrfachem Einhelfen
ihrer Freundin gab ihr Gedächtnis nur noch her, daß Sie damals
wohl zu einer Clique von Saufbolden und Rabauken gehörten. Mehr war
es nicht!
Nun, im Alter von noch nicht vierzig Jahren, also vor mittlerweile
über zwei Jahrzehnten, kam meine liebe Schwester bei einem furchtbaren
Autounfall ums Leben, es war für uns alle, Eltern und Geschwister,
besonders natürlich auch für ihren Mann und die beiden damals
halbwüchsigen Kinder, ein entsetzlicher Schock, der nur nach langer
Zeit und im engen Zusammenhalt der Familie - was Sie asozialer, pseudo-elitärer
Einzelgänger ja gar nicht kennen - zu überwinden war. Ihr Mann
hat bald darauf zum zweiten Mal geheiratet, allein schon, um den Kindern
zumindest äußerlich die Mutter zu ersetzen und im Alltag die
Normalität wiederherzustellen. Das Kapital und die nicht unerhebliche
Lebensversicherung meiner Schwester kamen dem Unternehmen des Witwers zugute,
der im Gegenzug den Kindern - die inzwischen beide glanzvolle Karrieren
absolvieren - das Studium an in- und ausländischen Universitäten
ermöglichte. Daß Sie, der Sie doch angeblich das Leben meiner
Schwester zum 'Flucht- und Bezugspunkt' des Ihren nahmen, von diesem Unglück
nichts erfahren haben, läßt sich nur durch Ihre verschrobene
Zurückgezogenheit erklären und wirft erneut ein fatales Licht
auf die Daseinsferne Ihrer fragwürdigen 'Autorschaft'.
Ich sende Ihnen Ihre 'Sämtlichen Werke', die ich nach kurzer Durchsicht
für ungenießbar ansehen mußte, zurück; ich bin Prokurist
und habe keine Zeit, mich mit wie immer gearteter 'Literatur' zu befassen.
Ihre Biographie habe ich mir erlaubt für unser Familienarchiv zu behalten,
weniger der darin ausgemalten Verklemmtheiten wegen - bilden Sie sich darauf
nichts ein! - als einzig aufgrund der Tatsache, daß bestimmte äußere
Ereignisse des Bildungsweges meiner Schwester Gretha darin dokumentiert
werden, die auch für die nachfolgenden Generationen von Interesse
sein mögen.
Mit ergebenem Gruß - Dr.jur. Rüdiger von Freyhold.
PS: Bitte belästigen Sie uns in Zukunft nicht weiter! RvF.
(Der Brief ist ein Auszug aus der Kurzerzählung "Lothar"
von Matthias Falke)
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