Nr. 17, September 1999
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Die Marginalie
 

 

Matthias Falke

Sehr geehrter Herr Leupold,

ich muß Ihnen wohl zunächst und trotz allem danken für die Zusendung ihrer 'Sämtlichen Werke' sowie ihrer Autobiographie, die sicherlich sehr nett gemeint war; das Paket war an meine Schwester adressiert und ist auf etwas umständliche Weise, die hier zu erläutern zu weit führen würde, in meine Hände gelangt. Aus Gründen, die sich Ihnen im Lauf meines Schreibens erhellen werden - denn ich werde ja doch, wie man so sagt, etwas weiter ausholen müssen -, habe ich mir erlaubt, die umfangreiche Lieferung zu öffnen und auch Ihre Schriften einzusehen. 
Ihre Selbstbiographie - um mit dieser zu beginnen - habe ich nicht ohne ein erschütterndes Befremden gelesen, das sie nach meinen Ausführungen besser verstehen werden. Sie schildern darin sehr eindringlich und auf romanhafte Weise, die man gefällig oder selbst literarisch nennen könnte, wenn es sich eben um eine reine Fiktion handelte - welcher Möglichkeit sie allerdings von Anfang an auf das schärfste entgegentreten -, wie sie sich in Gymnasiastentagen, also vor mehr als vier Jahrzehnten, in meine Schwester, die offensichtlich das gleiche Lyzeum wie Sie besuchte, verliebten und eine kurze, aber letztlich - glücklicherweise, wie ich bemerken muß - folgen- und ergebnislose Romanze mit ihr erlebten. Der gleichsam beamtenhaften Genauigkeit, die auch vor Peinlichkeiten nicht zurückschreckt, mit der sie jeden gemeinsamen Spaziergang, jeden Kino- und Galeriebesuch wiedergeben und dem Leser auch die Teilnahme an quälenden Räsonnements und die Schilderung zaghaftester Zärtlichkeiten - über pubertäre Küßchen scheint die Sache ja gottlob nicht hinausgekommen zu sein -, nicht ersparen, steht die völlige Hilflosigkeit Ihrer Person und Ihre geradezu groteske Unfähigkeit, sich zu erklären und zur Formulierung einer dauerhaften Beziehung zu finden, komplementär zur Seite. Nun, sei's drum; die Jugendverirrungen meiner Schwester gehen mich nichts an und gottlob, ich muß es wiederholen, ist ja nichts daraus geworden. 
Wenn Sie nun aber anfangen, Ihren weiteren Werdegang zu schildern, der auf sonderbare und für den Außenstehenden weder erklär- noch erträglich nachvollziehbare Weise aus dem völligen Sich-Versagen gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft - in dem sich unschwer ein nur notdürftig kaschiertes Scheitern erkennen läßt - und pseudokünstlerischer Überheblichkeit zusammengeschustert ist, so ist es mit der Geduld des Lesers bald zu Ende. Vor allem aber Ihre infame und unverschämte Behauptung, sie hätten ihr gesamtes späteres Leben heimlich - sie nennen es natürlich 'ideell' - auf meine Schwester 'ausgerichtet' und Ihr sogenanntes 'Werk', das allerdings weitgehend unbeachtet von der literarischen Öffentlichkeit entstanden - ich habe mich informiert - und nur in entlegenen Verlagen erschienen ist, über deren Seriosität zu spekulieren mir nicht ansteht, verfaßt, um es ihr eines Tages als 'Summe eines sehnsuchtsvollen Lebens' zu Füßen zu legen, ist schlechterdings widerlich und geschmacklos und kann von mir - und ich spreche hier im Namen unserer gesamten Familie - nicht akzeptiert werden. Ihre Bemerkung, meine Schwester habe ja sicher oft an Sie gedacht und sich der gemeinsamen Jugend erinnert, ist schlichtweg falsch und bezeugt lediglich Ihr gestörtes Verhältnis zur Wirklichkeit, das allerdings bei einem Mann, der mit einem absonderlichen Stolz beschreibt, wie er sein ganzes Leben 'jenseits der Anzapfungen durch die massenmediale Verdummung' geführt hat, und der weder Telephon noch Auto besitzt oder je besessen hat - letzteres, wie ich mit grimmiger Zustimmung einfügen darf, völlig zu recht, steht doch der Kraftwagen als gleichzeitiges Mittel und Symbol unserer modernen, geistigen wie räumlichen Mobilität einem weltfremden Schriftsteller wie Ihnen, der ein verquastes Ideal von 'Autorschaft' zusammendestilliert, wirklich und wahrhaftig gar nicht zu - nicht überrascht. 
Meine Schwester hat ein glückliches und im positiven Sinne - auch wenn Sie sicher in Frage stellen würden, daß es das gibt - normales Leben geführt. Nach dem Studium und dem Wegzug aus ihrer Heimatstadt hat sie einen angesehenen Industriellen geheiratet, dem sie zwei gesunde und begabte Kinder schenkte. Das Milieu ihrer Schulzeit hat sie schnell aus den Augen verloren und überhaupt wohl weitgehend vergessen. Ich entsinne mich - und die Anekdote möge zur Widerlegung Ihrer Unterstellungen genügen -, wie eine ihrer ehemaligen Freundinnen uns besuchte und von einem Klassentreffen erzählte, an dem meine Schwester aufgrund ihrer zweiten Schwangerschaft nicht teilnehmen konnte, das sie aber auch gar nicht interessierte. Mit dem gleichen Desinteresse begegnete sie nun auch den Klatschgeschichten ihrer Freundin; an die wenigsten Namen konnte sie sich noch erinnern, und auch der Weißt-du-noch-Tratsch über die Abenteuer der Abiturszeit schien ihr nichts mehr zu sagen; sie war eine reife, erwachsene Frau, die als Gattin und Mutter wie auch als Teilhaberin an der Firma ihres Mannes fest im Leben stand. Übrigens erinnere ich mich jetzt, daß damals auch Ihr Name fiel, mit dem meine Schwester aber nichts mehr zu verbinden wußte; selbst nach mehrfachem Einhelfen ihrer Freundin gab ihr Gedächtnis nur noch her, daß Sie damals wohl zu einer Clique von Saufbolden und Rabauken gehörten. Mehr war es nicht!
Nun, im Alter von noch nicht vierzig Jahren, also vor mittlerweile über zwei Jahrzehnten, kam meine liebe Schwester bei einem furchtbaren Autounfall ums Leben, es war für uns alle, Eltern und Geschwister, besonders natürlich auch für ihren Mann und die beiden damals halbwüchsigen Kinder, ein entsetzlicher Schock, der nur nach langer Zeit und im engen Zusammenhalt der Familie - was Sie asozialer, pseudo-elitärer Einzelgänger ja gar nicht kennen - zu überwinden war. Ihr Mann hat bald darauf zum zweiten Mal geheiratet, allein schon, um den Kindern zumindest äußerlich die Mutter zu ersetzen und im Alltag die Normalität wiederherzustellen. Das Kapital und die nicht unerhebliche Lebensversicherung meiner Schwester kamen dem Unternehmen des Witwers zugute, der im Gegenzug den Kindern - die inzwischen beide glanzvolle Karrieren absolvieren - das Studium an in- und ausländischen Universitäten ermöglichte. Daß Sie, der Sie doch angeblich das Leben meiner Schwester zum 'Flucht- und Bezugspunkt' des Ihren nahmen, von diesem Unglück nichts erfahren haben, läßt sich nur durch Ihre verschrobene Zurückgezogenheit erklären und wirft erneut ein fatales Licht auf die Daseinsferne Ihrer fragwürdigen 'Autorschaft'. 
Ich sende Ihnen Ihre 'Sämtlichen Werke', die ich nach kurzer Durchsicht für ungenießbar ansehen mußte, zurück; ich bin Prokurist und habe keine Zeit, mich mit wie immer gearteter 'Literatur' zu befassen. Ihre Biographie habe ich mir erlaubt für unser Familienarchiv zu behalten, weniger der darin ausgemalten Verklemmtheiten wegen - bilden Sie sich darauf nichts ein! - als einzig aufgrund der Tatsache, daß bestimmte äußere Ereignisse des Bildungsweges meiner Schwester Gretha darin dokumentiert werden, die auch für die nachfolgenden Generationen von Interesse sein mögen.

Mit ergebenem Gruß - Dr.jur. Rüdiger von Freyhold.

PS: Bitte belästigen Sie uns in Zukunft nicht weiter! RvF.

(Der Brief ist ein Auszug aus der Kurzerzählung "Lothar" von Matthias Falke)

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