| PAUL BOWLES, 1938
Scene III
Sometimes the fever comes back and I can see the mountains,
the morning heavy with nuns walking
and the hypodermics of hunger,
the rapacious trees, the false waterfalls shining with spiders,
the vines of silence.
I see the same deaf mountains, their mouths stuffed with snow,
and I move my fingers a bit, even so
I need help.
Sometimes the fever strolls at evening in the suburbs.
Sometimes there is only one mountain, right above our heads.
At noon the rain begins. The horses hide among the rocks,
and the idiot sea is there.
I need help from time to time.
"That day two thousand men perished there on the endless shore."
For us: sharks, tin, stagnant water.
Eight sicknesses come in the night
as the scorpion clings to the ceiling.
For us: barbed wire, open mouths, dry blood,
the hairy flowers of the tarantulas
and the constant sightless eye
of time, frozen in the air.
The wind in fragments drops
down the mountain passes.
We must scream without respite –
he who stops is lost.
aus: Paul Bowles, Next to Nothing, Santa Barbara 1981
Szene III
Manchmal kommt das fieber wieder, und ich kann die berge sehen,
den morgen, trächtig von geschäftigen nonnen,
und die spritzen für den hunger,
die raffgierigen bäume, die falschen wasserfälle aus glänzigen
spinnen,
die kletterarme der stille.
Ich sehe dieselben tauben berge, ihre schneeverwehten münder,
und ich rühre die finger kaum; trotzdem,
ich brauche hilfe.
Manchmal streunt das fieber abends durch die vorstädte.
Manchmal türmt sich über unseren köpfen ein einziger
berg nur auf.
Am mittag setzt der regen ein. Die pferde suchen schutz zwischen den
felsen,
und stumpfsinnig brandet die see.
Ich brauche hilfe von zeit zu zeit.
"An jenem tag kamen zweitausend menschen dort an der endlosen küste
um."
Für uns: haie, blech, brackiges wasser.
Acht krankheiten kommen bei nacht,
wenn der skorpion an der zimmerdecke klebt.
Für uns: aufgerissene münder, stacheldraht,
schorf,
die behaarten blumen der taranteln
und das bleibend blinde auge
der zeit, frostig in der luft.
In brocken fällt der wind
von den bergpässen herab.
Wir müssen schreien ohne unterlass -
wer stehenbleibt, ist verloren.
(aus dem Amerikanischen von Florian Vetsch)
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Lyrik von Paul Bowles
Seit 1947 lebt der Amerikaner Paul Bowles (*1910, New
York) in Tanger, Marokko. Nach dem Tod von Herbert Huncke, Allen Ginsberg
und William S. Burroughs gilt er als eine der letzten lebenden Beat-Legenden.
Im deutschen Sprachraum ist Bowles als Erzähler suspense-trächtiger
Short Stories und existentialistischer Romane berühmt geworden, nicht
zuletzt durch Bernardo Bertolucci's Verfilmung seines zweifachen Welterfolgs
The Sheltering Sky (1949/1990). Als Lyriker aber ist Paul Bowles hierzulande
noch nahezu unbekannt. Nun legt der Erker Verlag in der Übersetzung
von Florian Vetsch eine Gedichtauswahl vor, die Bowles selbst 1981 unter
dem Titel Next to Nothing (Black Sparrow Press, Santa Barbara) versammelt
hat:
Paul Bowles: Nichtsnah / Ausgewählte Gedichte 1926-1977
(aus dem Amerikanischen von Florian Vetsch), Erker Verlag, St.Gallen 1998,
ISBN 3-905546-46-9.
Die Sammlung beginnt mit Texten, die der 15- bis 20-jährige
Paul unter dem Einfluss des Surrealismus (Lautréamont) und des Dadaismus
(Kurt Schwitters) geschrieben hat. Viele seiner frühen Texte, darunter
auch Prosagedichte, sind aus der automatischen Schreibweise hervorgegangen,
die Philippe Soupault und André Breton 1919 entwickelten, mit der
aber auch Gertrude Stein, eine weitere geistige Ahnin von Bowles, unabhängig
davon experimentierte. Gertrude Stein unterzog Bowles' frühe surrealistische
Poesie 1931 in Paris einer vernichtenden Kritik. Deshalb unterscheiden
sich die Gedichte, die nach dieser Begegnung entstanden sind, deutlich
vom ersten, primär surrealistisch geprägten Block des Bandes.
In den späteren Gedichten spiegelt sich Bowles' Nähe zum Existentialismus:
Da sind die filmisch geschnittenen Szenen, eine Lyrik des Absurden, der
Grausamkeit und der Verlorenheit, da ist aber auch das mehrstimmig komponierte
Titelpoem Nichtsnah, ein Meisterstück in der Tradition des amerikanischen
Langgedichts, von Tennessee Williams emphatisch gepriesen, ein stilles
Zwiegespräch mit der 1973 verstorbenen Gattin, der Schriftstellerin
Jane Bowles, und da sind jene letzten Textflocken, die verhaltenen, reduktionistischen
Gedichte Ohne Warum und Nachts, die den Band beschliessen.
Paul Bowles' Lyrik umspannt einen weiten zeitlichen Bogen:
1926 bis 1977. Dieser Umstand macht sie über ihren Eigenwert hinaus
bedeutsam. Literaturhistorisch sind Bowles' Gedichte interessant, weil
sie in der Kurzschliessung der amerikanischen Literatur mit der klassischen
europäischen Avantgarde ein bislang unbekanntes Bindeglied darstellen,
ein Bindeglied zwischen New York, Paris und Tanger. Im Binnenraum des Werkes
von Paul Bowles aber bergen zudem manche von diesen Gedichten motivische
Konzentrate, die Bowles später in seiner Prosa ausgeführt hat.
Eine atmosphärische Einführung in die Welt von
Paul Bowles sowie weiterführende Literaturhinweise bietet der Essay
von Florian Vetsch: Antäisches Kraftfeld / Paul Bowles in Tanger,
Sabon Verlag, St.Gallen 1998, ISBN 3-907928-16-4.
Das für die literarische Internet-Gazette ausgewählte
Gedicht Szene III von Paul Bowles liest der Übersetzer Florian Vetsch
neben anderen Bowles-Gedichten, einem Gedicht von Ira Cohen und eigenen
Prosatexten auf der mit dem Jazzgitarristen Peter Eigenmann eingespielten
CD TANGER SUITE. Sie erscheint im September 1999 und ist nicht über
den offiziellen Buchhandel erhältlich, sondern nur über die direkte
Verlagsanschrift Rohstoff / Auf der Heide 93 / D-58313 Herdecke. Die CD
enthält als farbiges Beiblatt zu dem mit Schwarzweiss-Fotografien
aus Tanger gestalteten Booklet 1 Gedicht von Ira Cohen in der Übersetzung
von Florian Vetsch. |