Nr. 17, September 1999
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Ein Bild lügt mehr als tausend Worte

"Seit die Fotografie sich ins Hochgebirge gewagt hat", schreibt Sigrid Hauser in ihrem Begleit-Essay zu Walter Niedermayrs "Reservaten des Augenblicks", "bringt sie uns eine jeweils besondere Botschaft zurück: Einsamkeit, Erhabenheit, Heldenmut, Männlichkeit, Abenteuer, Expedition, Überlebenstraining, Gefahrenbezwingung oder zumindest die heile Welt jenseits der Grenzen unseres engen Lebens. Nicht umsonst macht sich die Werbung unserer sogenannten Alltagskultur mehr denn je diese Bilder als zwischenmenschliches Kommunikationsmittel zunutze: Ruhe, Friede, Weite, Stille, Freiheit sollen die trostlosen Sorgen der täglichen Routine kompensieren. Im Sinne der Alltagskultur scheint die Werbung der menschenfreundlichste Partner zu sein. Sie spart uns die unangenehme Seite des Lebens aus, sie reserviert uns den sonnigsten Platz, den freiesten Horizont, die tiefste Erinnerung. Was versprochen ist, wird auch gehalten - ‘Alpenglühen inklusive'."
Für die anschwellenden Massen der Einsamkeitssucher hat eine Tourismusindustrie, der man das nicht eigentlich übelnehmen kann, die Alpen zuvilisiert. Der Besucher soll sich im Anblick (anspruchsvoller: im "Erleben") der Bergwelt zwar erhaben fühlen, aber immer auch ein wenig "wie zu Hause". Für jeden muß dieses "Erleben" in Behaglichkeit zu haben sein: Skilifts, Gipfelrestaurants, Berghotels. Eine allzutypische Architektur hat die Wildnis domestiziert, die Alpen zum gemütlichen Aufenthaltsort umgebaut. 
Walter Niedermayr, der siebenundvierzigjährige Bozener Fotograf, setzt das gegenwärtige Berg-Panorama auf subtile Weise ins Bild: Seine Aufnahmen sind ohne Anklage, aber präzise beschreibend, oft mit einem trockenen, schneidenden Humor versetzt. Oft braucht es ein längeres Verweilen des Blicks in der heroischen Ansicht, bis einem die Erkenntnis aufgeht: Die schwarzen Linien der Seilbahnen auf strahlendem Schnee-Weiß, die farbigen Menschenpünktchen in den Hängen, die leeren Stuhlreihen auf der Gasthofterrasse - sie gehören nicht hierher. Sie sind bei aller Harmlosigkeit fehl am Platz; sie bleiben Fremde, Eindringlinge, Eroberer, Barbaren. 
Niedermayrs Bilder sind kein bequemer Seh-Konsum. Sie lassen die Naturschönheit der Berge scheinbar intakt, verstören dann aber durch Arrangements wie leichte Überbelichtung, verschobene Rahmung der Objekte, Einbeziehung lächerlicher Fotografierattrappen, unmerkliche Veränderung des Blickwinkels oder die "inkorrekte", weil irgendwie überlappende Anordnung zu Tryptichen und Kurzserien.
Er nähert sich der Landschaft nicht als Porträtist, sondern als Forscher mit einer schier unbeteiligten Kühle im Beobachtungsinteresse. Er schafft ein hyperrealistisches Abziehbild des Gesehenen. Und damit werden seine fotokünstlerischen Ansichten zur visuellen Irritation. Diese beeindruckenden Panoramalandschaften präsentieren durchaus noch (einen Rest ihrer) Schönheit, aber beim - genauen oder erzwungenen - Hinsehen entdecken wir dann die winzigen Fremdkörper, die Menschen, und nehmen ihre Bau-Produkte als Störung wahr. Die Botschaft, der Befall durch Touristen-Mikroben, und die  pädagische Wirkung sind unabweisbar: Nach einem langsamen Durchblättern des Fotobandes kann sich eigentlich niemand mehr auf einem Berghotel so wohlfühlen wie vorher.
Aber möglicherweise kommt der Fotograf damit zu spät, und die Natur hat den Krieg, den der Mensch gegen sie führt, schon verloren.

Markus Kubelka

Walter Nidermayr
Reservate des Augenblicks
Texte: Francesco Bonami, Sigrid Hauser, Guy Tortosa
Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 1999
33 x 28,6 Zentimeter, 114 Seiten, 115 Abbildungen
DM 78,--, öS 569, sFr 73

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