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Das Buch und der Tod
Selbstverständlich reicht der Schatten Goethes weit über alle
Jubelmonate hinaus. In unserm Fall liegt er als schützender Flügel
sogar über einem Konzentrationslager.
Der Holländer Nico Rost, Journalist, Übersetzer und Schriftsteller,
wurde 1943, mit siebenundvierzig Jahren, wegen "Zersetzung der Wehrmacht"
verhaftet und wenig später in Dachau eingeliefert (schon elf Jahre
vorher hatte er nach einer Denunziation drei Wochen im KZ Oranienburg verbracht).
In der DDR wurde er 1951 erneut festgenommen und nach Holland ausgewiesen.
Am 1. Februar 1967 ist er gestorben.
Über seine Dachauer Lagerzeit, vom 10. Juni 1944 bis zum Kriegsende,
hat Rost heimlich ein Tagebuch geführt. Es ist 1947 erstmals in Holland
erschienen, im Jahr danach in Ost-Berlin auch die deutsche Übersetzung
(mit einem unangenehm kritiklosen Vorwort von Anna Seghers: "Das ist das
Buch, auf das ich gewartet habe."). Diese Übersetzung kommt jetzt
erneut heraus, angereichert mit einer veralteten und in jeder Hinsicht
unnötigen Debatte um angeblich polenfeindliche Tagebuch-Äußerungen,
ergiebiger mit zwei späteren Dachau- Texten von Rost und einem einfühlsamen
Essay des Herausgebers Wilfried F. Schöller zu Leben und Werk des
Autors.
Was an diesem Buch einzigartig ist: Rost hat Dachau durch Lesen und
Schreiben überlebt. Schon vorher, noch in Holland, war er als Übersetzer
immer wieder mit - auch deutscher - Literatur befaßt:
Warum, dachte ich, sollen wir nicht auch unter der Besatzung
- nun, da Bücher so gesucht sind und soviel aus dem Deutschen übersetzt
werden muß - Lessing oder Hölderlin, Goethe oder Lichtenberg
lesen? Doch hundertmal lieber einen aus dem Deutschen übersetzten,
ehrlichen Wiechert als einen faulen Eekhout! Lieber eine aus dem Deutschen
übersetzte Ricarda Huch, deren Bücher Zeugnis ablegen von tiefer
Ehrfurcht vor dem Menschen und die niemals mit den Nazis paktierte, als
eine holländische Jo van Ammers-Küller, die das sehr wohl tat,
und zwar bereits seit 1933! ...
Ich übersetzte also Gottfried Kellers "Fähnlein
der sieben Aufrechten" - ein Buch, das ganz erfüllt ist von 1848er
Ideologie, vom Geist der bürgerlichen Demokratie, und daher im schärfsten
Gegensatz steht zum Faschismus. War nicht allein schon der Titel eine Verheißung?
Wenn er sich zurückblickend noch selbstzweiflerisch fragt, ob "literarischer
Widerstand wohl genug" sei, so stellte sich diese Frage im KZ Dachau nicht
mehr:
K. blätterte heute in meinen Aufzeichnungen und äußerte
danach sein Befremden, daß ich - seiner Meinung nach - so wenig über
mich selbst schreibe ... und auch kaum über Politik.
Darauf habe ich ihm ausführlich auseinandergesetzt,
warum ich dieses Tagebuch schreibe, daß es nämlich an erster
Stelle ein Mittel ist, um meine Gedanken und meine Energie auf die Literatur
zu konzentrieren - immer wieder, möglichst jeden Tag aufs neue -,
um gerade dadurch nicht immer an Edith, an Tyl oder an mich selbst zu denken,
nicht an Essen, Ungeziefer, Appell und so weiter. Eine Art Selbstschutz
also, der mir bis heute viel und oft geholfen hat.
Aber Rost hilft sich nicht nur durch das Schreiben, sondern auch durch
Lektüre. Aus privaten Zuwendungen und der Lagerbibliothek versorgt
er sich geradezu gierig: Hegel, eine Luther- Biographie, Jean Jacques Rousseau,
beide Schlegel, Strindberg, Benvenuto Cellini, drei Bände Jean Paul,
Hölderlin, de Nerval, Maimonides (ja, auch der ist dabei), Stendhal.
Und dazwischen immer wieder Goethe. Zu zweit, dann zu dritt lesen die Gefangenen
in ihrer Baracke laut Racines Dramen. Er liest, wie ein Fast-Ertrunkener
Luft schöpft. Dazu endlose Diskussionen und Gespräche über
Beethoven, Grillparzer (den er "ein Genie" nennt), Gerhart Hauptmann, Thomas
von Aquin und - kritisch - Heidegger. Sie erfinden sich Spiele: Warum und
wie wäre Goethe im KZ, wie Schiller?
Dieser lebensrettenden Beschäftigung gegenüber gerät
der Lageralltag das ganze Tagebuch hindurch in den Hintergrund. Nur vereinzelte
und darum authentische Szenen treten hervor: zum Beispiel die Meldung
der deutschen Mitgefangenen zum Volkssturm ("Noch bevor sie dazu gezwungen
waren! Kollektive Blödheit!"): Vier Tage später laufen sie, absurder
Anblick, in SS-Uniformen durchs Lager; die "Beförderung" zum "Revierläufer";
manchmal die Toten, die Totenlisten, die Toten-Transporte, die Typhus-Toten;
einmal der bizarre Eindruck, hier im Lager "frei" zu sein. Und schließlich
die innere Auflösung des Lagers und seine Befreiung durch die Amerikaner
(wobei der Pazifist Rost auch nicht verschweigt, wie die Befreier die Wachmannschaften
von den Türmen herunterholen und dann kurzerhand erschießen):
Ein amerikanischer Soldat
stand mitten in der Stube, sehr verlegen und linkisch,
nur mühsam seine Rührung verbergend und kaum imstande, seine
Tränen zurückzuhalten.
Dann legte er kurz entschlossen seine Maschinenpistole
auf den Tisch und ging von Bett zu Bett, um jeden einzelnen der Kranken
zu umarmen. Er tat es sehr vorsichtig und sacht, als ob er befürchtete,
er könne diese zerbrechlichen Körper mit seinen starken Armen
zerdrücken.
Der Franzose im zweiten Bett rechts war gerade fünf
Minuten vorher gestorben, aber der Amerikaner umarmte auch ihn, entdeckte
dann plötzlich, daß der Franzose tot war, und schüttelte
- all das noch nicht begreifend - erschrocken den Kopf.
Augenblicke so intensiver Humanität sind rar. Sie sind es im Leben,
sie sind es zwangsläufig in einem Konzentrationslager. Aber sie sind
rar auch im Tagebuch von Nico Rost. Und das ist schwerer zu verstehen.
Die Verständnisschwierigkeit kommt nicht daher, daß wir
von "Literatur" ein gesteigertes, komprimiertes "Leben" erwarten. Dieses
Tagebuch ist ein Tatsachenbericht, keine Literatur, keine Fiktion. Und
würden wir morgen erfahren, daß Rost sich das Ganze nur ausgedacht
hat, also nie wirklich in Dachau war, so träte nicht etwa ein irritierender
"Wilkomirski-Effekt" ein, sondern das Buch wäre ganz einfach gelogen
und damit ohne Interesse.
Werfen wir einen wertenden Blick zurück auf die Person des Autors
vor und in Dachau. Er beschäftigt sich noch unter deutscher Besatzung
mit deutscher Literatur. Er liest Goethe und Luther im Konzentrationslager.
Unter dem Terror der SS bewahrt er sich eine geistige Treue zur Literatur,
auch der deutschen. Er läßt sich selbst in der denkbar extremsten
Lebenslage nicht gehen. Das allein macht ihn zum Vorbild und nötigt
uns Respekt ab - einen Respekt übrigens, den der Autor an keiner Stelle
einfordert (was die Spontaneität der Anerkennung erleichtert).
Trotz dieser beispielhaften Überlebensstrategie des Autors empfindet
der Leser nach "Goethe in Dachau" jedoch ein gewisses Mangelgefühl.
Es ist nämlich im gesamten Tagebuch kaum erkennbar, daß die
Lektüre all der Geistesgrößen, sei es vor oder erst recht
in Dachau, den Autor zu einem tieferen Weltverständnis als vorher
befähigt hätte. Seine Lesefrüchte kommen nicht zur Reife.
Sie bleiben eine staunenswerte Sammlung, aber sie lassen ihn seltsam unverändert.
Seine Persönlichkeit ist sozusagen schon fertig, als er zu lesen beginnt:
Er ist geistig interessiert, Internationalist, friedliebend, gerecht, menschenfreundlich,
hilfsbereit, aufmerksam, ein genauer und differenzierender Beobachter und
Sammler. Und das bleibt er. Es ist bescheiden: An unzähligen Stellen
nimmt er sich vor, diesen Schriftsteller oder jene Stelle später eingehender
zu studieren, um sie besser zu verstehen.
Das Lesen in Dachau und das KZ selbst bleiben im Tagebuch getrennte
Welten. Sie durchdringen sich nicht, weder in der einen, noch in der andern
Richtung, schon gar nicht gegenseitig. Die intellektuelle Beschäftigung
("Selbstschutz") findet statt, als gäbe es drumherum kein Konzentrationslager.
Das gibt ihr unvergleichbaren Nachdruck, läßt aber eine erwartbare
Wechselwirkung vermissen.
Rosts selten eingestreute Literaturinterpretationen sind zumeist naiv
bis freundlich. Manche liegen auch schlicht daneben (etwa die von Goethes
"Judenpredigt", einem sprachlichen Jugendscherz, den der siebzehnjährige
Noch-gar-nicht-Klassiker zur Erheiterung seiner Zechkumpane in der Kneipe
vortrug; für Rost indes "ein Beweis dafür, wie verständnisvoll
Goethe den Geisteszustand der Juden studiert hatte und wie gründlich
er sich mit den biblischen Erzählungen beschäftigt hat.").
Zu den befremdlichen Eigenheiten des Buches gehört bedauerlicherweise
die Übersetzung von Edith Rost-Blumberg. Die Sprache des Autors klingt
darin auf fatale Weise echt, nämlich außerordentlich zeitgebunden:
Ihre begrifflichen Kategorien stammen aus der ersten Hälfte dieses
Jahrhunderts (wenn etwa die "Haltung" eines Mitgefangenen "sauber und vornehm"
genannt wird).
So ist "Goethe in Dachau" sicher nicht der große Text eines außergewöhnlichen
Zeitzeugen. Aber das bewegende Buch eines vorbildlichen Intellektuellen,
der sich die Verzweiflung über seine wahnsinnigen Mitmenschen mit
Büchern vom Leibe hielt. Und von seiner Seele.
Fritz R. Glunk
Nico Rost
Goethe in Dachau
Verlag Volk und Welt, Berlin 1999
13,5 x 22 Zentimeter, 346 Seiten
DM 48,--, 350 öS, 46,-- sFr
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