Nr. 17, September 1999
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Das Buch und der Tod

Selbstverständlich reicht der Schatten Goethes weit über alle Jubelmonate hinaus. In unserm Fall liegt er als schützender Flügel sogar über einem Konzentrationslager.
Der Holländer Nico Rost, Journalist, Übersetzer und Schriftsteller, wurde 1943, mit siebenundvierzig Jahren, wegen "Zersetzung der Wehrmacht" verhaftet und wenig später in Dachau eingeliefert (schon elf Jahre vorher hatte er nach einer Denunziation drei Wochen im KZ Oranienburg verbracht). In der DDR wurde er 1951 erneut festgenommen und nach Holland ausgewiesen. Am 1. Februar 1967 ist er gestorben. 
Über seine Dachauer Lagerzeit, vom 10. Juni 1944 bis zum Kriegsende, hat Rost heimlich ein Tagebuch geführt. Es ist 1947 erstmals in Holland erschienen, im Jahr danach in Ost-Berlin auch die deutsche Übersetzung (mit einem unangenehm kritiklosen Vorwort von Anna Seghers: "Das ist das Buch, auf das ich gewartet habe."). Diese Übersetzung kommt jetzt erneut heraus, angereichert mit einer veralteten und in jeder Hinsicht unnötigen Debatte um angeblich polenfeindliche Tagebuch-Äußerungen, ergiebiger mit zwei späteren Dachau- Texten von Rost und einem einfühlsamen Essay des Herausgebers Wilfried F. Schöller zu Leben und Werk des Autors.
Was an diesem Buch einzigartig ist: Rost hat Dachau durch Lesen und Schreiben überlebt. Schon vorher, noch in Holland, war er als Übersetzer immer wieder mit - auch deutscher - Literatur befaßt: 

Warum, dachte ich, sollen wir nicht auch unter der Besatzung - nun, da Bücher so gesucht sind und soviel aus dem Deutschen übersetzt werden muß - Lessing oder Hölderlin, Goethe oder Lichtenberg lesen? Doch hundertmal lieber einen aus dem Deutschen übersetzten, ehrlichen Wiechert als einen faulen Eekhout! Lieber eine aus dem Deutschen übersetzte Ricarda Huch, deren Bücher Zeugnis ablegen von tiefer Ehrfurcht vor dem Menschen und die niemals mit den Nazis paktierte, als eine holländische Jo van Ammers-Küller, die das sehr wohl tat, und zwar bereits seit 1933! ...
Ich übersetzte also Gottfried Kellers "Fähnlein der sieben Aufrechten" - ein Buch, das ganz erfüllt ist von 1848er Ideologie, vom Geist der bürgerlichen Demokratie, und daher im schärfsten Gegensatz steht zum Faschismus. War nicht allein schon der Titel eine Verheißung?

Wenn er sich zurückblickend noch selbstzweiflerisch fragt, ob "literarischer Widerstand wohl genug" sei, so stellte sich diese Frage im KZ Dachau nicht mehr:

K. blätterte heute in meinen Aufzeichnungen und äußerte danach sein Befremden, daß ich - seiner Meinung nach - so wenig über mich selbst schreibe ... und auch kaum über Politik.
Darauf habe ich ihm ausführlich auseinandergesetzt, warum ich dieses Tagebuch schreibe, daß es nämlich an erster Stelle ein Mittel ist, um meine Gedanken und meine Energie auf die Literatur zu konzentrieren - immer wieder, möglichst jeden Tag aufs neue -, um gerade dadurch nicht immer an Edith, an Tyl oder an mich selbst zu denken, nicht an Essen, Ungeziefer, Appell und so weiter. Eine Art Selbstschutz also, der mir bis heute viel und oft geholfen hat.

Aber Rost hilft sich nicht nur durch das Schreiben, sondern auch durch Lektüre. Aus privaten Zuwendungen und der Lagerbibliothek versorgt er sich geradezu gierig: Hegel, eine Luther- Biographie, Jean Jacques Rousseau, beide Schlegel, Strindberg, Benvenuto Cellini, drei Bände Jean Paul, Hölderlin, de Nerval, Maimonides (ja, auch der ist dabei), Stendhal. Und dazwischen immer wieder Goethe. Zu zweit, dann zu dritt lesen die Gefangenen in ihrer Baracke laut Racines Dramen. Er liest, wie ein Fast-Ertrunkener Luft schöpft. Dazu endlose Diskussionen und Gespräche über Beethoven, Grillparzer (den er "ein Genie" nennt), Gerhart Hauptmann, Thomas von Aquin und - kritisch - Heidegger. Sie erfinden sich Spiele: Warum und wie wäre Goethe im KZ, wie Schiller?
Dieser lebensrettenden Beschäftigung gegenüber gerät der Lageralltag das ganze Tagebuch hindurch in den Hintergrund. Nur vereinzelte und darum authentische  Szenen treten hervor: zum Beispiel die Meldung der deutschen Mitgefangenen zum Volkssturm ("Noch bevor sie dazu gezwungen waren! Kollektive Blödheit!"): Vier Tage später laufen sie, absurder Anblick, in SS-Uniformen durchs Lager; die "Beförderung" zum "Revierläufer"; manchmal die Toten, die Totenlisten, die Toten-Transporte, die Typhus-Toten; einmal der bizarre Eindruck,  hier im Lager "frei" zu sein. Und schließlich die innere Auflösung des Lagers und seine Befreiung durch die Amerikaner (wobei der Pazifist Rost auch nicht verschweigt, wie die Befreier die Wachmannschaften von den Türmen herunterholen und dann kurzerhand erschießen): Ein amerikanischer Soldat

stand mitten in der Stube, sehr verlegen und linkisch, nur mühsam seine Rührung verbergend und kaum imstande, seine Tränen zurückzuhalten.
Dann legte er kurz entschlossen seine Maschinenpistole auf den Tisch und ging von Bett zu Bett, um jeden einzelnen der Kranken zu umarmen. Er tat es sehr vorsichtig und sacht, als ob er befürchtete, er könne diese zerbrechlichen Körper mit seinen starken Armen zerdrücken.
Der Franzose im zweiten Bett rechts war gerade fünf Minuten vorher gestorben, aber der Amerikaner umarmte auch ihn, entdeckte dann plötzlich, daß der Franzose tot war, und schüttelte - all das noch nicht begreifend - erschrocken den Kopf.

Augenblicke so intensiver Humanität sind rar. Sie sind es im Leben, sie sind es zwangsläufig in einem Konzentrationslager. Aber sie sind rar auch im Tagebuch von Nico Rost. Und das ist schwerer zu verstehen.
Die Verständnisschwierigkeit kommt nicht daher, daß wir von "Literatur" ein gesteigertes, komprimiertes "Leben" erwarten. Dieses Tagebuch ist ein Tatsachenbericht, keine Literatur, keine Fiktion. Und würden wir morgen erfahren, daß Rost sich das Ganze nur ausgedacht hat, also nie wirklich in Dachau war, so träte nicht etwa ein irritierender "Wilkomirski-Effekt" ein, sondern das Buch wäre ganz einfach gelogen und damit ohne Interesse.
Werfen wir einen wertenden Blick zurück auf die Person des Autors vor und in Dachau. Er beschäftigt sich noch unter deutscher Besatzung mit deutscher Literatur. Er liest Goethe und Luther im Konzentrationslager. Unter dem Terror der SS bewahrt er sich eine geistige Treue zur Literatur, auch der deutschen. Er läßt sich selbst in der denkbar extremsten Lebenslage nicht gehen. Das allein macht ihn zum Vorbild und nötigt uns Respekt ab - einen Respekt übrigens, den der Autor an keiner Stelle einfordert (was die Spontaneität der Anerkennung erleichtert). 
Trotz dieser beispielhaften Überlebensstrategie des Autors empfindet der Leser nach "Goethe in Dachau" jedoch ein gewisses Mangelgefühl. Es ist nämlich im gesamten Tagebuch kaum erkennbar, daß die Lektüre all der Geistesgrößen, sei es vor oder erst recht in Dachau, den Autor zu einem tieferen Weltverständnis als vorher befähigt hätte. Seine Lesefrüchte kommen nicht zur Reife. Sie bleiben eine staunenswerte Sammlung, aber sie lassen ihn seltsam unverändert. Seine Persönlichkeit ist sozusagen schon fertig, als er zu lesen beginnt: Er ist geistig interessiert, Internationalist, friedliebend, gerecht, menschenfreundlich, hilfsbereit, aufmerksam, ein genauer und differenzierender Beobachter und Sammler. Und das bleibt er. Es ist bescheiden: An unzähligen Stellen nimmt er sich vor, diesen Schriftsteller oder jene Stelle später eingehender zu studieren, um sie besser zu verstehen. 
Das Lesen in Dachau und das KZ selbst bleiben im Tagebuch getrennte Welten. Sie durchdringen sich nicht, weder in der einen, noch in der andern Richtung, schon gar nicht gegenseitig. Die intellektuelle Beschäftigung ("Selbstschutz") findet statt, als gäbe es drumherum kein Konzentrationslager. Das gibt ihr unvergleichbaren Nachdruck, läßt aber eine erwartbare Wechselwirkung vermissen.
Rosts selten eingestreute Literaturinterpretationen sind zumeist naiv bis freundlich. Manche liegen auch schlicht daneben (etwa die von Goethes "Judenpredigt", einem sprachlichen Jugendscherz, den der siebzehnjährige Noch-gar-nicht-Klassiker zur Erheiterung seiner Zechkumpane in der Kneipe vortrug; für Rost indes "ein Beweis dafür, wie verständnisvoll Goethe den Geisteszustand der Juden studiert hatte und wie gründlich er sich mit den biblischen Erzählungen beschäftigt hat.").
Zu den befremdlichen Eigenheiten des Buches gehört bedauerlicherweise die Übersetzung von Edith Rost-Blumberg. Die Sprache des Autors klingt darin auf fatale Weise echt, nämlich außerordentlich zeitgebunden: Ihre begrifflichen Kategorien stammen aus der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts (wenn etwa die "Haltung" eines Mitgefangenen "sauber und vornehm" genannt wird).
So ist "Goethe in Dachau" sicher nicht der große Text eines außergewöhnlichen Zeitzeugen. Aber das bewegende Buch eines vorbildlichen Intellektuellen, der sich die Verzweiflung über seine wahnsinnigen Mitmenschen mit Büchern vom Leibe hielt. Und von seiner Seele.

Fritz R. Glunk

Nico Rost
Goethe in Dachau
Verlag Volk und Welt, Berlin 1999
13,5 x 22 Zentimeter, 346 Seiten
DM 48,--, 350 öS, 46,-- sFr

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