Nr. 17, September 1999
 Essays    Interview     Leseproben    Net-Ticker     TextBilder     Rubriken      Archiv

 
Rubriken
 
 
 
Lese-Effekte
Fundsache
Texte, die wir nicht verstehen
Unzeitgemäß
Die Adresse
Peinlichkeiten

 
Leserbriefe
Impressum

 

 

Unbesiegbar durch Lesen

Der erste der hier gezeigten Versuche, den Mann "an der Front" zum Lesen zu bringen, wurde zu einer Zeit unternommen, als man die Weltkriege noch nicht numerieren mußte. Die Ermahnung, zwischen den Kriegen ausgesprochen, mutet trotz ihres völkischen Pathos noch einigermaßen naiv an:

Gab es an der Front Gelegenheit zum Lesen? Hatte der Soldat vorn, der ständig sein Leben bedroht sah, dem der Tod ununterbrochen Kameraden entriß, dessen Sinne die gräßlichsten Bilder der Zerstörung aufnehmen mußte, hatte er noch Freude am Buch? ...
Gerade der Krieg hat bei denen, die sich geistig mit seinen Schrecknissen auseinandersetzen mußten, ein erhöhtes Lesebedürfnis geweckt, ein Lesebedürfnis, das sich grundlegend von dem in ungestörten Friedenstagen unterscheidet. Hier bekennt der Dichter Steguweit zum Buch gerade an der Front:

Warum soll den Starken nicht auch das Milde entzücken? Und wie kann andererseits auch den weniger "robusten" Menschen ein starkes Wort doch kräftigen! ... Der deutsche Soldat war schon im Weltkrieg ein Sohn jenes Volkes, dem ein Johann Gottlieb Fichte vor uns in entscheidender Stunde das Vermächtnis aufgab: Dasjenige Volk, welches bis in die untersten Schichten hinein die tiefste und vielseitigste Bildung besitzt, wird zugleich das mächtigste und glücklichste sein unter den Völkern seiner Zeit; unbesiegbar für seine Nachbarn, beneidet von seinen Zeitgenossen und ein Vorbild der Nachahmung für sie.
(Die Bewegung, 7. Jahrgang 1939)

Der andere Versuch, jetzt mitten im Zweiten Weltkrieg,  zeigt ein häßlicheres Gesicht. Nun wird die Soldatenlektüre ideologisch und "instinkthaft" funktionalisiert:

Hier wurde eine Gefahr gespürt oder doch der Mangel einer echten Hilfe empfunden. Denn eine Gefahr bildet der Fremdgeist; daher schloß der Bücherwart der Brigade Graf von Pfeil alle jüdischen Autoren aus.
An einem Wendepunkt des geschichtlichen Denkens und Erlebens, in einer Zeitkrise, wie der Weltkrieg sie heraufführte, mit ihrem Zerbrechen der alten Werte und der fruchtbaren und gefährlichen Spannung des Suchens und Probierens neuer Formen und Inhalte, muß ein Einwirken nicht organisch gebundener und bedingter Kräfte zerstörend wirken. Der Frontsoldat hatte mit den Wertungen des nur Ästhetischen und Formalen gebrochen. In dem furchtbaren Geschehen hatte aller Schein seinen Wirklichkeitswert verloren. Es galt nur noch die Haltung, der Kern, der "Inhalt". Er hatte erfahren, daß das Größte, der Tod und das Opfer, ganz still und schlicht erscheinen, daß alles Große sich nicht mit äußerlichen Gebärden vollzieht. Sollte dieser Ansatz einer neuen Lebenssicht in ruhiger Entwicklung wachsen und auch die anderen Lebensbereiche allmählich einbeziehen, so mußte gerade das Buch ein unersetzbarer Helfer sein, da in ihm sich die Linien eines instinkthaften Erlebens und eines bewußten inneren Erwerbens schnitten. Zwar wollte der Soldat nichts vom Kriege lesen, und das Geschehen des Buches sollte ihn in eine ganz entgegengesetzte Wirklichkeit führen, aber die Lektüre sollte doch die Grundkräfte enthalten, die ihm hier draußen mit solcher Gewalt begegneten; sie sollte ihn auf neuen, festen Boden der gewonnenen Lebenssicht stellen.
(J. Ehringhaus, Die Lektüre unserer Frontsoldaten im Welkrieg, 1941)


 
 Essays    Interview     Leseproben     Net-Ticker     TextBilder      Rubriken     Archiv