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Unbesiegbar durch Lesen
Der erste der hier gezeigten Versuche, den Mann "an der
Front" zum Lesen zu bringen, wurde zu einer Zeit unternommen, als man die
Weltkriege noch nicht numerieren mußte. Die Ermahnung, zwischen den
Kriegen ausgesprochen, mutet trotz ihres völkischen Pathos noch einigermaßen
naiv an:
Gab es an der Front Gelegenheit zum Lesen? Hatte der Soldat vorn, der
ständig sein Leben bedroht sah, dem der Tod ununterbrochen Kameraden
entriß, dessen Sinne die gräßlichsten Bilder der Zerstörung
aufnehmen mußte, hatte er noch Freude am Buch? ...
Gerade der Krieg hat bei denen, die sich geistig mit seinen Schrecknissen
auseinandersetzen mußten, ein erhöhtes Lesebedürfnis geweckt,
ein Lesebedürfnis, das sich grundlegend von dem in ungestörten
Friedenstagen unterscheidet. Hier bekennt der Dichter Steguweit zum Buch
gerade an der Front:
Warum soll den Starken nicht auch das Milde entzücken? Und wie
kann andererseits auch den weniger "robusten" Menschen ein starkes Wort
doch kräftigen! ... Der deutsche Soldat war schon im Weltkrieg ein
Sohn jenes Volkes, dem ein Johann Gottlieb Fichte vor uns in entscheidender
Stunde das Vermächtnis aufgab: Dasjenige Volk, welches bis in die
untersten Schichten hinein die tiefste und vielseitigste Bildung besitzt,
wird zugleich das mächtigste und glücklichste sein unter den
Völkern seiner Zeit; unbesiegbar für seine Nachbarn, beneidet
von seinen Zeitgenossen und ein Vorbild der Nachahmung für sie.
(Die Bewegung, 7. Jahrgang 1939)
Der andere Versuch, jetzt mitten im Zweiten Weltkrieg,
zeigt ein häßlicheres Gesicht. Nun wird die Soldatenlektüre
ideologisch und "instinkthaft" funktionalisiert:
Hier wurde eine Gefahr gespürt oder doch der Mangel einer echten
Hilfe empfunden. Denn eine Gefahr bildet der Fremdgeist; daher schloß
der Bücherwart der Brigade Graf von Pfeil alle jüdischen Autoren
aus.
An einem Wendepunkt des geschichtlichen Denkens und Erlebens, in einer
Zeitkrise, wie der Weltkrieg sie heraufführte, mit ihrem Zerbrechen
der alten Werte und der fruchtbaren und gefährlichen Spannung des
Suchens und Probierens neuer Formen und Inhalte, muß ein Einwirken
nicht organisch gebundener und bedingter Kräfte zerstörend wirken.
Der Frontsoldat hatte mit den Wertungen des nur Ästhetischen und Formalen
gebrochen. In dem furchtbaren Geschehen hatte aller Schein seinen Wirklichkeitswert
verloren. Es galt nur noch die Haltung, der Kern, der "Inhalt". Er hatte
erfahren, daß das Größte, der Tod und das Opfer, ganz
still und schlicht erscheinen, daß alles Große sich nicht mit
äußerlichen Gebärden vollzieht. Sollte dieser Ansatz einer
neuen Lebenssicht in ruhiger Entwicklung wachsen und auch die anderen Lebensbereiche
allmählich einbeziehen, so mußte gerade das Buch ein unersetzbarer
Helfer sein, da in ihm sich die Linien eines instinkthaften Erlebens und
eines bewußten inneren Erwerbens schnitten. Zwar wollte der Soldat
nichts vom Kriege lesen, und das Geschehen des Buches sollte ihn in eine
ganz entgegengesetzte Wirklichkeit führen, aber die Lektüre sollte
doch die Grundkräfte enthalten, die ihm hier draußen mit solcher
Gewalt begegneten; sie sollte ihn auf neuen, festen Boden der gewonnenen
Lebenssicht stellen.
(J. Ehringhaus, Die Lektüre unserer Frontsoldaten
im Welkrieg, 1941)

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