Nr. 17, September 1999
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Die Marginalie
 

 

Maja Das Gupta

Die Schere

Sie spielt mit der Schere. Die Schere hängt an einer langen Kette. Damit man sie an den Nagel hängen kann. Sie öffnet eine Schublade und legt sie hinein. Es ist nur eine Schere, denkt sie. 
Heute muß sie den Schlüssel suchen. Jeden Tag etwas Anderes. Es kann eine Gabel sein, es kann ein Terminkalender sein - einfach alles. Sie verliert die Dinge, um sie suchen zu können. Sie kann nichts dagegen tun. Sie verliert einfach alles. Und ein Löffel kann so wertvoll sein, wenn er der letzte in der Küchenschublade war. Die Dinge gewinnen für kurze Zeit an Wert. Sie freut sich fast nicht mehr über das, was sie wieder findet - sie wird im nächsten Moment vergessen haben, daß sie es unbedingt finden wollte.
Immer schon ging sie sorglos mit ihren Sachen um. „Wo hast du dein Halstuch gelassen", fragte die Mutter einmal. „Mein Halstuch? Trug ich eins?" Der Mund der Mutter hatte sich verzogen, eine wunde Stelle in ihrem Gesicht. Das Kind verliert immer alles! Warum kann es nicht besser auf seine Sachen achtgeben.
Gegenstände sind für die Mutter sehr wichtig. Alles muß an seinem Platz sein. Dann ist das Leben in Ordnung.
Aber das Kind ist unordentlich. Und heute sucht es den Fahrradschlüssel. Es will ihn unbedingt finden, weil es sonst sein Fahrradschloß aufbrechen muß. Seit zwei Tagen muß es mit der Tram fahren, weil es das Fahrrad nicht benutzen kann. Es könnte das Schloß auch einfach aufbrechen. Aber das geht nicht. Es muß den Schlüssel finden. Er muß doch irgendwo sein.
Die Türglocke schrillt. Sie öffnet. Die Mutter steht draußen. Sie war gerade in der Nähe. Nein, sie möchte keinen Kaffee. Sie wollte nur vorbeisehen. Da sie schon hier ist, kann sie auch gleich ein wenig aufräumen, das Leergut und den Müll mitnehmen. Das Kind steht einfach nur da. Setz`dich doch, fordert die Mutter es auf, und fragt, ob es was trinken wolle. Nein, antwortet das Kind und sieht sich hilflos um. Gleich wird sie mich fragen, was ich suche. Ich werde `nichts´antworten. Meinen Fahrradschlüssel, hört es sich sagen. Was geht bei dir eigentlich nicht verloren, seufzt die Mutter.
Die Dinge, die ich nie besaß, denkt die Tochter. 
Ob sie die Schere gefunden habe?
Welche Schere?
Die sie ihr vor zwei Jahren bei einem Besuch geliehen habe. Die an der Kette. Die, die man an den Nagel hängen könne.
Das Kind sieht ins Bad. Bei mir hängt nichts am Nagel. Und ich muß jetzt meinen Schlüssel suchen.
Wir haben besser auf unsere Sachen geachtet. Im Krieg hatte man nicht so viel. Die Haustür knallt. Sie ist wieder allein. Wo ist nur der Fahrradschlüssel? Sie muß ihn jetzt finden. Vielleicht in der Schublade? Sie öffnet die Schublade. Eine Schere liegt dort. Mit einer langen Kette. Damit man sie an den Nagel hängen kann.


 
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