|
|
|
Maja Das Gupta
Die Schere
Sie spielt mit der Schere. Die Schere hängt an einer langen Kette.
Damit man sie an den Nagel hängen kann. Sie öffnet eine Schublade
und legt sie hinein. Es ist nur eine Schere, denkt sie.
Heute muß sie den Schlüssel suchen. Jeden Tag etwas Anderes.
Es kann eine Gabel sein, es kann ein Terminkalender sein - einfach alles.
Sie verliert die Dinge, um sie suchen zu können. Sie kann nichts dagegen
tun. Sie verliert einfach alles. Und ein Löffel kann so wertvoll sein,
wenn er der letzte in der Küchenschublade war. Die Dinge gewinnen
für kurze Zeit an Wert. Sie freut sich fast nicht mehr über das,
was sie wieder findet - sie wird im nächsten Moment vergessen haben,
daß sie es unbedingt finden wollte.
Immer schon ging sie sorglos mit ihren Sachen um. „Wo hast du dein
Halstuch gelassen", fragte die Mutter einmal. „Mein Halstuch? Trug ich
eins?" Der Mund der Mutter hatte sich verzogen, eine wunde Stelle in ihrem
Gesicht. Das Kind verliert immer alles! Warum kann es nicht besser auf
seine Sachen achtgeben.
Gegenstände sind für die Mutter sehr wichtig. Alles muß
an seinem Platz sein. Dann ist das Leben in Ordnung.
Aber das Kind ist unordentlich. Und heute sucht es den Fahrradschlüssel.
Es will ihn unbedingt finden, weil es sonst sein Fahrradschloß aufbrechen
muß. Seit zwei Tagen muß es mit der Tram fahren, weil es das
Fahrrad nicht benutzen kann. Es könnte das Schloß auch einfach
aufbrechen. Aber das geht nicht. Es muß den Schlüssel finden.
Er muß doch irgendwo sein.
Die Türglocke schrillt. Sie öffnet. Die Mutter steht draußen.
Sie war gerade in der Nähe. Nein, sie möchte keinen Kaffee. Sie
wollte nur vorbeisehen. Da sie schon hier ist, kann sie auch gleich ein
wenig aufräumen, das Leergut und den Müll mitnehmen. Das Kind
steht einfach nur da. Setz`dich doch, fordert die Mutter es auf, und fragt,
ob es was trinken wolle. Nein, antwortet das Kind und sieht sich hilflos
um. Gleich wird sie mich fragen, was ich suche. Ich werde `nichts´antworten.
Meinen Fahrradschlüssel, hört es sich sagen. Was geht bei dir
eigentlich nicht verloren, seufzt die Mutter.
Die Dinge, die ich nie besaß, denkt die Tochter.
Ob sie die Schere gefunden habe?
Welche Schere?
Die sie ihr vor zwei Jahren bei einem Besuch geliehen habe. Die an
der Kette. Die, die man an den Nagel hängen könne.
Das Kind sieht ins Bad. Bei mir hängt nichts am Nagel. Und ich
muß jetzt meinen Schlüssel suchen.
Wir haben besser auf unsere Sachen geachtet. Im Krieg hatte man nicht
so viel. Die Haustür knallt. Sie ist wieder allein. Wo ist nur der
Fahrradschlüssel? Sie muß ihn jetzt finden. Vielleicht in der
Schublade? Sie öffnet die Schublade. Eine Schere liegt dort. Mit einer
langen Kette. Damit man sie an den Nagel hängen kann.

|