Nr. 17, September 1999
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Kommentar
Gastkolumne

 

 

Siebenundsiebzig Milliarden 

Dollar Privatvermögen können einiges bewegen. Sogar das Nachrichtenmagazin "Newsweek" dazu, seine journalistische Informationspflicht aufzugeben und seitenlang vor der schieren Größe in die Knie zu sinken. Sieben Seiten lang über den siebenundsiebzigfachen Milliardär Bill Gates, Ende August wohl als Titelstory geplant, wenn nicht dummerweise dieses türkische Erdbeben dazwischengekommen wäre. 
So erzählt uns also das Magazin, Vorbild übrigens und Materiallieferant für den SPIEGEL, alles über den Microsoft-Chef, was wir schon immer gar nicht wissen wollten, mit niedlichen Schnappschüssen aus dem Familienalbum. Ein knicksender Hofbericht. Wie sich Bill in die Einsamkeit nach Hood Canal, Wash., zurückzieht, um E-Mails zu schreiben oder auch nur mal nachzudenken; wie er einen "erhebenden Augenblick" erlebte, als ein Wildfremder ihm sagte: "Ich stehe auf Ihrer Seite"; wie begeistert er von seiner Dreijährigen ist (er hat sogar gelernt, auf dem Computer zu schreiben, während sie ihm auf dem Schoß sitzt!); wie er seine Stiftung zur reichsten der USA machte (durch die jüngste Zuwendung von sechs Milliarden, Gesamtwert damit siebzehn Milliarden); Bill, der kontaktfreudige Chef, der Trivial-Pursuit- Spieler und "Riverdance"-Imitator, der Beschützer seiner Frau Melinda, Bill und sein "gemütliches und geschmackvolles" [sic] Viertausendvierhundert-Quadratmeter-Häuschen am Lake Washington.
Er wird ja so mißverstanden, der Philanthrop! Aber "Newsweek" steht zu ihm. Wenn er der Harvard University großzügig etwas stiftet, und jemand dazu kritisch anmerkt, das sei doch kein Geld, sondern nur firmeneigene Software gewesen, eine PR-Aktion, dann nennt das Magazin solche Kritik "zynisch". 
Es kommt noch viel schlimmer. Ausgiebig wird Bills Vater zitiert, der sich um den Microsoft-Prozeß Sorgen macht: "Jeden Tag stand das alles in der Zeitung. Seine eigene Regierung, die ihn verklagt, das ist wirklich kein Zuckerschlecken!" Seine eigene Regierung? So steht es unkommentiert da, Bills "eigene" Regierung (also nicht mehr "government of the people, by the people and for the people"?), und die ist hinter ihm her! Und "Newsweek" ist voller Mitgefühl ("ein schlimmes Jahr für Bill"). An anderer Stelle darf sich der Firmenchef als "Lynch-Opfer der Regierung" outen, nachdem das Magazin eingangs den Prozeß als bösartigen "Angriff der Regierung" denunziert hat. Macht demnach die pflichtgemäße Kartellklage jetzt den Staat zum Aggressor? Oder nur wenn es gegen Bills Fünfhundert- Milliarden-Dollar-Konzern geht? Peinliche Fragen, zu peinlich offenbar für die Dithyramben von "Newsweek".
Und dann darf Bill auch noch seine katastrophalen Aussagen vor Gericht wieder geraderücken. "Ich habe völlig wahrheitsgemäße Antworten gegeben", so das mitleiderregende Gates-Zitat, "Ich habe ein großartiges Gedächtnis." Und was war bei den Vernehmungen, als Bill nicht mehr wußte, was die Begriffe "Browser" oder "Java" oder auch "ist" bedeuten und, als sie ihm, Bill "Netscape-Zerquetscher" Gates, geduldig erklärt wurden, sich immer wieder in ein hilfloses "Ich-kann-mich-nicht-erinnern" rettete? Alle Welt hatte die Gedächtnislücken, strategische oder echte, auf Video gesehen. Aber Bill selbst hat sie anscheinend vergessen. "Newsweek" ganz offensichtlich auch (obwohl es die bizarren Ausflüchte damals genießerisch zitierte).
Nur einmal, im hymnischen Kasten über die "ebenbürtige Partnerin" Melinda, unterläuft dem Magazin so etwas wie leise Kritik. Die Ehefrau, heißt es da, beschütze ihren Mann vor "Autogrammjägern und frustrierten Windows-Benutzern". Wirklich nur "frustrierten", ganz ohne "angeblich" oder so. War wohl ein Versehen. Wird nicht mehr vorkommen.
Im November 1998 schrieb die Zeitung "The Oregonian", Bill habe jetzt erkannt, daß er das Justizministerium - anders als die üblichen Pygmäen auf seinem Weg nach vorn - nicht kaufen könne. Irgendwie beruhigend, der Gedanke, daß ein Justizministerium nicht käuflich ist. Bei "Newsweek" und seiner Speichelleckerei ist man sich da nicht mehr ganz so sicher.

Markus Kubelka


 
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