|
|
|
Siebenundsiebzig Milliarden
Dollar Privatvermögen können einiges bewegen. Sogar das Nachrichtenmagazin
"Newsweek" dazu, seine journalistische Informationspflicht aufzugeben und
seitenlang vor der schieren Größe in die Knie zu sinken. Sieben
Seiten lang über den siebenundsiebzigfachen Milliardär Bill Gates,
Ende August wohl als Titelstory geplant, wenn nicht dummerweise dieses
türkische Erdbeben dazwischengekommen wäre.
So erzählt uns also das Magazin, Vorbild übrigens und Materiallieferant
für den SPIEGEL, alles über den Microsoft-Chef, was wir schon
immer gar nicht wissen wollten, mit niedlichen Schnappschüssen aus
dem Familienalbum. Ein knicksender Hofbericht. Wie sich Bill in die Einsamkeit
nach Hood Canal, Wash., zurückzieht, um E-Mails zu schreiben oder
auch nur mal nachzudenken; wie er einen "erhebenden Augenblick" erlebte,
als ein Wildfremder ihm sagte: "Ich stehe auf Ihrer Seite"; wie begeistert
er von seiner Dreijährigen ist (er hat sogar gelernt, auf dem Computer
zu schreiben, während sie ihm auf dem Schoß sitzt!); wie er
seine Stiftung zur reichsten der USA machte (durch die jüngste Zuwendung
von sechs Milliarden, Gesamtwert damit siebzehn Milliarden); Bill, der
kontaktfreudige Chef, der Trivial-Pursuit- Spieler und "Riverdance"-Imitator,
der Beschützer seiner Frau Melinda, Bill und sein "gemütliches
und geschmackvolles" [sic] Viertausendvierhundert-Quadratmeter-Häuschen
am Lake Washington.
Er wird ja so mißverstanden, der Philanthrop! Aber "Newsweek"
steht zu ihm. Wenn er der Harvard University großzügig etwas
stiftet, und jemand dazu kritisch anmerkt, das sei doch kein Geld, sondern
nur firmeneigene Software gewesen, eine PR-Aktion, dann nennt das Magazin
solche Kritik "zynisch".
Es kommt noch viel schlimmer. Ausgiebig wird Bills Vater zitiert, der
sich um den Microsoft-Prozeß Sorgen macht: "Jeden Tag stand das alles
in der Zeitung. Seine eigene Regierung, die ihn verklagt, das ist wirklich
kein Zuckerschlecken!" Seine eigene Regierung? So steht es unkommentiert
da, Bills "eigene" Regierung (also nicht mehr "government of the people,
by the people and for the people"?), und die ist hinter ihm her! Und "Newsweek"
ist voller Mitgefühl ("ein schlimmes Jahr für Bill"). An anderer
Stelle darf sich der Firmenchef als "Lynch-Opfer der Regierung" outen,
nachdem das Magazin eingangs den Prozeß als bösartigen "Angriff
der Regierung" denunziert hat. Macht demnach die pflichtgemäße
Kartellklage jetzt den Staat zum Aggressor? Oder nur wenn es gegen Bills
Fünfhundert- Milliarden-Dollar-Konzern geht? Peinliche Fragen, zu
peinlich offenbar für die Dithyramben von "Newsweek".
Und dann darf Bill auch noch seine katastrophalen Aussagen vor Gericht
wieder geraderücken. "Ich habe völlig wahrheitsgemäße
Antworten gegeben", so das mitleiderregende Gates-Zitat, "Ich habe ein
großartiges Gedächtnis." Und was war bei den Vernehmungen, als
Bill nicht mehr wußte, was die Begriffe "Browser" oder "Java" oder
auch "ist" bedeuten und, als sie ihm, Bill "Netscape-Zerquetscher" Gates,
geduldig erklärt wurden, sich immer wieder in ein hilfloses "Ich-kann-mich-nicht-erinnern"
rettete? Alle Welt hatte die Gedächtnislücken, strategische oder
echte, auf Video gesehen. Aber Bill selbst hat sie anscheinend vergessen.
"Newsweek" ganz offensichtlich auch (obwohl es die bizarren Ausflüchte
damals genießerisch zitierte).
Nur einmal, im hymnischen Kasten über die "ebenbürtige Partnerin"
Melinda, unterläuft dem Magazin so etwas wie leise Kritik. Die Ehefrau,
heißt es da, beschütze ihren Mann vor "Autogrammjägern
und frustrierten Windows-Benutzern". Wirklich nur "frustrierten", ganz
ohne "angeblich" oder so. War wohl ein Versehen. Wird nicht mehr vorkommen.
Im November 1998 schrieb die Zeitung "The Oregonian", Bill habe jetzt
erkannt, daß er das Justizministerium - anders als die üblichen
Pygmäen auf seinem Weg nach vorn - nicht kaufen könne. Irgendwie
beruhigend, der Gedanke, daß ein Justizministerium nicht käuflich
ist. Bei "Newsweek" und seiner Speichelleckerei ist man sich da nicht mehr
ganz so sicher.
Markus Kubelka
|