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Interview mit Reinhold G. Stecher,
Geschäftsführer der Autoren- und Verlags-Agentur (AVA)
Sind Sie der einzige Literaturagent, der auch als Autor in Kürschners
Literaturkalender steht?
Soweit ich das überblicken kann, ja.
Sie haben zuerst geschrieben und waran danach Agent.
Richtig. Ich war fünfundzwanzig Jahre im Verlagswesen und habe
nebenbei auch einmal etwas selbst geschrieben. Ich war u.a. für Kindler
tätig, als Generalbevollmächtigter von Verleger Rolf Heyne und
als Geschäftsführer bei Bertelsmann.
Danach haben Sie sich selbständig gemacht. War das ein freiwilliger
Wechsel der Karriererichtung?
Das war mehr oder weniger von außen verursacht. Als ich noch
im Verlag war, kamen zwei Autoren auf mich zu - Konsalik und Hans Hellmut
Kirst - und meinten, ich könnte doch mal ihre zahlreichen Verträge
in Ordnung bringen. Und da das meine Geschäftführertätigkeit
nicht tangierte - sowohl Bertelsmann als später auch Heyne waren damit
einverstanden -, habe ich das dann für sie gemacht. Und so bin ich
in das Agentenwesen gewissermaßen hineingerutscht. Erst als es dann
ernster wurde, also neue Verträge ausgehandelt und abgeschlossen werden
mußten, habe ich mein Angestellten- bzw.Managerdasein beendet und
habe mich selbständig gemacht.
Sind Literaturagenten Makler mit dem gleichen schlechten Ruf wie
andere Makler oder bewirken sie etwas in der literarischen Landschaft?
Ich sehe meine Rolle so, daß ich für die Autoren die Ansprechperson
bei allen Problemen und Fragen bin. Das geht teilweise bis in den privaten
Bereich. Sie können mir alles mitteilen, was sie beschäftigt:
ob sie nun bei der Arbeit am Manuskript nicht weiterkommen oder ob ihre
Recherchen bisland unergiebig sind oder ob sie unerwartet früher als
vertraglich vorgsehen weiteres Voraushonorar benötigen und so weiter.
Ich versuche dann, Ihnen zu helfen.
Das heißt, Sie sind eine Art Außenlektor mehrerer Verlage?
In gewisser Weise. Das Agentenwesen ist ja überhaupt nur dadurch
entstanden, daß Verlage ihre Lektorate so weit abgebaut haben, daß
es nicht mehr die Autorenbetreuung gibt, wie es früher einmal üblich
war. Früher haben sich Ledig-Rowohlt oder Bermann-Fischer noch persönlich
um die Autoren gekümmert. Das geschieht heute nicht mehr, weil einerseits
die Manager-Verleger kaum Zeit für die Autorenbetreuung haben, und
andererseits die Vertriebsexperten und die Controller oft mehr zu entscheiden
haben als die Lektoren. Zunächst in den USA war gerade diese Entwicklung
ausschlaggebend dafür, daß Agenten auf den Plan traten. Daß
schließlich Autoren von sich aus zu Agenten gingen und sich nicht
mehr vom Verleger oder Lektor betreuen ließen, hat seinen Ursprung
deutlich darin, daß die Verlage nicht mehr fähig waren, Autoren
so zu betreuen, wie diese es früher gewohnt waren oder es wünschten.
Wenn das Agentenwesen der USA hier Vorbild war, heißt das wohl,
daß diese Entwicklung in Deutschland vor etwa zwei Jahrzehnten eingesetzt
hat.
Das ist richtig. Als ich anfing, war ich so ziemlich allein auf weiter
Flur - abgesehen von den drei großen Zürcher Agenturen und der
Agence Hoffmann, die aber fast ausschließlich amerikanische Autoren
betreuten. Daß sich einer ausschließlich auf deutschsprachige
Autoren spezialisiert - das hatte es bis dahin noch nicht gegeben.
Da kamen Ihnen natürlich Ihre Erfahrungen aus der Arbeitsweise
der Verlage zugute.
Ich glaube nicht, daß ein Agent gute - und vor allem erfolgreiche
- Arbeit leisten kann, wenn er das Verlagswesen nicht hundertprozentig
und bis in alle Verästelungen hinein kennt.
Sie nehmen von den Autorenhonoraren einen gewissen Prozentsatz.
Ja. Bei mir liegt er zwischen fünfzehn und zwanzig Prozent. Es
gibt andere, die - wie mir bekannt ist - bis zu fünfunddreißig
Prozent nehmen. Bei mir staffelt sich der Prozentsatz nach der Honorarhöhe.
Bei einem Autor, für den ich einen Millionenvertrag abschließe,
greife ich natürlich nicht so hoch. Allerdings müßte ich
dann folgerichtig bei einem jungen Autor und seinem ersten Vertrag mit
vielleicht nur achttausend Mark zwischen fünfundzwanzig oder dreißig
Prozent verlangen, weil mein Arbeitsaufwand nahezu gleich ist. Aber erstens
sehe ich das Ganze als Mischkalkulation an, bei der die großen Autoren
den Nachwuchs ein wenig mitfinanzieren. Und zweitens sind neue Autoren
für mich auch eine Investition in die Zukunft.
Wieviele dieser jüngeren Autoren betreuen Sie heute?
Ich habe etwa fünfunddreißig feste Stamm-Autorinnen und
-Autoren. Die Verträge mit ihnen sind übrigens nicht über
einen langen Zeitraum geschlossen, sondern immer nur für ein Jahr,
aber es ist mir noch nie passiert, daß jemand seinen Vertrag mit
mir gekündigt hätte. Und zu den Stamm-Autoren kommen derzeit
jetzt noch etwa zehn Jung- bzw. Neu-Autoren hinzu, die ich - wenn man so
sagen kann - entdeckt habe.
Gibt es Autoren, die Sie nicht nehmen würden?
Ja natürlich. Das sind - abgesehen von aller faschistischen Literatur,
ganz klar - Autoren, die Vorstellungen vom Verlagswesen oder überzogene
Einstellungen ihrem eigenen Manuskript gegenüber haben, die einem
Verlag nicht zumutbar sind. Ich sagen ihnen dann aber offen, warum ich
sie nicht vertreten kann. Manchen muß ich sagen, daß nach meiner
Erfahrung kein Verlag ihr Manuskript nehmen wird. Auf der anderen Seite
habe ich aber auch einmal ein Manuskript, von dem ich trotz aller Ablehnungen
überzeugt war, vier Jahre lang angeboten, bis ein Verlag es nahm und
von dem Buch in acht Wochen fünfzigtausend Exemplare verkaufte.
Die ganz großen Schriftsteller haben bei uns aber keinen Agenten.
Muß man daraus schließen, daß die Pflege der im engeren
Sinn literarischen Landschaft nicht die Aufgabe der Agenturen ist?
In Deutschland herrscht hier in der Tat ein anderes Verständnis.
In den USA haben auch die literarischen Autoren ihren Agenten. Bei uns
werden diese allerdings von den Verlagen erheblich aufwendiger hofiert
als in den USA. Ich sehe nicht, daß die bei uns eingeführte
Denkart, Literatur schließe profane pekuniäre Überlegungen
aus, in den nächsten zehn Jahren ausstirbt, aber ausgeschlossen ist
es nicht.
Was hindert eigentlich Ihre prominenten Autoren daran, zu sagen,
die fünfzehn Prozent behalte ich lieber und verhandle - da ich
ja nun bekannt bin - mit dem Verlag direkt?
Einer der Gründe ist, daß die Autoren die heutigen Verträge
nicht mehr durchschauen. Es ist ja immens, was inzwischen an Rechten hinzugekommen
ist. Nehmen Sie nur das Internet. Die Autoren wissen meist nicht einmal,
was das Internet ist oder was "digital" bedeutet. Ein Verfilmungsvertrag
hat heute einen Umfang von mindestens fünfzehn Seiten. Wenn
Sie heute Ihren Beruf als Agent richtig ausüben wollen, müssen
sie schon fast ein Rechtsanwalt sein oder wenigstens einen haben.
Sind Ihre Kollegen so gut, wie Sie sagen, daß man als Agent
sein muß?
Ich höre manchmal, daß mehrere von ihnen nicht so gut sind.
Das sind meist Leute, die mal als Verlagslektor gearbeitet haben, dann
des Angestelltendaseins überdrüssig geworden sind und sich
sagen: Jetzt werde ich Agent. Aber die detaillierten Vertragsab- und -verwicklungen
bekommt ein Lektor ja kaum mit. Außerdem: Man muß überzeugen
und motivieren können. Es kommt immer wieder vor, daß man einem
Autor Negatives beibringen muß: Dein Buch kann nicht schon im Herbst
erscheinen, sondern erst im nächsten Frühjahr. Einem erfahrenen
Agenten nimmt der Autor dies eher ab als dem Verlag. Der Autor muß
merken: Der Agent berät mich wirklich, er ist mein Interessenvertreter,
auch wenn er mir manchmal Dinge sagt, die ich nicht hören möchte.
Bei all der Arbeit für Ihre Autoren: Kommen Sie selbst denn
noch zum Lesen?
Schon, allerdings wenig. Ich habe die Angewohnheit, mir übers
Jahr hin die Bücher, die gern lesen will, zu bestellen. Die lege ich
bei mir in der Bibliiothek auf einen Stapel, und den lese ich dann allmählich
weg. Mehr Zeit hab ich leider nicht.
Haben Sie abschließend noch einen Rat, den Autoren beachten
sollten, die sich an einen Verlag oder eine literarische Agentur wenden?
Ich will versuchen, meine Hinweise in Stichworten zu geben: zunächst
mit einem Begleitbrief nur ein Exposé einreichen; das Exposé
soll enthalten: 1. nachvollziehbare Inhaltszusammenfassung nicht unter
zwei Seiten (bei Romanen); Inhaltsverzeichnis und Herausstellen des Themas
mit Auflistung lieferbarer Konkurrenzwerke (bei Sachbüchern); 2. Autorenvita
(mit Hinweis auf bisherige Veröffentlichungen bzw. Erläuterung,
was den Autor befähigt bzw. veranlaßt hat, das Thema zu erarbeiten);
3. Lese- bzw. Stilprobe mit nicht mehr als zehn Seiten. Manuskripte nur
nach Aufforderung einsenden (Manuskripte dürfen nur einseitig beschriftet
sein, etwa 30 Zeilen je Din-A-4-Seite). Und bitte stets Rückporto
bzw. einen internationalen Antwortschein beifügen.
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