Nr. 17, September 1999
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Kommentar
Gastkolumne

 

 

Andreas Hopf

Traumberuf Freier Autor

So traumhaft muß dieser Beruf sein, daß es nicht gerade wenige Verlage gibt, die per Annonce nach Autoren suchen - freilich haben solche nur im Sinn, daß man ihnen die Publikation selbst bezahle - es muß was Wunderbares sein, von dir geliebt zu werden ...

Derlei neumodische Unsitten hatte Siegfried Lenz wohl nicht im Sinn, als er meinte: "Wir Schriftsteller sind die Arbeitgeber der Verlage!" Das wäre jedoch wahr, wenn die Verlage es nicht anders sähen. Sie verstehen den Schriftsteller ganz ursprünglich als den, der Schriften für andere erstellt, als Schriftensteller, als Schreiber, der im übrigen gewiß ein Schöngeist ist, bei dem man folglich auf so niedere Dinge wie Mietenzahlungen und Lebensunterhalt nicht zu achten habe. Der Brockhaus vermerkt ganz richtig, zu diesem Beruf gehörten neben dem Sprachgefühl vor allem Phantasie, Erfahrung und Erlebniskraft. O ja, da kann man wirklich allerlei erleben.

Wo beginnen. Zum Beispiel beim Exposé. Der Verlag ist wild darauf, er braucht immer eine schriftliche Unterlage für die unzähligen Lektorats-, Programm- und Vertriebskonferenzen. Palaver eben, das zieht sich und zieht sich. Und keiner bedachte, daß für ein ordentliches Exposé das Buch eigentlich mehr oder weniger fertig sein muß, im Kopf. Und dann sollen noch der Konzernchef und sein Controller überzeugt werden - das zieht sich natürlich. Man ist mit ein, zwei Mieten schon im Rückstand. Und wenn in der endlosen Kette der Entscheidungsfindung (welch ein Wort!) nur ein einziger mal ein schiefes Gesicht macht und "Ich weiß nicht" sagt, dann lehnt man das Projekt doch lieber ab: Wer will schon Schuld übernehmen für einen Flop. Ein Buch nicht zu machen , bringt einen immer auf die sichere Seite (wenn man nicht gerade so blöde ist, die Lovestory abzulehnen, wie dreißig westdeutsche Verlage).

Fertige Manuskripte, die man unaufgefordert schickt, bleiben grundsätzlich ohne Antwort, man sieht sie einfach nie wieder. Traditionsreiche Häuser tun sich da besonders hervor, seien sie, selbstbewußt, aus den sog. neuen Bundesländern oder, einfach nur chaotisch, aus Reinbek bei Hamburg.

Da der Vermieter nun ungeduldig wird und die Nudelvorräte in der Speisekammer arg zusammenschrumpfen, bemüht man sich wohl oder übel, und weil auch die Bank nicht mehr mitspielt, um die verschiedensten Aufträge, eine Redaktion, vielleicht Übersetzungen, warum nicht mal schnell ein Lektoratsgutachten, für das alle Verlage einmütig unter 200 Mark zu zahlen scheinen (Stundenlohn 2,50 Mark).

Von muffigen süddeutsche Feuilletonchefs will ich gar nicht mal sprechen, welche, da es den Marktwert eines Autors in ihrer Meinung steigert, in ihrem Blatte zu publizieren, eigentlich bloß damit beschäftigt sind, Texte und Themenvorschläge abzuwimmeln. Sie sind immer gehetzt, haben niemals Zeit, um sich dann aber stundenlang auszulabern über "ihren Laden". Und wenn man doch mal was unterbringt bei denen, kommt das läppische Honorar erst nach zweimaliger Mahnung.

Und dann trudeln, wenn man Glück hat, tatsächlich ein paar Aufträge ein, meist freilich mehrere auf einmal. Doch dann wieder zieht sich das. Inzwischen liegt das tägliche Arbeitspensum bei 16 Stunden und mehr. Und was ist eigentlich ein Sonntag?

Endlich fertig mit der Übersetzung und schnell noch die Rechnung geschrieben, den Vermieter beruhigt, nun komme alles in Ordnung. Aber es zieht sich und zieht sich, und nach vier Wochen fragt man mal nach und hört von der fröhlichen Buchhalterin, daß sie sich alsbald um die Rechnung kümmern werde. Sie ist fest angestellt, überweist ihre Miete gewissenhaft, pünktlich, und nach ihrer Figur zu urteilen steht's bestens um ihre Küchenvorräte.

Oh, im Verlag haben sie Zeit. Ein Schwätzchen hier, ein Schwätzchen da, und des Schreibsklaven Hektik können sie gar nicht verstehen, im Gegenteil sind sie wohl froh, daß er zu seinem eigentlichen Vorhaben, seinem Buch, gar nicht mehr kommt.

Jedenfalls zieht sich's mal wieder, nach weiteren Wochen landet das Geld auf dem Konto, das heißt: dessen Minus ist leicht geschrumpft. Und schmerzlich macht man sich klar, daß noch der letzte kleine Angestellte im Verlag eine besser bezahlte, womöglich würdigere Existenz als man selber führt.

Was tun?

Am besten walkt man seine Stoffe aus. Wie schnell ist aus einem Gedicht (das lasse man ohnehin besser, wenn man Geld verdienen muß) eine Kurzgeschichte gebastelt, eine Erzählung, und was, wiederum, unterscheidet die vom Roman, außer ein paar Zeilen. Features, Essays, Radiosendungen fallen allemal ab. Warum nicht ein Theaterstück. Nein, ein Drehbuch, das bringt ja was, je nach dem, 20 bis 30000 Mark, auch mal das Doppelte. Das klingt viel. Ist aber wenig, wenn man bedenkt, daß man das Ding bis zu zwanzigmal umschreibt - je nach Laune des Produzenten, des Redakteurs, des Intendanten. Kurz: Die Sache zieht sich.

Obwohl normalerweise etliche Jahre verstreichen, bis sowas mal im Kasten ist, wechseln die Meinungen der Verantwortlichen in diesem Gewerbe nicht täglich - nein, minütlich. Und so verhackstückt man sein Drehbuch in immer kleinteiligere Episodenstreifen, damit die Handlung sich von einer Anreihung von Werbespots nicht so arg unterscheidet. Das ist gefragt, so macht man sich bei den Fernsehfuzzis unentbehrlich: hundert Prozent Styling, hundert Prozent du ...

Als Schriftsteller ist man eigentlich ein Freier in noch einem ganz anderen Sinn - einer, welcher die Schönen sich ausguckt. Und nicht ahnt man dabei, daß man selber sich anbietet, daß man selber der ist, der auf'm Strich geht.

Nein wirklich, es ist ein alter, ein ehrenvoller Beruf - honoris causa, schließlich schreiben die meisten, was nach guter alter Sitte immer noch ohne Honorar bedeutet. Selbstverwirklichung, ha! Der Autor ist ja auctor - ein bißchen Herrgott und viele, viele Sündenfälle. Aber weit und breit kein Baum der Erkenntnis.
Um's Paradies kann es sich also nicht handeln.


 
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