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Edgar Allan Poe
Sollte irgend einem Mann von Ambitionen der Sinn danach stehen, mit
einem einzigen Gewalt- Streich die gesammte Welt menschlichen Denkens,
menschlichen Meinens und menschlichen Empfindens zu revolutionieren, so
steht ihm solche Gelegenheit jederzeit zu Gebote - so liegt die Straße
zum unsterblichen Ruhm schnurgerade, offen und ohne jegliches Hinderniß
vor ihm. Was er zu tun hat, ist lediglich, ein ganz kleines Buch zu schreiben
und zu publicieren. Der Titel sollte recht einfach sein - dürfte blos
wenige, schlichte Worte umfassen: "Mein bloßgelegtes Herz". Allein,
dies kleine Buch müßte halten, was sein Titel versprach.
Ist's nun aber nicht höchst sonderbar, daß bei all der rabiaten
Gier nach Notorietät, welche so vielen Exemplaren der Species Mensch
anhaftet - so vielen auch, die sich keinen Deut drum scheren, was man nach
ihrem Tode von ihnen denken mag: ist's da nicht höchst sonderbar,
daß kein Einziger unter jenen sich findet, der da genug Kühnheit
aufbrächte, dies Büchlein zu schreiben? Zu schreiben, sag' ich!
Denn es giebt freilich zehntausend Männer, die, wär' solches
Buch erst geschrieben, blos lachen würden ob der Vorstellung, sie
könnten sich zu Lebzeiten durch dessen Publication irritiert fühlen,
und die erst recht nicht verstünden, wasdenn gegen eine Veröffentlichung
nach ihrem Tode einzuwenden wäre. Aber dieses Buch zu schreiben -
das liegt der Hase im Pfeffer! Darüber wagt sich Keiner und wird sich
in aller Zukunft Keiner wagen. Und wagte es gleich Einer, so könnt'
er's gar nicht schreiben! Glosend verschrumpfen würde das Papier unter
den Zügen so brennender Feder!
(aus den Marginalien, in: Das gesamte Werk in zehn Bänden,
Walter Verlag 1976, Band 10, übs. von Richard Kruse, Friedrich Polakovics
und Ursula Wernicke )
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