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Goethe und Delacroix
Eugène Delacroix hatte eigentlich beabsichtigt, seine "Faust"-Illustrationen
ale eigene Mappe herauszugeben, aber der Verleger überredete ihn,
sie zusammen mit der französischen Übersetzung von Albert Stapfer
zu publizieren. Das prächtige Gesamt-Werk (siehe Abbildung) ist 1828
bei Charles Motte (Tafeln, teils auf gewalztem Chinapapier) und Gaultier-Lagouine
(Text) in Paris erschienen, in Leder gebunden und in Gold geschnitten.
Schon im November 1926 zeigte Eckermann dem Dichter des "Faust" zwei
Skizzen dieser Holzstiche: Faust und Mephisto auf den Sturmpferden und
die Trinkszene in Auerbachs Keller. Goethe war von Delacroix' ungestümem
Strich mehr beeindruckt als begeistert, blieb aber durchaus verbindlich:
Der Zeichner sei "ein großes Talent", sagte er zu Eckermann, "das
gerade am ‘Faust' die rechte Nahrung gefunden hat. Die Franzosen tadeln
an ihm seine Wildheit, allein hier kommt sie ihm recht zu statten." In
seinem Brief an den Übersetzer ließ sich Goethe nur wenig deutlicher
herbei: "Beide Blätter sind zwar bloß flüchtige Skizzen,
etwas roh behandelt, aber voll Geist, Ausdruck und auf gewaltigen Effekt
angelegt. Wahrscheinlich gelingen dem Künstler die übrigen wilden
ahnungsvollen und seltsamen Situationen gleichfalls, und wenn er sich dem
Zärtern auf irgend eine Weise zu fügen versteht, so haben wir
ein wundersames, in jenes paradoxe Gedicht harmonisch eingreifendes Kunstwerk
nächstens zu erwarten."
Daß Goethes bekannte Angst vor jeder "Wildheit" zumindest in diesem
Fall unbegründet war, zeigt die hier abgebildete Szene mit Gretchen
und Mephisto, ein Blatt, in dem sich Delacroix sowohl dem Wilden als auch
"dem Zärtern zu fügen" verstand.
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