Nr. 16,  August 1999
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"Dienen und verdienen"

Kürzer, schrieb die "junge welt", ist das in die alte Landsknechtsformel gepackt: Sieg und fette Beute.
Die Rede ist von Hitlers Generälen  (Foto, v.l.n.r.: Keitel, Rundstedt, Bock, Göring, Hitler, Brauchitsch, Leeb, List, Kluge, Witzleben und Reichenau), denen jeder "Blitzsieg" nicht nur Ruhm, sondern auch großzügigen Landbesitz einbrachte.
Unter dem Titel "Dienen und verdienen - Hitlers Geschenke an seine Eliten" bringt der Fischer Verlag im Herbst ein Buch dazu heraus. Autoren sind Gerd R. Ueberschär, Lehrbeauftragter an der Universität Freiburg, und Winfried Vogel, Ex-Brigadegeneral der Bundeswehr. 
Nicht alles Skandalöse in ihrem Buch hat sich demographisch erledigt. Im südlichen Bayern lebt heute Hermann Leeb mit seiner Liegenschaft, die er in aller Ruhe von seinem Vater Ritter von Leeb (siehe Foto) geerbt hat: zweihundertelf Hektar deutschen Waldes. 1943, errechnete die "junge welt", hatten sie einen Schätzwert von sechshundertsechzigtausend Reichsmark; der dürfte sich bis heute fast verzehnfacht haben.
Ritter von Leeb, nach dem viele Jahre lang eine Landsberger Bundeswehr-Kaserne benannt war, hatte Hitler sechs Tage nach den Attentat 1944 handschriftlich zur "wunderbaren Errettung vor dem ruchlosen Anschlag [s]eine tiefstfühlenden Glückwünsche" ausgesprochen.
Ganz offensichtlich ist eine Wehrmachtsausstellung noch nicht genug.
 
 
War Goebbels nur ungeschickt?

Die jüngst in Ost-Berlin entdeckten dreißig Stunden Fernsehaufnahmen von März 1935 bis September 1944 werfen eine Frage auf: Warum haben die Nazis, die sich doch sonst mit Propaganda auskannten, dieses Instrument nicht effektiver eingesetzt? Hatte selbst der "Minister für Volksaufklärung und Propaganda" übersehen, welches Potential sich  ihm da eröffnete?
Wohl nicht. Sondern die Aufnahmen waren einfach zu unfachmännisch gemacht: Das Licht ist grau und flach, die Position der riesigen, unbeweglichen Kameras kurios, und es gab noch keine Möglichkeit der Bearbeitung und - vor allem - keinen synchronisierten Ton. 
Im übrigen, meint der Medienexperte David Hudson, war den Machthabern die intime, selten inszenierbare Unmittelbarkeit des Fernsehens unheimlich. Während Hitler in Filmen und Wochenschauen schon optisch sich zum hohen "Führer" aufbaute, erscheint er in den Fernsehaufnahmen, etwa bei einer Ansprache an Wehrmachtseinheiten, als dunkle Winzigfigur, die sich im Dahinstolpern über einen Acker die Hosen hochzieht. Der Zuschauer schaut auf ihn herab, aber erst umgekehrt wurde für Goebbels ein Propagandaschuh daraus (für den heutigen Zuschauer jedoch enthüllen diese Filme die schon ästhetisch beleidigende Durchschnittlichkeit der angeblichen Größen, zu denen - im Sektor Entertainment - übrigens auch Heinz Ehrhardt gehörte).
Mängel dieser Art waren es also, die die Nazis veranlaßten, ihr Fernsehen nur gegen Eintrittskarten einem ausgewählten Publikum in achtundzwanzig Schauräumen in Berlin zu erlauben (später kamen in München und Hamburg ein paar weitere hinzu).
Dieses unbeholfene TV-Programm war keine Konkurrenz für Propaganda-Meisterinnen wie Leni Riefenstahl.
 

Die Zeugung eines Bestsellers

Vor zwei Jahren tötete ein vierzehnjähriger Japaner ein kleines Mädchen mit mehreren Hammerschlägen auf den Kopf. "Nur wenn ich töte, bin ich ruhig und frei von Haß", schrieb er danach an eine Zeitung. Jetzt machen seine Eltern aus dem juvenilen Mörder einen Bestseller.
Der Junge wurde, um seine Anonymität zu schützen, in allen Prozeßberichten immer nur "A" genannt. Auch seine Autoren bleiben ungenannt: Das Buch ist von den "Eltern des A" geschrieben. Im April dieses Jahres kam es in dem angesehenen Verlag Bungeishunju heraus, hat sich sich seitdem eine halbe Million mal verkauft und steht seitdem in den Bestsellerlisten.
Der Junge wird in dem Buch als still und sensibel geschildert, angeblich duldete er es nicht, daß seine Mutter die Kakerlaken in der Küche umbrachte. In der Schule verhielt er sich offenbar anders: Dort soll er gesagt haben, daß zwischen Kakerlaken und Menschen kein Unterschied sei. Einmal beschaffte er sich per Ladendiebstahl ein Thermometer, nahm das Quecksilber heraus und vergiftete damit Katzen. Den abgetrennten Kopf seines ersten Mordopfers versteckte er auf dem Dachboden, einen zweiten Kopf trug er vor seiner Schule in Kobe spazieren. Die Eltern, schreiben sie jetzt, "genieren" sich, daß sie sein antisoziales Verhalten nicht bemerkt haben. 
Immerhin: Die Eltern wollen sich nicht am makabren Ruhm ihres Sohnes bereichern; sämtliche Buchhonorare sollen den Familien der ermordeten Kinder zugewendet werden. 
Und vielleicht schauen jetzt andere Eltern öfter mal nach, was ihre Jungs mit Thermometern und auf dem Dachboden treiben.
 

Agent Leary

Der Gegenkultur- und Drogen-Guru Timothy Leary war quasi inoffizieller Mitarbeiter des FBI und hat im Mai 1974 den Strafverfolgern die Namen derjenigen Personen verraten, die ihn nur vier Jahre vorher aus dem Gefängnis befreit hatten. Der Informant ist 1996 an Krebs gestorben.
Die Nachricht geht aus FBI-Akten und Vernehmungsprotokollen hervor, die seit Anfang Juli freigegeben sind und von denen vierzehn Seiten umgehend im Internet publiziert wurden. Ihnen zufolge wollte Leary, der damals nach seiner Flucht erneut verhaftet worden war und fünfundzwanzig Jahre Gefängnis vor sich sah, nur noch eins: so schnell wie möglich raus. Also gab er die Namen der berüchtigen Untergrundgruppe "The Weathermen" preis, die ihm geholfen hatten.
In seiner Autobiographie von 1983 hatte er noch behauptet, er habe dem FBI nur die Details seiner abenteuerlichen Flucht erzählt, nicht aber die Fluchthelfer identifiziert: "Ich wollte niemanden verpfeifen."
Todd Gitlin, Professor an der New York University und Autor eines Buches über die 60er Jahre, nannte die Enthüllung "überraschend, aber nicht schockierend": Leary war "kein Mann von politischen Prinzipien". 
Douglas Rushkoff, Learys Freund und Literaturagent, versucht jetzt, den Schaden zu begrenzen: Die Namensnennungen hätten nicht zu einer einzigen Anklage oder Verhaftung geführt.
 

Geschäftstüchtiger Dickens

Privatdokumente des Autors, die Mitte Juli in London versteigert wurden, zeigen einen Dickens, der mit seinem Verlag, Bradbury & Evans, verbissen um Honorare, Urheberrechte und Erscheinungsweise kämpfte. Der Streit geriet so erbittert, daß Dickens darüber mehrere Freunde und Partner verlor.
Den endgültigen Bruch mit dem Verlagshaus löste die Weigerung der Verleger aus, eine Mitteilung über Dickens' Trennung von seiner Frau zu veröffentlichen. Es sollte aber noch Jahre kleinlichen Hickhacks dauern, bis der Autor sich vollends von seinem Verlag gelöst hatte.
Und er wäre kein Autor, wenn er die Erfahrungen seiner juristischen Streitfälle nicht schriftstellerisch verwertet hätte, vor allem in "Bleak House" und "Little Dorrit". 
Dickens war der erste Autor der englischen Literaturgeschichte, der nicht reich und finanziell unabhängig, sondern dringend auf seine Honorare angewiesen war. Seine durchaus erfolgreich geführte Auseinandersetzung machte es seinen Nachfolgern leichter, vom Schreiben zu leben. Wenigstens einigermaßen.
 

548.09.METZ QA 3 1

Paris: "Die neue Bibliothèque Nationale ist eine einzige Katastrophe", sagte der Personalleiter der BN, Daniel Renoult. Er hat es mit einem am Körper befestigten Kilometerzähler nachgemessen: Täglich absolviert er, fünfzigjährig, auf den endlosen Gängen der vier jeweils achtzig Meter hohen Ecktürme fünfzehn Kilometer lange dienstliche Märsche.
Und der frühere Direktor der BN, Emmanuel le Roy Ladurie stimmt ihm bei: "Die Architektur ist ebenso gigantisch wie antifunktionell." Ladurie wurde 1994 aufgrund solcher Kritik freundlich entlassen.
Ladurie weiter: Der Architekt "Perrault scheint vorher nie einen Fuß in eine Bibliothek gesetzt zu haben. Anders läßt sich nicht erklären, warum er die meisten der rund elf Millionen Bücher in den sonnendurchflutteten Türmen aus Glas, Beton und Metall unterbrachte, während er die Benutzer in dunkle Erdgeschoßräume mit nebulösen Codes wie 548.09.METZ QA 31 für den Lesesaal für Wissenschaft unter die Erde verbannte."
Zwei Minuten sollte die Aushändigung eines bestellten Buches dauern: Es sind heute sechzehn. Und die dreihundert Millionen Francs teure Systemsoftware "Gemini" spielt noch immer verrückt, trotz der Dauerbeschäftigung von sechzig Spezialisten.
Erst in fünfzehn Jahren, schätzen Experten., wird die Bibliothek fehlerfrei laufen.
 
 

Warum dann noch lesen?

Einer aufgeregten Meldung von USA Today zufolge brauchen Lehrer und Professoren ab sofort keine Aufsätze und Seminararbeiten mehr zu lesen: Der Computer nimmt ihnen die Arbeit ab.
Darrell Laham und Thomas Landauer von der University of Colorado und Peter Foltz, New Mexico State University, haben in zehnjähriger Arbeit eine Software namens "Intelligent Essay Assessor" entwickelt, die den Wort- und Sprachgebrauch der Arbeit statistisch analysiert und dann eine Note auswirft, die angeblich der eines menschlichen Beurteilers verdächtig nahe liegt.
Im Augenblick nur diese Kurzmeldung. Wir kommen auf das Thema ausführlicher zurück
 

Rechtzeitiges Erscheinen erwünscht

Ms. Shriver, die Nichte von John F. Kennedy, hat zum ersten Mal ein Kinderbuch in eine Bestseller-Liste gebracht: "What's Heaven?", eine Beschäftigung mit Tod und Sterben, geschrieben als Antworten auf die möglichen - und unerwartet plötzlich aktuell gewordenen - Fragen ihrer vier Kinder,  das jüngste ist achtzehn Monate, das älteste neun Jahrealt. 
Das Buch ist ein fiktives Gespräch zwischen einem kleinen Mädchen namens Kate und ihrer Mutter über das Weiterleben in einem - konfessionsübergreifenden - Himmel. Ursprünglich war es als Buch für Kinder gedacht, seit einigen Wochen jedoch wird es vorwiegend von Erwachsenen gekauft.
 

Die Geschichte des Penicillins
muß umgeschrieben werden

Der englische Buchautor Richard Barry hat einen Text entdeckt, der dem bisher gültigen Entdecker des Penicillins, Alexander Fleming, das Erstgeburtsrecht rauben kann.
Der Schotte hatte das Penicillin 1928 gefunden. Der Franzose Ernest Duchesne dagegen, so Barry, hat schon 1897 - mit dreiundzwanzig Jahren - für die Militärärztliche Schule in Lyon eine Arbeit geschrieben, in der Flemings "antibiotische Substanz" genau beschrieben wird. "Er bekam eine gute Note, dann wurde die Arbeit archiviert und vergessen", sagt Richard Barry, "eine Tragödie, wenn man bedenkt wieviele tausend Leben damit allein im Ersten Weltkrieg hätten gerettet werden können."
Duchesne starb bereits 1912. Ironischerweise an einer Tuberkulose, die heute durch seine damals unerkannte Entdeckung geheilt werden kann.
 

Bedrohte Freundin

In Bangladesh ist es es nicht ungefährlich, die Freundin der Autorin Taslima Nasrin zu sein. Shamin Sikdar, eine bekannte Bildhauerin, hat darüber hinaus auch noch vor der eigenen Universität von Dakka eine Plastik aufgestellt, die an die Frauen der Unabhängigkeitsbewegung von 1971 erinnert. Das reichte einer obskuren, aber militanten Fundamantalistengruppe, den sogenannten Taliban Bahini, ihr mit der Folterung bis zum Tod zu drohen. Die Taliban werfen ihr vor, zur Anbetung von Götzenbildern aufgefordert zu haben. Mit Plastiken?
Eine Kopfprämie - wie die fünftausend Dollar auf ihre Freundin - ist noch nicht ausgesetzt
 

Was ist ein Bestseller?

"Die erste Hürde für das Verkaufen von Büchern", sagt der amerikanische Autor Vanderbilt, " - und es ist ein Matterhorn von Hürde - ist die Tatsache, daß keiner liest. Bücher in den USA zu verkaufen, das ist wie Videobänder in einer Bevölkerung zu verkaufen, in der fünfundsiebzig Prozent keinen Videorekorder besitzen und der Rest nicht die blasseste Ahnung hat, wie man ihn bedient."
Er hat folgende Zahlen parat: Es gibt mehr als 250 Millionen Amerikaner; wenn von einem Buch fünfzigtausend Exemplare verkauft werden, ist es bereits ein Bestseller; werden eine Million Exemplare verkauft, so hat man einen Supercoup gelandet, aber selbst das heißt doch, daß weniger als ein halbes Prozent der Bevölkerung das Buch in der Hand hat. Rekorde bisher: 1,3 Millionen Exemplare für einen Tom Clancy, 1,2 Millionen für Stephen King, 1,1 Millionen für Danielle Steel, James Michener: achthundertfünfzigtausend, Jackie Collins: vierhundertfünfundsiebzigtausend, John le Carré: vierhundertfünfzigtausend, Ken Follett: dreihundertdreißigtausend.
Jämmerlich. John Steinbeck war überrascht, als er erfuhr, daß sich eins seiner Bücher in Dänemark ebenso oft verkauft hatte wie in den USA. Und Dänemark hatte damals eine Bevölkerung von nur fünf Millionen.
Und noch diese Zahl von Vanderbilt: Damit jemand ein Buch kauft, muß er in einer Woche sechsmal auf dieses Buch gestoßen werden, irgendwie, über eine Zeitungsanzeige, eine Fernsehwerbung, ein Interview, ein Plakat, einen Nachbarn (der das Buch gelesen hat und es gut fand). Jetzt wissen wir, warum es so wenige Bestseller gibt.
 

Ägyptischer Poetik-Kritiker gestorben

Shoukry Ayyad, einer der weltweit angesehensten Poetologen, ist am 24. Juli im Alter von achtundsiebzig Jahren in Kairo gestorben. Wenige Stunde später wurde er beerdigt.
Ayyad hat etwa zwanzig Bücher über arabische Poesie und das arabische Theater geschrieben. Zuletzt arbeitete er an einem umfassenden Überblick über arabische Gedichte von den Anfängen bis zur Gegenwart. Er ist zudem der Verfasser des Buches "Himmlischer Vogel", in dem er seine eigenen Gedichte veröffentlicht hat.
Warum ihm die ägyptische Regierung zwar den Staatlichen Literaturpreis verliehen hat, ihm aber beharrlich die Herausgeberschaft einer eigenen Poesie-Zeitschrift verweigerte, bleibt unerklärlich.
 

Kunstraub im Museum

Die Wildenstein Gallery in Manhattan ist im Besitz kostbarer Stundenbücher aus dem 15. bis 17. Jahrhundert, die dem Eigentümer, Alphonse Kann, in Paris von den Nationalsozialisten gestohlen wurden, nachdem er 1939 aus der Stadt geflohen war. Der Wert der Sammlung wird auf zweihundertdreißig Millionen Mark geschätzt.
Nachdem das Museum die Herausgabe an die Erbberechtigten, Kanns Großneffen  Francis Warin und die Stiftung En Mémoire d'Alphonse Kann, verweigert hatte, geht die Angelegenheit jetzt vor ein New Yorker Gericht.
 

Aufwendige Büchervernichtung

Die Falun-Gong-Sekte, die der chinesischen Regierung solche Angst macht, hat keine Bücher mehr. Landesweit wurden insgesamt 1,55 Millionen Bücher und anderes Material der Sekte beschlagnahmt: Laut Xinhua dreiundsiebzigtausend Bücher in Tianjin, hundertdreißigtausend Bücher sowie siebenundzwanzigtausend Ton- und Videobänder in Wuhan und dreitausendzweihundert in Urumqui, der Hauptstadt von Xinjiang.
Die Fernsehnachrichten wurden von einer halben auf eine ganze Stunde verlängert, um die Vernichtungsaktion auszustrahlen. Mit Bulldozern wurden die Kassetten zerquetscht und eindrucksvolle Bücherberge in Behälter geschoben, wo sie zu einem schmutzigen Papierbrei zerkocht wurden.
Die Meldung allerdings, daß siebzig Millionen Chinesen Falun-Gong-Anhänger seien, korrigierte man kurz danach auf zwei Millionen herunter..

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