| War Goebbels nur ungeschickt?
Die jüngst in Ost-Berlin entdeckten dreißig Stunden Fernsehaufnahmen
von März 1935 bis September 1944 werfen eine Frage auf: Warum haben
die Nazis, die sich doch sonst mit Propaganda auskannten, dieses Instrument
nicht effektiver eingesetzt? Hatte selbst der "Minister für Volksaufklärung
und Propaganda" übersehen, welches Potential sich ihm da eröffnete?
Wohl nicht. Sondern die Aufnahmen waren einfach zu unfachmännisch
gemacht: Das Licht ist grau und flach, die Position der riesigen, unbeweglichen
Kameras kurios, und es gab noch keine Möglichkeit der Bearbeitung
und - vor allem - keinen synchronisierten Ton.
Im übrigen, meint der Medienexperte David Hudson, war den Machthabern
die intime, selten inszenierbare Unmittelbarkeit des Fernsehens unheimlich.
Während Hitler in Filmen und Wochenschauen schon optisch sich zum
hohen "Führer" aufbaute, erscheint er in den Fernsehaufnahmen, etwa
bei einer Ansprache an Wehrmachtseinheiten, als dunkle Winzigfigur, die
sich im Dahinstolpern über einen Acker die Hosen hochzieht. Der Zuschauer
schaut auf ihn herab, aber erst umgekehrt wurde für Goebbels ein Propagandaschuh
daraus (für den heutigen Zuschauer jedoch enthüllen diese Filme
die schon ästhetisch beleidigende Durchschnittlichkeit der angeblichen
Größen, zu denen - im Sektor Entertainment - übrigens auch
Heinz Ehrhardt gehörte).
Mängel dieser Art waren es also, die die Nazis veranlaßten,
ihr Fernsehen nur gegen Eintrittskarten einem ausgewählten Publikum
in achtundzwanzig Schauräumen in Berlin zu erlauben (später kamen
in München und Hamburg ein paar weitere hinzu).
Dieses unbeholfene TV-Programm war keine Konkurrenz für Propaganda-Meisterinnen
wie Leni Riefenstahl.
Die Zeugung eines Bestsellers
Vor zwei Jahren tötete ein vierzehnjähriger Japaner ein kleines
Mädchen mit mehreren Hammerschlägen auf den Kopf. "Nur wenn ich
töte, bin ich ruhig und frei von Haß", schrieb er danach an
eine Zeitung. Jetzt machen seine Eltern aus dem juvenilen Mörder einen
Bestseller.
Der Junge wurde, um seine Anonymität zu schützen, in allen
Prozeßberichten immer nur "A" genannt. Auch seine Autoren bleiben
ungenannt: Das Buch ist von den "Eltern des A" geschrieben. Im April dieses
Jahres kam es in dem angesehenen Verlag Bungeishunju heraus, hat sich sich
seitdem eine halbe Million mal verkauft und steht seitdem in den Bestsellerlisten.
Der Junge wird in dem Buch als still und sensibel geschildert, angeblich
duldete er es nicht, daß seine Mutter die Kakerlaken in der Küche
umbrachte. In der Schule verhielt er sich offenbar anders: Dort soll er
gesagt haben, daß zwischen Kakerlaken und Menschen kein Unterschied
sei. Einmal beschaffte er sich per Ladendiebstahl ein Thermometer, nahm
das Quecksilber heraus und vergiftete damit Katzen. Den abgetrennten Kopf
seines ersten Mordopfers versteckte er auf dem Dachboden, einen zweiten
Kopf trug er vor seiner Schule in Kobe spazieren. Die Eltern, schreiben
sie jetzt, "genieren" sich, daß sie sein antisoziales Verhalten nicht
bemerkt haben.
Immerhin: Die Eltern wollen sich nicht am makabren Ruhm ihres Sohnes
bereichern; sämtliche Buchhonorare sollen den Familien der ermordeten
Kinder zugewendet werden.
Und vielleicht schauen jetzt andere Eltern öfter mal nach, was
ihre Jungs mit Thermometern und auf dem Dachboden treiben.
Agent Leary
Der Gegenkultur- und Drogen-Guru Timothy Leary war quasi inoffizieller
Mitarbeiter des FBI und hat im Mai 1974 den Strafverfolgern die Namen derjenigen
Personen verraten, die ihn nur vier Jahre vorher aus dem Gefängnis
befreit hatten. Der Informant ist 1996 an Krebs gestorben.
Die Nachricht geht aus FBI-Akten und Vernehmungsprotokollen hervor,
die seit Anfang Juli freigegeben sind und von denen vierzehn Seiten umgehend
im Internet publiziert wurden. Ihnen
zufolge wollte Leary, der damals nach seiner Flucht erneut verhaftet worden
war und fünfundzwanzig Jahre Gefängnis vor sich sah, nur noch
eins: so schnell wie möglich raus. Also gab er die Namen der berüchtigen
Untergrundgruppe "The Weathermen" preis, die ihm geholfen hatten.
In seiner Autobiographie von 1983 hatte er noch behauptet, er habe
dem FBI nur die Details seiner abenteuerlichen Flucht erzählt, nicht
aber die Fluchthelfer identifiziert: "Ich wollte niemanden verpfeifen."
Todd Gitlin, Professor an der New York University und Autor eines Buches
über die 60er Jahre, nannte die Enthüllung "überraschend,
aber nicht schockierend": Leary war "kein Mann von politischen Prinzipien".
Douglas Rushkoff, Learys Freund und Literaturagent, versucht jetzt,
den Schaden zu begrenzen: Die Namensnennungen hätten nicht zu einer
einzigen Anklage oder Verhaftung geführt.
Geschäftstüchtiger Dickens
Privatdokumente des Autors, die Mitte Juli in London versteigert wurden,
zeigen einen Dickens, der mit seinem Verlag, Bradbury & Evans, verbissen
um Honorare, Urheberrechte und Erscheinungsweise kämpfte. Der Streit
geriet so erbittert, daß Dickens darüber mehrere Freunde und
Partner verlor.
Den endgültigen Bruch mit dem Verlagshaus löste die Weigerung
der Verleger aus, eine Mitteilung über Dickens' Trennung von seiner
Frau zu veröffentlichen. Es sollte aber noch Jahre kleinlichen Hickhacks
dauern, bis der Autor sich vollends von seinem Verlag gelöst hatte.
Und er wäre kein Autor, wenn er die Erfahrungen seiner juristischen
Streitfälle nicht schriftstellerisch verwertet hätte, vor allem
in "Bleak House" und "Little Dorrit".
Dickens war der erste Autor der englischen Literaturgeschichte, der
nicht reich und finanziell unabhängig, sondern dringend auf seine
Honorare angewiesen war. Seine durchaus erfolgreich geführte Auseinandersetzung
machte es seinen Nachfolgern leichter, vom Schreiben zu leben. Wenigstens
einigermaßen.
548.09.METZ QA 3 1
Paris: "Die neue Bibliothèque
Nationale ist eine einzige Katastrophe", sagte der Personalleiter der
BN, Daniel Renoult. Er hat es mit einem am Körper befestigten Kilometerzähler
nachgemessen: Täglich absolviert er, fünfzigjährig, auf
den endlosen Gängen der vier jeweils achtzig Meter hohen Ecktürme
fünfzehn Kilometer lange dienstliche Märsche.
Und
der frühere Direktor der BN, Emmanuel le Roy Ladurie stimmt ihm bei:
"Die Architektur ist ebenso gigantisch wie antifunktionell." Ladurie wurde
1994 aufgrund solcher Kritik freundlich entlassen.
Ladurie weiter: Der Architekt "Perrault scheint vorher nie einen Fuß
in eine Bibliothek gesetzt zu haben. Anders läßt sich nicht
erklären, warum er die meisten der rund elf Millionen Bücher
in den sonnendurchflutteten Türmen aus Glas, Beton und Metall unterbrachte,
während er die Benutzer in dunkle Erdgeschoßräume mit nebulösen
Codes wie 548.09.METZ QA 31 für den Lesesaal für Wissenschaft
unter die Erde verbannte."
Zwei Minuten sollte die Aushändigung eines bestellten Buches dauern:
Es sind heute sechzehn. Und die dreihundert Millionen Francs teure Systemsoftware
"Gemini" spielt noch immer verrückt, trotz der Dauerbeschäftigung
von sechzig Spezialisten.
Erst in fünfzehn Jahren, schätzen Experten., wird die Bibliothek
fehlerfrei laufen.
Warum dann noch lesen?
Einer aufgeregten Meldung von USA Today zufolge brauchen Lehrer und
Professoren ab sofort keine Aufsätze und Seminararbeiten mehr zu lesen:
Der Computer nimmt ihnen die Arbeit ab.
Darrell Laham und Thomas Landauer von der University of Colorado und
Peter Foltz, New Mexico State University, haben in zehnjähriger Arbeit
eine Software namens "Intelligent Essay Assessor" entwickelt, die den Wort-
und Sprachgebrauch der Arbeit statistisch analysiert und dann eine Note
auswirft, die angeblich der eines menschlichen Beurteilers verdächtig
nahe liegt.
Im Augenblick nur diese Kurzmeldung. Wir kommen auf das Thema ausführlicher
zurück
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Rechtzeitiges Erscheinen
erwünscht
Ms. Shriver, die Nichte von John F. Kennedy, hat zum ersten
Mal ein Kinderbuch in eine Bestseller-Liste gebracht: "What's
Heaven?", eine Beschäftigung mit Tod und Sterben, geschrieben als
Antworten auf die möglichen - und unerwartet plötzlich aktuell
gewordenen - Fragen ihrer vier Kinder, das jüngste ist achtzehn
Monate, das älteste neun Jahrealt.
Das Buch ist ein fiktives Gespräch zwischen einem
kleinen Mädchen namens Kate und ihrer Mutter über das Weiterleben
in einem - konfessionsübergreifenden - Himmel. Ursprünglich war
es als Buch für Kinder gedacht, seit einigen Wochen jedoch wird es
vorwiegend von Erwachsenen gekauft.
Die Geschichte des Penicillins
muß umgeschrieben werden
Der englische Buchautor Richard Barry hat einen Text entdeckt,
der dem bisher gültigen Entdecker des Penicillins, Alexander Fleming,
das Erstgeburtsrecht rauben kann.
Der Schotte hatte das Penicillin 1928 gefunden. Der Franzose
Ernest Duchesne dagegen, so Barry, hat schon 1897 - mit dreiundzwanzig
Jahren - für die Militärärztliche Schule in Lyon eine Arbeit
geschrieben, in der Flemings "antibiotische Substanz" genau beschrieben
wird. "Er bekam eine gute Note, dann wurde die Arbeit archiviert und vergessen",
sagt Richard Barry, "eine Tragödie, wenn man bedenkt wieviele tausend
Leben damit allein im Ersten Weltkrieg hätten gerettet werden können."
Duchesne starb bereits 1912. Ironischerweise an einer
Tuberkulose, die heute durch seine damals unerkannte Entdeckung geheilt
werden kann.
Bedrohte Freundin
In Bangladesh ist es es nicht ungefährlich, die Freundin
der Autorin Taslima Nasrin zu sein. Shamin Sikdar, eine bekannte Bildhauerin,
hat darüber hinaus auch noch vor der eigenen Universität von
Dakka eine Plastik aufgestellt, die an die Frauen der Unabhängigkeitsbewegung
von 1971 erinnert. Das reichte einer obskuren, aber militanten Fundamantalistengruppe,
den sogenannten Taliban Bahini, ihr mit der Folterung bis zum Tod zu drohen.
Die Taliban werfen ihr vor, zur Anbetung von Götzenbildern aufgefordert
zu haben. Mit Plastiken?
Eine Kopfprämie - wie die fünftausend Dollar
auf ihre Freundin - ist noch nicht ausgesetzt
Was ist ein Bestseller?
"Die erste Hürde für das Verkaufen von Büchern",
sagt der amerikanische Autor Vanderbilt, " - und es ist ein Matterhorn
von Hürde - ist die Tatsache, daß keiner liest. Bücher
in den USA zu verkaufen, das ist wie Videobänder in einer Bevölkerung
zu verkaufen, in der fünfundsiebzig Prozent keinen Videorekorder besitzen
und der Rest nicht die blasseste Ahnung hat, wie man ihn bedient."
Er hat folgende Zahlen parat: Es gibt mehr als 250 Millionen
Amerikaner; wenn von einem Buch fünfzigtausend Exemplare verkauft
werden, ist es bereits ein Bestseller; werden eine Million Exemplare verkauft,
so hat man einen Supercoup gelandet, aber selbst das heißt doch,
daß weniger als ein halbes Prozent der Bevölkerung das Buch
in der Hand hat. Rekorde bisher: 1,3 Millionen Exemplare für einen
Tom Clancy, 1,2 Millionen für Stephen King, 1,1 Millionen für
Danielle Steel, James Michener: achthundertfünfzigtausend, Jackie
Collins: vierhundertfünfundsiebzigtausend, John le Carré: vierhundertfünfzigtausend,
Ken Follett: dreihundertdreißigtausend.
Jämmerlich. John Steinbeck war überrascht,
als er erfuhr, daß sich eins seiner Bücher in Dänemark
ebenso oft verkauft hatte wie in den USA. Und Dänemark hatte damals
eine Bevölkerung von nur fünf Millionen.
Und noch diese Zahl von Vanderbilt: Damit jemand ein
Buch kauft, muß er in einer Woche sechsmal auf dieses Buch gestoßen
werden, irgendwie, über eine Zeitungsanzeige, eine Fernsehwerbung,
ein Interview, ein Plakat, einen Nachbarn (der das Buch gelesen hat und
es gut fand). Jetzt wissen wir, warum es so wenige Bestseller gibt.
Ägyptischer Poetik-Kritiker gestorben
Shoukry Ayyad, einer der weltweit angesehensten Poetologen,
ist am 24. Juli im Alter von achtundsiebzig Jahren in Kairo gestorben.
Wenige Stunde später wurde er beerdigt.
Ayyad hat etwa zwanzig Bücher über arabische
Poesie und das arabische Theater geschrieben. Zuletzt arbeitete er an einem
umfassenden Überblick über arabische Gedichte von den Anfängen
bis zur Gegenwart. Er ist zudem der Verfasser des Buches "Himmlischer Vogel",
in dem er seine eigenen Gedichte veröffentlicht hat.
Warum ihm die ägyptische Regierung zwar den Staatlichen
Literaturpreis verliehen hat, ihm aber beharrlich die Herausgeberschaft
einer eigenen Poesie-Zeitschrift verweigerte, bleibt unerklärlich.
Kunstraub im Museum
Die Wildenstein Gallery in Manhattan ist im Besitz kostbarer
Stundenbücher aus dem 15. bis 17. Jahrhundert, die dem Eigentümer,
Alphonse Kann, in Paris von den Nationalsozialisten gestohlen wurden, nachdem
er 1939 aus der Stadt geflohen war. Der Wert der Sammlung wird auf zweihundertdreißig
Millionen Mark geschätzt.
Nachdem das Museum die Herausgabe an die Erbberechtigten,
Kanns Großneffen Francis Warin und die Stiftung En Mémoire
d'Alphonse Kann, verweigert hatte, geht die Angelegenheit jetzt vor ein
New Yorker Gericht.
Aufwendige Büchervernichtung
Die Falun-Gong-Sekte, die der chinesischen Regierung solche
Angst macht, hat keine Bücher mehr. Landesweit wurden insgesamt 1,55
Millionen Bücher und anderes Material der Sekte beschlagnahmt: Laut
Xinhua dreiundsiebzigtausend Bücher in Tianjin, hundertdreißigtausend
Bücher sowie siebenundzwanzigtausend Ton- und Videobänder in
Wuhan und dreitausendzweihundert in Urumqui, der Hauptstadt von Xinjiang.
Die Fernsehnachrichten wurden von einer halben auf eine
ganze Stunde verlängert, um die Vernichtungsaktion auszustrahlen.
Mit Bulldozern wurden die Kassetten zerquetscht und eindrucksvolle Bücherberge
in Behälter geschoben, wo sie zu einem schmutzigen Papierbrei zerkocht
wurden.
Die Meldung allerdings, daß siebzig Millionen Chinesen
Falun-Gong-Anhänger seien, korrigierte man kurz danach auf zwei Millionen
herunter..

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