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Jan Ulrich Hasecke
Stille. Das Set zur Sonnenfinsternis Zuerst dachte ich, meine Frau hätte mir eine handgedrehte nicaraguanische Zigarre für 13 DM das Stück aus der Stadt mitgebracht, denn das Pappetui sah genauso aus, wie die von meinem Zigarrenhändler. Doch dann las ich die Aufschrift und erkannte die Sonnencorona. «Stille
dm
Ich war begeistert! Eine Sorge weniger! Ich öffnete das Etui. Und zum Vorschein kamen: 1. ein Traubenzucker-Dragee mit 10 Vitaminen
Ich packte die Brille aus, setzte sie auf und sah - meine eigenen Augen, denn dort, wo bei einer Brille normalerweise die Brillengläser sind, hatte man spiegelnde Silberfolie eingesetzt. Ich war verwirrt und tastete mich wie ein Blinder durchs Zimmer. Wollen die mich verarschen? Schließlich kam ich auf die Idee, zum Fenster zu gehen. Dann gab ich mir einen Ruck und schaute direkt in die gleißende, sommerklare Mittagssonne. - Fantastisch! Die Sonne sah aus wie der Vollmond, und der Himmel war nachtschwarz. Nur die Sterne fehlten. Ich blätterte in der kleinen Broschüre. Sie zitierte Adalbert Stifter, erklärte, wieso die Sonne sich verdunkelt, informierte über die Phasen der Sonnenfinsternis in den Städten Dortmund, Köln, Halle, Mannheim, Koblenz, Karlsruhe, Stuttgart und München - ob dm dort besonders große Läden hat? - und zeigte auf einer Deutschlandkarte, wo der Kernschatten verlaufen wird. Nun war ich rundum informiert. Nur eine Frage blieb unbeantwortet: Was will mir der «drogerie markt» mit den Warenproben sagen? Traubenzucker, damit man beim Besteigen eines Berges, von dem aus man das Herannahen des Mondschattens beobachten möchte, nicht schlapp macht? Selbstbräunungscreme, damit der Teint nach der Finsternis nicht so blass und bleich erscheint? Und schließlich feuchtes Toilettenpapier für all diejenigen, die sich vor Angst in die Hose scheißen? Doch was sind diese sorglosen Fragen im Gegensatz zu den existentiellen Sorgen, die sich die Menschen früher gemacht haben, wenn die Sonne sich verdunkelte. Welch ein Entsetzen muss die Menschen erfasst haben, als sie völlig unvorbereitet mit einer Sonnenfinsternis konfrontiert wurden? Kein Fernsehen, kein Internet, kein drogerie-markt, der sie schonend auf dieses erschütternde Ereignis vorbereitet hat. Weit und breit kein feuchtes Toilettenpapier, nur feiste Mönche, die ihre Johannes-Apokalypse in die Welt brüllten und ihren Beutel weiter denn je aufhielten. Pest, Cholera, Missernten, die Ankunft des Antichristen, das Ende der Welt: das war das Wenigste, worauf man sich gottergeben und fatalistisch vorbereitete. Heute ist dies ganz anders; der schiere ekliptische Optimismus regiert. Alle Welt erwartet steigende Umsätze bei Selbstbräunungscremes und Traubenzucker. Selbst die Netzliteraten erhoffen sich vom 11. August 1999 die Erleuchtung, wie man unter www.carpe.com/eclipse nachlesen kann. Es ist wirklich ungemein beruhigend, im ausgehenden 20. Jahrhundert zu leben. Jeder Klopapierverkäufer kann dir haargenau erklären, warum und wieso sich der Mond vor die Sonne schiebt, dein Drogist schenkt dir eine Schutzbrille und die Werbetexter greifen sogar zu Adalbert Stifter. Nur der Euro fällt, unser Evangelium. Das feuchte Toilettenpapier sollte ich vielleicht doch mal ausprobieren... Mit freundlicher Genehmigung des Autors
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