Nr. 16,  August 1999
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Buchkunst
Lyrik
Kurzprosa
Die Marginalie
 

 

Anonymus

Der Gelehrte und seine Katze

Jeder von uns macht so weiter,
ich und Pangur, mein Begleiter;
Mäuse hat er nur im Sinn,
mir ist Weisheit ein Gewinn.

Wenn mich Bücher können lehren,
drängt's mich nicht zu Ruhm und Ehren,
und auch Pangur ist zufrieden,
so ihm eine Maus beschieden.

Ein gemütliches Zuhause
ist uns meine enge Klause,
jeder von uns auf der Jagd,
was uns beiden sehr behagt.

Sein Blick schweift durch unsre Kammer
einer Maus zum Katzenjammer,
und nicht weniger verbissen
schweift mein Blick durch Bücherwissen.

Nach viel Warten, Lauern, Bangen
hat er eine Maus gefangen,
ich hab' ein Problem gelöst,
dem ich lange nachgedöst.

Pangur schnurrt, wenn einer Maus
endlich macht er den Garaus,
mir ist ebenso behaglich,
wenn ich fand, was vorher fraglich.

Keiner kommt bei dieser Lehre
je dem andern in die Quere,
wir sind beide Meister: Still
kriegt ein jeder, was er will.

Meister er im Mäusetöten
vom Morgen- bis zum Abendröten;
auch mich darf ich Meister nennen
im Durchdringen und Erkennen.

Kommentar des Übersetzers

Verse auf eine elfhundert Jahre alte Katze

Das Gedicht stammt aus dem 9. Jahrhundert. Es wurde von einem irischen Mönch an den Rand eines Manuskripts geschrieben, das er gerade kopierte, vielleicht, um sich von dieser eintönigen Arbeit abzulenken. Frank O'Connor hat es aus dem Gaelischen ins Englische übertragen - und ich wiederum vom Englischen ins Deutsche.
Die ungeheure Bedeutung der irischen Klöster im frühen Mittelalter für die gesamte abendländische Kultur wird oft unterschätzt. Nach dem Untergang des römischen Reiches, spätestens besiegelt mit der Einnahme und Plünderung Roms durch den Westgotenkönig Alarich im Jahre 410, fiel Europa in Chaos und Anarchie. In der Zeit der sogenannten "Völkerwanderung" drohte das gesamte aus der Antike und aus früneren Epochen überlieferte Wissen unterzugehen. Es gab nur wenige Enklaven - vor allem das damals entlegene Irland -, wo weiterhin Bücher gesammelt und kopiert wurden. Gelehrte aus vielen Ländern Europas flohen vor einer aus den Fugen geratenen Welt auf diese Insel und brachten als kostbarstes Gut ihre Schriften mit, ähnlich den "Büchermenschen" in Truffauts Film "Fahrenheit 451". Ohne die Mönche, zu deren wichtigsten Aufgaben das Kopieren solcher Schriften in den Scriptorien zählte, wäre Unersetzliches verlorengegangen, und es ist ein großes Glück, daß sie nicht nur christliche Texte für wert befanden, erhalten zu werden, sondern auch Philosophie, Dichtung und Literatur. Unsere Kenntnis der keltischen Mythologie verdankt sich ausschließlich den klösterlichen Universitäten Irlands, die selbst heidnische Überlieferungen für ihre Bibliotheken aufschrieben und bewahrten.
Die Verse des anonymen Mönchs, mit denen er seine weiße Katze Pangur unsterblich machte, gehören sicher zu den schönsten und anrührendsten aus jenem "Goldenen Zeitalter" irischer Gelehrsamkeit und öffnen einen Ausblick auf den geruhsamen Alltag eines mittelalterlichen Schreibers.

Frank Zumbach

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