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Goethe, denkmalgepflegt
Vor zwei Monaten erschien schon die zweite Auflage der Goethe-Biographie
von Anja Höfer in der dtv-Serie "portrait" (apart mit "ai" buchstabiert).
Inhalt und Layout des Hunderfünfzig- Seiten-Bändchens rechtfertigen
den schönen Erfolg zum Jubiläum: Was die Autorin hier versammelt
hat, ist ein nicht nur ungefähr umfassender, sondern reichhaltig detaillierter
und nahezu vollständiger Leitfaden durch Goethes Werke und ihren biographischen
Hintergrund.
Die elf Kapitel folgen einer angenehmen Chronologie. Die Lebensbeschreibung
fängt mit Kindheit und Studienjahren in Frankfurt und Straßburg
an (erwähnt dabei auch die Kreativitätskrise des Achtzehnjährigen,
der in Leipzig fast alle seine Frankfurter Manuskripte verbrannte), schreitet
über die Weimarer "Geniezeit" und die als innere Bewährung übernommene
Regierungsarbeit zur Italienischen Reise und den Jahren der Französischen
Revolution fort. Nach dem Abschnitt über die Freundschaft ("ästhetische
Allianz") mit Schiller folgen drei Kapitel über die Epoche Napoleons,
die Zeit der späten "Verjüngung" und die letzten Jahre. Eine
Zeittafel, eine Bibliographie und ein Register schließen den Band
ab.
Zum Layout hat sich der Verlag etwas einfallen lassen: Regelmäßig
finden sich im unteren Fünftel der Seiten, unter einem roten Trennstrich,
fußnotenartige Anmerkungen mit sozusagen kontextsensitiven Begleitinformationen.
Das ist mal ein Gedicht(ausschnitt), mal ein knapper "Kulturfahrplan" (etwa
die zeitgenössischen technischen Durchbrüche und Erfindungen),
Brief- und andere Texte alter und neuer Goethe-Kritiker oder Kurzbiographien
bedeutender Wegbegleiter des Dichters.
Außerordentlich begrüßenswert ist die Auswahl der
Abbildungen. Der Goethefreund findet hier nicht nur die
- gerade in diesem Jahr - sattsam bekannten und zeitgebunden heroisierenden
Gemälde von Tischbein ("Goethe in der Campagna") und Kolbe ("Goethe
als Dichter und Künstler vor dem Vesuv"), sondern vor allem selten
gesehene Zeichnungen von der Hand des Klassikers selbst, und zwar von so
ungewöhnlichem Inhalt wie einen letzten Abschiedsblick nach Italien,
botanische Sproß- und Verzweigungssysteme oder auch den Zwischenkieferknochen
aus der berühmten Druckschrift von 1786. Auf diese Weise entsteht
allein durch die Buchillustrationen ein vollständiges Bild der zahlreichen
Tätigkeitsfelder Goethes.
Wie genau die Autorin bestimmte Aspekte der Goetheschen Weltsicht herausarbeitet,
zeigt ihr Absatz über den von ihm geschaffenen Terminus "Weltliteratur":
Hinter diesem intensiven Bemühen um das Verständnis
fremder Kulturen stand seine - bereits in frühen Jahren durch Herder
geförderte - Überzeugung, daß "die Poesie ein Gemeingut
der Menschheit ist". Immer häufiger tauchte in Goethes Äußerungen
nun der Begriff der "Weltliteratur" auf. Anders als im heutigen Sprachgebrauch
üblich, verstand er darunter nicht einen Kanon der über die einzelnen
Natioanlliteraturen herausragenden, mustergültigen Werke, sondern
einen dynamischen Prozeß der interkulturellen Verständigung.
Die fruchtbare Wechselwirkung zwischen den Nationalliteraturen hatte für
Goethe über den Aspekt der gegenseitigen kulturellen Bereicherung
hinaus auch politische Bedeutung: "Gesellschaftlich zu wirken" sei letztlich
das Ziel eines solchen Austauschs, und zwar im Zeichen einer weltumspannenden
Humanität und Toleranz.
Solche Erläuterungen sind dem modernen Leser dringend nötig.
Denn immer wieder vibriert hinter dem scheinbar heutigen Klang der Sprache
Goethes eine ganz andere, wesentlich weitergehende Bedeutung, die sich
nur dem Kundigen erschließt - oder eben auch unsereinem nach einer
Erklärung wie der zitierten.
Hat das Buch also keinerlei Fehler? Doch. Ein paar.
Beginnen wir mit der Sprache der Autorin. Der Duktus ist - wie man
am Beispiel sieht - ruhig, uneitel, präzise, gebildet und informiert,
ohne Feature-Mätzchen, in glücklicher Gewichtsverteilung zwischen
Beschreibung und Zitat, weder hypotaktisch überladen, noch nebensatzfrei
eingeebnet. Aber, so muß man sofort hinzufügen, auch nur das.
Es fehlt dieser Sprache etwas wie Farbe, Glanz, Feuer, Empathie, Leidenschaft,
ein Mit-Gefühl, das auch in Wortwahl und Syntax zum Vorschein käme,
um sich dann auf den Leser zu übertragen. So aber wohnt man einer
Art Vortrag bei, der zumindest einen angelsächsischen Schuß
Entertainment durchaus vertragen könnte.
Dieser Zurückhaltung entsprechen auch die gebotenen Gegenstände.
Zwar wird zitierend erwähnt, daß Goethe unter falschem Namen
nach Italien gereist sei, aber welcher Name das nun war, enthält uns
die Autorin vor (er nannte sich Johann Philipp Möller). Oder dies:
Von Eckermann wird gesagt, er habe sich "nicht ohne schmerzliche persönliche
Entbehrungen" in den Dienst Goethes gestellt: Diese Litotes schreit förmlich
nach inhaltlicher Auffüllung: Was für Entbehrungen waren das
denn? Eine Antwort darauf steht beispielsweise hier, im Kalenderblatt.
Und Charlotte von Stein hat über Christiane Vulpius nicht bloß
vornehm die Nase gerümpft, wie Höfer schreibt, sondern dem Seelengeliebten
derart wütende Eifersuchtsszenen gemacht, daß der sich bitter
gegen sie verteidigte ("Welch ein Verhältnis ist es? Wer wird dadurch
verkürzt? Wer macht Anspruch an die Empfindungen, die ich dem armen
Geschöpf gönne? Wer an die Stunden, die ich mit ihr zubringe?
... Jede meiner Minen hast du kontrolliert, meine Bewegungen, meine Art
zu seyn getadelt und mich immer mal à mon aise gesetzt" - fast wie
bei Hempels hinterm Sofa, nur schriftstellerischer).
Auch fehlt eine so sinnliche Szene wie die mit Beethoven 1812 in Teplitz:
Da gehen die beiden Genies Arm in Arm spazieren, als die Kaiserin von Österreich
samt Hofstaat daherkommt. Beethoven sagt zu Goethe: "Bleibt nur an meinem
Arm hängen, sie müssen uns Platz machen, wir nicht." Dem Dichter
jedoch wird es zu peinlich, er stellt sich allein, mit gezogenem Hut, am
Wegrand auf und verbeugt sich, während der republikanisch gesinnte
Komponist mit hinter dem Rücken verschränkten Armen mitten durch
den Troß der Adligen hindurchschreitet, nur einmal soll er kurz den
Hut gerückt haben. Sagt so eine Szene nicht deutlicher und sinnfälliger
als manche Erörterung, wo Goethe stand (buchstäblich)?
Und was hinderte die Autorin, einen so aufregend zeitgemäßen
Text wie das - zugegeben: kaum bekannte - "Münzgutachten" Goethes
von 1793 (das übrigens hier nachzulesen
ist) wenigstens zu erwähnen?
Aus Gründen dieser Art ist dieses Goethe-Porträt ein gutes
und solides Buch geworden, aber kein sehr gutes, kein begeisterndes. Dankbar
vermerkt die Rezensentin, daß Verlag und Autorin nicht in die Falle
feiler Klassik-Runterputzer gegangen sind, aber das zwingt noch lange nicht
dazu, sich mit geschlossenen Augen der Denkmalpflege in die Arme zu werfen.
Anna Simon
Anja Höfer
Johann Wolfgang von Goethe
dtv portrait 31015, München 1999
12,5 x 19 Zentimeter, 159 Seiten
DM 14,90, öS 109, sFr 14,--
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