Nr. 16,  August 1999
aaaaaaaaaaa
Essays     Leseproben      Interview Net-Ticker     TextBilder  Rubriken     Archiv

 
 Leseproben
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 Portrait: Goethe
 Berühmte Tiere
 Pierre Gripari

 

 

Goethe, denkmalgepflegt

Vor zwei Monaten erschien schon die zweite Auflage der Goethe-Biographie von Anja Höfer in der dtv-Serie "portrait" (apart mit "ai" buchstabiert). Inhalt und Layout des Hunderfünfzig- Seiten-Bändchens rechtfertigen den schönen Erfolg zum Jubiläum: Was die Autorin hier versammelt hat, ist ein nicht nur ungefähr umfassender, sondern reichhaltig detaillierter und nahezu vollständiger Leitfaden durch Goethes Werke und ihren biographischen Hintergrund. 
Die elf Kapitel folgen einer angenehmen Chronologie. Die Lebensbeschreibung fängt mit Kindheit und Studienjahren in Frankfurt und Straßburg an (erwähnt dabei auch die Kreativitätskrise des Achtzehnjährigen, der in Leipzig fast alle seine Frankfurter Manuskripte verbrannte), schreitet über die Weimarer "Geniezeit" und die als innere Bewährung übernommene Regierungsarbeit zur Italienischen Reise und den Jahren der Französischen Revolution fort. Nach dem Abschnitt über die Freundschaft ("ästhetische Allianz") mit Schiller folgen drei Kapitel über die Epoche Napoleons, die Zeit der späten "Verjüngung" und die letzten Jahre. Eine Zeittafel, eine Bibliographie und ein Register schließen den Band ab.
Zum Layout hat sich der Verlag etwas einfallen lassen: Regelmäßig finden sich im unteren Fünftel der Seiten, unter einem roten Trennstrich, fußnotenartige Anmerkungen mit sozusagen kontextsensitiven Begleitinformationen. Das ist mal ein Gedicht(ausschnitt), mal ein knapper "Kulturfahrplan" (etwa die zeitgenössischen technischen Durchbrüche und Erfindungen), Brief- und andere Texte alter und neuer Goethe-Kritiker oder Kurzbiographien bedeutender Wegbegleiter des Dichters.
Außerordentlich begrüßenswert ist die Auswahl der Abbildungen. Der Goethefreund findet hier nicht nur die - gerade in diesem Jahr - sattsam bekannten und zeitgebunden heroisierenden Gemälde von Tischbein ("Goethe in der Campagna") und Kolbe ("Goethe als Dichter und Künstler vor dem Vesuv"), sondern vor allem selten gesehene Zeichnungen von der Hand des Klassikers selbst, und zwar von so ungewöhnlichem Inhalt wie einen letzten Abschiedsblick nach Italien, botanische Sproß- und Verzweigungssysteme oder auch den Zwischenkieferknochen aus der berühmten Druckschrift von 1786. Auf diese Weise entsteht allein durch die Buchillustrationen ein vollständiges Bild der zahlreichen Tätigkeitsfelder Goethes.
Wie genau die Autorin bestimmte Aspekte der Goetheschen Weltsicht herausarbeitet, zeigt ihr Absatz über den von ihm geschaffenen Terminus  "Weltliteratur":

Hinter diesem intensiven Bemühen um das Verständnis fremder Kulturen stand seine - bereits in frühen Jahren durch Herder geförderte - Überzeugung, daß "die Poesie ein Gemeingut der Menschheit ist". Immer häufiger tauchte in Goethes Äußerungen nun der Begriff der "Weltliteratur" auf. Anders als im heutigen Sprachgebrauch üblich, verstand er darunter nicht einen Kanon der über die einzelnen Natioanlliteraturen herausragenden, mustergültigen Werke, sondern einen dynamischen Prozeß der interkulturellen Verständigung. Die fruchtbare Wechselwirkung zwischen den Nationalliteraturen hatte für Goethe über den Aspekt der gegenseitigen kulturellen Bereicherung hinaus auch politische Bedeutung: "Gesellschaftlich zu wirken" sei letztlich das Ziel eines solchen Austauschs, und zwar im Zeichen einer weltumspannenden Humanität und Toleranz.

Solche Erläuterungen sind dem modernen Leser dringend nötig. Denn immer wieder vibriert hinter dem scheinbar heutigen Klang der Sprache Goethes eine ganz andere, wesentlich weitergehende Bedeutung, die sich nur dem Kundigen erschließt - oder eben auch unsereinem nach einer Erklärung wie der zitierten.
Hat das Buch also keinerlei Fehler? Doch. Ein paar.
Beginnen wir mit der Sprache der Autorin. Der Duktus ist - wie man am Beispiel sieht - ruhig, uneitel, präzise, gebildet und informiert, ohne Feature-Mätzchen, in glücklicher Gewichtsverteilung zwischen Beschreibung und Zitat, weder hypotaktisch überladen, noch nebensatzfrei eingeebnet. Aber, so muß man sofort hinzufügen, auch nur das. Es fehlt dieser Sprache etwas wie Farbe, Glanz, Feuer, Empathie, Leidenschaft, ein Mit-Gefühl, das auch in Wortwahl und Syntax zum Vorschein käme, um sich dann auf den Leser zu übertragen. So aber wohnt man einer Art Vortrag bei, der zumindest einen angelsächsischen Schuß Entertainment durchaus vertragen könnte.
Dieser Zurückhaltung entsprechen auch die gebotenen Gegenstände. Zwar wird zitierend erwähnt, daß Goethe unter falschem Namen nach Italien gereist sei, aber welcher Name das nun war, enthält uns die Autorin vor (er nannte sich Johann Philipp Möller). Oder dies: Von Eckermann wird gesagt, er habe sich "nicht ohne schmerzliche persönliche Entbehrungen" in den Dienst Goethes gestellt: Diese Litotes schreit förmlich nach inhaltlicher Auffüllung: Was für Entbehrungen waren das denn? Eine Antwort darauf steht beispielsweise hier, im Kalenderblatt.
Und Charlotte von Stein hat über Christiane Vulpius nicht bloß vornehm die Nase gerümpft, wie Höfer schreibt, sondern dem Seelengeliebten derart wütende Eifersuchtsszenen gemacht, daß der sich bitter gegen sie verteidigte ("Welch ein Verhältnis ist es? Wer wird dadurch verkürzt? Wer macht Anspruch an die Empfindungen, die ich dem armen Geschöpf gönne? Wer an die Stunden, die ich mit ihr zubringe? ... Jede meiner Minen hast du kontrolliert, meine Bewegungen, meine Art zu seyn getadelt und mich immer mal à mon aise gesetzt" - fast wie bei Hempels hinterm Sofa, nur schriftstellerischer).
Auch fehlt eine so sinnliche Szene wie die mit Beethoven 1812 in Teplitz: Da gehen die beiden Genies Arm in Arm spazieren, als die Kaiserin von Österreich samt Hofstaat daherkommt. Beethoven sagt zu Goethe: "Bleibt nur an meinem Arm hängen, sie müssen uns Platz machen, wir nicht." Dem Dichter jedoch wird es zu peinlich, er stellt sich allein, mit gezogenem Hut, am Wegrand auf und verbeugt sich, während der republikanisch gesinnte Komponist mit hinter dem Rücken verschränkten Armen mitten durch den Troß der Adligen hindurchschreitet, nur einmal soll er kurz den Hut gerückt haben. Sagt so eine Szene nicht deutlicher und sinnfälliger als manche Erörterung, wo Goethe stand (buchstäblich)? 
Und was hinderte die Autorin, einen so aufregend zeitgemäßen Text wie das - zugegeben: kaum bekannte - "Münzgutachten" Goethes von 1793 (das übrigens hier nachzulesen ist) wenigstens zu erwähnen?
Aus Gründen dieser Art ist dieses Goethe-Porträt ein gutes und solides Buch geworden, aber kein sehr gutes, kein begeisterndes. Dankbar vermerkt die Rezensentin, daß Verlag und Autorin nicht in die Falle feiler Klassik-Runterputzer gegangen sind, aber das zwingt noch lange nicht dazu, sich mit geschlossenen Augen der Denkmalpflege in die Arme zu werfen.

Anna Simon

Anja Höfer
Johann Wolfgang von Goethe
dtv portrait 31015, München 1999
12,5 x 19 Zentimeter, 159 Seiten
DM 14,90, öS 109, sFr 14,--

Essays     Leseproben    Interview Net-Ticker     TextBilder Rubriken     Archiv